Jörg Boner: Die Typologie-Frage

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Text: Norman Kietzmann

Partner: Cor

Jörg Boner gibt den leisen Dingen eine Stimme. Der Schweizer Designer absolvierte zunächst eine Schreinerlehre und studierte im Anschluss Produktdesign und Innenarchitektur an der Höheren Schule für Gestaltung in Basel. Vor allem Sitzmöbel und Leuchten haben es ihm angetan: erstere, weil sich selbst vertrauten Typologien noch weitere Facetten abringen lassen; letztere, weil sie vom technologischen Fortschritt getrieben werden und neue Freiräume öffnen. Wir sprachen mit Jörg Boner über Unbestimmtheit, Neugierde und Skulpturalität. 

Herr Boner, Sie haben für Cor die Möbelkollektion Nenou entworfen. Wie sind Sie an die Aufgabe herangegangen? Angefangen hat es mit einem Briefing für einen kleinen Sessel, der ganz bewusst ohne Armlehnen sein sollte. Es ging darum, formal möglichst einfach zu bleiben. Der Sessel sollte sich in bestehende Raumsituationen einreihen, statt sich völlig von ihnen abzuheben. 

Wie ist aus dem Sessel eine Kollektion geworden? Als ich den Sessel gezeichnet habe, dachte ich: Irgendwie alles gut, aber es ist auch eigenartig, so einen einzelnen Sessel zu machen. Aus einer Laune heraus habe ich einfach weiter skizziert. Dann kam die Idee mit den Objekten, die nicht mehr so klar zuordenbar waren. Aus den Poufs wurden größere Inseln und schließlich eine Bank. Diese Ideen habe ich zum ersten Treffen mitgebracht und gesagt: Ihr habt mich für einen Sessel angefragt. Aber ich zeige euch, was daraus entstanden ist. Das hat dann auf Anhieb gepasst. 

Die Möbel bewegen sich zwischen Büro- und Wohnwelten. Es fällt schwer, sie in die eine oder in andere Kategorie einzuordnen. Genau das hat mich daran interessiert: Dieses Unbestimmte, dieses von der Typologie nicht ganz Eindeutige. Dadurch sind sie natürlich viel freier. Man kann die Möbel interpretieren, wie man möchte und sie auch so benutzen. Sie sagen nicht, was sie sind. Sie sind einfach da. Für mich haben die Möbel etwas mit der gewachsenen Natur zu tun.

Kollektion Nenou von Jörg Boner für Cor. Foto: Cor 

Inwiefern? Der Außenraum ist ein interessantes Vorbild. Wenn man sich beispielsweise in den Bergen bewegt und einen Platz zum Hinsetzen sucht. Das können Baumstämme oder Steine sein – oder eine Mauer. Durch die Präsenz von Personen werden ein Ort und eine Situation kreiert. Es ist aber auch nicht schlimm, wenn diese Sitzgelegenheiten alleine stehen. Man hat nicht das Gefühl, dass die Personen fehlen. Man erwartet ja auch nicht, dass auf einer Mauer jemand sitzt. Wenn sie leer ist, ist sie einfach nur eine Mauer. 

Wo sehen Sie die Möbel eher: im Objekt- oder im Wohnbereich? Wir haben die Möbel für den Objektbereich entworfen. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich es wunderbar, wenn sie auch im Wohnbereich zum Einsatz kommen würden. Was mich immer wieder umtreibt, ist die Typologie-Frage. Wir haben heute alle Sofas zuhause. Aber man könnte mit zwei, drei Sesseln und ein paar Inseln auch eine Sitzsituation in der Wohnung schaffen. Die Möbel würden nicht fest an einem Ort stehen, sondern frei beweglich sein.

Sie meinen: die Sofalandschaft als eine Art Choreografie? Ja, sie betonen das Mobile des Möbels. Sie sind das genaue Gegenteil von einem Sofa, das einmal in die Ecke gesetzt wird und dann für immer dort stehenbleibt. Es ist spannend, diese Situation aufzulösen und dabei auch die Typologien selbst zu hinterfragen. Die Möbel aus der Nenou-Kollektion haben keinen fest zugewiesenen Ort, keine fest zugewiesene Funktion. Den Pouf kann man als Tisch gebrauchen. Die Bank eignet sich sehr gut zum Hinlegen. Es ist wahrscheinlich die schmalste Liege der Welt – perfekt für ein Nickerchen nach dem Mittagessen. Die Möblierung der Wohnräume könnte damit viel fließender werden und sich verändern, je nachdem ob man nur zu zweit zuhause ist oder vielleicht fünfzehn Freunde zu Besuch kommen. 

Beschreiben Sie bitte die Geometrie. Die Kurven sind leicht gezogen. Keines dieser Möbel ist kreisrund. Das gibt ihnen einerseits eine Richtung. Andererseits erhält die Form eine höhere Komplexität, als wenn sie nur auf Kreisen basieren würde. Diese Kurve, die sich vom Kreisrunden distanziert und ablöst, macht wahnsinnig viel aus. 

Ein wesentliches Merkmal ist die mittige Faltung von Sitzfläche und Rücken. Was hat es damit auf sich? Mit dieser Faltung kann das Polstermöbel relativ gerade bleiben und trotzdem recht bequem sein. Die ursprüngliche Idee dazu entstand für die Rückenlehne des Sessels. Von dort ist sie zunächst auf die Sitzfläche und dann auf die Inselelemente abgewandelt worden. Die Faltung gibt den Möbeln einen unverwechselbaren Charakter. Mir gefiel die Idee, den Fokus ganz auf das Formale zu legen: etwas Schönes, Skulpturales, ohne jedoch im Raum zu bestimmend zu sein. Es ging darum, die Grenze auszuloten: Was braucht es, damit es spannend wird und doch nicht so laut, dass es anderes verdrängt?

Kollektion Nenou von Jörg Boner für Cor. Foto: Cor 

Die Faltung legt die Vermutung nahe, dass die Formfindung von einem Papiermodell abgeleitet wurde. Stimmt das so? Gar nicht. Diese Kollektion ist tatsächlich nur als Zeichnung entstanden, in ganz vielen Varianten. Die Prototypen wurden dann direkt bei Cor realisiert, was sehr ungewöhnlich ist für mein Studio. Wir arbeiten ja sonst immer mit Papp-Modellen. Von den meisten Stuhlentwürfen gibt es acht bis zwölf Vorstufen, mit denen ich mich an die richtige Form annähere. Doch in diesem Falle ist es tatsächlich eine reine Zeichnungsgeschichte.

An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit noch? Wir sind an einem tollen Stuhlprojekt schon länger dran. Auch entwerfe ich gerade eine neue Straßenleuchte. Neue optische Möglichkeiten geben neue Formen. Und das heißt nicht, dass der Einsatz von LEDs automatisch nur zu flachen Leuchtkörpern führen muss. Bei der Straßenleuchte packt mich wieder die Typologie-Frage. Ich habe mir überlegt, wie ich die übliche Konstruktion aus Mast und Kopf auflösen und in eine andere Richtung bringen könnte. Muss es immer so sein, wie es war? Gerade im Außenlicht ist die Gestaltung total steckengeblieben. Das finde ich schade, denn man könnte hier sehr viel weiter gehen.

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