Jonathan Olivares

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Text: Hannah Bauhoff


Das Hinterfragen von herkömmlichen Verhaltensweisen und Alltagsobjekten kennzeichnet die Arbeitsweise des Jungdesigners Jonathan Olivares. 1981 in Boston geboren, studierte er zunächst Industriedesign am Pratt Institute in New York und ging 2004 für ein Jahr nach München, wo er Konstantin Grcic assistierte. Zurück in den USA, gründete er in seiner Heimatstadt das Büro JODR – Jonathan Olivares Design Research. Seitdem entwirft er Produkte für Hersteller wie Danese oder Driade. Darüber hinaus schreibt er für Designzeitungen und unterrichtet an der ÉCAL in Lausanne, im Sommerprogramm der Domaine de Boisbuchet sowie an der School of the Art Institute of Chicago. Jüngst stellte er sein erstes Buch „A Taxonomy of Office Chairs“ vor, in dem er die technologische Entwicklung von Bürostühlen wissenschaftlich nachzeichnet. Wir trafen den Gestalter in New York und sprachen mit ihm über die Arbeit im Bett und im Freien, Geistesblitze in der Badewanne und sein neues Projekt „Nutzlos".
 

Herr Olivares, anstatt ein neues Möbel zu entwerfen und damit als Jungdesigner an die Erfolge Ihres Schreibtischs Terri für Danese und des Bücherregals Factor für Driade anzuknüpfen, haben Sie gerade ein Buch über Bürostühle geschrieben. Warum?
 
Das Buch steht im Zusammenhang mit meinen bisherigen Möbelentwürfen. Arbeit bedeutet nicht notwendigerweise einen geregelten Arbeitstag im Büro. Arbeiten kann man auch vom Sofa, am Café-Tisch oder vom Bett aus – zum Beispiel, wenn man seinen Facebook-Account kontrolliert. Dafür benötigt man nur einen Computer oder ein Smartphone – und nicht zwingend einen Schreibtisch oder einen Stuhl. Zum Beispiel interessiert mich, wie das Internet Einfluss auf das Wohn- und Arbeitsumfeld sowie auf öffentliche Räume nimmt –  dafür habe ich mit der Bürostuhl-Recherche begonnen, deren Ergebnisse in diesem Buch münden.
 
Ihr Buch unterscheidet sich von vielen Designbüchern, denn statt großer bunter Bilder findet man viele Linienzeichnungen von den Stühlen. Warum haben Sie sich für diese Art der Darstellung entschieden?
 
Ich wollte das System verstehen, das hinter diesen Büro-Objekten steht. Ich wollte, dass der Leser zwischen den einzelnen Beispielen hin- und herblättern kann, damit er sehen kann, wie sich beispielsweise eine Armlehne entwickelt hat – und wie der Stuhl dazu aussieht. Ein typisches Designbuch, das nur Basisinformationen und schöne Bilder liefert, war mir zu wenig. Diese Informationen kann man heute in zwei Minuten bei einer Internetrecherche finden. Wir wollten einfach, dass unser Buch mehr bietet.
 
Also handelt Ihr Buch ...
 
... von Bürostuhl-Archetypen, die einen Holm, eine Basis und einen Bewegungsmechanismus umfassen. Diese speziellen Arbeitsinstrumente sind Teil der amerikanischen und europäischen Kultur, die Typologie umfasst jedoch auch einige Objekte aus Japan. Ein Schwerpunkt des Buchs liegt auf den wechselnden Arbeitsmethoden, welche die Form des Stuhls verändert haben. Doch der Hauptfokus liegt auf der Material- und der morphologischen Entwicklung dieses Objekts.
 
Mit diesem analytischen Blick haben Sie doch sicherlich neue Stühle zum Arbeiten angeschafft?
 
Ja, ich habe einige Stühle gekauft, während ich an dem Buch gearbeitet habe. Daher habe ich in meinem Büro unterschiedliche Sitzmöbel – von einem FS von Wilkhahn über einen Sapper Chair von Knoll aus dem Jahr 1979 bis hin zum Pollock Chair desselben Herstellersl.
 
Und welchen bevorzugen Sie?
 
Ich mag den Pollock Chair, denn er ist durchdacht – und dabei ein unglaublich bequemes Möbelstück, das ein Büro nicht in ein Hightech-Fitness-Studio verwandelt, was ja die meisten Bürostühle tun.
 
Damit sind wir wieder bei der Frage, wo Arbeit beginnt und wo sie aufhört.
 
Stimmt, aber für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Arbeit und Freizeit. Ich mag zwar den Begriff  „Workaholic” nicht, denn das impliziert, dass  es etwas Schlechtes ist, die ganze Zeit zu arbeiten. Doch es gibt historische Beispiele, die zeigen, dass Übergänge fließend sind: Archimedes entdeckte beispielsweise das Auftriebsprinzip durch einen Geistesblitz – während er in einer Badewanne saß. Zeichentrickserien im Bett anzusehen, kann in meinen Augen eine ziemlich produktive Tätigkeit sein, solange du neugierig und wach bleibst. Selbstgefälligkeit und der Gedanke, man wisse, wie es geht, das ist einzige, was ich – auf Teufel komm raus – vermeide.
 
Hat Sie eigentlich jemand während Ihrer Recherche besonders beeindruckt?
 
Don Chadwick, Richard Sapper und Niels Diffrient. Alle drei stammen aus einer Generation, als es noch keine Computer gab. Sie arbeiten so, wie es Industriedesigner früher gemacht haben, was mich sehr anspricht. Ihre Büros zu besuchen, das hat meine Augen geöffnet und mir einen Zugang zu einer Art zu arbeiten verschafft, die inzwischen nicht mehr praktiziert wird: Es geht um das Durchdringen und die intensive Beschäftigung mit einem Thema – und nicht um gerenderte Bilder.
 
Mit wem war das Gespräch besonders aufschlussreich und interessant?
 
Niels Diffrient ist eine unglaublich inspirierende Person – und ein spannender Gestalter. Seit vier Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem Thema Bürostuhl und hat sich in dieser Zeit unglaubliche Kenntnisse angeeignet. Zudem hat er eine sehr starke politische und moralische Haltung, was die Funktion von Design anbelangt.
 
Und wie drückt diese sich aus?
 
Er fühlt sich verantwortlich, denn Millionen von Menschen vertrauen sich ihm an, weil sie täglich auf seinen Stühlen im Büro oder im Flughafen sitzen.
 
Sie beschäftigten sich ja auch intensiv mit dem Thema Outdoor Office ...

 
Ich hatte 2010 ein Stipendium von der Graham Foundation in Chicago, um das Arbeiten im Außenbereich zu untersuchen. Wir haben zeitgleich Workshops in Mexiko-Stadt, Savannah, Paris und auf der Domaine de Boisbuchet abgehalten. Jedes Mal entstanden Möbel und Strukturen, die ein Arbeiten im Freien ermöglichen.
 
Welche Parameter sind denn wichtig, wenn man draußen arbeiten möchte?
 
Bei gutem Wetter im Freien zu arbeiten bedeutet, dass der Stromverbrauch und die damit verbundenen Kosten sich drastisch reduzieren. Heizung, Lüftung, Klimatisierung aber auch Licht gibt es dank der Sonne quasi umsonst. Das Arbeiten im Schatten wird wiederum als angenehmer empfunden als das Arbeiten unter fluoreszierendem Licht. Die „smart devices“, also die kleinen Hilfsmittel, erlauben uns überall zu arbeiten, aber die Outdoor-Möbel, die wir aktuell kennen und die es zu kaufen gibt, sind immer nur für die Freizeit entwickelt worden. Picknicktische, Cafétische, Gartenlauben und Parkbänke werden im Kontext von Arbeit nicht ernst genommen. Es gibt im Prinzip keine Legitimation für das Arbeiten im Freien.
 
Kann da ein spezielles Möbelstück helfen?
 
Ein realistisches Möbelkonzept für Schulen, Universitäten, Unternehmen oder öffentliche Parks zu entwickeln, das die Kreativität der Designszene anregt, war mein Anliegen. Denn Arbeiten im Freien ist eine wirklich kluge, angenehme und realistische Sache – mit einer Menge an umweltfreundlichen Vorteilen.
 
Vier Jahre haben Sie an Ihrem Buch gearbeitet – was war die größte Herausforderung?

Das ganze Material zu sammeln, war unglaublich schwierig. Aber anscheinend ist das einfach so. Selbst als der Schweizer Architekturhistoriker Sigfried Gideon 1947 „Mechanization takes Command” verfasste, was eine beeindruckende Arbeit über die Materialgeschichte ist, beschwerte er sich über die schlechte Dokumentation von man-made-Produkten. Es gibt einfach keine Gesetze, die Hersteller dazu zwingen, ein Archiv ihrer Produkte anzulegen.
 
Wie geht es nun weiter?

Ich kann Ihnen versichern: Das nächste Projekt wird nichts mit Bürostühlen zu tun haben (lacht). Ich kuratiere aktuell eine Ausstellung zum Thema „Nutzlos“. Sie ist Teil der Experimenta Design Biennial in Lissabon und wird am 28. September 2011 in Lissabon eröffnet.
 
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Olivares.


Buchtipp

Jonathan Olivares: A Taxonomy of Office Chairs, Berlin (Phaidon) 2011.
 

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.

Haeberli