John Picard

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Text: Norman Kietzmann


John Picard ist der Vorreiter für nachhaltiges Bauen in den USA. Geboren 1957 in Kalifornien, beginnt er seine Karriere als Unternehmer und Planer großer Immobilienprojekte. Gelangweilt von den immer extravaganteren Wünschen seiner Kunden, wendet er sich Ende der Achtziger Jahre der Umweltbewegung zu und beginnt, Gebäude nach nachhaltigen Kriterien zu planen. Als Sohn des Apollo-Astronauten John Picard Senior nutzt er die politischen Kontakte seiner Familie und wird 1993 von Bill Clinton am „Greening the White House“-Programm beteiligt und gehört zu den Gründungsmitgliedern des „U.S. Green Building Councils“. Mit seinem Unternehmen John Picard & Associates mit Sitz in Costa Mesa, Kalifornien, berät er Großkonzerne wie Mars, The Gap, Allianz, Ebay oder Sony und entwickelt nachhaltige Gebäudekonzepte rund um den Globus. Wir trafen John Picard im Rahmen des diesjährigen BMW Design Talks am Comer See und sprachen mit ihm über effizienteres Bauen, ungeduldige Investoren und eine neue Aufbruchsstimmung im Silicon Valley.


Herr Picard, wir befinden uns hier auf einer der traditionsreichsten Oldtimer-Schauen der Welt, dem seit 1929 stattfindenden Concorso D‘Eleganza in der Villa d'Este am Comer See. Wie schauen Sie auf all die beeindruckenden Wagen um uns herum: Liegt darin nicht ein Widerspruch zu nachhaltigem Handeln?


Nicht unbedingt. Denn diese Autos sind schließlich immer noch fahrtüchtig. Von allen Rolls-Royce, die je produziert wurden, sind 90 Prozent noch auf den Straßen unterwegs. Das macht sie – trotz ihres stattlichen Verbrauchs – nachhaltiger als die meisten Kleinwagen. Es ist verständlich, dass die Automobilindustrie derzeit hart in der Kritik steht. Doch sie trifft die Verantwortung nicht alleine. Fahrzeuge werden von ihren Lebenszyklen bestimmt, worin bereits ein eingebauter Antrieb für eine nachhaltige Verbesserung liegt. In der Bauwirtschaft ist das leider anders, denn dort gelten oft überholte Baubestimmungen und das Diktat des niedrigsten Angebots. Eine unheilvolle Kombination.

Sie gelten heute als ein führender Experte für Nachhaltigkeit in den USA und haben als Gründungsmitglied des „US Green Building Councils“ ökologisches Bauen auch auf der politischen Agenda nach oben gesetzt. Wie sind Sie mit dem Thema vor über 20 Jahren in Berührung gekommen?

Ich bin Bauunternehmer und habe Mitte der Achtziger Jahre zwei der teuersten Privathäuser der Welt geplant. Sie kosteten über 500.000 Dollar Unterhalt im Monat. Meine Kunden haben mich manchmal in einen Privatjet gesetzt, nur um ein Stück Stoff für einen Sonnenschirm auf eine Hochzeit zu bringen – was für eine wichtige Aufgabe (lacht). Wenn Geld keine Rolle spielt, öffnet das viele Möglichkeiten. Doch auf Dauer fehlt die Herausforderung. Ich wollte den Rest meines Lebens nicht weiter so verbringen. Also habe ich mit Mitte Dreißig nach etwas anderem gesucht.

..und sich 1987 der Umweltbewegung angeschlossen, wo Sie schnell den Spitznamen „Eco-John“ bekamen...


Ja, ich habe mich in diese Zeit mit vielen Öko-Kriegern getroffen. Ich kenne Menschen, die ihr Leben dafür riskieren, um Delfine aus den Netzen von Fischern zu retten. Das „Rainforest Action Network“ hatte großen Einfluss auf mich, ebenso die radikale französische Gruppe „Earth First“. Mit ihnen war ich bei einer direkten Aktions-Kampagne beteiligt, als wir Schiffe mit Tropenholz an Bord gestoppt haben. Daraus sollten Filmsets in Hollywood hergestellt werden. Das muss man sich mal vorstellen! Diese Leute haben mein Leben verändert. Sie haben nicht verändert, was ich mache – ich bin immer noch Bauunternehmer – aber sie haben enorm beeinflusst, wie ich meine Arbeit mache. Das alles passierte im Laufe einer Zeit von drei bis vier Jahren. Ich kam nie vollständig in die Umweltbewegung hinein und habe nie aufgehört, Bauunternehmer zu sein. Beides ist ab einem gewissen Zeitpunkt zusammen gekommen.

1993 wurden Sie von Bill Clinton für die Begrünung des Weißen Hauses beauftragt, dem Sie neben der Installation von Solarzellen ein umfassendes Energiesparprogramm verordnet haben. Wie wichtig war an dieser Stelle die Unterstützung von politischer Seite?



Ich denke, dass das „Greening of the White House“ ein wichtiges Zeichen war, da es dem Thema eine breitere Öffentlichkeit gegeben hat. Das Wort „Grün“ ist dabei jedoch nicht immer von Vorteil. Wir sollten eine andere Sprache finden, die es nicht zu sehr einengt und in eine radikale oder alternative Ecke stellt. Nachhaltigkeit ist schließlich kein Sonderfall, sondern eine Frage der Vernunft. In der Natur gibt es keine Abfälle. Unternehmen, die mit nachhaltigen Kriterien wirtschaften, sind auf Dauer profitabler. Ein Fakt, der von der Wirtschaft zunehmend erkannt wird. Die Zeitenwende ist jetzt. Ich könnte Sie mitnehmen zu einer Reise durch das Silicon Valley, und Sie würden die Aufbruchsstimmung spüren. Das Risikokapital, das zuvor in Unternehmen wie Google, Amazon oder Apple floss, bewegt sich mehr und mehr in die Verbindung aus Technologie und grünem Bauen. Sie sind die nächste New Economy.

Sie sind Bauunternehmer und gleichzeitig an der Planung von Gebäuden beteiligt. Wie geht das zusammen?

Ich bin kein lizenzierter Architekt, obwohl ich auch viele Gebäude komplett entwickelt habe. Ich wurde ausgebildet als „Design-Builder“ und entwickle in Zusammenarbeit mit großen und kleinen Architekturbüros meine Projekte, darunter mit Shigeru Ban oder Nicholas Grimshaw. Im Moment konzentriere ich mich vor allem darauf, alte Gebäude umzuplanen und zu revitalisieren anstatt neue zu bauen. In den USA betreten wir mit dieser Haltung oft Neuland, denn in der dortigen Bauindustrie gibt es keine Lifecycle-Mentalität. Alles ist darauf ausgerichtet, etwas Bestehendes abzureißen und durch etwas Neues zu ersetzen. Gebäude werden für einen schnellstmöglichen Profit entworfen und nicht für einen langen Lebenszyklus. Dabei sind sie zu über sechzig Prozent für den CO2 Ausstoß und andere Umweltprobleme verantwortlich. Dem ökologischen Bauen kommt daher eine entscheidende Rolle zu.

Inwieweit lassen sich Gebäude effizienter machen?

Es ist im Grunde einfacher, als man denkt. Man beginnt mit der äußeren Hülle und wie sie betrieben werden. Die meisten Gebäude werden auch in der Nacht nicht abgeschaltet. Allein mit einem Energie-Management-System, das die Beleuchtung zeitlich kontrolliert, lässt sich der Verbrauch bereits um 30 bis 40 Prozent reduziert. Wir installieren derzeit neue Fenster-Systeme, die sich von selbst abdunkeln, wenn die Intensität der Sonnenstrahlen zunimmt. Wenn wir an großen Industriegebäuden wie einem Lagerhaus arbeiten, wird das gesamte Dach zu einem riesigen Solarpaneel. In Kombination mit Energie-Management-Systemen, intelligenten Fenstern und einer eigenen Energieversorgung können sofort zwischen 50 und 90 Prozent der Energie eingespart werden.

Warum fällt es noch immer oft schwer, Bauherren davon zu überzeugen?

Eines der größten Probleme ist, dass die Technologie immer schneller voranschreitet. Was einerseits gut ist, weil es zu mehr Effizienz und neuen Lösungen führt, bringt zugleich Unsicherheiten. Denn die Menschen wissen oft nicht, wann und für welche Technologie sie sich entscheiden sollen: Warten wir, bis eine Technologie billiger oder leistungsfähiger wird oder kaufen wir sie jetzt? Das ist ein wenig wie beim neuen iPad: Kaufe ich die erste Version, die nun auf dem Mark ist, oder warte ich auf die zweite, die kompatibel ist mit 3GPS? Es ist nicht leicht, an dieser Stelle eine Entscheidung zu treffen.

Wie kommen Sie an all die Informationen für neue Technologien und Materialien?

Ich bin dort, wo die Technologien in den Labors entstehen. Seit zwanzig Jahren kenne ich im Silicon Valley jeden, was mir einen strategischen Vorteil gibt. Wenn ein Unternehmen ein neues Produkt entwickelt, weiß ich davon aus erster Hand – lange bevor alle anderen davon mitbekommen. Sie rufen mich an und sagen: „Komm vorbei wir haben hier etwas, das solltest Du Dir ansehen.“ Gemeinsam überlegen wir dann Strategien, wie wir diese Technologie in der Praxis anwenden werden. Das macht mich sehr wertvoll. Einerseits bezahlen mich die Firmen dafür, dass ich dieses Produkt zu meinen Kunden bringe und andererseits bezahlen mich diese wiederum für die neue Information. Ich stelle zwischen der Welt der Technologie und der Welt der Investoren eine Verbindung her. Gerade von ihrer Seite beginnt das Interesse derzeit stark zu wachsen.

Im Juni diesen Jahres haben Sie in London die Organisation „The Green Print“ vorgestellt, zu deren Mitgliedern einige der größten Immobilienentwickler der Welt gehören. Was hat es damit auf sich?


Es geht auf der einen Seite darum, Erfahrungen in Bezug auf nachhaltiges Bauen untereinander auszutauschen. Auf der anderen Seite fordern wir auch ein wirtschaftliches Umdenken in der Branche. In der Welt des Real Estate wird bisher von jeder Investition erwartet, dass sie einen möglichst schnellen und hohen Gewinn abwirft. Doch wir müssen akzeptieren, dass das Richtige zu tun nicht immer mit einem sofort erkennbaren Ertrag verbunden ist. Dabei müssen wir den gesamten Lebenszyklus von Produkten, Gebäuden und allen anderen Dingen mit einbeziehen. Ich denke, es sollte hierbei eine umweltbezogene Steuer auf Waren geben anstatt einer allgemeinen Mehrwertsteuer. Wir können zwar heute schon vieles technisch umsetzen. Doch noch immer zeigen sich die Investoren zögerlich, da die Gewinne erst auf längerfristige Sicht zu tragen kommen. Nachhaltig zu denken, bedeutet auch, mehr Geduld mit einzubringen. Ich denke, darin liegt die größte Herausforderung in den kommenden Jahren.

Vielen Dank für das Gespräch.


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