Interpalazzo

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Text: Katharina Horstmann


Zuerst gab es „Dornbracht Bathmodules“, dann The Farm Project"  und nun „Revolving Realities“. Dornbracht präsentiert sich seit 2001 mit seiner künstlerischen Reihe „Dornbracht Edges“, kuratiert von Artdirektor Mike Meiré, als ein Unternehmen mit kulturellem Anspruch. Waren die zur Kölner Möbelmesse „imm cologne 2001" gezeigten „Bathmodules“ noch die Zukunftsvisionen des Bades von renommierten Architekten und Designern, ist das aktuelle Projekt „Revolving Realities“ doch ganz anders. Anlässlich der diesjährigen „imm“ schufen die Medienkünstler des Kollektivs Interpalazzo in Kooperation mit dem Komponisten Marcus Schmickler eine sogenannte „autoreaktive Installation“ im überdachten Innenhof der Factory von Meiré und Meiré in Köln-Ehrenfeld. Ausgangspunkt war ein monumentales Modell der Armaturenserie „Supernova“, auf das unterschiedliche Bilder projiziert wurden. Erweitert wurde die Installation durch aufleuchtende, über den gesamten Hof gespannte Schnüre und durch den Raum wandernde Hörfelder. Eine effektvolle Verbindung von Design mit Medienkunst und Architektur, wie wir fanden. Wir trafen das Interpalazzo-Mitglied Carsten Goertz in Köln, um mit ihm über die Digitalisierung von Räumen, wandelbare Gestaltungsmöglichkeiten 500 Meter langer Leuchtkabel und kältedämmende Pizzakartons zu sprechen.
 
 
Herr Goertz, während der Kölner Möbelmesse „imm 2010“ haben Sie gemeinsam mit Martin Hesselmeier, Andreas Muxel und Marcus Schmickler die autoreaktive Installation „Revolving Realities“ für Dornbracht inszeniert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
 
Mike Meiré war auf eine Lichtschnurinstallation von Andreas Muxel und Martin Hesselmeier aufmerksam geworden und hat beide gefragt, ob sie sich vorstellen könnten, etwas für die Reihe „Dornbracht Edges“ zu machen. Er erwähnte die Präsentationsarchitektur, die für die Armaturenserie „Supernova“ gestaltet worden ist, und schlug vor, sie als Rohling oder Skulptur auch in das Projekt einzubeziehen. Das war aber kein Muss. Ziemlich schnell war auch der Gedanke da, mit Projektionen zu arbeiten. Mike Meiré hat das Thema „Virtualität – Digitaler Raum“ ins Spiel gebracht. Martin und Andreas kennen mich von der Kunsthochschule für Medien und wussten, dass ich viel mit Projektionen arbeite. Ich wiederum habe in den letzten Jahren einige Projekte zusammen mit Marcus Schmickler gemacht und so hat sich unsere Gruppe gefunden.
 
Wie hängen die verschiedenen Medien zusammen? Sound, Schnüre, …
 
Das ist vielleicht am Besten über den Prozess nachzuvollziehen. Am Anfang fragten wir uns: Was interessiert jeden Einzelnen? Was können wir uns in diesem Rahmen vorstellen? Im Prinzip ist das Projekt auf allen Ebenen, also sowohl die Lichtschnüre wie auch die Projektionen und der Sound, architektonisch angelegt.
 
Also an die Präsentationsarchitektur der Armaturenserie „Supernova“?
 
Man kann sich diesen Körper anschauen und sich überlegen, wie er gebaut ist. Obwohl er eine polygonale, schräge Ästhetik hat, folgt er relativ simplen geometrischen Prinzipien. Die Linienführung oder Flächenaufteilung ist relativ einfach, und es gibt klare Verhältnismäßigkeiten. Wir haben uns dann mit verschiedenen Fragen auseinandergesetzt, zum Beispiel was eine musikalische Entsprechung von einem Phänomen wie einem Punkt, einer Linie oder einer Fläche, einem Volumen oder von einer Wolke in Sound wäre. Markus Schmickler hat dann mit Punktereignissen im Klang, sprich Impulsen, gearbeitet, die auf eine bestimmte Art und Weise arrangiert werden. Außerdem gibt es Phänomene, die eher etwas mit der Wahrnehmung zu tun haben. Wenn man ganz viele kurze Klangereignisse, Knacksen sozusagen, sehr schnell aneinanderreiht, entsteht durch ein durchgehender Ton. Das ist wie beim Auge: Das Auge arbeitet ja mit der Trägheit der Wahrnehmung. 25 Bilder pro Sekunde ergeben eine flüssige Bewegung. Wenn man mehrere Linien schichtet, erhält man eine Art Fläche, und wenn man die Linien komplex anordnet, entstehen Volumen. Diese formalen Archetypen wie Punkt, Linie, Fläche und Wolke lassen sich auch in den anderen Medien wieder finden und koalieren miteinander.
 
Wie kommen denn die Lichtschnüre ins Spiel?
 
Es geht immer um die Grenzen der Wahrnehmung – und auch um die Möglichkeiten der einzelnen Medien, wie zum Beispiel die Schnüre. An sich ist ja nur ein Faden durch den Raum gespannt. Es ist eine Linie, die da hängt und statisch ist. Durch die zehn Lichtkreisläufe – also die zehn verschiedenen Leuchtschnüre, die durch den ganzen Raum gehen – kann man eine Bewegung erzeugen. Man schaltet sie in einem bestimmten Muster durch, zum Beispiel mit einem Impuls, der dann von Schnur zu Schnur wandert. Oder durch die Audiokanäle, das ist der simpelste Modus, man hat zehn Klangkanäle und zehn Lichtschnüre. Natürlich kann man diese relativ einfach eins zu eins „mappen“: Jede Schnur bekommt einen Lautsprecher zugewiesen und jedes Mal, wenn dort ein Signal anliegt, dann wird das in eine Helligkeit in der Schnur übersetzt. Das waren übrigens die ersten Bausteine, die wir am Anfang hergestellt und weiterentwickelt haben.
 
Haben die Schnüre Lichtimpulse – oder ist das auch wieder eine Täuschung der Wahrnehmung?

 
Die Schnüre haben an jedem Punkt die gleiche Helligkeit. Es gibt keinen Lichtimpuls, der auf der einen Seite heller ist als auf der anderen. Und obwohl sie über einen relativ großen Raum verspannt sind – teilweise sind es 60 Meter lange Strecken, die sich komplett durch die bestehende Architektur winden, sprich eine sehr große Tiefe abbilden – kann man gar nicht richtig identifizieren, wo die Schnur ist. Ob sie weit entfernt ist oder näher an einem dran. Selbst die Schnur, die ganz hinten ist, hat für das Auge scheinbar die gleiche Helligkeit. Was man sieht, ist eine sehr geometrische Linienkonstruktion im Raum, wie ein Vektor.
 
Und deswegen erscheint die dreidimensionale Struktur zweidimensional…

 
Ja, es wirkt alles wie auf einer Ebene. In der Projektion hat man das umgekehrte Phänomen. Man hat nach wie vor ein zweidimensionales Medium in der Abbildung, aber auf einem dreidimensionalen Körper, also der Skulptur. Die Projektion wird auf das Objekt geworfen und bekommt dadurch ein Volumen. Denn wenn ein Projektorbild auf die Wand geworfen wird, ist es zweidimensional. Das Kino ist ja ein virtueller dreidimensionaler Raum, der auf eine Fläche gestampft wird. Wir haben wiederum eine zweidimensionale Projektion, die auf einen dreidimensionalen Körper geworfen wird und dadurch Volumen gewinnt. Es ist also genau umgekehrt wie bei den Schnüren. Wir fanden es sehr spannend, mit diesen Entgrenzungen, von dem was die Medien eigentlich sind und wie sie erscheinen, zu arbeiten.
 
Mit was für Bildern werden denn die Oberflächen der Skulptur bespielt?

 
Was in der Projektion passiert, ist sehr reduziert. Ich projiziere die Skulptur noch einmal auf die Skulptur, genauer gesagt ihr 3D-Modell. Das nennt man Projektions-Mapping. Man nimmt einfach die vier Punkte von dem rechteckigen Bild und passt sie so an, dass sie auf der Projektionsfläche sitzen. Aber bei einem dreidimensionalen Körper ist das natürlich ungleich schwieriger. Man hat eine Verzerrung in der Tiefe, eine Perspektive, eine Linse und so weiter.
 
Wie kann man sich Ihren Arbeitsprozess vorstellen?
 
Es ist technisch durch das „Projektionsmapping“ ein sehr aufwändiges Projekt. Wir haben dafür eigens eine Software programmiert, um das zu realisieren. Die Videoprojektionen werden in Echtzeit hergestellt, sprich es gibt immer zufällige Varianzen. Wir haben 35 verschiedene Teile, in denen sich jeweils Sound, Schnüre und Projektionen zueinander anders verhalten, die aber in sich choreografiert und ein Gesamtmaterial von 90 Minuten ergeben. Nach jedem Durchlauf werden sie neu zusammengesetzt – in der Dramaturgie als auch in der Automation. Ein Problem waren die extrem harten Temperaturen Anfang Februar; Kälte ist für Videoprojektoren im Außenraum auch nicht das Beste. Deswegen haben wir für die Beamer extra Thermoliefer-Pizzakartons als Gehäuse umfunktioniert.
 
Am Ende scheint aber alles gut funktioniert zu haben…

 
Ja, wir waren schon in einer sehr privilegierten Situation. Wir haben im Atelier ein 1:5-Modell von der Supernova-Skulptur gehabt, auf das ich mit drei Beamern projizieren konnte, um einen Monat lang zu testen, ob das überhaupt technisch funktioniert. Es gab auch ein 1:20-Modell von dem kompletten Hof, um die gesamten Linien als Schnüre zu simulieren, verschiedene Perspektiven zu sehen und um überhaupt zu verstehen, was 500 Meter Leuchtkabel in einem Raum von ungefähr 600 Quadratmetern bedeuten können. Wenn wir etwas brauchten, zum Beispiel einen relativ schnellen Rechner, dann wurde es prompt geliefert. Eine sehr luxuriöse Situation. Es ist einfach toll, wenn man in einen Atelierraum kommt, und da steht schon das Modell und die drei Beamer und der Rechner. Es hieß dann nur: Leg los, und mach deine Arbeit! Man musste sich um nichts kümmern. Und dann auch nicht genötigt zu werden, bestimmte Vorgaben einzuarbeiten, sei es auch nur inhaltlich.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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