Konstantin Grcic

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Text: Norman Kietzmann, 03.05.2011


Konstantin Grcic hat die Industrieform wohnlich gemacht. Geboren 1965 in München, absolvierte er eine Ausbildung zum Möbelschreiner und ging anschließend nach London, um am Royal College of Art Design zu studieren. Nachdem er ein Jahr als Assistent für Jasper Morrison tätig war, machte er sich 1991 mit seinem Designstudio in München selbständig. Mit seinen Entwürfen für Unternehmen wie Cassina, Classicon, Established & Sons, Flos, Magis, Plank oder Vitra, überträgt er die Ästhetik klassischer Industrieprodukte auf wohnliche Produkte des Alltags. Seine Leuchte Mayday (1998), die mit einer integrierten Kabelwinde und einem Haken an eine Leuchte aus dem Baumarkt erinnert, wurde auf Anhieb in die ständige Sammlung des MoMA aufgenommen und erhielt 2001 den italienischen Designoscar Compasso d‘oro. Wir trafen Konstantin Grcic in Mailand und sprachen mit ihm über rotierende Gartenstühle, beschleunigte Sessel und mehr Vernunft in der Produktion.



Herr Grcic, auf der Mailänder Möbelmesse haben Sie mit Waver soeben Ihr erstes Gartenmöbel für Vitra vorgestellt. Was hat es mit dem Entwurf auf sich?

Auch wenn der Stuhl in seinen Dimensionen recht groß wirkt, ist er sehr einfach in seiner Konstruktion. Er hat schon beinahe etwas Primitives (lacht). Man sitzt lediglich in einer Art Hängematte, die über zwei Gurte in einen Rahmen aus Stahl eingehangen ist. Die Anwendung im Garten führt dabei zu einem recht speziellen Komfort. Denn Polster funktionieren nicht im Freien, da sie sich im Regen vollsaugen würden. Darum haben wir mit einer weichen, textilen Membran gearbeitet, um auf eine Polsterung verzichten zu können. Diese musste nicht nur beständig gegen UV-Strahlen sein. Auch die Temperaturentwicklung spielt eine wichtige Rolle, da Gartenmöbel schließlich lange in der Sonne stehen. Ein Stuhl aus Aluminium würde viel zu heiß werden, als dass man auf ihm noch sitzen möchte.

Mit seinem Gestell aus Stahlrohr erinnert das Möbel unweigerlich an einen Campingstuhl...

Ja, das sind Typologien, die ich sehr interessant finde. Bei der Recherche habe ich geschaut, was es an Equipment alles gibt und fand vor allem im Sportbereich recht interessante Lösungen. Dennoch war unsere Recherche recht weit gefächert, um etwas zu finden, was es bislang noch nicht gibt. Denn viele Themen sind in den letzten fünf Jahren in punkto Gartenmöbeln schon besetzt worden. Davon wollten wir uns klar differenzieren.

Gelungen ist Ihnen dies mit einem ungewöhnlichen Detail: Als erstes Gartenmöbel verfügt Waver über einen Drehfuß. 


Ein Drehgelenk verbindet man eigentlich gar nicht mit der Außenwelt, sondern eher mit Bürostühlen. Aber warum nicht auch dieses Prinzip nach draußen bringen? Denn die Mechanik funktioniert im Grunde sehr einfach. Anstatt eines Kugelgelenks haben wir eine drehbare Teflonscheibe verwendet, für die die Witterung kein Problem darstellt. Auch wenn der Stuhl recht einfach wirkt, steckt also dennoch eine gewisse Komplexität dahinter. Hinzu kam: Indem wir die Form vereinfacht haben, konnten wir uns stärker auf die Qualität konzentrieren, sodass die Verarbeitung für einen Gartenstuhl ungewöhnlich präzise ist. Das Lustige war, dass ich bei der Umsetzung gleich mehrfach gefragt wurde: „Herr Grcic, wollen Sie das nicht noch einmal überarbeiten?“ und ich jedes Mal meinte, „Nein, nein. Das lassen wir so“ (lacht). Ich wollte mich absichtlich der Erwartung verweigern, dass alle Produkte immer hochtechnologisch oder raffiniert sein müssen. Wenn man einen Entwurf zu lange überarbeitet, geht seine Kraft verloren.

Bei Ihrem Stapelstuhl Myto, den Sie 2007 für Plank entworfen haben, sind Sie genau in die umgekehrte Richtung gegangen und haben in Zusammenarbeit mit BASF ein komplexes Verfahren entwickelt, um den Freischwinger in einem Stück aus Kunststoff herzustellen. Warum sollte Waver dagegen betont „lowtech“ sein? Wirkt zuviel Technologie im Garten womöglich unangebracht?

Ich wollte diesmal bewusst Formteile für das Spritzgussverfahren vermeiden, weil sie automatisch hohe Investitionen in Werkzeuge bedeuten. Auf diese Weise konnte ich freier arbeiten, weil das Möbel nicht in die Stückzahlen eines Bürostuhls oder eines Stapelstuhls geht. Wenn bereits in die Entwicklung sehr viel Geld investiert wird, setzt man sich einem unnötigen Druck aus, diese Kosten wieder einzuspielen. Darum haben wir den gesamten Fertigungsprozess recht einfach gehalten. Das Gestell besteht aus Stahlrohren, die gebogen und verschweißt sind. Dann gibt es ein paar Formteile aus Kunststoff, die aber eher als Verbindungselemente und weniger als tragende Struktur dienen. Der Rest ist lediglich ein Stück Stoff.

Obwohl Waver als erstes Produkt einer Serie von Gartenmöbeln vorgestellt wurde, an der Sie derzeit für Vitra arbeiten, haben Sie den Entwurf bewusst als Solitär beschrieben. Warum?

Es war mir wichtig, dass der Stuhl im nächsten Jahr keine Kinder bekommt und in diese oder jene Richtung eine Abwandlung erfolgt. Das ist – ohne ihn jetzt in eine Reihe zu stellen – wie beim Lounge Chair von Charles und Ray Eames, aus dem auch kein Esstischstuhl geworden ist. Er ist ein Solitär und soll auch so bleiben. Ich denke, es ist eine Krankheit in der Möbelindustrie, dass immer alles gleich durchdekliniert wird und aus einem Stuhl ein Sessel, Sofa oder Tisch abgeleitet wird. Denn die Welt der Dinge, mit denen wir uns umgeben, ist nur dann schön, wenn sie heterogen ist und unterschiedliche Möbel miteinander kombiniert werden. 

Ein Entwurf, mit dem Sie auf der Mailänder Möbelmesse für leichte Irritationen gesorgt haben, ist der Sessel Avus für Plank. Stimmt es, dass Sie für die massive, bullige Außenhaut eine Technologie von der Automobilindustrie verwendet haben?


Ja, wir haben die äußere Schale aus einem thermisch verformten ABS-Kunststoff erzeugt, der vor allem im Fahrzeugbau Verwendung findet. Dieses Verfahren ist einerseits sehr kosteneffizient und dennoch hoch industriell. In gewisser Weise hat auch dieses etwas Primitives an sich. Denn richtige Serienhersteller wie Audi oder BMW arbeiten nicht mit dieser Technologie, dafür aber Fahrzeugfirmen, die in kleineren Stückzahlen produzieren wie Hersteller von Omnibussen, Flugzeugen oder landwirtschaftlichen Maschinen. Auch Möbel bedeuten automatisch geringe Stückzahlen, da muss man sich nichts vormachen. Mit der Liga der Automobilindustrie können sie zahlenmäßig nicht mithalten. Darum schien mir dieses Verfahren am angemessensten.

Liegt darin eine neue Bescheidenheit oder wirtschaftliche Vernunft?

Ich finde es wichtig, immer eine Verhältnismäßigkeit zu finden. Material und Technologie sollten in Relation zu dem stehen, was ein Möbel ist. Schließlich markiert der Entwurf auch für das Unternehmen Plank einen großen Schritt von 200-Euro-Produkten wie dem Myto Chair zu einem Möbel, das plötzlich 2000 Euro kostet. Bei einem Bürostuhl, der millionenfach verkauft wird, ist ein hoher Technologieeinsatz absolut gerechtfertigt. Wenn wir den Avus Sessel dagegen 500 mal im Jahr verkaufen, sind wir gut. Dasselbe gilt für Waver. Wir rechnen nicht damit, dass wir zehntausende Stühle im Jahr verkaufen, sondern vielleicht eintausend. Das bedeutet, dass wir eine angemessen Form finden müssen, um solche Entwürfe produzieren zu können.

Bislang haben Sie sich vor allem mit Entwürfen einen Namen gemacht, die eine betont industrielle Ästhetik in den Wohnraum übersetzt haben. Gleichzeitig haben Sie im vergangenen Jahr Entwürfe für die venezianische Glasmanufaktur Venini als auch den italienischen Marmorhersteller Marsotto angefertigt. Liegt darin ein Widerspruch zu ihren früheren Arbeiten?

Nein, weil auch Materialien immer mit Verhältnismäßigkeit zu tun haben. Manche Produkte erfordern, dass sie mit raffinierter Technologie umgesetzt werden. Bei anderen Arbeiten sind diese einfachen, klassischen Materialien weitaus angemessener. Sie sind in gewisser Weise auch charmanter, um nun auf das große Thema von Nachhaltigkeit und Ökologie zu kommen. Denn diese Aspekte haben in meinen Augen schon immer eine Rolle in der Möbelindustrie gespielt. Das ist auch der Grund dafür, warum wir uns heute noch gerne mit Dingen umgeben, die 50 oder 100 Jahre alt sind. Sie haben genau das richtige Maß gefunden für das Material, aus dem sie gearbeitet wurden. Denn Möbel sind Gegenstände, die potenziell sehr lange leben. Diese Lebenszeit muss man mit einrechnen, dass sie eine schöne Patina bekommen. Bei einem Mobiltelefon ist dies vollkommen unwichtig, weil es ohnehin nach zwei Jahren wieder durch ein Neues ersetzt wird. Doch Möbel müssen altern können.

Vielen Dank für das Gespräch.


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