Jurgen Bey

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Text: Jasmin Jouhar, 06.09.2010


Jurgen Bey denkt gerne quer zum Strom. 1965 geboren, studiert der Niederländer an der Design Academy Eindhoven. Seit den frühen neunziger Jahren arbeitet er mit Droog Design zusammen. Er lehrt an zahlreichen Hochschulen, unter anderem in Eindhoven und am Royal College of Art in London. Seit diesem Jahr ist Bey Direktor des Sandberg-Insituts in Amsterdam, einer Hochschule für Kunst und Design. Gemeinsam mit der Architektin Rianne Makkink führt er seit 2002 das Studio Makkink & Bey. Die beiden testen die Grenzen der Disziplinen aus: Ihre Projekte bringen Produktdesign mit Architektur zusammen und Ausstellungsgestaltung mit Forschungsarbeit. Makkink & Bey verbinden eine ungewöhnliche, aber eindrückliche Formensprache mit inhaltlichem Anspruch und trockenem Humor. Wir trafen Jurgen Bey in Mailand ´und sprachen mit ihm über gesunde Krankenhäuser, das Büro als Landschaft und warum er am liebsten mit Studenten zusammenarbeitet, die er nicht mag.


Herr Bey, vor kurzem wurden Sie zum Direktor des Sandberg-Instituts berufen. Sie haben langjährige Lehrerfahrung. Was können Sie von Ihren Studenten lernen?

Ich glaube, dass man privaten Raum braucht. Raum, wo man sich konzentrieren kann. Aber in diesem Raum kann man sich nicht weiterentwickeln, denn alles, was man weiß, ist da. Es ist wie in unserem Zuhause. Da lässt man ja auch keine Fremden rein, sondern nur Leute, die man kennt. Im öffentlichen Raum allerdings muss man sich mit Menschen auseinandersetzen, die man nicht unbedingt mag. Das aber birgt Potenzial für Veränderung, man lernt Neues kennen. In unserem Büro haben wir natürlich auch nur Leute, die wir uns ausgesucht haben. Wenn ich jemanden nicht mag, will ich auch nicht mit ihm arbeiten. An der Hochschule ist es anders: Ich habe Studenten, mit denen ich normalerweise nie zusammenarbeiten würde. Und dann, nach einigen Monaten, beginne ich doch, sie zu mögen. Ich ändere meine Meinung, erkenne ihre Qualitäten. Deswegen ist die Hochschule für mich ein Ort, an dem ich mich selbst weiterentwickeln kann. Da muss ich erklären, warum mir etwas nicht gefällt. Ich muss mir überlegen, wie ich die Studenten motivieren kann. Mein Ziel ist es, ihre Fähigkeiten zu erkennen und sie darin zu bestätigen. Außerdem arbeiten an der Hochschule 70 Studenten und zwölf bis 15 Tutoren alle am selben Thema, und alles wird geteilt. Eine wunderbare Situation. Wenn wir das in unserem Büro haben wollten, bräuchten wir 70 Mitarbeiter und zwölf Senior Designer. Wer sollte das bezahlen?
 
An der Hochschule gibt es also eine Win-Win-Situation?

In gewisser Weise schon, allerdings ist das ein ökonomischer Ausdruck. Aber an der Hochschule schätze ich gerade, dass es keine ökonomische Welt ist. Nicht, weil ich nicht an Ökonomie glaube. Aber ich finde, es sollte auch um andere Dinge gehen. Wenn ich in eine Bibliothek gehe, denke ich nie an eine Win-Win-Situation. Ich komme wegen eines Buchs. Das ist es, nicht mehr, nicht weniger.

Ein wichtiges Thema in Ihrer Arbeit sind die sozialen Qualitäten von Räumen. Wie können Sie als Designer diese Qualitäten beeinflussen?

 
Ich glaube, es geht darum, die Idee von Normalität zu verstehen. Das ganz normale Leben. Ein Raum mit sozialen Qualitäten muss sich nicht unbedingt dadurch auszeichnen, dass die Menschen sich dort unterhalten. Die Frage ist, wie man Bereiche schafft, in denen sich die Menschen wohlfühlen, ob sie nun reden oder nicht. Wir haben beispielsweise Räume in einem Gefängnis eingerichtet. Wir wollten den Gefangenen die Möglichkeit geben, sich auszutauschen – entspannt auszutauschen. Dazu haben wir Sitzbänke genommen und sie so hoch wie einen Tisch gemacht. Der Grund: Wenn man darauf sitzt und sich eine andere Person nähert, befinden sich beide automatisch auf Augenhöhe. Auf unterschiedlichen Höhen zu sitzen, kann eine sehr unangenehme Situation sein. Aber sich auf Augenhöhe zu begegnen, erzeugt nicht so einen Druck. Außerdem berühren die Füße nicht den Boden, wenn man so hoch sitzt. Man fühlt sich ein bisschen kindlich und auch ein klein wenig verletzlich. In einem so maskulinen Ort wie einem Gefängnis sind solche Sachen sehr wichtig. Sie sind Teil dessen, was einen sozialen Ort ausmacht.

Auf der Orgatec 2008 zeigte Vitra von Ihnen entwickelte Konzepte für Büromöbel, unter anderem einen Hochsitz und eine schalldichte Arbeitskabine. Ging es da auch um soziale Aspekte?

Ja, genau. An den Schreibtischen für Vitra sitzt man beispielsweise sehr niedrig oder sehr hoch. Das hat etwas mit Sichtbarkeit zu tun. Wenn Sie zum Beispiel Chef eines Unternehmens sind, wollen viele Mitarbeiter mit Ihnen sprechen. Weil Sie aber so beschäftigt sind, trauen sie sich nicht, Sie anzusprechen. Deswegen laufen die Mitarbeiter ein paar Mal an Ihrem Platz vorbei. Und sobald Augenkontakt entsteht, sprechen sie Sie an. Damit ist das Gespräch eröffnet, und Sie müssen es zu Ende führen. Deshalb habe ich vor meinem eigenen Schreibtisch eine Pappwand. So erzeuge ich eine Distanz, bin aber trotzdem für alle sichtbar. Wer mit mir reden will, muss von hinten an mich herantreten und mich ansprechen. Das kostet Überwindung. Solche Dinge sind entscheidend im Design. Es geht nicht nur um Objekte, der psychologische Aspekt ist sehr wichtig.
 
Ihr Konzept des Arbeitsplatzes ist eng mit dem Begriff Campus verbunden. Wieso?

Die Arbeitswelt ist in meinen Augen zu stark von wirtschaftlichen Gesichtspunkten geprägt. Es geht immer darum, wieviel Geld man mit einer Sache verdienen kann. Wie profitabel ist etwas? Wie effizient wird gearbeitet? Wenn über Arbeit lediglich unter ökonmischen Aspekten gesprochen wird, dann „verdirbt” das die Menschen. Sie spüren einen großen Druck, auch wenn sie ihre Arbeit eigentlich gerne machen. Wenn ich das Büro aber als Campus begreife, dann entsteht ein Ort, wo die Mitarbeiter sich weiterentwickeln können. Wo sie Sport machen, in die Bibliothek oder essen gehen können. Wie in einer Universität, aber trotzdem auf die Arbeit bezogen. Das ist für mich der ultimative Arbeitsplatz. Natürlich ist es auch eine Frage der Sprache: Man nennt es anders, und so entsteht eine andere Atmosphäre. In einem normalen Gewerbegebiet gibt es vor allem große Straßen und viele Parkplätze. Da läuft niemand herum, man trifft sich nicht zufällig. Der Campus dagegen funktioniert anders: Leute laufen herum, treffen andere Leute, vielleicht sogar von anderen Unternehmen, unterhalten sich, tauschen ihr Wissen aus.

Im Zusammenhang mit dem Büro sprechen Sie auch von Arbeitslandschaft. Beziehen Sie sich damit auf die Idee der Bürolandschaft, die in Deutschland seit Ende der fünfziger Jahre anhand von statistischen Untersuchungen und Umfragen entwickelt wurde und die Büros auf Basis von Arbeitsabläufen organisiert?

Das Konzept der Bürolandschaft ist, wie Sie gesagt haben, wissenschaftlich. Ich betreibe diese Art von Forschung nicht sehr häufig, aber letztlich geht es mir um dasselbe. Ich spreche von Arbeitslandschaften, weil ich den Charakter des Büros verändern will. Die Leute sollen morgens denken, sie gingen in den Wald statt ins Büro. Das Arbeitsumfeld soll sich wie eine Landschaft anfühlen. Denn eine Landschaft ist eine Umgebung, in der man sich gerne aufhält. Eine Umgebung, die Vielfalt bietet – das ist sehr wichtig. In einer Landschaft kann man sich ganz unterschiedlich bewegen, konzentrieren, erholen. Wenn man zum Beispiel Ruhe bei der Arbeit braucht, kann man einfach einen anderen Ort aufsuchen.

Und die Möbel am Arbeitsplatz? Meistens sind die Möbel kühl, hart, nüchtern – nicht gerade das, was man gerne zu Hause hätte. Denken Sie, Büromöbel sollten einen anderen Charakter haben – emotionaler, angenehmer?

Vielleicht, aber das wäre kein Ziel, das ich verfolgen würde. Es ist das Gleiche wie bei Krankenhäusern. Krankenhäuser sollen heute wohnlicher und gemütlicher sein. Die Patienten sollen sich dort zu Hause fühlen. Da gibt es dann viele Textilien, dicke Teppiche und tiefe Sessel. All diese Sachen, die sich staubig anfühlen, die eine passive Situation erzeugen. Aber ich will mich in einem Krankenhaus gar nicht zu Hause fühlen. Wenn ich gesund werden will, brauche ich eine aktive Umgebung. Ich will frische Luft und eine saubere Atmosphäre. Wie in den Fünfzigern, die damaligen Krankenhäuser waren wirklich gesunde Orte. Viel Licht, das Bett konnte auf dem Balkon stehen, solche Sachen. Und im Büro ist es dasselbe. Da will ich mich auch nicht wie zu Hause fühlen. Da braucht es Distanz. Mit den Kollegen will man nicht so vertraulich sein wie zu Hause. Und natürlich auch nicht so schlecht gelaunt. Der Preis, den man für ein häusliches Büro bezahlt, ist die Veränderung der Arbeitskultur. Das muss einem bewusst sein. Wenn man das will, dann kann man überall Blumen hinstellen.

Kürzlich war unter dem Titel „Happy Families“ eine Retrospektive Ihrer Arbeit zu sehen. Was sagt der Titel über die Arbeitsweise Ihres Studios?

Der Titel kommt von einem Kartenspiel, einem Quartett. Er beschreibt die spezielle Art zu arbeiten in unserem Büro. Ich glaube nicht daran, die vermeintlich besten Designer zu engagieren. Wer sind denn die Besten? Bekanntlich tendieren wir ja dazu, uns immer mit ähnlichen Leuten zu umgeben. Das Erstaunliche in einer Familie ist, dass man immer die besten Kinder bekommt. Natürlich können sie nicht immer die besten sein. Aber selbst, wenn sie schreckliche Dinge anstellen, für ihre Eltern sind sie immer noch die besten. Sie gehören zu einem, man hat sich zusammen entwickelt. Die gemeinsame Entwicklung, die finde ich auch wichtig für unser Büro. Wir arbeiten viel mit Auszubildenden, meistens haben wir zwei oder drei gleichzeitg. Sie ermöglichen uns, mehr zu forschen. Aber wir geben ihnen auch Unabhängigkeit, sie können in ihre Aufgaben hineinwachsen. Und wenn wir mit ihrer Arbeit zufrieden sind, versuchen wir sie zu halten, als Freiberufler oder als festangestellter Designer. Wir wollen keine Klone, wir wollen keine angepassten Mitarbeiter heranziehen. Wir erklären ihnen, womit wir uns beschäftigen, und dann bekommen sie ihren Freiraum. Für mich ist es wichtig, mit meinem Studio wie in einer Familie zu wachsen. Natürlich muss man deswegen nicht die ganze Zeit zusammen sein, das nicht. Es geht ja um Arbeit.

Das Kollektiv ist also ziemlich wichtig für Ihre Arbeit?


Ja, sehr wichtig.

Von Ihrem Studio gibt es nicht so viele Produkte im Massenmarkt. Ist Ihre Arbeitsweise denn nicht kompatibel mit der Serienproduktion? Oder sind Sie nicht daran interessiert, mit der Industrie zusammenzuarbeiten?

Ich würde die Frage genau andersherum stellen. Ich interessiere mich sehr für Industriedesign. Mir gefällt es, wenn man eine Sache entwickelt, und dann gibt es davon tausende Exemplare. Tatsächlich habe ich keine Ahnung, warum wir so wenig industrielles Design machen – wir werden einfach kaum gefragt. Zum Beispiel haben wir gerade eine Ausstellung über Mobilität gemacht. Was muss sich ändern, damit Leute wieder gerne unterwegs sind? Autodesign oder die Gestaltung von Orten wie Hotels oder Flughäfen, das würde ich definitv gerne machen. Natürlich arbeiten wir an verschiedenen Projekten, ewa bei Prooff oder mit Vitra. Aber der nächste Schritt hin zum tatsächlichen Produkt passiert nicht. Ich glaube, die Unternehmen halten uns schlichtweg für zu konzeptuell.

Herr Bey, vielen Dank für das Gespräch


In der Berliner Galerie Helmrinderknecht ist ab 11. September 2010 eine Ausstellung von Studio Makkink & Bey mit dem Titel „WashHouse“ zu sehen.www.helmrinderknecht.com

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