Johanna Grawunder

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Text: Katja Neumann, 20.01.2008

Die amerikanische Architektin Johanna Grawunder begann ihre Laufbahn als Designerin 1985 im Studio von Ettore Sottsass. Vier Jahre später wurde sie Partnerin bei Sottsass Associates. Neben ihren Architektur-Projekten setzte sie schon früh Schwerpunkte auf die Gestaltung von Licht und produzierte limitierte Auflagen für verschiedene Galerien in Europa und den USA. 2001 gründete Johanna Grawunder ihr eigenes Studio mit Niederlassungen in Mailand und San Francisco und arbeitet seither als Architektin, Interior- und Lichtdesignerin sowie für verschiedene, ausgewählte Hersteller wie Flos oder Boffi. Designlines traf Johanna Grawunder während der Kölner Möbelmesse 2008 in der Designer’s Gallery im Rahmen ihrer Ausstellung „I’m Bringing Sexy Back“ und sprach mit ihr über die Erotik von Möbeln, die Vorteile von Limited Edition Design und warum Architekten auch Lichtdesigner sein sollten.
Frau Grawunder, was hat es mit dem Titel „I’m Bringing Sexy Back“ auf sich? Ist er witzig gemeint oder provokativ oder beides?
Es ist witzig gemeint. Eigentlich ist es ein Song von Justin Timberlake - nicht gerade einer meiner liebsten muss ich zugeben. Im Design ist es oft so, dass die Menschen verschiedenen Richtungen folgen. Manchmal dienen Entwürfe als politischer Kommentar, sie sind anarchistisch oder nihilistisch. In dieser speziellen Kollektion fand ich es spannend, einfach mal etwas richtig Nettes zu machen, etwas Glamouröses, eben Stücke, die sexy sind. Die Leute mögen glänzende Dinge und sie mögen Licht. Es ist schwer, einen Titel zu erklären und eigentlich ist es ja Ihr Job, den Titel zu interpretieren. (lacht)
Sie haben extra zur Möbelmesse einige neue Objekte gemacht. Welche?
Zum einen diese Kommode, die man als Schminktisch benutzen kann. Ich habe sie „VuVanity“ genannt. Und zum anderen den Schrank „Switch“, eine Art Bar. Ich versuche immer, mit sehr wenig Material sehr große Dinge zu gestalten und sie mit interessanten Lichteffekten zu versehen. Bei VuVanity ist es zum Beispiel eine sehr einfache Oberfläche, dünnes MDF, die durch den Lichteinfall größer erscheint als sie ist.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Lichtfarben aus? Hat es einen bestimmten Grund, dass das Licht hier zum Beispiel Pink ist?
In diesem Fall mag ich die warmen Farben, weil diese Möbel möglicherweise im Schlafzimmer stehen oder im Boudoir – falls man ein Boudoir hat – und Pink ist eine sehr schmeichelhafte Farbe. Im oberen Bereich würde ich nicht unbedingt gelbes Licht einsetzen, das macht keine gute Gesichtsfarbe. Da dieses hier von unten kommt, entsteht ein wärmeres Licht. Seit wir mit dem Begriff „Sexy Furniture“ spielen, finden wir außerdem, dass Pink gut dazu passt.
Auffällig ist, dass die Leuchten der Ausstellung überwiegend aus Acrylglas und LEDs bestehen ...
Die Leuchten hier habe ich bereits vor einem Jahr gestaltet. Sie bestehen aus Acrylglas und sehr einfachen, günstigen LEDs, die energieeffizient sind und rund 50 Jahre halten. Wenn ich mit diesen Lichtquellen arbeite, versuche ich immer, das Licht menschlicher und wärmer zu gestalten. Deswegen verwende ich auch oft Acryl. Vielleicht sogar ein bisschen zu oft. (lacht)
Haben Sie bei der Verwendung von einem Material wie Acryl keine ökologischen Bedenken? Das ist ja unter Designern zurzeit ein großes Thema.
Für mich persönlich ist es wichtiger, etwas zu produzieren, das lange hält. Das ist besser, als Dinge nach zwei Jahren wegzuwerfen, weil sie von schlechter Qualität sind. Ich weiß, dass es auch diese Dinge geben muss, aber ich könnte keine Zehn-Dollar-Lampe gestalten, die sechs Monate hält und dann im Müll landet. Eigentlich wäre es besser, wenn wir weniger produzieren würden, diese Gegenstände aber bewahren und bestehen ließen. Zurzeit spricht jeder über Umwelt und Ökologie. In Europa macht man das schon eine ganze Weile, in den Staaten ist es ein relativ neues Phänomen. Aber auch hier ist es wie mit allen Dingen in den Staaten: wenn es ein neues Thema gibt, ist es überall und irgendwann sind die Leute davon gelangweilt und wollen etwas Neues, leider.
Ich denke, die Quelle der Nachhaltigkeit ist, ein Produkt von Anfang an so zu gestalten, dass es eine sehr lange Zeit hält. Acryl ist ein auf Petroleum basierendes Produkt und in diesem Sinne nicht besonders umweltfreundlich. Wenn man daraus aber kein Wegwerfprodukt macht, dann ist es genauso ökologisch wie Holz, weil es für immer hält. Nimm was du brauchst, um das zu tun was du tun möchtest und benutze so wenig Material wie möglich, um dies zu erreichen. Ich denke, das wäre eine deutlich differenziertere Diskussion.
Die Objekte sind ja sehr kunstvoll. Würden Sie sie eher als Kunst oder als Design bezeichnen?
Ja, das ist eine häufig gestellte Frage. Für mich ist es Limited Edition Design. Ein gedankliches Design, in dem Sinne, dass es über seinen eigentlichen Zweck hinaus geht. Es geht nicht nur darum, Licht zu gestalten, es ist das Experimentieren mit Materialien, das Bedürfnis, eine bestimmte Qualität zu erschaffen, es kann politische Ideen transportieren. Die Verbindung von Kunst und Design, sozusagen „Art-Design“, ist eher eine Erfindung der Messen. Bis vor ein paar Jahren kannte niemand den Begriff, aber es funktioniert.
Beim Design geht es in der Regel um die Gestaltung eines Serienprodukts. Was ist der Vorteil von kleinen Stückzahlen?
Der Vorteil von Limited Edition Design ist für mich, dass man Sachen machen kann, die nicht gleich ein paar Millionen Leute zu Gesicht bekommen. Ich muss nicht so viele Kompromisse machen bei der Konstruktion, der Produktion oder bei der Abstimmung auf den Markt. Wenn das Produkt eine Million Mal verkauft werden müsste, wäre es ein völlig anderes Ding. Es gäbe Diskussionen über die Dicke oder wie flexibel es ist und so weiter. Das ist sehr wichtig für die Hersteller. Für mich ist es jedoch nicht das, worin ich gut wäre und woran ich interessiert bin. Außerdem gibt mir Limited Edition Design die Möglichkeit, mehrere unterschiedliche Variationen eines Produktes zu gestalten, ohne mich für eine entscheiden zu müssen. Im Grunde sind es zwei Welten.
Auf wie viele Stücke sind Ihre beleuchteten Möbel denn limitiert?
Je nachdem, auf sechs, neun oder zwölf. Ich mag es, Dinge in kleineren Stückzahlen zu produzieren, schließlich will ich nicht, dass mich diese Objekte bis an mein Lebensende verfolgen. (lacht)
Was ist mit den Produkten, die Sie kommerziell gestaltet haben? Fühlen Sie sich davon verfolgt?
Diese Stücke, die ich vor Jahren gemacht habe, ohne begrenzte Stückzahl, sind für mich persönlich nicht so wichtig. Man kann diese Dinge nicht verfolgen, hat keine Kontrolle über die Produktion, es gibt verschiedene Farben, verschiedene Finishes. Bei kleinen Serien kontrollieren wir den Prozess und die Produktion sehr genau. Alles in dieser Ausstellung wurde in Italien hergestellt, von sehr guten Produzenten, die ich kenne, und so war es leicht, den Ablauf zu kontrollieren.
Wie sieht es mit den Projekten aus, die Sie während Ihrer Zeit als Partnerin bei Ettore Sottsass gemacht haben?
Ich war 16 Jahre Partner bei Sottsass Associates. Es war ein großes Studio und wenn man an größeren Projekten arbeiten will, braucht es das. Und so war es auch bei uns. Wir gewannen Wettbewerbe für den Bau großer Stadien, wir konnten in jedem Rahmen sehr gut arbeiten, da wir genug Ressourcen hatten. Aber es ist etwas völlig anderes als das, was ich jetzt mache. Vielleicht werde ich irgendwann wieder in einem größeren Studio arbeiten, doch nicht in Moment. Zurzeit will ich die Freiheit.
Die Objekte hier sind ja allesamt sehr schön, angenehm beleuchtet, man fühlt sich wohl. Das war nicht immer so. In den neunziger Jahren machten Sie auch durch eine Ausstellung auf sich aufmerksam, in der Sie das Licht negierten und dessen „brutale“ Seite zeigten ...
Ja, im Gegensatz zu meinen früheren Arbeiten, sind diese hier sehr „zivilisiert“, bunt, fröhlich. Aber damals, vor rund 12 Jahren, sprach niemand über Licht. Es war kein Thema, über das man sich Gedanken gemacht hätte. Niemals hätte es zum Beispiel beleuchtete Möbel gegeben. Deswegen dachten wir uns, das erste, was wir zu tun haben, ist die Diskussion über Licht zu eröffnen. Also machte ich eine Ausstellung zur Mailänder Möbelmesse die sich „Airconditioning“ nannte. Wir verwendeten einige sehr starke Leuchtstoffröhren und positionierten daneben die Objekte, sodass es schwierig war, überhaupt deren Form zu erkennen. Der gedankliche Hintergrund war eher abstrakt, es ging darum, die Relevanz der Form in den Hintergrund und in Frage zu stellen. Beim Einsatz eines wirklich starken Lichts erkennt man zwar Formen, aber sie stehen nicht im Vordergrund. In diesem Kontext fand ich es sehr interessant, das Objekt quasi durch Beleuchtung zu negieren.
Wie schätzt man als Lichtdesigner ab, was als angenehm empfunden wird?
Ich habe gemerkt, dass viele Leute nicht so bewusst auf Licht reagieren, wie ich dachte. Andere dagegen reagieren sehr sensibel auf Lichtverhältnisse, von daher ist das immer subjektiv. Ich selbst reagiere auch sehr sensibel auf die Beleuchtung um mich herum. Wenn ich in einen Raum gehe merke ich sofort, ob sich das Licht gut anfühlt und ob es hell genug ist. Doch vielen Leuten ist das wirklich egal, das ist eben sehr subjektiv.
Oft erreicht man so etwas wie Lichtstimmung ja mit indirekter Beleuchtung ...
Ja, auch bei dem was aktuell in der Designszene passiert, kann man bemerken, dass viele, mich inbegriffen, manchmal weniger Licht nutzen, als sie sollten. In Hotelzimmern zum Beispiel bemüht man sich, Licht indirekt zu setzen, damit es angenehm und weich wirkt. Doch manchmal will man einfach nur das Licht anmachen, irgendwas in der Mitte des Raumes, das Helligkeit gibt. Wenn du deinen Koffer packen willst, brauchst du keine punktuell leuchtende Tischlampe. In meinem Hotel hier in Köln zum Beispiel verändere ich abends die Einstellung so, dass es hell ist und am nächsten Tag, wenn das Zimmermädchen da war, ist alles wieder wie vorher, das Licht ist weich und indirekt. Und dann ändere ich wieder alles. (lacht)
Sie sind ja eigentlich Architektin, wie kamen Sie zum Lichtdesign?
In der Geschichte der Architektur geht es eigentlich immer um Licht. Bei jedem Element, vom Fenster bis zur Dachluke geht es doch darum, Tageslicht in das Gebäude hinein zu bringen. Was mich beschäftigt, ist, dass Architekten so viel Arbeit darauf verwenden, Licht in das Gebäude hinein zu bringen und nachts nimmt man dann eine blöde kleine Lampe von Ikea für den Innenraum. Dazu gibt es viele Gebäude, in denen Leute leben und arbeiten, in die gar kein Tageslicht fällt. Das sollte zwar nicht so sein, ist es aber leider oft, und gerade hier ist die Integration von Licht eine sehr wichtige Angelegenheit. Dies ist genauso die Aufgabe des Architekten. Es geht nicht in erster Linie darum, das Licht oder die Lichtquelle zu verstecken, vielmehr geht es darum, das Tageslicht bei Dunkelheit durch Kunstlicht zu ersetzen. Fenster wurden schließlich auch architektonisch geplant und ebenso muss das Licht im Innenraum gestaltet werden, so dass es Teil des Ganzen ist. Und genau das ist auch der Ausgangspunkt, Licht in Möbel zu integrieren, um von dem Gedanken wegzukommen, dass Licht immer ein für sich selbst stehendes Objekt sein muss. Wenn man es in Möbel oder andere Objekte integriert, ist es einfach da und es erhält eine andere Qualität.
Ein Architekt sollte also zwangsläufig auch Lichtdesigner sein?
Architekten kümmern sich meist um das Außen, aber nicht um das Innen, was ich nicht verstehe. Man kann das auch gut in amerikanischen Vororten beobachten. Von außen hat man diese hübsch illuminierten Häuser. Geht man hinein, sieht man überall Kabel und Anschlüsse. Höchstens in der Küche ist mal ein Licht unter einem Oberschrank versteckt, aber das ist auch schon alles. Natürlich gibt es einige Architekten, die sich auch um die Innenräume kümmern, und es werden zum Glück immer mehr.
Architektur, Licht, Produkte, gibt es etwas, was Sie nicht können?
Ich mache wirklich ein bisschen von allem. Architektur, Interiors, Limited Edition Design and einige Produkte. Ich habe zum Beispiel kürzlich eine Inneneinrichtung in Hongkong gestaltet, dann noch ein Haus in der Türkei und eines in Siracusa auf Sizilien. Dazu entwickle ich Kollektionen für ausgewählte Galerien, wie hier in der Designer’s Gallery oder für Galerien in Paris und in Rom. Außerdem arbeite ich derzeit an industriellen Produkten für Flos und Boffi. Ich mag die Vorstellung, in verschiedenen Bereichen zu arbeiten und dabei die Ideen von einem in den anderen einfließen zu lassen. In dem Haus in Siracusa haben wir beispielsweise vorhandene Materialien genutzt und mit Handwerkern vor Ort zusammen gearbeitet. Und nun gibt es dort Licht unter dem Sofa und leuchtende Farben. Ich finde, das ist ein interessanter Übergang im Zusammenspiel mit den sizilianischen Materialien. Und so finden sich im nächsten Projekt, das ich für die Galerie in Rom machen werde, auch Materialien aus Siracusa wieder.
Woher nehmen Sie Ihre Ideen?
Es ist eigentlich eine ganz einfache Sache. Licht ist zunächst einmal billig, es ist wie Farbe, die günstigste Art, einen Raum zu dekorieren. Ich beschäftige mich ja wirklich schon sehr lange damit. Inspiriert haben mich auch die sogenannten „Lowriders“, also spezielle, kunstvoll gestaltete Autos. Das ist eine Art Subkultur, man versieht Autos mit Chrom, Lichtern und so weiter. Daher habe ich viele meiner Ideen. Zum Beispiel nennt man eine Art von Beleuchtung „Street Glow“, das ist Licht, das unter den Autos angebracht ist, ähnlich wie bei meinen Bänken. Das ist wundervoll, es gibt dem Objekt einen besonderen Thrill.
Frau Grawunder, vielen Dank für das Gespräch.
Die Ausstellung „I’m Bringing Sexy Back“ ist noch bis zum 28. Februar 2008 in der Designer’s Gallery in Köln zu sehen.

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