Joseph Grima

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Text: Katharina Horstmann

Joseph Grima versteht sich als Forscher. Der Gründer des Studios Space Caviar – und ehemalige Chefredakteur des italienischen Design- und Architekturmagazins Domus – untersucht die Produktion von Raum und modernen Wohnformen als soziale und politische Praxis in Form von Design, Ausstellungen, Publikationen und Filmen. Wir sprachen mit dem in Genua lebenden Briten über Phänomene wie Airbnb, die bevorstehende Biennale Interieur im belgischen Kortrijk und ein Zuhause, das es nicht mehr gibt.

Herr Grima, Sie sind der Kurator des Kulturprogramms der Biennale Interieur in Kortrijk. Können Sie uns vorab einen Einblick geben?
Der Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass das Zuhause rapiden Veränderungen unterliegt und sich in den letzten zwei oder drei Jahrzehnten ziemlich schnell entwickelt hat. Wir greifen den Moment auf, in dem Design eine Identitätskrise durchläuft und seine Bedeutung für den Markt als auch im täglichen Leben überdacht werden muss. Gleichzeitig wollten wir den Teilnehmern der Biennale eine Recherche präsentieren und sie auffordern, sich mit dem Zuhause noch einmal wirklich auseinanderzusetzen. Daher publizieren wir ein Buch, das die gesamte Recherche und alle Ideen, die wir im Laufe des letzten Jahres gesammelt haben, umfasst. Diese Sammlung bildet die Basis der Veranstaltungen, die während der Biennale auf dem Xpo-Gelände und in der Innenstadt Kortrijks stattfinden.

Es scheint fast, dass die Idee der idealen Gesellschaft im traditionellen Sinn durch das Konzept des Programms infrage gestellt wird. Können Sie bitte Ihr Verständnis von The Home Does Not Exist erläutern?
Der Titel ist gewissermaßen eine Provokation. Er bezieht sich auf die Idee, dass das Zuhause, wie wir es kennen, mehr und mehr verschwindet. Unsere Vorstellung des Heims wird durch eine andere ersetzt, von der wir jedoch noch nicht wissen, wie sie aussieht. Der Titel war eher ein intuitives Statement. Letztendlich geht es um die Frage, wie wir heute leben. Wie sieht der Raum aus, den wir bewohnen? Mit dem Buch versuchen wir zu veranschaulichen, wie einige der fundamentalen Werte, die von vorangegangenen Jahrzehnten und Generationen überliefert wurden und auf denen unsere Vorstellungen des Zuhauses basieren, durch etwas Komplett anderes verdrängt und ersetzt worden sind. Momentan bietet sich die Möglichkeit, etwas grundlegend Neues vorzuschlagen, nur müssen wir noch herausfinden, was genau das sein könnte.

Während der Mailänder Möbelmesse haben Sie die Diskussionsreihe Domesti-City initiiert, die auch in Kortrijk fortgeführt wird. Welche Ansätze fanden Sie am interessantesten?
Zu überlegen, wie die politische Rolle des Zuhauses überdacht werden kann. Wie die Idee, dass das, was zuvor eine ziemlich einfache Funktion des Zuhauses in der Gesellschaft war – Zuflucht zu bieten und ein Bezugspunkt für gesellschaftliche Treffen und Feierlichkeiten zu sein – seit den 1970er Jahren durch den drastischen Anstieg der Immobilienpreise abgelöst wurde. Diese Entwicklung wird weiterhin zunehmen – besonders durch den wachsenden technologischen Netzwerk-Aspekt des Zuhauses, das sich mehr und mehr in einen hybriden Raum verwandelt, in dem gearbeitet und mit dem sich Profit durch Konzepte wie Airbnb generieren lässt.

Sie haben gerade Airbnb angesprochen. Was denken Sie über die Sharing-Ökonomie?
Natürlich ist es leicht, sich für die Sharing-Ökonomie zu begeistern – einen Markt, der auf der Vorstellung von Verbundenheit, Zusammenarbeit und Informationsaustausch basiert und der unser Leben optimiert. Das nicht nur online, sondern auch in der realen Welt. Es ist jedoch auch sehr wichtig, einen kritischen Blick aufrechtzuerhalten und einige der fundamentalen Grundsätze zu hinterfragen. Man kann die Sharing-Ökonomie auch als ein Angebot betrachten, alles zu kommerzialisieren. Airbnb ist ein Instrument, um Profit zu generieren. Was es aber letztlich macht, ist den Wettbewerb zunehmender Immobilienpreise und somit die allgemeine Preisinflation anzutreiben. Auf eine Art ähnelt das dem intelligenten Haus und der technologischen Invasion des Zuhauses. Zunächst wirken diese Entwicklungen harmlos. Sie bieten Komfort. Wir vergessen aber oft, die längerfristigen Folgen zu überdenken, die dann entstehen, wenn sich jeder daran beteiligt. Was sind die sozialen und politischen Auswirkungen auf die Stadt, den Immobilienmarkt und den allgemeinen größeren Rahmen? Ich möchte kein Werturteil darüber abgeben, aber diese Entwicklungen sind etwas, über das viel mehr gesprochen werden sollte.

Neben der Sharing-Ökonomie ist Open Source Design ein wichtiges Thema, das Sie auch aufgreifen. Verändert das sogenannte Maker System die dominante Rolle der Industrie?
Ich denke ja, aber nicht so, wie wir es erwartet haben. Es geht nicht darum, dass das Mikro-Handwerk das größere industrielle Gefüge ersetzen wird. Das ist ein unwahrscheinliches Gedankenspiel. Der interessante Effekt wirkt eher in der Innovation, als darin, das traditionelle Produktionssystem zu verlagern. Es wird noch länger dauern, bevor das passiert. In vielen Bereichen, insbesondere der technologischen Entwicklung von Software und Hardware, verändert Open Source die Art, wie Ideen realisiert und finanziert werden. Dies hat auch wichtige Konsequenzen für den Designbereich, auch wenn es wahrscheinlich etwas länger dauern wird, bevor sie dort bemerkbar werden.

Die Projekte von Space Caviar bewegen sich an der Schnittstelle von Design, Architektur und Konzeptkunst – sowohl politisch engagiert als auch prozessorientiert.
Die Idee hatte ich vor etwa einem Jahr zusammen mit Tamar Shafrir, meiner Partnerin und Mitgründerin von Space Caviar. Wir sahen Schwierigkeiten, innerhalb einzelner Disziplinen einen Diskurs führen zu können, und wollten deswegen verschiedene Bereiche zusammenführen. Space Caviar ist ein Forschungsstudio. Unsere Produkte sind das Resultat eines Forschungsprozesses, dessen verschiedene Phasen einem größeren Publikum präsentiert werden sollen. In gewisser Hinsicht ist die Idee durch meine eigene Arbeitsweise entstanden. Ich habe als Kurator, Journalist und im Design gearbeitet – Disziplinen, die sich teilweise überschneiden und teilweise nicht. Ich empfinde sie als Werkzeuge, auf die ich zurückgreifen kann, um gewisse Fragen zu beantworten und die Welt aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten. Dabei ist es nicht wichtig, ob das durch Publikationen, Design oder Ausstellungen passiert. Alle Felder sind Möglichkeiten, ein Thema anzugehen oder auf bestimmte Ereignisse oder Situationen zu reagieren.

Sie haben bereits bei der ersten Design-Biennale in Istanbul die Erfahrung gesammelt, was es heißt, eine umfangreiche Biennale zu kuratieren. Was macht eine gute Ausstellung aus? Und woran scheitern Ihrer Meinung nach Ausstellungen?
Ich denke, eine erfolgreiche Ausstellung fordert die Sichtweise der Betrachter heraus – und ich glaube auch, dass man von einer guten Ausstellung etwas lernt. Anstatt eine didaktische Sprache zu verwenden, die den Besucher „unterrichtet", geht es uns eher darum, das Publikum herauszufordern, intuitiv eigene Schlüsse zu ziehen. Ich will meine Sichtweise nicht aufdrängen und denke, das Gleiche sollte auch für eine Ausstellung gelten.

Glauben Sie, dass Sie mit Ihren Konzepten etwas bewegen?
Das Ziel, eine echte Veränderung oder Weiterentwicklung zu erwirken, ist immer da – auch wenn man im Ungewissen arbeitet und nicht weiß, ob sie tatsächlich eintreten werden. Durch vorherige Erfahrungen habe ich aber auch gelernt, dass die Auswirkungen dieser Arbeiten oft sehr viel Zeit brauchen, um sich durchzusetzen. Das kann auch auf Wegen passieren, die man nicht vorhergesehen hätte. Somit glaube ich, dass das, was wir als Kuratoren, Ausstellungsmacher oder Autoren tun, wichtig ist. Es ist leicht, desillusioniert zu werden und anzunehmen, wir seien im gewissen Sinne nur Entertainer, die lediglich ein dekoratives Element zu einem kommerziellen Kontext hinzufügen. Ich denke aber, dass es tatsächlich wichtige Chancen sind, um Gespräche zu initiieren. Sie werden zwar viel Zeit benötigen, um ihren Ansprüchen gerecht zu werden, sind aber äußerst notwendig.

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