Lise Anne Couture / Asymptote

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Text: Norman Kietzmann, 06.03.2008

Lise Anne Couture wurde 1959 in Montreal / Kanada geboren. Nachdem sie 1986 ihren Master in Architektur an der Yale University absolviert hatte, ging sie nach New York und gründete dort zusammen mit Hani Rashid 1989 das Büro „Asymptote“. Schienen ihre frühen avantgardistischen Entwürfe noch weit entfernt zu sein von einer späteren Umsetzung, gelang ihnen schließlich 2002 mit dem HydraPier Pavillon im niederländischen Haarlemmermeer der internationale Durchbruch. 2006 und 2007 konnte das Büro gleich zwei der wichtigsten Wettbewerbe Asiens für sich entscheiden: Das World Business Center im südkoreanischen Busan sowie das Global City Center im malaysischen Penang. Wir trafen Lise Anne Couture in Köln und sprachen mit ihr über die Vorzüge virtueller Projekte, den Einfluss neuer Technologien und was sie als Architektin am Kochen besonders reizt.
Frau Couture, unter dem Begriff Asymptote versteht man eine gerade Linie, an die sich eine andere Linie unendlich nahe annähert, sie aber nie erreicht. Warum haben Sie Ihrem Büro diesen Namen gegeben?
Die ursprüngliche Idee war, dass Architektur für uns immer schon viel mit Theorie und Konzeption zu tun hatte. Der andere Teil der Architektur befasst sich mit der Umsetzung dieser Ideen. Man befindet sich in gewisser Weise immer auf diesen beiden Pfaden. Wir fanden die Idee interessant, dass sich diese beiden Linien immer näher kommen und der Raum zwischen ihnen immer dichter wird. Dieses Territorium und diese Dichte sind für uns sehr spannend. Auf der anderen Seite schauen wir darauf, was dieser Begriff für uns als ein praktizierendes Büro bedeuten kann im Sinne einer Zusammenarbeit, um die Ideen von unterschiedlichen Menschen zusammenzubringen. Auch wenn ich Metaphern an sich nicht allzu besonders mag, hilft uns der Begriff „Asymptote“, eine bestimmte Idee von Architektur zu illustrieren, egal ob es Technologien, Konventionen oder theoretische Fragen betrifft. Es geht dabei um Aspekte, die nicht notweniger Weise gegensätzlich als vielmehr komplementär sein können.
Zu Beginn Ihrer Karriere schienen viele Projekte noch sehr weit von einer späteren Umsetzung entfernt zu sein. Momentan bauen Sie jedoch mit dem World Business Center in Busan (Südkorea) sowie dem Global City Center in Penang (Malaysia) zwei der größten Gebäudekomplexe in Asien. Inwieweit hat Sie dabei die frühere Zeit beeinflusst, Ihren heutigen Weg zu finden?
Es ist für uns immer noch ein wenig erstaunlich, wenn Leute sagen: „Oh, nun baut Ihr ja doch noch!“ Denn in unseren Gedanken haben wir eigentlich schon immer gebaut. Es ist nur eine Frage der Umsetzung. Die einzelnen Projekte waren für uns immer mehr oder weniger reell. Auch wenn wir an vielen Wettbewerben teilgenommen haben, die nur ein begrenztes Maß an Details verlangten, hatten wir stets das Gefühl, dass sie wirklich existierten. In unseren Köpfen haben wir immer verstanden, was wir hinsichtlich der Effekte oder der Atmosphäre wollten. Ich denke, dass diese Periode für uns sehr gesund war, da sie uns erlaubte, eine ganze Reihe von Ideen hervorzubringen und gleichzeitig den Wandel aufzusaugen, der mit der Einführung der digitalen Technologien in die Architektur begann.
Inwieweit haben sich diese neuen Technologien auf Ihre Arbeit ausgewirkt?
Das Interessante ist ja, dass Hani Rashid und ich unsere Zusammenarbeit begannen, als Architekten noch gar nicht mit Computern gearbeitet haben. Wir haben uns bereits viel für Multimedia und multidisziplinäre Arbeit interessiert, sodass die neuen Technologien schließlich für uns eine ganz natürliche Erweiterung waren. Wenn es den Computer nicht gäbe, hätten wir womöglich etwas Ähnliches erfinden müssen (lacht). Denn schon einige unserer frühen Arbeiten sehen fast so aus, als wären sie am Computer entworfen, obwohl sie es gar nicht waren. Stärker experimentell und konzeptionell zu arbeiten hat uns daher erlaubt, diese Dinge ein wenig vorwegzunehmen und den Computer auf eine natürliche Weise in unsere Arbeit einzuführen. Es gibt auch nicht so einen plötzlichen Wechsel von Vor-dem-Computer zu Nach-dem-Computer. Ich denke, es gibt vielmehr eine bestimmte Kontinuität, die sich durch unsere gesamte Arbeit von den ersten Tagen bis heute zieht.
Welche Rolle spielt der Computer heute für Sie?
Heute ist er eines von vielen Werkzeugen. Doch das Spannende an ihm ist, dass er sowohl im Prozess, in der Fabrikation und letztendlich auch in der Kommunikation gebraucht zum Einsatz kommt. Der Aspekt der Kommunikation ist vor allem interessant, wenn man sich das Guggenheim Museum in Bilbao anschaut. Ich habe von keinem anderen Projekte gehört, das bekannter ist und gleichzeitig von proportional deutlich weniger Menschen in der Realität gesehen wurde. Dennoch ist fast jeder vertraut mit diesem Gebäude. Die Kraft der Bilder zu verstehen und damit auch die Zeit, in der wir leben, ist sehr wichtig für uns.
Mit dem „Virtuellen Guggenheim Museum“ haben Sie ein Architekturprojekt umgesetzt, das von Anfang an rein virtuell geplant war. Worin liegt beim Entwerfen der Unterschied zu einem „normalen Gebäude“, wenn die üblichen Restriktionen von Statik oder Budget außer Kraft gesetzt sind?
Es geht um eine Freiheit der formellen Untersuchungen, wenn man an einem virtuellen Projekt arbeitet. Man hat nicht länger mit Materialfragen zu tun und es gibt auch keine physische Unterteilung zwischen den Räumen mehr. Räume können viel flüssiger sein, Materialien können ihr Verhalten verändern und auch die Wahrnehmung ist deutlich zeitbasierter. Man ist in der Lage, mit einer Einheit zu arbeiten, die ihre Identität verändert in Relation zum User oder zu bestimmten Umständen. Die Wahrnehmung eines Projektes wird dadurch viel dynamischer, da sich aus dieser Nähe eine komplett andere Lesart ergibt.
Informationen wurden dabei auch wie Baumaterialien verwendet...
Ja, mit Daten zu arbeiten, bedeutet auch, das Bombardement an Information zu verstehen, das wir tagtäglich über uns ergehen lassen. Doch für uns ist es weniger interessant, Diagramme von Daten zu nehmen und sie in Architektur zu übersetzen. Das wird nicht mehr als ein Einzeiler. Daten sind dagegen vielfältig. Es hängt davon ab, wie man Daten unterteilt, wie man sie wiedergibt und wie man sie sich anschaut, um eine andere Lesart zu erhalten. Diese Komplexität darin finden wir sehr spannend.
Wie wichtig ist dabei ein Aspekt wie Schönheit?
Ich denke, dass Architektur viel mehr als nur drei Dimensionen fasst. Sie beinhaltet auch Zeit und Erinnerung. Und ebenso etwas, das ungeachtet der Theorie dahinter oder dem Stand der verwendeten Werkzeuge existiert. Architektur muss auch einen gewissen Kontrapunkt erzeugen, der – auf hoffentlich positive Weise – zur menschlichen Erfahrung beisteuert und das tägliche Leben inspiriert. Dies sollte auf möglichst unbewusste Art stattfinden und einige zusätzliche Dimensionen ergänzen. Vielleicht ist das Schönheit. Schönheit sollte uns auf metaphysische oder philosophische Weise bewusst machen, im Hier und Jetzt der Gegenwart zu sein.
Welche Rolle spielen dabei Utopien? Vor allem das Projekt in Malaysia beeindruckt ja mit einer überaus futuristischen Erscheinung.
Wenn man kreativ ist und etwas Neues, Interessantes, Inspirierendes oder Provokantes in die Welt bringen möchte dann muss man seine Ziele auch sehr weit nach oben stecken. Denn gerade auf so einem komplexen Gebiet wie der Architektur sind die Chancen alles andere als einhundert Prozent. Man muss also immer die wesentlichen Aspekte festlegen, die man erreichen will. In Malaysia gibt es gleich eine ganze Reihe solcher Ideen. Vom urbanen Standpunkt schafft es etwas, das wie eine gesamte neue Stadt vor dem Hintergrund einer schönen, natürlichen Landschaft wirkt. Ich denke aber nicht, dass Architektur im Konflikt dazu steht sondern vielmehr komplementär wirkt. Das bedeutet aber nicht, dass die Gebäude deswegen natürlich aussehen müssen sondern auf besonders weit entwickelte Art in Harmonie mit ihr sein müssen. Uns geht es dabei auch immer darum, wie man eine neue formale Qualität erzielen kann, die noch vor kurzer Zeit nicht umsetzbar war.
Auch der Entwurf des neuen World Business Centers in Busan ist ungewöhnlich. Der Turm sieht aus wie eine übergroße dreifingerige Hand...
Ich denke, dass hohe Gebäude sehr häufig zu Symbolen werden, weil sie vereinfacht sind und man ein bestimmtes Bild von ihnen erhält, fast so wie ein Logo. Für uns war es interessanter, darin einen Wechsel wahrzunehmen, ähnlich der virtuellen Welt, die sich immer im Fluss befindet. Wie können wir also die Perspektive verändern, dass man ständig eine neue Architektur sieht? Wir haben deswegen in Busan den Turm in drei unterschiedlich hohe Türme aufgeteilt. Es ging dabei nicht darum, aus diesen drei Türmen nun drei Symbole zu machen, sondern sie untereinander immer wieder in eine andere Beziehung zu setzen. Diese wechselt je nachdem von wo man entlang der Küste auf das Gebäude schaut. Die Menschen in Busan können dann später sagen: „Wenn die Ausrichtung der drei Türme so oder so ist, dann weiß ich wo ich bin.“
Das Gebäude wird also zu einer Art Kompass?
Ja, wir haben auch über Städte auf diese Weise nachgedacht. Die Stadt ist immer eine Art Wiederzusammensetzung unterschiedlicher Teile. In Busan gibt es eine Schnellstraße, die unmittelbar an dem Gebäude entlang führt. Wir sind eine mobile Gesellschaft und so nehmen viele Menschen auch die städtische Umgebung wahr. Die Wahrnehmung von Gebäuden verläuft daher in zwei Geschwindigkeiten: Sehr langsam oder sehr schnell. Für uns stellte sich die Frage, wie Architektur diese in Einklang bringen kann. Ich denke nicht, dass Gebäude nur einzelne Objekte sein sollten, denen man sich Stück für Stück nähert. Es gibt keine zusätzliche Erfahrung oder Überraschung dabei, da das Interesse an ihnen schnell abnimmt. Man kennt es schon, bevor man es überhaupt erreicht.
Wie sollte Architektur also dann funktionieren?
Es hat etwas mit dem Grad an Details zu tun, den man in Form von Texturen und Artikulationen auf die Oberfläche von Gebäuden bringen kann. Ich denke, dass sich sehr viele Architekten derzeit mit dieser Idee beschäftigen, da wir die Möglichkeit haben, Techniken einzusetzen, die mehr Differenzierung zulassen. Wir brauchen nicht mehr notwendiger Weise in so engen Vorgaben zu arbeiten. Die Modulation kann heute viel experimenteller und vielseitiger sein. Von einem gewissen Abstand aus betrachtet hat dies auch mit einer unterschiedlichen Qualität der Objekte zu tun, die ihre Komplexität von selber enthüllen. Auch klassische Architektur wie die der Gotik beispielsweise war sehr daran interessiert. Der Ausdruck des Trägersystems der gotischen Kathedralen offenbart eine Komplexität im Innenraum, die einfach überwältigend ist.
Neben den Großprojekten wie in Busan oder Malaysia arbeiten Sie auch immer wieder an kleineren Projekten wie beispielsweise den Schreibtischaccessoires für Alessi. Inwieweit beeinflussen sich diese Projekte gegenseitig?
In einem kleinen Maßstab zu arbeiten erlaubt uns bestimmte technologische Anwendungen zu untersuchen von den ersten Skizzen bis hin zur Ausführung. Ich denke, dass Architektur hinsichtlich der Produktion schon immer eine Situation der Übersetzung und Kommunikation war. Für uns sind kleinere Objekte spannend, um auf diese Weise die Kontinuität von der Konzeption bis hin zur Ausführung zu beobachten. Die andere Sache ist, dass konventionelle Architektur viel längere Zeit zur Umsetzung braucht. Es ist also auch viel zufrieden stellender in kleinerer Größe experimentell zu arbeiten und die Früchte der Arbeit sehr viel schneller sehen zu können. Es ist ein wenig wie beim Kochen. (lacht)
Wie beim Kochen?
Ja, ich liebe es, zu kochen. Für uns Architekten dauert es so lange, bis wir unsere Projekte gebaut haben. Zu kochen am Ende des Tages ist daher sehr erbaulich, da man schnell zu einem Ergebnis kommt. Man muss sich sehr bewusst sein über die einzelnen Zutaten, die man verwendet, wie sie zusammenpassen und wie viel man von dem einen und wie viel von dem anderen verwendet. Ein gutes Zeitgefühl ist dabei der entscheidende Punkt. Es ist ein kreativer Prozess, dessen Ergebnis zugleich die Sinne anregt und ein guter Ausgangspunkt für Gespräche ist. Hinzu kommt: Für uns Architekten ist Gemüse zu schneiden auch eine willkommene Abwechslung davon, im Büro immer nur mit der Mouse zu arbeiten oder das Telefon zu halten.
Haben Sie jemals darüber nachgedacht, einen Koch in ihrem Studio zu haben? Wie viele Mitarbeiter haben Sie eigentlich derzeit?
Im Moment haben wir ungefähr 50 Mitarbeiter in unserem Büro. Aber es stimmt, wir überlegen sogar wirklich, einen eigenen Koch in unserem Studio zu haben. Einer der Gründe ist, dass wir derzeit noch in einem sehr schönen Gebäude am Rand von Soho Manhattan sitzen, wo es viele Restaurants und kulturelle Plätze gibt. Doch seit die Immobilienpreise immer weiter steigen, haben wir festgestellt, dass wir aus Manhattan wegziehen müssen in eine eher industrielle Gegend. Wir sind schon ganz gespannt darauf. Als Architekten mögen wir es, von einer gewissen Atelier-Workshop-Atmosphäre umgeben zu sein. Wir können dann auch große Modelle aufstellen oder gleich riesige Mock-ups. In Manhattan, wo man 500 Euro für einen Quadratmeter bezahlt, kostet der Platz, den diese Modelle verbrauchen, einfach zu viel. Ein Koch in unserem Studio wird daher eine neue Attraktion für unsere Mitarbeiter, wenn wir Soho Manhattan gegen eine industriellere Gegend eintauschen.
Auch das Museum of Modern Art mit seiner Erweiterung P.S.1 sowie andere kulturelle Institutionen entdecken mehr und mehr die Viertel außerhalb Manhattans...
Ja auch in der Gegend, in der wir uns gerade umschauen, entstehen derzeit viele künstlerische Aktivitäten. Doch auch städtebaulich erkennt New York nun endlich die Flächen außerhalb von Manhattan sowie entlang der Uferzonen. Letztes Jahr im Sommer haben sie dort zum ersten Mal – vielleicht ein wenig von Paris inspiriert – einen Strand am Ufer des Flusses eröffnet. Unsere Mitarbeiten könnten dann während der Mittagspause einfach kurz zum Strand gehen.
Vielen Dank für das Gespräch.
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