Lucidi Pevere: Neue Sofas müssen her!

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Text: Norman Kietzmann, 20.01.2018

Partner: Ligne Roset

Paolo Lucidi und Luca Pevere scheren gerne aus. Immer wieder gelingt es dem Designerduo aus Udine in Norditalien, bestehenden Typologien etwas Erfrischendes und Unverhofftes abzuringen. Ihr neuester Coup ist ein Origami-inspiriertes Sitzprogramm, das die beiden auf der Kölner Möbelmesse imm cologne vorgestellt haben. Ein Gespräch über gepolsterte Flügelschläge, 360-Grad-Sitzen und die Faszination für die Oberfläche.

Paolo Lucidi und Luca Pevere, Sofas gibt es wie Sand am Meer. Was muss ein solches Möbelstück leisten, um aus der Masse herauszustechen? Paolo Lucidi: Das Sofa ist das Möbel, das die ganze Familie im Wohnzimmer zusammenbringt. Daher sollte es nicht nur zum Sitzen geeignet sein. Auch Arbeiten, Essen, Lesen, Liegen und Entspannen finden heute auf dem Sofa statt. Die Nutzung ist völlig heterogen geworden.

Luca Pevere: Ein Sofa sollte wie ein Nest sein. Ein Ort, an dem man sich zurückziehen kann. Gleichzeitig muss es aber auch kommunikativ sein. Die meisten klassischen Sofasysteme, allen voran die italienischen, sind kubisch, streng. Sie sind dafür gemacht, an die Wand oder in die Ecke gestellt zu werden, als wären sie ein Teil der Architektur. Doch sie sind nicht wirklich gut dazu geeignet, sich auf ihnen zu unterhalten.

Warum? LP: Kubische Polstermöbel geben nur eine Sitzrichtung vor. Man schaut geradeaus nach vorne. Dreht man sich zur Seite, wird es schnell unbequem. Ich denke, dass Sofas sehr viel freier und lockerer sein sollten, indem sie sich von der Wand lösen. Wenn sie in die Mitte des Raumes rücken, können sie als eigenständige Objekte wahrgenommen werden. 

Sofa PaiPaï für Ligne Roset, Foto: © Ligne Roset

Die Folge ist, dass es nunmehr keine Schauseite gibt: Sie müssen aus allen Blickwinkeln heraus funktionieren. PL: Genau das macht es spannend. Als wir unser Sofa PaiPaï für Ligne Roset entworfen haben, wollten wir weg von allem, was nach einer gepolsterten Kiste aussieht. Wir wollten etwas machen, das organischer und dreidimensionaler ist und 360 Grad Persönlichkeit besitzt. Interessanterweise ist die Idee für diese Räumlichkeit aus der Fläche heraus entstanden. 

LP: Am Anfang des Projektes haben wir Papier genommen und wie beim Origami immer wieder gefaltet. Das Besondere dabei ist ja, dass ein sehr fragiles Material durch die Faltung Stabilität erlangt. Dabei hat uns vor allem der Übergang zwischen der Rückenlehne und Sitzfläche interessiert. Wir wollten keine klassischen, geraden Armlehnen, sondern einen fließenden Übergang zwischen den horizontalen und vertikalen Elementen erzeugen. PaiPaï heißt dieser typische Fächer aus Asien, dessen runde Form von radialen Linien durchzogen wird. Wir haben diesen Aufbau auf die Armlehnen übertragen, die mit ihrer doppelten Faltung ein wenig wie Flügel aussehen. Sie sind das zentrale Element dieses Sofas. 

Welche Rolle spielt hierbei der Komfort? PL: Wenn man ein Sofa entwerfen möchte, das lediglich schön sein soll, braucht man nur die Rückenlehne flacher machen und die Sitztiefe zu erhöhen. In diesem Fall haben wir das genaue Gegenteil versucht. Der Sitz ist nicht allzu tief, sodass das Sofa auch für kleinere Menschen funktioniert. Umgekehrt ist die Rückenlehne vergleichsweise hoch, sodass man den Kopf anlehnen und regelrecht in das Sofa eintauchen kann. Es war uns wichtig, dass dieses Möbelstück nicht nur bequem aussieht, sondern sich auch so anfühlt.

LP: Für den passenden Sessel haben wir die Flügel an den beiden Außenseiten beibehalten, wodurch eine Art Love-Seat entsteht. Das Möbel ist sehr voluminös für eine Person. Doch es funktioniert auch für zwei, wenn man sich ein wenig in die Armlehnen hineinsetzt. Sie wirken wie eine Verlängerung der Sitzfläche und erlauben eine leicht verdrehte, lockere Sitzhaltung. Die Struktur der Faltung lässt an einen Filzhut denken, der fest, aber keineswegs zu fest ist. Wir haben lange daran gearbeitet, welchen Schaum wir verwenden. Mehrlagiger Memory-Foam hat den Vorteil, dass er sich leicht bewegen lässt und immer wieder in seine Ausgangsform zurückkehrt. Er ist komfortabel, ohne allzu flauschig zu sein. 

Fliesenkollektion Cava für Living Ceramics und Stuhl Brezel für Gebrüder Thonet Vienna, Foto: © Living Ceramics

Das Sofa steht nicht nur in einfarbigen Bezügen, sondern ebenso in auffälligen Musterstoffen zur Auswahl. Was hat es damit auf sich? LP: Textilien können die Wirkung eines Möbels stark verändern. Für uns Designer ist das mitunter nicht ganz einfach, weil die Idee für ein Sofa oder Sessel häufig mit einer bestimmten Art von Stoff zusammenkommt. In diesem Fall fanden wir es spannend, wenn sich die Bezüge ganz bewusst nicht zurücknehmen, sondern mit stark gezeichneten Oberflächen eine grafische Handschrift einbringen. Es tut Möbeln gut, wenn sie richtig eingekleidet werden (lacht).

Wären Textilien nicht auch eine interessante Gestaltungsaufgabe für Sie? LP: Wir haben schon damit begonnen, in Richtung Zweidimensionalität zu gehen. Ein erster Schritt war 2016 die Fliesenkollektion Cava für Living Ceramics. Aber wir würden auch gerne etwas mit Stoffen machen, ganz gleich ob Polsterbezüge oder Tapeten. Oberflächen sind für das Wohnen sehr stimulierend, weil sie eine Sensibilität einbringen, die über das Dreidimensionale hinausgeht. Wir haben uns bislang noch nicht mit Architektur und Interieurs auseinandergesetzt, wenngleich viele unserer Kollegen an dieser Stelle sehr viel aktiver sind. Doch auch für uns wäre es spannend, ganze Räume zu gestalten und die einzelnen Dinge noch besser miteinander zu verbinden. 

Worin besteht heute die größte Herausforderung als Designer? PL: Das Design hat längst alle Bereiche der häuslichen Umgebung erfasst, selbst die, die bislang noch nicht als Gestaltungsaufgabe gesehen wurden. Bei vielen Produkten geht es vor allem um den szenischen Effekt, was zum gewissen Grad auch in Ordnung ist. Doch ich denke, dass wir Produkte nicht nur für Bilder produzieren dürfen, die sich schnell irgendwo posten lassen. Die Dinge müssen auch in der Wirklichkeit funktionieren, ohne deswegen gleich ins Langweilige zu verfallen. Dieser Spagat zwischen Verführung und Zurückhaltung ist sicherlich die größte Herausforderung.

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