Kjetil Thorsen / Snøhetta

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Text: Norman Kietzmann


Snøhetta ist nicht nur einer der höchsten Berge Norwegens. Mit seinen vier fast gleich hohen Gipfeln diente er als Namensgeber des Architekturbüros, das 1989 vom Norweger Kjetil Thorsen, dem Amerikaner Craig Dykers sowie dem Österreicher Christoph Kapeller in Oslo gegründet wurde. Den Durchbruch erlebte das Büro mit der Biblioteca Alexandria (2002) in Ägypten sowie dem Opernhaus von Oslo (2008), das wie ein Eisberg aus dem Meer aufzutauchen scheint. Neben dem fließenden Übergang von Architektur und Landschaft verfolgt
Snøhetta einen betont interdisziplinären wie kollektiven Entwurfsansatz. Wir trafen Kjetil Thorsen zur Architekturbiennale von Venedig und sprachen mit ihm über rotierende Zylinder, Fußballer in der Oper sowie das erste öffentliche Kino in Saudi-Arabien.


Herr Thorsen, Sie haben den zweiten Abend des Dark Side Club 2012 in Venedig geleitet und dabei der Urheberschaft von Einzelpersonen in der Architektur ein Ende prophezeit. Gehören Stararchitekten zum alten Eisen?


Wir werden sehen, wie lange sie sich halten. Denn Architektur ist nun einmal eine gemeinschaftliche Leistung. In der Debatte über Stararchitekten geht oft verloren, dass auch sie nicht alleine arbeiten, sondern ebenfalls ein Team um sich haben. Natürlich ist es aus kommerzieller Sicht einfacher, einer Arbeit eine Marke aufzudrücken. Was der Kunde dafür bekommt, ist ein Name, aber keine Garantie für einen kreativen Prozess. Dabei ist es spannender, nach neuen Formen der Urheberschaft zu suchen, die weniger auf Personen bezogen sind und vielmehr die Ergebnisse der Arbeit in den Mittelpunkt stellen. Wir selbst haben unserem Büro daher Snøhetta genannt. Wir wollten eine gemeinschaftliche Autorschaft betonen, anstatt ein oder zwei Stimmen den Vortritt lassen. Unsere Arbeit ist ein Chor von Stimmen.

Wie weit würden Sie die Rolle des Kollektivs fassen: Sind auch die Bauherren und Geldgeber in den kreativen Prozesses mit einbezogen?

Das hängt davon ab, um wen es sich handelt. Für mich sind das Wichtigste in der Architektur die Menschen, die ich treffe. Sie spielen eine größere Rolle als die Projekte selbst. Das mag auch ein Grund dafür sein, warum wir uns immer stärker in Richtung kultureller Projekte bewegen und beispielsweise keine Einfamilienhäuser entwerfen. Darin liegt eine bewusste Entscheidung, da man beim Entwerfen von Einfamilienhäusern automatisch in andere Diskussionen eingebunden wird. Wie lebt eine Familie zusammen? Was sind ihre Gewohnheiten? Die Planung wird plötzlich sehr introvertiert.

Gebäude sind keine abgeschlossene Gebilde, sondern einer ständigen Veränderung unterworfen, sei es die Möblierung, die Beleuchtung oder die Gestaltung der Wandfarben. Inwieweit lässt sich der Anspruch auf Autorschaft auf Dauer aufrechterhalten?

In Indien würde man sagen: Das Urheberrecht gehört immer den Müttern, weil sie gebären (lacht). Natürlich ist Urheberschaft ein heikles Thema in der Architektur. Wir haben das bei unserem Opernhaus in Oslo erlebt, wo unsere eigenen Möbel ohne zu fragen durch andere ersetzt wurden. Aber das ist der Lauf der Dinge. Wir planen etwas, und jemand anderes übernimmt es dann. Natürlich macht einen das manchmal traurig. Aber auf der anderen Seite ist das Bedürfnis nach Veränderungen verständlich, wenn ein Haus von neuen Direktoren übernommen wird. Sie wollen dem Gebäude ihren eigenen Stempel aufdrücken. Das ist ein menschliches Bedürfnis. Es ist unmöglich, unsere Gebäude vor Veränderungen in der Gesellschaft und Öffentlichkeit zu beschützen. Das einzige, was Architekten wirklich sichern können, sind ihre Daten auf dem Computer.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit in Ihrem Studio vorstellen: Wie wollen Sie verhindern, dass nicht doch ein Einzelner einen Entwurf für sich beansprucht?


Wir führen regelmäßig Experimente durch, die wir „Mischkunst“ nennen. Sechs Leute malen dabei gemeinsam ein Gemälde. Damit brechen wir die Neigung auf zu sagen: „Das ist mein Bild, dein Bild oder sein Bild!“ Ich denke, darin liegt auch eine Möglichkeit, Architektur zu praktizieren. Die Autorschaft gehört keiner Einzelperson, sondern wird kollektiv gesammelt. Natürlich erfordert das Überwindung. Viele Leute haben Angst im Beruf, sie könnten ihre Position verlieren, keine Anerkennung bekommen oder nicht genügend Geld verdienen. Man muss mit diesen Dingen schon recht entspannt umgehen. Das bedeutet aber auch, dass der glamouröse Faktor zwangsläufig auf der Strecke bleibt. Aber das ist in Ordnung. Darum geht es in der Architektur auch nicht.

Dennoch existieren immer zwei Perspektiven: Die eine ist die Wirkung nach außen als geschlossenes Team. Die andere betrifft den Umgang der Team-Mitglieder untereinander. Lassen sich Hierarchien tatsächlich überwinden?

Wir benutzen dazu verschiedene Methoden. Je nach Größe eines Projektes definieren wir einen virtuellen Zylinder, der weiter oder enger gefasst sein kann. In diesem Zylinder bringen wir verschiedene Leute mit unterschiedlichen Standpunkten und manchmal auch sehr unterschiedlichen Interessen zusammen. Vielleicht kommt einer aus der Musik, ein anderer aus der Kunst oder jemand aus der Sozialwissenschaft. Dann lassen wir diese Leute sich frei in dem Zylinder bewegen in der Gewissheit, dass sie zu einem Konsens zusammenfinden werden. Es ist ein selbstgenerierender Prozess, dessen Ergebnis von einer Einzelperson auf lineare Weise nicht erreicht werden kann. Die einzige Möglichkeit liegt in diesem Zylinder, der rotiert und nicht statisch bleibt.

Das klingt sehr optimistisch. Wie stellen Sie sicher, dass es nicht doch ab und an knirscht?

Natürlich funktioniert es nicht immer. Aber viel schlimmer wäre die Entscheidung, es nicht zu versuchen. Es geht darum, einen Prozess laufen zu lassen. Manchmal laden wir auch unsere Auftraggeber ein, Teil von diesem Team zu werden und auf diese Weise eine gemeinsame Eigentümerschaft zu erzeugen. Wir erlauben dem Kunden, Architekt zu spielen, während sich ein Ingenieur wie ein Künstler benehmen kann. Wir drehen die Positionen um, sodass die Verbundenheit mit der eigenen Profession schwindet. Wenn man kein Spezialist auf einem Feld ist, ist man weniger mit Vorurteilen belastet.

Und kann freier an die Sache herangehen...


Genau. Als ich in Innsbruck Architektur unterrichtet habe, habe ich versucht, die Gewohnheiten meiner Studenten bewusst aufzubrechen. Denn Architektur wird nicht nur mit dem Kopf, der Hand oder dem Bauch gemacht, sondern mit dem ganzen Körper. Wer zum Beispiel gerne länger schläft und dafür später ins Bett geht, sollte plötzlich sehr früh schlafen gehen und früh aufzustehen. Umgekehrt sollten die Frühaufsteher erst spät ins Bett gehen und lange schlafen. Wer Fussball mochte, den habe ich in die Oper geschickt. Auch in unserem Büro praktizieren wir dieses Verfahren. Es geht darum, die eigene Position zu hinterfragen und sich kontinuierlich an neue Situationen anzupassen. Dieses „Transpositionieren“ schafft eine Art Gefahrenzone, in der man die eigenen Gewohnheiten vergisst. Ich bin total fasziniert von dieser Arbeitsweise, weil sie zu großartigen Ergebnissen führt.

Mit ihrem Büro, das rund 100 Mitarbeiter in Oslo und 40 weitere in New York beschäftigt, planen Sie derzeit eine Reihe von Großprojekten rund um den Globus. Ihr Denkmal am Ground Zero soll am 11. September 2013 eröffnet werden. Ihr 2010 vorgestelltes und mit einer Bausumme von mehr als einer Milliarde Euro veranschlagtes Meeresforschungszentrum bei Trondheim liegt dagegen derzeit auf Eis.

Das Budget muss noch vom Parlament bewilligt werden. Aber es gibt ernsthaftes Interesse der norwegischen Regierung, dieses Forschungszentrum auch wirklich zu bauen. Wir rechnen damit, dass sich der Startschuss noch ein bis zwei Jahre verzögern wird. Das Interessante an dem Projekt ist die Energieversorgung über Gezeitenkraft. Es ist erstaunlich, dass sie derzeit in der Region kaum genutzt wird. Wenn man eine Unterwasser-Station baut, liegt es doch nahe, die Energie direkt aus dem Wasser zu gewinnen.

Ebenfalls in Trondheim realisieren Sie mit dem Bürokomplex Powerhouse das erste klimaneutrale Gebäude Norwegens. Bei der Stromgewinnung setzen Sie auf Sonnenkraft. Ein ehrgeiziges Vorhaben im hohen Norden.

Es stimmt, dass uns kaum einer geglaubt hat, dass wir dort ein energie-positives Haus bauen können. Aber die Berechnungen haben ergeben, dass es funktioniert und wir schon nach sechs Jahren mehr Energie produzieren als die gesamten Materialien, die Bauphase sowie der eigene Energieverbrauch des Gebäudes verschlingen werden. Selbst die graue Energie ist nach diesen sechs Jahren ausgeglichen und das Gebäude in seiner Bilanz positiv. Wir haben intensiv mit Experten der Universität Trondheim und den Umweltstiftungen Zero und Hydro zusammengearbeitet.

Seit 2008 planen Sie das King Abdulaziz Center for Knowledge and Culture in Saudi-Arabien, das unter anderem ein Museum, eine Bibliothek, ein Theater und ein Kino umfassen und von einem weitläufigen Park umrundet sein wird.

Das Projekt ist im Bau, allerdings hinken wir im Zeitplan deutlich hinterher. Aber ich glaube, dass es in diesem Fall in Ordnung ist. Denn das Zentrum wird enorme soziale Auswirkungen auf die Menschen in Saudi-Arabien haben, die kulturelle Veranstaltungen dieser Art kaum gewohnt sind. In dem Gebäude wird es das erste öffentliche Kino in Saudi-Arabien geben, wofür die religiösen Grenzen der Kultur sowie im Umgang mit Bildern sehr vorsichtig verschoben werden müssen. Das ist eine hochsensible Angelegenheit. Auch der Ort ist symbolisch: Das Kulturzentrum entsteht auf dem ersten Ölfeld Saudi-Arabiens.

Vielen Dank für das Gespräch.


Zum Thema: Weitere Berichte aus Venedig lesen Sie in unserem Special sowie im Biennale-BauNetz-Blog: www.baunetz.de/biennale

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