Leo Lübke

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Text: Norman Kietzmann


Leo Lübke ist Geschäftsführer der Unternehmen Interlübke und COR. Geboren 1963 im westfälischen Rheda-Wiedenbrück, absolvierte er zunächst eine Banklehre, bevor er an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel Industriedesign studierte. Während seiner Studienzeit fasste er den Entschluss, in das väterliche Unternehmen einzusteigen und übernahm 1995 die Leitung des Polstermöbelherstellers COR. Nach dem Tod seines Vaters im Oktober 2006 übernahm er zudem die Geschicke des Systemmöbelanbieters Interlübke, den er heute in dritter Generation leitet. Das 1937 von den Brüdern Hans und Leo Lübke gegründete Unternehmen fertigt heute mit seinen 293 Mitarbeitern ausschließlich am Standort Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh. Als Wegbereiter der Schrankwand hat Interlübke die Wohnkultur in Deutschland entscheidend mitgeprägt und feiert 2012 sein 75-jähriges Bestehen. Ein Gespräch über lebendige Baukästen, exhibitionistische Regale und das Wohnen im Patchwork.


Herr Lübke, das Unternehmen Interlübke feiert 2012 sein 75-jähriges Bestehen. Was macht den Erfolg der Produkte aus?


Der Designer Rolf Heide hat mal gesagt: Interlübke ist Liebe auf den zweiten Blick. Es ist nicht so, dass einen die Produkte „anschreien“. Aber wenn man sich mit ihnen beschäftigt, sieht man viele gut gemachte Details und schätzt die Hochwertigkeit in der Verarbeitung, die Langlebigkeit oder die Montagefreundlichkeit. Es ist ein wenig wie in der Musik. Es gibt die Ohrwürmer, die einen aber auch schnell nerven. Und es gibt die Musik, bei der man sich in die Harmonien erst hineinfühlen muss. Interlübke steht eher auf dieser Seite. Ohrwürmer sind weniger unsere Sache.

Das Unternehmen hat sich in den sechziger Jahren mit der Entwicklung von Aufbewahrungssystemen einen Namen gemacht und war darin auch international Vorreiter. Wie vollzog sich der Schritt vom Einzelmöbel zur bespielten Wand?

Vorbilder waren natürlich Hans Gugelot und die Ulmer Schule, die vom Einzelmöbel weg wollten. Mein Großvater hatte sich Ende der fünfziger Jahre überlegt, wie man die ganze Wand lückenlos verplanen könnte – als wäre sie ein großer Träger. Das wurde anfangs mit Einzelelementen realisiert, die einfach direkt nebeneinander gestellt wurden. In den sechziger Jahren kamen dann Systeme, sie sich lückenlos planen ließen, ohne Material zu verschwenden. Denn wenn man einzelne Kommoden aneinander stellt, ergeben sich immer doppelte Seitenwände. Mit der Schrankwand wurde das aufgelöst und die Planung erfolgte noch logischer und baukastenhafter.

Interlübke gilt heute als Synonym für die Schrankwand, die in den letzten Jahren jedoch ein wenig aus der Mode kam. Inwieweit verändert die stärkere Tendenz zu Einzelmöbeln Ihre Planung?

Es stimmt, dass sich die Haltung gegenüber den sechziger und siebziger Jahren grundlegend verändert hat. Die Kunden werden immer individueller und die Varianten der Möbel nehmen weiter zu, sodass die Serienproduktion in spé gar nicht mehr rentabel ist. Da stellt sich die Frage, ob wir uns nicht wieder mehr in Richtung Handwerk und Manufaktur entwickeln müssen mit reiner Kommissionsfertigung. Immer mehr Kunden setzen heute lieber auf Einzelmöbel, um sich nicht festzulegen. Vielleicht ziehen sie nach fünf Jahren wieder um und wollen den Schrank nicht zurücklassen, der perfekt auf die Wohnung abgestimmt wurde.

Also hat die Schrankwand ausgedient?


Warum? Es gibt den Trend, dass sich Wohnräume öffnen und nicht so abgekapselt sind wie früher. Das heißt aber auch, dass weniger Wände zum Möblieren zur Verfügung stehen und sinnvoller genutzt werden müssen. Systeme haben also auch weiterhin eine feste Berechtigung. Wir sind daher zurzeit dabei, diese beiden Ansätze unter einen Hut zu bekommen. Denn Einzelmöbel lassen sich ja auch aus einem System ableiten. Andersherum geht es nicht, worin wir für uns eine große Chance sehen. 

Mit bookless haben Sie ein Regal präsentiert, das anstelle eines offenen Systems aus vorgefertigten Modulen besteht. Was unterscheidet den Entwurf von früheren Programmen? 


Unsere Möbel waren bisher immer recht statisch und auch sehr architektonisch. Es ging darum, etwas zu organisieren, aufzubewahren und vor den Augen zu verschließen, damit man Ruhe im Raum behält. Bookless tritt dagegen nach vorne. Es will etwas zeigen und präsentieren. Also genau entgegengesetzt zu dem, was wir früher gemacht haben. Es ist expressiver und ein wenig exhibitionistischer. Die Leute wollen dort ihre Urlaubserinnerungen hinstellen, auf die sie stolz sind oder eine kleine Sammlung zeigen. Das Regal ist fast schon wie ein Schmuckstück, das ein Eigenleben unabhängig von der Architektur führt.

Es besitzt eine skulpturale Qualität ...


Ja, ein normales Regal von Interlübke wie studimo fängt erst dann an, interessant zu werden, wenn es eingerichtet ist. Ich habe oft von Leuten gehört, die sich eine riesengroße Regalwand gekauft haben und anfangs immer noch leere Fächer hatten. Da mussten sie anfangen zu dekorieren, damit es nicht so nackt aussieht. Das muss man bei bookless nicht. Es kann wachsen und sich immer wieder verändern, je nachdem was man in das Regal hineinstellt.

1995 haben Sie mit 32 Jahren die Geschäftsführung des Schwesterunternehmens COR übernommen, das auf die Herstellung von Sitzmöbeln ausgerichtet ist. Dabei sind Sie kein gelernter Wirtschaftslenker, sondern haben in Kiel Möbeldesign studiert. Es heißt, Sie waren sich anfangs gar nicht so sicher, ob Sie den Job annehmen wollten. Stimmt das?

Ja, als mich mein Vater fragte, ob ich COR übernehmen wolle, habe ich erst gezögert. Ich wollte ja eigentlich Designer werden und nicht Unternehmer. Doch dann ist mir bewusst geworden, wie viel das Design mit meinem heutigen Job zu tun hat. Ich entwerfe selbst zwar nicht, bin aber immer im Gespräch mit den Designern. In die Konzeptphase bin ich sehr stark involviert. Das hatte mir auch im Studium immer am meisten Spaß gemacht. Ich war kein großer Zeichner und Modellbauer. Insofern habe ich doch noch meinen Traumberuf gefunden, obwohl es anfangs gar nicht so aussah.

Führt man ein Unternehmen als Gestalter anders und geht auch an die Planung von Produkten anders heran?

Vor allem am Anfang wurde mir von den Designern bestätigt, dass ich mich besser in ihre Situation hineinversetzen kann als ein Unternehmer, der von der betriebswirtschaftlichen Seite kommt. Das haben sie als sehr angenehm empfunden. In den letzten Jahren ist mein Verständnis für die betriebswirtschaftlichen Anforderungen immer stärker geworden. Ich musste mich ja fast schon emanzipieren vom Beruf des Designers.

Hat es Sie nicht gereizt, selbst zu entwerfen?


Am Anfang natürlich sehr, zumal ich im Studium mit einem Kommilitonen einen Möbelentwurf für COR angefertigt hatte. Das war das Büromöbelsystem Contract und ursprünglich ein Projekt an der Hochschule. Mein Vater war davon sehr angetan und hat es dann in Serie bauen lassen. Als ich zu COR kam, war eine meiner ersten Taten, dieses System wieder aus der Kollektion herauszuwerfen. (lacht)

Warum?

Weil es von Anfang an das falsche Programm für COR war. 1989 hatten wir die Kollektion von Sitzmöbeln auf Büromöbel ausgeweitet und bei Hartmut Esslinger von Frog Design ein ganzes System in Auftrag gegeben. Das bestand aus Tischen, Regalen und natürlich auch Bürostühlen und Konferenzstühlen. Das war ein ehrgeiziges Projekt und auch vom Design her sehr gelungen. Das Problem war nur, dass COR als reiner Polstermöbler galt und uns niemand abnahm, dass wir auch Büromöbel bauen können. Da haben wir uns wirklich eine blutige Nase geholt. Dann hat mein Vater gesagt: „Wer A sagt, muss auch B sagen. So schnell geben wir als konsequente Westfalen nicht auf.“

Und hat schließlich Ihren Entwurf in die Produktion genommen ...

Genau. Das System war auch nicht ganz so komplex wie das von Hartmut Esslinger, das eigentlich eine Nummer zu groß für uns war. Als ich zu COR kam, habe ich gemerkt, dass wir auf dem Holzweg waren. Wir sollten stattdessen weiter Polstermöbel machen und uns überlegen, wie wir diese außer im Privatbereich auch im Objektbereich verkaufen können. Wenn wir spezielle Programme für diesen Markt entwickeln, können wir unsere Kompetenz und Fertigung dafür viel besser einsetzen als bei Bürotischen oder Schränken. Das ist auch intern auf sehr viel Gegenliebe im Unternehmen gestoßen, sodass wir 1997 die Fertigung von Büromöbeln eingestellt haben.

Das Design spielt für den wirtschaftlichen Erfolg von Möbeln eine entscheidende Rolle. Wie wählen Sie die Gestalter aus, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Das passiert nie allein, sondern immer im Team. Bei COR gehört dazu der Vertriebsleiter, der Produktmanager und eine Expertin aus der Ausstellung, die in engem Kundenkontakt steht und weiß, wie der Endkunde tickt. Sie ist bei uns auch für die Vorauswahl der Stoff- und Lederkollektion verantwortlich. Es kann sogar sein, dass ich mit meinen Vorstellungen unterliege. Wenn wir mit einem neuen Designer arbeiten und merken, dass der Prozess gut läuft und Spaß macht, bekommt er schnell einen Folgeauftrag. Mit Peter Maly arbeiten wir seit 1968 fest zusammen. Auch mit Jehs & Laub und Studio Vertijet haben wir viele Projekte realisiert. Dann kann es sein, dass es eine Zeit wieder ruhiger wird und wir mit anderen Gestaltern arbeiten, um eine andere Handschrift  zu bekommen und nicht zum Synonym für einen bestimmten Designer zu werden. Denn das kann auch eine Gefahr sein.

Studio Vertijet waren sehr jung, als Sie mit Ihnen angefangen haben zu arbeiten. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Ich habe Studio Vertijet 2001 kennengelernt. Sie kamen mit ihrer Mappe vorbei und haben mir ihre Arbeiten gezeigt. Da war ein System dabei, das mir gefiel. Da rief ich sie an und sagte, ich könnte zwar noch keine konkrete Zusage machen. Aber ich könnte mir den Entwurf für COR gut vorstellen, wenn auch die Kombinierbarkeit der einzelnen Elemente verbessert werden müsste. Dann habe ich ewig nichts mehr von ihnen gehört, bis im Juli, wo bei uns schon fast die Sommerpause beginnt, ein neuer Entwurf von ihnen kam und die Frage, wann wir die Prototypen denn bauen würden (lacht). Damit haben wir ja kaum noch gerechnet. Aber das Programm hat uns so begeistert, dass wir alles andere zurückgestellt haben, was wir bis dahin geplant hatten. So begann die Zusammenarbeit mit Studio Vertijet, die wir mit Nuba, Hob und Lava fortgesetzt haben. Mit seiner organischen Form und ausladenden Maßen war Lava ein krasser Gegensatz zu dem, was wir bei COR sonst gemacht haben. Aber es ist eingeschlagen wie eine Bombe.

Inwieweit sind die Unternehmen COR und Interlübke in der Planung neuer Produkte miteinander verbunden? Stimmen Sie die Kollektionen aufeinander ab?

Nein, im Grunde sind sie Parallelwelten, weil Sitzmöbel und Kastenmöbel letztendlich zwei Einrichtungsschritte sind. Denn eine Schrankwand, ein Regal oder Kommodensystem wird von langer Hand geplant. Sie sind Teil der Architektur, weil sie den Raum definieren. In diesen Raum werden die Polstermöbel völlig unabhängig vom Regal oder von einem Schrank platziert. Die meisten Leute, die ein Haus bauen, planen zuerst die Schränke neu. Die Sitzmöbel übernehmen sie häufig von ihrer alten Wohnung, weil sie meistens doch irgendwie passen. Und zur Not wird einfach der Bezug ausgewechselt.

Statt eines homogenen Bildes bestimmt somit das Bruchstückhafte die Wohnung?
 
Ja, denn Homogenität entsprach dem Bild der Klassischen Moderne. Heute ist es anders herum. Wir leben nicht nur in Patchwork-Familien, auch die Möbel sind Patchwork. Alt und Neu finden zusammen wie in einer Sammlung. Das macht das Wohnen sehr lebendig und persönlich, weil es Brüche gibt und nicht alles homogen ist. Deswegen sehe ich auch nicht so sehr das Bedürfnis, Polstermöbel und Kastenmöbel aufeinander abzustimmen. Es ist wie beim Essen, wo es immer mehr Fast Food gibt und gleichzeitig immer mehr Kochsendungen für die Gourmets. Der Markt wird vielseitiger und weitet sich auf.

Vielen Dank für das Gespräch.


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