Konstantin Grcic

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Text: Franziska Horn, 31.07.2007

„Er hat den Blickwinkel auf das Möbeldesign verändert“, heißt es. Konstantin Grcic, Jahrgang 1965, zählt zu den Protagonisten der internationalen Designszene und gilt als Intellektueller mit Understatement. „Seine Bodenhaftung gehört zu seinen größten Leistungen“, sagt sein Wegbegleiter Nils Holger Moormann. Zur Biografie von Grcic gehören eine Ausbildung zum Schreiner und das Studium am Royal College of Art in London. Dazu kommen zahlreiche Ausstellungen, preisgekrönte Entwürfe und namhafte Hersteller. Was ihn wirklich auszeichnet, ist der immer neue Blick auf bestehende Dinge. Und während die Szene ihn als kreativen Sympathieträger feiert, stellt sich der Industriedesigner wirklichen Fragen – den nach Designprozessen und tatsächlichen Bedürfnissen. Heute dürfen wir die Fragen stellen – auf einer kleinen Dachterrasse in der Münchner City, die zum Atelier des hochbeschäftigten Gestalters gehört. Hier arbeiten an „home made“ Pallas-Tischen fünf feste Mitarbeiter – gegen Ende des Jahres sollen zwei weitere folgen. Ob „Chaos“ für ClassiCon, „chair_ONE“ für Magis oder Hängelampe „Mayday“ für Flos: Seine Entwürfe bevorzugen eine reduziert-geometrische Formensprache. Sie bedienen sich wie er selbst echter Zurückhaltung.
Der Name Konstantin Grcic wird – nicht nur in deutschen Medien – als Superlativ in Sachen Design gehandelt. Herr Grcic, was antworten Sie, wenn man all diese Wertungen außer acht lässt und fragt: Wer sind Sie und was machen Sie?
Ich bin Industriedesigner. Ich entwerfe Dinge, die mal in Serie produziert werden, ob fünf Stück oder 50.000 Stück. Ich bin jetzt 42 Jahre alt, lebe seit 15 Jahren in München und arbeite seit dieser Zeit selbstständig – ich mache die Dinge, die ich machen möchte. Es passiert viel und nach 15 Jahren ist dieser Beruf immer noch genau so offen wie zu Anfang – er hat viel mit meinem Leben zu tun, das sich in sich nicht verändert hat und er gibt mir immer wieder die Möglichkeit, aus Reisen, Begegnungen und Orten zu schöpfen. Daneben sind mir die Personen und auch der Kontext sehr wichtig, in dem ich arbeite.
Welche Art von Kontext ist das?
Industriedesign bedeutet immer eine Art von Zusammenarbeit, ich entwerfe nicht alleine sondern mit einer Industrie zusammen. Dahinter stehen bestimmte Menschen, ein klarer Kontext und immer wieder die Frage: Wer sind diese Menschen? Wo leben sie? Was können sie? Was produzieren sie – ist das Hightech oder sehr einfach, eher handwerklich oder sehr automatisiert...
Daneben ist der Kunde wichtig. Provokant gefragt: Bedeutet Industriedesign, für einen Massengeschmack zu entwerfen...
Nein!
...und wie sieht dieser Kunde aus?
Das ist natürlich fiktiv, aber sehr wichtig. Ich habe als Industriedesigner ja nie den Kontakt zum End-User. Ich muss ihn mir also vorstellen, er hat ein Gesicht, einen Namen und eine Form von Ausprägung und Charakter. Mir fallen dazu diese Kinderbücher mit Klappbildern ein, wo man zum Beispiel einen Delfinkopf mit einem Tigerrumpf und Pinguinfüßen kombiniert. Klingt fast absurder, als es ist. In meiner Vorstellung entsteht also eine Art Zwitterfigur, die nicht auf den größten gemeinsamen Nenner oder die Masse abzielt. Ich glaube, entscheidend in unserer heutigen Gesellschaft ist die Anerkennung von Individuen oder Menschen, die sehr unterschiedlich sind: Da ist der Bankangestellte, der in den Ferien Abenteuerurlaub macht. Oder der Leistungssportler, der nicht weiß, wie man eine Dose aufmacht. Und ein Musikkenner muss sich nicht zwangsläufig mit Design auskennen.
Muss man sich mit Design auskennen, wenn man ein Produkt von Konstantin Grcic kauft?
Nein, das muss man nicht. Das ist das Spannende, dass dieses Produkt irgendwann für sich alleine steht und spricht. Irgendetwas passiert zwischen Produkt und Käufer – und er kauft es oder eben nicht. Trotzdem arbeite ich mit einem gewissen Niveau und Anspruch, der mir entspricht, schließlich fließt meine gesamte Erfahrung mit ein. Aber es wäre arrogant, mein Denken über das des Kunden zu stellen. Jeder weiß etwas über Design. Wir alle haben seit unserer Kindheit mit Design zu tun, wir alle können es lesen und verstehen. Fast jeder hat eine Meinung dazu, das ist das Interessante. Ich mag es, wenn Leute sehr subjektiv und ehrlich auf Dinge reagieren und nicht meinen, sie müssten etwas gut finden, weil sie gelesen haben, sie müssten es gut finden.
Wollen Sie verstanden werden mit all jenen Gedanken, die in einen Entwurf einfließen?
Nicht unbedingt. Natürlich will ich meine Gedanken zum Ausdruck bringen, aber ich weiß, dass diese offen interpretierbar sind. Ich will nicht belehren. Ich nehme mir die Freiheit des Ausdrucks und die ist wichtig. Gutes Design muss diese Freiheit zulassen. Und dazu den Künstler, Designer oder Autor spürbar machen. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich nicht nur einen technischen Text lesen, sondern ein Gefühl dafür bekommen: Wer hat das eigentlich geschrieben?
Aber neben dem Produkt als Verkaufsartikel leistet man ja auch einen Beitrag zum Design und vielleicht zur Designgeschichte – und dieser Beitrag ist mir wichtig. Es sind manchmal kleine Dinge, die diese Evolution voranbringen. Wenn ich heute einen Stuhl mache, tue ich das nur, weil ich glaube, dass ich zum Thema Stuhldesign noch etwas beitragen kann.
Hat ein Objekt nur dann eine Existenzberechtigung, wenn es eine neue Aufgabe, Funktion oder Anmutung erfüllt?
Auf gewisse Weise. Was nicht heißt, dass Design die Dinge neu erfinden muss. Das Neue ist im Sinne der Evolution oft eine kleine Änderung oder Korrektur. Innovation bedeutet nicht zwingend den großen Wurf, sondern dass man aus dem lernt, was es schon gibt, dass man die Dinge umdreht und sie neu betrachtet. Im Grunde sind es immer dieselben Dinge, mit denen wir Designer uns beschäftigen. Mich hat noch niemand aufgefordert, etwas zu entwerfen, was es noch nicht gibt. Es geht oft eher um eine neue Technologie, die etwas Bewährtes besser umsetzen kann. Unser Leben verändert sich in der Form, wie wir damit umgehen.
Designtheoretiker geben aktuell die Parole aus, dass der Begriff Design vom Begriff Innovation abgelöst wird...
Das ist Quatsch. So etwas nervt mich! Da werden oft Theorien erfunden, dabei fehlt der konkrete Beitrag zum Thema Design. Ich weiß, wie schwierig es noch immer ist, eine Schraube gerade in ein Brett zu kriegen, ein Problem, an dem die Industrie und damit auch wir Designer arbeiten. Die wirklichen Fragen sind doch, dass die Ressourcen zu Ende gehen, wir andere Lösungen finden müssen, wir physische Dinge entwerfen und produzieren müssen, mit denen Menschen leben können. Innovation statt Design – solche Schlagworte werden oft missverstanden. Und am Ende geht jemand zu einem Designer wie Jasper Morrison und fragt: „Herr Morrison, wo ist die Innovation?“ (amüsiert sich)
Schätzen Sie das Reden über Design, die Suche nach Theorien und wenn ja, in welcher Form?
Ich schätze das sehr und vermisse es eigentlich. Die Presse ist oft unkritisch und betreibt mehr so eine Art Wiederverwertung, ein wirklicher Diskurs über Design findet zu selten statt. Und es gibt diese Theoretiker von manchen Hochschulen, die schmieden ihre Thesen und finden das Kiki-Kram, was ich mache. Meine Arbeit ist sicherlich „old school“, aber ich nehme sie ernst, diese Form von Design gibt es und sie hat ihren Wert. Es gibt wenige Foren, wo Designkritiker und Journalisten dieses Thema wirklich ernsthaft bearbeiten. Oft findet sich eine Abfolge von Statements ein, mit sehr unterschiedlichen Positionen, die dann aber nicht diskutiert werden. Was sicher spannend wäre.
Hat die Ulmer Hochschule für Gestaltung, die HfG, einen relevanten Ansatz in dieser Diskussion vertreten?
Dinge zu diskutieren ist eine sehr deutsche Eigenschaft. In England, wo ich meine Lehre gemacht und studiert habe, gibt es das so nicht. Hier in Deutschland ist Design sehr theorielastig geworden. Das ist ja nur ein einzelner Aspekt, sich in Theorien zu flüchten und die Dinge so festzulegen, wie es die Ulmer Hochschule versucht hat, so eine Art von Programmatik: „So soll es sein, so müssen wir arbeiten!“ Am Ende hat die Designgeschichte aber mehr über italienisches als über deutsches Design diskutiert, auch weil die Italiener sehr viele und sehr unterschiedliche Dinge gemacht haben.
Gibt es das überhaupt: deutsches Design?
Wenn man einen Deutschen nimmt, hier aufgewachsen und ausgebildet, und mit einer deutschen Firma zusammentut, dann entstehen Objekte, die stark von diesem Kontext geprägt sind. Andererseits gibt es sicher Designer in Skandinavien oder China, die noch stärker jene Eigenschaften verkörpern, die wir deutschem Design zuordnen. Diese Kategorien sind mir nicht wichtig. Sicher ist eine regionale Eigenheit etwas Gutes, aber auch da gibt es ein Gefälle von Nord nach Süd – und Design aus Schwaben ist etwas anderes als Design aus Sachsen.
Mit einem Augenzwinkern: Vielleicht könnte man ja den sogenannten Cola-Test anwenden, um unter zehn Stühlen das deutsche Modell herauszufinden...
Wie war noch mal der Pepsi-Test... (lacht) aber so etwas Ähnliches gibt es, einen Test mit und ohne Augenbinde, bei dem man Stühle einmal optisch beurteilt und dann rein haptisch. Bekannterweise fallen die Resultate sehr unterschiedlich aus. Aber die Zuordnung „deutsch“ lässt sich sicher nicht auf eine Produkt-Eigenschaft reduzieren oder festlegen....
Die Unterschiede sind vielleicht schon mit der Ausbildung angelegt. Es gibt Architekten, die designen und Designer, die designen. Wie sehen Sie die Ausbildung in Deutschland?
Das ist ein Riesenthema. Die Architektur ist die Königsdisziplin und gerade in Italien sehr umfassend. Das hat mit die besten Designer hervorgebracht, wie Gio Ponti oder Ettore Sottsass. Heute sieht es da anders aus, wo sind die jungen italienischen Designer? Vorne an stehen Holland, Frankreich, England und Skandinavien. Die deutschen Designer stehen nicht so gut da, obwohl es gute Schulen gibt. In der Köln School of International Design zum Beispiel bildet man Designer eher als Manager und Strategen aus, ein Gegenpol wären die Akademien in Stuttgart, Karlsruhe, Hamburg und Weimar. Diese Landschaft an Designhochschulen ist gut, aber wo gehen die Talente hin? Viele leisten gute Arbeit in größeren Unternehmen, bleiben als Person aber unsichtbar.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie die Idee nicht mögen, ein gesamtes Interieur zu gestalten, weil Sie dem Bewohner nicht vorgeben möchten, wie er zu leben hat. Wie stehen Sie heute dazu?
Es stimmt, dass ich keine privaten Interieurs plane. Aber ich denke zunehmend architektonischer: Aktuell plane ich die Innenausstattung für das Parrish Art Museum auf Long Island, ein Projekt der Architekten Herzog & de Meuron, das Ende 2009 fertig werden soll. Außerdem konzipiere ich die neue Innenausstattung für die internationalen Verkaufsräume des mallorquinischen Schuh-Labels Camper, die voraussichtlich 2008 eröffnet werden.
An welchen Projekten arbeiten Sie noch?
Da ist zum Beispiel ein gemeinsames Projekt mit der BASF AG, die an uns herangetreten ist mit der Aufgabe, den für Fahrzeuginnenräume hergestellten Kunststoff Ultradur anderweitig einzusetzen. Unser Vorschlag war, einen Stuhl zu produzieren. Und obwohl man eigentlich nur Möglichkeiten damit aufzeigen wollte, hat mein Büro diese Idee zur Serienreife weiter entwickelt, der italienische Hersteller Plank wird ihn nun produzieren. Der Stuhl wird im Juli erstmals in Ludwigshafen präsentiert und im Januar natürlich auf der IMM in Köln vorgestellt. Das bedeutet, dass ich künftig mit neuen, auch größeren Firmen zusammenarbeiten werde. Ich habe insgesamt vor, mich zu verändern und neue Wege zu gehen.
Vielen Dank für das Gespräch.
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