Jasper Morrison

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Text: Norman Kietzmann, 02.04.2009


Jasper Morrison hält sich nicht auf mit unnötigen Dingen. Geboren 1959 in London studiert er an der Kingston Polytechnic Design School sowie dem Royal College of Art in London Industrie-Design. Nach einem Stipendium an der Berliner HdK 1984 macht er im darauf folgenden Jahr seinen Master und gründet 1986 schließlich sein eigenes Büro in London. Der Kontakt zu Berlin bleibt auch weiterhin bestehen, wo er 1988 in der DAAD Galerie seine berühmte Installation „some new items for the house, part I“ präsentiert. Tragen erste Entwürfe wie sein „Thinking man‘s chair“ (1986) für Cappellini noch deutlich postmoderne Züge, erfindet sich Morrison mit dieser minimalistischen Rauminstallation, in der alle Möbel, die Wände sowie der Fußboden aus Sperrholz gefertigt sind, auf entscheidende Weise neu. In Vitra-Chef Rolf Fehlbaum, der die Installation in einer Zeitschrift sieht, findet er einen weiteren Unterstützer, der zahlreiche seiner Entwürfe editiert. Es folgen weitere Arbeiten für Unternehmen wie FSB, Alessi, Magis sowie dem Transportunternehmen Üstra, für das er 1997 eine neue Straßenbahn für Hannover entwickelt. 2006 stellt Jasper Morrison zusammen mit Naoto Fukasawa das Designmanifest „Super Normal“ vor und kuratiert dazu eine gleichnamige Ausstellung. Ihr gemeinsamer Ansatz: Die Qualität von Design solle sich weniger durch ihre Form als vielmehr durch den Gebrauch vermitteln. In seiner aktuellen Ausstellung „Take a seat“, die Anfang März 2009 im Pariser Musée des Arts Décoratifs eröffnet wurde, lädt er explizit zum Benutzen seiner Stühle ein, anstatt sie auf Sockeln oder in Vitrinen zu präsentieren. Wir trafen Jasper Morrison in Paris und sprachen mit ihm über den Sinn der Einfachheit, den Vorteil limitierte Editionen sowie seine Liebe zu Paris.


Herr Morrison, Ihre Entwürfe sind stets von einer verblüffenden Einfachheit. Was fasziniert Sie an der puristischen Form?


Für mich ist es eine Frage von Instinkt. Ich kann Design auf keine andere Weise machen. Ein Projekt wäre für mich nicht beendet, wenn es überkompliziert wäre. Für mich kommt diese Haltung aus der Beobachtung anderer Gegenstände heraus, von denen ich denke, dass sie gut sind. Für mich ist es ein ganz natürliches Ziel, die Dinge zu vereinfachen. Und es sollte sicher auch das Ziel des Designs sein. Denn komplizierte Dinge sind nicht wirklich für den täglichen Gebrauch gemacht.

Einfachheit ist auch eines der entscheidenden Kriterien des „Universal Designs“, Produkte Generationen übergreifend verständlich und nutzbar zu machen. Inwieweit spielt dieser Aspekt auch bei Ihnen eine Rolle?

Eine große sogar. Denn man sollte nicht darüber nachdenken müssen, wie man eine Türklinke benutzt. Wenn man es dennoch tun muss, hat die Person, die sie entworfen hat, versagt. Ich denke, dass ein universeller Anspruch das Ziel des Designs sein sollte. Die Dinge sollten ihren Zweck und ihre Funktion auf ganz natürliche Weise kommunizieren. Dabei braucht es kaum mehr als den gesunden Menschenverstand. Als Designer muss man sich vorstellen, wie die Menschen Dinge gebrauchen und das Wissen nutzen, das sie über Abläufe und Funktionen bereits haben. Man kann auch die eigenen Erfahrungen nutzen, um diese Fragen zu beantworten. Wenn ich zum Beispiel einen schweren Wassertank anhebe: In welchem Winkel wirkt der Griff am Besten? Die einfachsten Lösungen sind hierbei oft die Besten. Ich denke, Design sollte immer intuitiv sein. Man sollte seine bisherigen Erfahrungen gebrauchen können, um herauszufinden, wie etwas funktioniert, ohne in einem Handbuch nachschlagen zu müssen. Das „iPhone“ zum Beispiel kommt ohne eine Gebrauchsanweisung aus. Man beginnt es einfach zu benutzen. Das sollte zu einem neuen Standard werden. Es sollte keine Gebrauchsanweisungen mehr geben.

Der Anspruch eines Universal Designs spielt nicht zuletzt auch bei der Gestaltung öffentlicher Verkehrsmittel eine Rolle. Sie selbst haben 1997 zusammen mit Üstra die neue Straßenbahn für Hannover entwickelt. Wie war es ein Projekt in dieser Größenordnung umzusetzen?

Ich denke, dass dieses Projekt für mich ein neuer Schritt war. Denn zu diesem Zeitpunkt war ich ein wenig darin gefangen, für Unternehmen in Italien zu arbeiten, bei denen es vor allem um Stil und Luxus ging. Ein Projekt wie eine Straßenbahn ist dagegen so praktisch und real, weil sie tagtäglich von mehreren hunderttausend Menschen genutzt wird. Zudem muss sie für einen langen Zeitraum von mindestens 30 Jahren funktionieren. Auch war der Umfang sehr komplex, da wir den gesamten Zug entworfen haben, von der Form der Sitze über die Griffe bis hin zur äußeren Hülle. Insgesamt alle sichtbaren Elemente der Straßenbahn. Nur Elektronik, der Antrieb oder die Belüftung kamen nicht von uns. Der Kontrast zu all den modischen Dingen war sehr erholsam für mich. Es hat mich ein Stück weit auch gerettet und mir eine komplett neue Sichtweise gegeben, über Design nachzudenken. Meine Entwürfe sind heute weit weniger visuell oder kulthaft wie noch der „Thinking man‘s chair“. Ich bin heute mehr daran interessiert, einen guten Stuhl zu entwerfen als etwas betont „Besonderes“. Natürlich kann man den visuellen Aspekt nicht ignorieren, aber ich versuche zumindest, ihn nicht an vorderster Stelle zu setzen.

Vor allem die Materialität und Haptik spielen bei Ihren Entwürfen eine entscheidende Rolle. So haben Sie als erster Designer Kork für die Gestaltung von Möbeln eingesetzt. Wie sind Sie mit diesem Material in Berührung bekommen?

Ich bin in Südspanien durch einen Wald von Korkeichen gefahren. Dort habe ich gesehen, wie sie aus den Rinden der Bäume Kork hergestellen. Das hat mich daran erinnert, was für ein wunderbares Material es ist. Ich habe dann zwei, drei Jahre nach dem richtigen Kork gesucht, den ich für die Hocker der Kork Familie verwenden konnte. Es sind im Grunde weiterverarbeitete Korken von Weinflaschen. Wenn man genau hinschaut, erkennt man auch den runden Querschnitt der Korken noch. Ich finde das sehr schön. Als ich Kork für mich entdeckt habe, wollte ich es für so viele Objekte wie möglich einsetzen. Das Überraschende an ihm ist, dass es auch im Wasser schwimmt. Dabei ist sein Gewicht dem des Wassers sehr nah. 

Der „Cork-Chair“, den Sie 2007 für Vitra entworfen haben, wurde als limitierte, hochpreisige  Edition veröffentlicht. Wie stehen Sie zum gegenwärtigen Phänomen des limitierten Designs? Ist es nicht ein Widerspruch zur eigentlichen Aufgabe eines Industriedesigners, Entwürfe für die Serie zu produzieren?

Ich habe das auch für lange Zeit abgelehnt. Aber ich habe mich dann doch dazu entschlossen, diese Haltung ein Stück weit aufzugeben, weil sie mir sehr viele neue Möglichkeiten für meine Arbeit eröffnet hat. Eine größere Art von Freiheit und ein Stück weit auch ein Loslassen von den Einschränkungen, die es automatisch immer gibt, wenn man mit Produzenten auf konventionelle Weise zusammenarbeitet. Ein wesentlicher Aspekt sind natürlich immer die Kosten. Bei limitierten Editionen kann man vollkommen frei diejenigen Materialien verwenden, die man möchte. Das ist eine sehr schöne, wenn auch sehr luxuriöse Erleichterung der Arbeit, die Dinge in einer Qualität herzustellen, die bei Entwürfen für die Serie nicht finanzierbar wäre. Das hat mich auch auf anderer Ebene befreit – und etwas offener in meiner Designhaltung gemacht. Auch wenn es zunächst wie etwas „Böses“ erscheint, hat es doch auch etwas Gutes. Dennoch sollte man nicht zu viel Zeit mit limitierten Editionen verbringen. Wir haben den „Cork Chair“ deswegen nun auch als „Monopod“ in einer deutlich günstigeren Version herausgebracht. Die Form ist dieselbe, allerdings haben wir anstatt Kork einen Bezug aus Leder verwendet. 

Vor allem Ihre Stühle werden immer wieder von anderen Herstellern imitiert. Auch bei Ikea finden sich Produkte, die Ihren Entwürfen erstaunlich ähneln. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung: Fühlen Sie sich geschmeichelt oder sind Sie eher verärgert?

Das ärgert mich natürlich schon. Einmal hat mich Ikea auch gefragt, ob ich für sie einen Entwurf machen würde. Aber ich habe es abgelehnt, da sie keine Tantiemen bezahlen wollten. Sie wollten einfach nur ein Design – und danach sieht man sich nie wieder. Ich finde das ziemlich ungerecht. Denn das Tantiemen-Prinzip ist im Grunde sehr fair für die Designer. Wenn ein Produkt ein Erfolg wird, ist man daran beteiligt. Fällt es durch, geht man ebenfalls leer aus. Die Verbindung zum Unternehmen ist auf diese Weise auch viel enger, da man im gleichen Boot sitzt. Für einen Entwurf ausgezahlt zu werden, lohnt sich nur, wenn der Entwurf schlecht war. Aber das sollte ohnehin nicht Ziel eines Designers sein. Natürlich kann man vorher nie genau wissen, ob ein Produkt erfolgreich sein wird. Aber man sollte es versuchen.

Im Pariser Musée des Arts Décoratifs haben Sie soeben die Ausstellung „Take a Seat“ eröffnet. Warum zeigen Sie ausschließlich Stühle und keine anderen Objekte?

Ich hatte lange darüber nachgedacht, was ich in dieser Ausstellung zeigen wollte. In meinem Büro standen damals die Prototypen von vier Stühlen nebeneinander entlang der Wand. Ich fand, dass es interessant sein könnte, die Unterschiede zwischen den Stühlen auf diese Weise deutlich zu machen. Auch wollte ich keine Ausstellung machen, die rein visuell ist. Denn in den meisten Museen wird Design nur auf dieser Ebene vermittelt. So entstand die Idee, mehrere verschiedene Stühle nebeneinander auf den Boden zu stellen. Ich wollte etwas Interaktiveres machen, bei dem die Besucher die Produkte auch ausprobieren dürfen.

Gerade im Gebrauch liegt auch der Unterschied zwischen Kunst und Design. Sollte Design nicht immer auf diese Weise präsentiert werden?

Es ist natürlich viel leichter, die Stühle gut aussehen zu lassen, wenn man sie auf einen weißen Sockel hebt und einen Scheinwerfer auf sie richtet. Die Stühle wie in meiner Ausstellung einfach auf den Boden zu stellen, reduziert sie auf das, was sie sind: Stühle. Ich empfinde dies als einen sehr ehrlichen Zugang. Warum also nicht Design auf diese Weise denken? Ich wollte keine von diesen Designer-Installationen – und die Stühle von der Decke herabhängen lassen oder irgendwelche Filme einspielen. Ich wollte sie als das zeigen, das man in Frankreich „Metier“, also Beruf, nennt. Mein Beruf besteht darin, Stühle zu entwerfen. Also wollte ich die Stühle auf diese Weise zeigen. Ohne Überhöhung. Ich denke, dass Design wäre viel besser, wenn die Menschen in diese Richtung denken würden – anstatt es mit Glamour aufzuladen und als Vehikel zu benutzen, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Gutes Design ist viel komplexer als nur visuell.

Neben Ihrem Büro in London haben Sie auch ein Studio in Paris eröffnet. Wie kam es dazu?

Ich flog gerade von Mailand zurück nach London und schaute aus dem Fenster, als wir direkt über Paris waren. Die Stadt war für mich in diesem Moment so naheliegend. Ich war so genervt vom Flughafen Heathrow und der ewigen Zeitumstellung. Auch aus meiner politischen Perspektive kam es mir vor, als sei England näher an den USA als an Europa. Ich wollte mich aber europäischer fühlen. Ein anderer Grund ist der, dass ich nicht sehr gut darin bin, für lange Zeit an demselben Ort zu bleiben. Ich langweile mich sehr schnell. Ich brauche immer ein gewisses Level an visueller Stimulation. Darum wollte ich andere Dinge sehen.

In welcher Stadt sind Sie lieber: in Paris oder in London?

Wenn ich mich entscheiden müsste: in Paris. London hat zwar auch seine Qualitäten. Aber es ist eine reine Arbeitsstadt, in der alle nur verrückt danach sind, so schnell wie möglich zur Arbeit zu kommen und sich dabei fast umbringen. Es ist wie bei einem Autorennen. Paris ist viel entspannter als London. In Paris kann man auch mal ausschlafen, und keiner schaut einen deswegen schief an.

Vielen Dank für das Gespräch.



Jasper Morrison „Take A Seat!“
Musée des Arts Décoratifs
107 rue de Rivoli, 75001 Paris
noch bis zum 24. Mai 2009


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