Karim Rashid

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Text: Norman Kietzmann, 14.11.2007

Karim Rashid gilt als der Popstar der Designwelt. Geboren 1960 in Kairo und aufgewachsen in Kanada ging er nach seinem Abschluss 1982 an der Carleton University in Ottawa nach New York. Sehr schnell machte er sich einen Namen mit Entwürfen, die mit knalligen Farben und runden Formen zu sinnlichen Referenzen an das Pop-Design der Sechziger und Siebziger Jahre wurden. Er selbst stilisiert sich mit farbenfrohen Brillen und Anzügen stets als Teil dieses Universums und machte seine Designauffassung bereits in mehreren Büchern publik. Die erste Monografie mit dem bescheidenen Titel „I want to change the world“ sieht er als ein Manifest gegen den für ihn im Design vorherrschenden Minimalismus sowie den Hang zur Exklusivität. So ist für ihn der kommerzielle Erfolg eines Produktes ebenso wichtig wie die Qualität des Designs. Dass er weiß, wovon er spricht, zeigt ein Blick auf seine bisherige Bilanz, die ihm, wäre er ein Musiker, schon zahlreiche Goldene Schallplatten beschert hätte. So entwarf er mit seinem New Yorker Büro bereits über 2000 Produkte für namhafte Hersteller wie Georg Jensen, Alessi, Bonaldo, Magis, Prada oder andere. Die Produktpalette reicht von Möbeln über Elektroprodukte, Modeaccessoires bis hin zu Verpackungen für Parfüms oder Waschmitteln. Mit dem "Semiramis Hotel" in Athen, dem „Morimoto Restaurant“ in Philadelphia sowie dem „Powder Club“ in New York hat er das Gespür für bunte Popwelten sogar in Raum füllender Wirkung ausgelebt. Unter dem Pseudonym „DJ Electronikreemy“ ist er außerdem dem Nachtleben von Manhattan regelmäßig verbunden. Wir trafen Karim Rashid in Mailand und sprachen mit ihm über seinen Hang zum Pop, den Geschmack der Masse und warum Minimalismus für ihn keine Zukunft mehr hat.
Herr Rashid, Sie sind bekannt geworden für ihre organisch weiche Formensprache. Ihr neuer Stuhl "Poly" trägt dagegen deutlich kantigere Züge. Woher der Sinneswandel?
Ich weiß, es gehen schon Gerüchte herum: „Karim wird ein Minimalist“. Aber die Sache ist die, dass der Stuhl überhaupt nicht minimalistisch ist. Ich wollte einen Plastikstuhl entwerfen, der die höchsten Kriterien in Struktur und Leichtigkeit erfüllen würde. Also entschied ich mich zurück zu gehen zu meinen Anfängen - ich habe ja einst Ingenieurswesen studiert. Ich begann mit dem Gerüst, der inneren Struktur, um die höchste Festigkeit mit dem geringsten Einsatz von Polycarbonat zu erzielen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, ist die daraus entstandene kantige Form sehr komfortabel für den Körper.
Woher kommt eigentlich Ihre Abneigung gegenüber dem rechten Winkel?
Nun, wenn ich etwas Organisches oder Weiches entwerfe, dann deswegen, weil es deutlich ergonomischer ist. Und der Grund, warum mir Ergonomie sehr wichtig ist, ist der, dass mir die Menschen wichtig sind. Wissen Sie, Menschen mögen keinen Minimalismus. Er ist nichts als ein Stil geworden. Anfangs war er eine Doktrin, eine gewisse Art zu Denken. Aber heute ist er nichts weiter als eine endlose Sammlung perfekt langgezogener Tische. Das ist nichts für die Mehrheit auf dieser Welt. Ich bin sehr daran interessiert für die Masse zu entwerfen und kümmere mich nicht um die Designgemeinschaft. Ich möchte nicht in einer Designwelt bleiben.
An welche Art von Massenartikeln denken Sie dabei?
Ich habe gerade einen Vakuumstaubsauger für einen amerikanischen Hersteller entworfen. 2,5 Millionen Exemplare wurden bereits in den ersten sechs Monaten verkauft. Dies ist die Art von Arbeit, die ich machen möchte, weil sie das Leben von sehr vielen Menschen erreicht. Wenn ich möchte, dass die Menschen in einer zeitgemäßen Welt leben und sich mit zeitgemäßen Dingen umgeben, dann muss ich demokratische Produkte entwerfen, die sich die Leute auch leisten können. Das ist sehr wichtig für mich. Es ist einfach, teure Dinge zu entwickeln. Die meisten Firmen, die hohe Qualität liefern, sind klein und produzieren deswegen eben nur teure Produkte. Aber für die Masse zu entwerfen ist deutlich schwieriger.
Wie sieht das Design für die Masse Ihrer Meinung nach aus?
Essenzielles und vor allem demokratisches Design bedeutet für mich weniger Form als vielmehr Gefühl. Die Menschen möchten Produkte, die ihnen den Eindruck von Komfort, Vergnügen, einer besonderen Erfahrung oder Humor vermitteln. Ich bin daher auch kein Spaßvogel im wörtlichen Sinne. Ich bin vielleicht manchmal lustig aber ich möchte nicht, dass meine Arbeit lächerlich wird. Es geht darum, dass sich die Leute lebendig fühlen. Das ist mir wichtig. Schauen Sie sich all diese quadratischen Glastische an. So etwas bedeutet nichts für mich, da ich selbst nicht gefühllos bin. In meiner gesamten Arbeit möchte ich emotional sein. Zu einer organischen Form haben wir viel schneller einen Zugang, da wir menschlich und damit auch emotional sind. Kann ich etwas Quadratisches machen, das auch emotional ist? Da sage ich ganz klar: Nein!
Kommt daher auch Ihre Vorliebe für knallige Farben wie Pink oder Türkis?
Wissen Sie, ich liebe Farben. Das menschliche Auge kann 16.000 verschiedene Farben unterscheiden. Und eine Person, die farbenblind ist, kann immerhin noch 1.200 verschiedene Grautöne erkennen. Why don’t we celebrate colours? Wenn wir farbenblind wären, wäre es auch in Ordnung, dass jede Stadt auf der Welt grau ist. Aber wir sind nicht farbenblind. Unsere Städte dagegen sind grau, unsere Kleidung ist grau, unser Leben ist grau. Das ist schon ziemlich traurig.
Sie möchten also den Alltag fröhlicher gestalten?
Ehrlich gesagt, ich bin nun 46 Jahre alt und werde wahrscheinlich noch weitere 40 Jahre auf dieser Welt leben. Die möchte ich genießen. Aus diesem Grunde habe ich in den letzten 25 Jahren sehr viel Farbe in meiner Arbeit verwendet. Hier in der Realität gibt es so viele Dinge, die einen davon abhalten. Wenn Sie mit dem französischen Blick auf das Leben schauen, werden Sie sagen: „Das Leben wird immer tragisch sein, in die eine Richtung oder in die andere“. Ich möchte das Gegenteil. Ich möchte die idealistische, positive Denkweise: "Ich weiß, ich werde nur eine gewisse Zeit auf dieser Welt sein. Warum also das Leben nicht so abwechslungsreich und erfüllend wie möglich gestalten?"
Viele Ihrer Entwürfe scheinen auch von der Aufbruchstimmung der Sechziger Jahre beeinflusst…
Das sehe ich auch so. Ich nehme dies aber nicht als Kritik. Ich bin nicht daran interessiert, die Vergangenheit zu wiederholen. Ich weiß zwar eine Menge über die Geschichte des Designs, schließlich war ich 12 Jahre Professor und habe viel über Design geschrieben. Doch die Sache ist die: Ich bin 1960 geboren. Die Zeit, in der ich sieben, acht, neun Jahre alt war, hat mich sehr geprägt. Sie können dies im Übrigen durch die Generationen hindurch beobachten. Heute sehen Sie viele Filme, die mehr oder weniger von den Siebzigern beeinflusst sind. Und wissen Sie warum? All die Leute, die diese Filme machen, sind in den Siebziger Jahren aufgewachsen. Im Film, denke ich, ist dies sicher klar beabsichtigt, im Design eher weniger. Es findet dort eher unterbewusst statt. Schauen Sie sich die Arbeiten von Zaha Hadid, Ross Lovegrove, mir oder meinem Bruder (Hani Rashid, einer der Mitbegründer des New Yorker Architekturbüros Asymptote, Anm. der Redaktion) an. Darin ist viel von der DNA und dem Geist jener Zeit enthalten, in der wir aufgewachsen sind. Es war ein Zeitalter der Utopien. Daher haben wir alle diesen Drive zu einem gewissen Futurismus.
Der durch die Mondfrahrt beflügelt wurde…
Ja, das war die Agenda der Vierziger bis Sechziger Jahre: Wir werden auf einem anderen Planeten leben. Das bedeutet hinaufzuschauen, positiv zu denken, sich neue Technologien vorzustellen und Gefallen zu finden an Geschwindigkeit und Veränderung. Doch was passierte 1969? Armstrong landete auf dem Mond und mit einem Mal stellten wir fest: Er ist nichts weiter als ein toter Felsen. Wir wussten fortan: Wir können nirgendwo anders hingehen. Ok, das ist meine persönliche Interpretation davon, was passiert ist. Aber alles in allem führte es dazu, dass wir uns in den Siebziger Jahren wieder auf die Erde konzentriert haben und erkannten: Wir müssen auf diesem Planeten bleiben. Er ist das einzige, das wir besitzen. Themen wie Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit wurden mit einem Mal wichtig. Aus diesem Grunde wurde die Architektur braun und die Natur kam in die Gebäude hinein.
Wie beurteilen Sie die Zeit heute?
Ich denke, es gibt derzeit eine neue, positive Hoffnung. Das digitale Zeitalter hat uns eine dritte technologische Revolution beschert, die zugleich aber auch eine Menge Fragen aufwirft: Wozu sind wir fähig als menschliche Wesen? Was wird uns im nächsten Jahrhundert voranbringen? Wie werden wir in der Zukunft leben? Wir müssen die Welt jetzt gestalten, um etwas zu erreichen. Im Design geht es derzeit vor allem um das Hier und Jetzt. Vieles ist dabei zu sehr Mode geworden. Ich sehe überall Blumen, dekorative Dinge, Handwerkskunst. Aber das ist nicht Design für mich, da es nichts darüber hinaus liefert.
Was bedeutet für Sie Schönheit?
Meine Vorstellung von Schönheit ist die komplette Balance zwischen innen und außen. Wenn ich auf ein Gemälde von Jackson Pollock schaue, sehe ich eine gemalte Oberfläche. Aber unter dieser liegt die eigentliche Bedeutung, die Idee, die Pollock beim Malen hatte. Das gilt ebenso für jedes menschliche Wesen: Wir alle haben ein Gesicht. Doch was in unserem Inneren vor sich geht, ist ein anderer, verborgender Teil. Beide sind nicht voneinander zu trennen. Darum ist Schönheit auch nicht oberflächlich. Im Design kümmern wir uns zu sehr darum, etwas formal-ästhetisches zu erschaffen, bei dem es jedoch nicht immer einen Inhalt gibt. Und wenn wir davon ausgehen, dass dieser Inhalt die Funktion ist, dann bedeutet dies: Man macht etwas sehr Schönes, das jedoch nicht funktioniert. Auf der anderen Seite gibt es eine Menge funktionaler Dinge auf dieser Welt, die jedoch nichts Menschliches, Sinnliches oder Schönes an sich haben. Schönheit entsteht nur dann, wenn beide Seiten in Balance geraten.
Vielen Dank für das Gespräch.
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