Jehs+Laub

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Text: Jeanette Kunsmann, 13.12.2018

Designer: Jehs+Laub, Partner: Brunner

Markus Jehs und Jürgen Laub kennen sich schon seit Studienzeiten, sind ein unschlagbares Team und teilen sich bis heute einen Schreibtisch. 1994 haben sie ihr gemeinsames Studio in Stuttgart gegründet. Und auf welchen Stühlen sitzen die beiden Stuhlexperten? Immer auf verschiedenen, weil sie ihre Entwürfe selbst lange Zeit testen – man muss schließlich auch mal lümmeln.

Sie setzen sich beide schon seit vielen Jahren mit der Büro- und Arbeitswelt auseinander. Welche Erkenntnisse haben Sie von der diesjährigen Orgatec mit zurück nach Stuttgart genommen? Markus Jehs: Es entwickelt sich schon seit ein paar Jahren alles in Richtung Wohnzimmer – die Orgatec ähnelt also mehr und mehr den Wohnmöbelmessen. Was aber an sich eine uralte Feststellung ist. „The office is the daytime living room”, hat George Nelson schon in den Fünfzigerjahren gesagt. 

Jürgen Laub: Wir hatten dieses Mal auch den Eindruck, dass alles immer dichter wird, die Qualität der Produkte immer besser und die Abstände der Hersteller untereinander immer geringer werden.

Können Sie das genauer erklären? Markus Jehs: Noch vor zehn Jahren gab es nur ein paar wenige Hersteller, die Produktqualität und das Design betreffend besonders weit vorne lagen. Das mittlere Segment zieht nun schon länger ordentlich nach. Das liegt auch daran, dass fast alle die gleichen Lieferanten haben. Es geht sogar noch weiter. Heute kann selbst ein Hersteller, der sich mit Drehstühlen eigentlich gar nicht speziell auskennt, den entsprechenden Lieferanten bitten, eine entsprechende Technik zu entwickeln: Alles ist für jeden möglich!

Empfinden Sie als Produktdesigner diese Entwicklung denn positiv – oder haben Sie Bedenken, wohin eine solche Streuung führen wird? Jürgen Laub: Nun, es war für uns Designer bisher schon einfacher zu sagen, welche Firma welchen Schwerpunkt hat. Heute will jeder alles haben. Deswegen wird man nun auch eher mal von Herstellern für etwas beauftragt, die gar nicht den Schwerpunkt für dieses Produkt haben. Das bedeutet für uns mehr Arbeit, vor allem in der Vorleistung, weil wir unser ganzes Wissen und unsere langjährige Erfahrung mitbringen.

Markus Jehs: Es geht in beide Richtungen: Wer früher komplexere Möbel hergestellt hat, will nun auch einfache Objekte wie Hocker produzieren. Gleichzeitig kann ein kleineres Unternehmen heute durchaus einen Bürodrehstuhl herstellen, der womöglich genauso gut ist, wie ein Drehstuhl von einem Drehstuhlhersteller. Und so kommt es, dass man 2018 auf jedem Messestand eine große umfassende Produktwelt erleben kann. Ob das am Ende gut oder schlecht ist, wird sich erst noch zeigen.

Es stimmt, man kann immer mehr Parallelen zwischen den verschiedenen Hersteller ziehen, die sich alle immer weniger voneinander abgrenzen. Umgekehrt gefragt: Wie würden Sie denn den Schwerpunkt von Jehs+Laub beschreiben? Ihr Studio steht ja auch für eine bestimme Haltung. Markus Jehs: Wenn wir mit Herstellern arbeiten, sind das für uns immer Partnerschaften auf Augenhöhe. Im ersten Schritt schauen wir, was das eigentlich für eine Firma ist: Welche Wurzeln hat sie? Was ist die gegenwärtige Position im Markt und wie könnte die zukünftige aussehen? Das diskutieren wir dann mit den Eigentümern. Außerdem sehen wir uns immer die Gesamtheit des Portfolios genau an und entwerfen nur Neuheiten, die bisherige Produkte der Firma nicht kannibalisieren.

A-Chair: Nahtloser Übergang zwischen Gestell und Schale.

Sie haben unglaublich viele Sitzmöbel und andere Produkte für Brunner entwickelt. Erinnern Sie sich, wie die Zusammenarbeit und das erste Produkt, der A-Chair, zustande gekommen ist? Markus Jehs: Ganz so lange arbeiten wir mit Brunner noch gar nicht zusammen. Aber die Geschwindigkeit mit der wir zusammen mit Brunner Produkte entwickeln, ist schon enorm. Vieles läuft parallel.

Jürgen Laub: 2010 kam Marc Brunner auf uns zu und hat uns gefragt, was wir denn gerne für ihn entwerfen möchten. Wir haben ihn zurück gefragt, was er denn am besten kann. Weil Brunner Marktführer für Saalbestuhlung ist, wollten wir genau in diesem Bereich arbeiten. Dabei hat uns Marc Brunner freie Hand gelassen – wir sollten uns etwas ausdenken: Das war der A Chair.

Manche Designer betonen ja immer wieder gerne, dass sie vor allem Grenzen brauchen, um eine Lösung genau auf ein Problem hinzuentwickeln. Wenn alles frei ist, wird das auch zu einer Herausforderung. Wie ist es denn für Sie, eine Carte Blanche zu erhalten? Jürgen Laub: Dass ist manchmal gar nicht so einfach, da gebe ich Ihnen Recht. Aber in diesem Fall war es einfach: Wir hatten eine Skizze und eine Vorstellung. Gefühlt hat es uns keinen ganzen Tag gekostet, das Konzept vom A Chair zu visualisieren. Die Ausarbeitung für die Präsentation hat natürlich mehr Zeit beansprucht. Diese fand kurz vor Weihnachten statt – daran erinnern wir uns noch gut.

Markus Jehs: Die erste Visualisierung hat sofort die komplette Idee erklärt. Das ist uns auch immer das Liebste: Wenn wir nur ein einziges erstes Bild an die Wand werfen, und gar nichts mehr erklären müssen. Das Potenzial wird sofort erkannt, die Idee auf einen Blick verstanden. Und diese Idee muss sich dann in der gesamten Phase der Produktentwicklung wie ein roter Faden durchziehen und wir müssen dabei genau aufpassen, dass sie nicht verloren geht! Wir Designer verstehen uns dann als Hüter der Idee: Am Ende soll jeder in dem Produkt sehen, was wir am Anfang gedacht haben.

Weil Sie selbst gerade die Geschwindigkeit angesprochen haben: Ist das immer so bei Ihnen, dass Sie relativ schnell relativ klare Bilder im Kopf haben und diese dann umsetzen? Jürgen Laub: Ich denke schon, dass wir sehr schnell sind…

Markus Jehs: Aber ein Entwurf braucht bei uns nicht immer nur einen Tag oder ein paar Stunden – er kann auch mal zwei Wochen dauern.

Jürgen Laub: Außerdem war der A Chair im weiteren Verlauf auch extrem anspruchsvoll. Wir hatten zwischenzeitlich die Idee, den Stuhl in zwei Elemente zu teilen: Schale und Gestell. Und sowohl Gestell als auch die Schale wollten wir aus jeweils zwei verschiedenen Materialien produzieren, so dass sich am Ende vier verschiedene Kombinationsmöglichkeiten ergeben hätten. Dann hat sich herausgestellt, dass wir uns dafür mit vier verschiedenen Lieferanten, von denen jedes nur sein Material versteht und kein anderes, unterhalten müssen. Es war ein sagenhaft aufwendiges Projekt.

Findet sich denn so etwas wie ein Familienmerkmal bei ihren Produkten für Brunner? Jürgen Laub: Der rote Faden sind natürlich wir. Ich würde nicht sagen, dass wir jedem Produkt ein bestimmtes wiederkehrendes Merkmal mitgeben, das sofort auf die Verwandtschaft verweist. Aber wir haben eine bestimmte, immer gleiche Vorgehensweise, die einer gewissen Logik folgt. Uns ist immer sehr wichtig, dass ein Produkt eine Ästhetik hat, und es existiert daneben auch eine Grammatik, die wir jedem Produkt mitgeben. Die Dinge ähneln sich am Ende in den Details.

Markus Jehs: Die Haltung, die wir haben, wenn wir im Konsens nach Lösungen suchen, findet man in unseren Produkten. Auch wenn man das nicht genau benennen kann – erkennbar ist es.

Das rollende Trennwandsystem Team von Jehs+Laub für Brunner

Haben Sie ein Beispiel? Jürgen Laub: Die Produktfamilie Team folgt dem Trend, dass wir heute alle wie Start-up’s arbeiten: Wir diskutieren nur noch mit Post-it’s, die wir an Wände kleben. Dazu gibt es schöne Vorstellungen und studentische Entwürfe, denn da kommt dieser Gedanke ja irgendwie her. Zum Schluss sehen die Produkte der meisten Hersteller dann aber tatsächlich so aus, als wären es Studentenprodukte. Das hat uns sehr gestört, weil wir finden, dass kann man auch hochwertig machen. Nur weil eine Einrichtung Rollen hat, bedeutet es nicht, dass sie nicht auch exklusiv sein kann.

Wenn man sich auf die Metapher der Grammatik bezieht, haben die Produkte von Jehs+Laub alle gemeinsam, dass sie sich weiter deklinieren lassen? Markus Jehs: Wir begreifen unser Leben als Evolutionsprozess. Das heißt, wir gehen durch die Welt und lernen jeden Tag etwas dazu. Projekte und Aufgaben, die wir noch nicht kennen und noch nie etwas dazu gemacht haben, sind für uns aus dem Grund interessant, weil wir so unseren Erfahrungshorizont erweitern. Deswegen ist es für uns wichtig, dass ein Produkt immer noch besser werden kann und wir uns weiterentwickeln.

Was an die nächste Frage anknüpft: Wenn man sich zum Beispiel auf der Orgatec umschaut, stellt sich ein Nicht-Designer schnell die Frage, wie viele Stühle die Welt eigentlich noch braucht und ob es nicht den perfekten Bürostuhl gibt? Was sagen Sie? Markus Jehs: Den perfekten Stuhl wird es nie geben.

Jürgen Laub: Der perfekte Stuhl ist immer der nächste, an dem man arbeiten wird – also, in der Theorie.

Markus Jehs: Wenn er fertig ist, ist er schon nicht mehr der perfekte Stuhl. Man weiß ja, dass der nächste Stuhl noch besser wird.

Kann es nicht auch unglaublich demotivieren, wenn man weiß, dass man an etwas arbeitet, das schon bald nicht mehr relevant sein wird? Jürgen Laub: Es ist eher umgekehrt: Die Klassiker sind mit einem neuen Entwurf kaum zu besiegen. Es gibt nur eine große Chance, nämlich, wenn sich die Technologie verändert. Ein Kunststoffstuhl von den Eames war damals von der Form noch anders gedacht, weil es sich um einen festen, steifen Fiberglas-Stuhl handelte. Heute kann man einen Kunststoffstuhl anders gestalten: Er schwingt, federt und ist elastisch.

Markus Jehs: Deswegen gibt es eben doch eine Berechtigung für neue Kunststoffstühle – obwohl es vielleicht DEN Kunststoffstuhl seit 50 Jahren schon gibt. Das gleiche gilt auch für Polstermöbel. Auch hier ermöglichen heute neue Technologien bequemere Möbel. Das ist übrigens uns sehr, sehr wichtig, dass unsere Möbel bequem sind. Wenn ein Möbel unbequem ist, hätte man es gar nicht entwickeln müssen.

Jürgen Laub: Hinzu kommt noch, dass sich nicht nur Materialien und Technologien weiterentwickeln. Ebenso ändern sich auch die Anforderungen und ergonomischen Grundabmessungen des Menschen, der bekanntlich immer größer wird. Man spürt das bei Klassikern wie dem „Ei“ von Arne Jacobsen oder, ganz schlimm, dem Barcelona Chair: Kann man heute gar nicht drauf sitzen! Ich denke, auch Charles Eames oder Arne Jacobsen würden diese Stühle heute ganz anders entwickeln. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert und man wird eines Tages auch die Klassiker übertreffen. Also vielleicht in 100 Jahren…

Markus Jehs: Wir könnten ja in 100 Jahren noch mal sprechen und dann schauen, ob wir damit Recht hatten.  

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