Keiji Takeuchi: Der offene Blick

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Text: Norman Kietzmann

Partner: Ligne Roset

Keiji Takeuchi baut kulturelle Brücken. Er ist in Japan geboren, in Neuseeland aufgewachsen, hat an der ENSCI in Paris studiert und lebt heute in Mailand. Sein Designstudio liegt nur einen Steinwurf vom Erweiterungsbau der Bocconi-Universität entfernt, der derzeit von SANAA Architects realisiert wird. Die Räume – ein helles Obergeschoss sowie eine großzügige Werkstatt im Souterrain – wurden einst vom Modellbauer Ettore Sottsass’ genutzt. Während im Hintergrund Elton John aus den Lautsprechern klingt, sprechen wir über doppeldeutige Sitzmöbel, animalische Inspirationen und die Vorzüge des Spazierengehens. 

Du hast Deine Karriere im Tokioer Studio von Naoto Fukasawa begonnen, wo Du ab 2005 für sieben Jahre tätig warst. Wie hast Du diese Zeit erlebt? Das Büro ist kein typisches Designstudio, das von einer Person geführt wird und wo die Mitarbeiter nur Ausführende sind. Naoto arbeitete ja auch parallel für das Design-Beratungsunternehmen Ideo. Dort managte er Projekte, ohne zwangsläufig selbst zu entwerfen. Darum war es einfach für ihn, mit anderen Leuten zusammen zu arbeiten und sie zu integrieren. Er fragte: „Was ist Eure Idee? Was sollen wir machen?“ Häufig haben wir am Telefon über Projekte gesprochen, sodass er nur verbal eine Richtung vorgegeben hat. Für die Mitarbeiter entstand dadurch ein hohes Maß an Freiheit, was sehr motivierend war. 

2012 bis Du nach Mailand gezogen und hast drei Jahre als Freelance-Designer für Fukasawa gearbeitet, bis Du Dein eigenes Studio gegründet hast. Wie ist der Übergang in die Selbstständigkeit gelungen? Es war fast wie ein goldenes Ticket, weil ich jeden treffen konnte, wenn ich gesagt habe, dass ich mit Naoto gearbeitet habe. Doch ich wusste, wenn ich mich selbständig mache, würde ich dieses goldene Ticket wieder hergeben und komplett neu anfangen. Mit großen Namen zu arbeiten, kann einen zu einer Tür führen. Doch es ist nicht zwangsläufig ein Schlüssel, die Tür zu öffnen. Das muss man selbst tun und sich beweisen. Das dauerte natürlich ein paar Jahre und ging Schritt für Schritt. 

Moa für Ligne Roset, 2020. Foto: Ligne Roset
Auf der Kölner Möbelmesse 2020 hast Du ein erstes Projekt für Ligne Roset präsentiert, den Lounge-Sessel Moa. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Ich habe Michel Roset an der Designhochschule Ecal in Lausanne getroffen. Wir waren beide in die Jury der Master-Studiengänge 2018 eingeladen. Michel mochte, wie ich mit den Studenten über ihre Projekte gesprochen habe. Er fragte mich nach meinem Kontakt und ein Jahr später haben wir uns in Paris auf einen Kaffee getroffen. Er sagte, dass Ligne Roset etwas bräuchte, um stärker im Contract-Bereich Fuß zu fassen. Und er fragte, ob ich das probieren wollte. Ich sagte zu und habe einen Monat später die ersten Skizzen geschickt. Der fertige Sessel sieht fast genauso aus, wie ich ihn für die erste Präsentation gezeichnet habe. 

Was ist das Markante an diesem Entwurf? Die Polstermöbel der italienischen Marken sind streng geometrisch, sehr kubisch und scharf in ihrer Anmutung. Bei Ligne Roset gibt es hingegen eine ganz andere Ebene der Weichheit. Ich mag diesen Polsterstil, weil er die Leute dazu einlädt, Platz zu nehmen. Indem dieser Lounge-Sessel über einen mittigen Drehfuß verfügt, kann er von einem privaten in einen öffentlichen Modus wechseln – je nachdem ob die Rück- oder Vorderseite zum Betrachter zeigt. Diese Doppeldeutigkeit fand ich sehr spannend. Mein Entwurf sollte etwas sehr Freundliches und Weiches besitzen: Das Gefühl, von einem Möbelstück umarmt zu werden. Zugleich gibt es eine scharfe Außenkante, die den Übergang zur Rückseite und damit auch die Grenze zwischen öffentlich und privat definiert. 

Was hat es mit dem Namen Moa auf sich? Moa heißt der größte Vogel, der vor mehreren Hundert Jahren in Neuseeland lebte. Die Tiere besaßen sehr starke Beine, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Gestell dieses Sessels haben. Für mich liegt darin ein persönlicher Bezug: Ich bin in Japan geboren, doch als Teenager mit meinen Eltern nach Neuseeland gezogen und dort zur Schule gegangen. Darum habe ich erst die kleinen Beistelltische für Living Divani Kiwi genannt. Und weil dieses Sitzmöbel sehr viel größer ist, heißt es Moa. 

Der Lounge-Sessel scheint aus dem Boden heraus zu wachsen. Was war die Idee dahinter? Ich habe einen rollbaren Eames-Aluminium-Stuhl bei mir im Büro, den ich sehr mag. Doch was mir nicht gefällt, ist, dass meine Beine immer wieder an die Räder stoßen. Darum wollte ich das Gestell bei Moa so flach wie möglich auf den Boden aufsetzen, damit es beim Sitzen nicht stört. Flachmetall trägt weniger stark auf und hat für mich eine höhere Wertigkeit als Metallrohr, das immer wie ein Teilstück einer Wasserleitung aussieht. Flachmetall gibt dem Möbel einen sehr viel eleganteren Charakter.

Worin liegt die größte Herausforderung im Design?
Nicht das Entwerfen selbst ist am Schwierigsten. Es ist vor allem die Ehrlichkeit mit sich selbst. Auch wenn der Kunde zufrieden mit einem Entwurf ist, gibt es manchmal noch Aspekte, die einen als Designer stören. Das kann ein Logo sein, das kurz vor dem Messeauftritt an einer seltsamen Stelle angebracht wurde oder etwas anderes. Ich glaube, dass es wichtig ist, hier etwas zu sagen. Denn häufig ist es möglich, noch etwas zu verändern. Wenn man nichts sagt und es so bleiben lässt, wird man im Inneren mit diesem Produkt immer unzufrieden sein. Man frisst es in sich hinein und bereut es dann. 

Man muss für einen Entwurf kämpfen? Man darf natürlich nicht aggressiv sein, denn sonst riskiert man, seine Kunden zu verlieren. Man sollte seine Meinung sagen, aber umgekehrt auch die Meinung von anderen akzeptieren. Es geht nicht darum, nur das durchzusetzen, was man will. Es geht um bestmögliche Kompromisse. Viele Gestalter denken, dass ein Produkt ihnen gehört. Aber das tut es nicht. Es ist das Produkt der jeweiligen Firma, für die die Designer einen Beitrag leisten. Das beste Kompliment ist doch, wenn die Kunden in einen Laden kommen und etwas kaufen, ohne den Namen des Designers überhaupt zu kennen. Daran zeigt sich, ob ein Entwurf wirklich gut ist oder nicht. 
Gläser-Set High Rise für Ichendorf Milano, 2019. Foto: Ichendorf Milano

Große Elektronikfirmen und Autohersteller versuchen über Marktforschung herauszufinden, was die Kunden wollen. Ist das der richtige oder falsche Weg? Ich hasse Markforschung, weil sie die Leute einengt. Man setzt ihnen drei Entwürfe vor und sie sollen sich für einen entscheiden – selbst wenn sie keinen davon wirklich gut finden oder vielleicht etwas ganz anderes wollen. Ein viel besser Weg ist es, die Menschen zu beobachten. Ein Freund von mir ist Modedesigner. Ich sagte ihm einmal, dass ich mich immer ein wenig unwohl fühle, ihn zu treffen, weil er immer so elegant ist. Er meinte: „Sei nur Du selbst. Das ist alles. Denn ich schaue mir gar nicht an, was andere tragen oder ob ein Reißverschluss hier oder dort sitzt“. Er schaut vor allem darauf, wie sich die Stoffe mit jeder Umgebung verändern. In Brera, einem sehr eleganten Mailänder Viertel, wird fast nur Kaschmir getragen. Anderswo dominiert Nylon. Dieser Fokus auf die Materialität ist viel interessanter für ihn als die Kleidung selbst.

Und wie ist es bei Dir? Von meiner Wohnung zu meinem Studio fährt direkt eine Straßenbahn. Doch ich laufe lieber, weil ich somit anderen Menschen auf dem Weg begegne. Ich sehe aber auch Gebäude, Geschäfte, Fahrzeuge, die sehr unterschiedliche Hektik des Verkehrs. Ich zwinge mich nicht, etwas zu bemerken. Ich halte nur meine Augen ständig offen.

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