Lucidi Pevere: Räumliche Verwandlungen

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Text: Norman Kietzmann

Partner: Ligne Roset

Paolo Lucidi und Luca Pevere gehen ihren eigenen Weg. Die beiden Designer aus Udine benötigen keine lauten Worte, um sich Gehör zu verschaffen. Sie schütteln raffiniert gestaltete Produkte aus dem Ärmel, die so einfach und selbstverständlich daherkommen, als hätte es sie schon immer gegeben. Ein Gespräch über transformative Räume, unsichtbare Technik und die Vorteile winziger Flughäfen. 

Paolo Lucidi und Luca Pevere, auf der Kölner Möbelmesse 2020 haben Sie den Sekretär Stendhal für Ligne Roset vorgestellt. Was hat es mit dem Entwurf auf sich? Luca Pevere: Wir wollten etwas für kleine Räume entwerfen, die heute immer wichtiger werden. Natürlich ist es schön, in einem großen Studio zu wohnen. Doch gerade in den Städten wird der Platz immer knapper. Die Idee zu diesem Schreibtisch bestand darin, ihn möglichst kompakt zu halten. Es ist ein transformatives Möbel: Geschlossen wirkt es wie ein abstraktes Bild an der Wand. Werden die beiden Flügeltüren auf- und die Tischplatte heruntergeklappt, entsteht ein privater, von der Umgebung abgetrennter Raum.

Paolo Lucidi: Das Möbel soll sein eigenes Umfeld kreieren: ein Raum im Raum, an dem man sich besser konzentrieren und einen Abschnitt des Tages verbringen kann: ganz gleich, ob man ihn zum Lesen, Schreiben oder Arbeiten am Computer nutzt. Ist er im Wohnzimmer platziert und ein Gast kommt spontan zu Besuch, schließt man einfach die Türen, und alles ist aus dem Blickfeld verschwunden.

Das Möbel soll sich verstecken? Paolo Lucidi: Genau. Normalerweise geht es im Design darum, der Funktion eine angemessene Form zu geben und diese schließlich immer weiter zu vereinfachen. Hier sind wir den umgekehrten Weg gegangen. Wir wollten etwas, das sich soweit zurücknimmt, dass es seine Form verliert. 

Luca Pevere: Sekretäre sind häufig sehr kompakt. Doch hier kommen sehr hohe Türen zum Einsatz. Bei unseren ersten Skizzen haben wir sie noch deutlich kleiner konzipiert. Doch dann bemerkten wir, dass sich das Möbel in der Wand regelrecht auflöst, wenn man seine Geometrie weiter ausdehnt und plötzlich eine große Fläche vor einer noch viel größeren Fläche, der Wand, erscheint. Das Ergebnis ist abstrakt, weil man nicht versteht, ob es sich um ein Möbel, ein Kunstwerk oder ein dekoratives Element handelt. 

Stendhal für Ligne Roset, 2020. Foto: Ligne Roset
Die Türen sind mit Stoff bespannt: Eine Materialität, die vor allem mit Polstermöbeln, aber nicht mit Aufbewahrungsmöbeln assoziiert wird. Luca Pevere: Die Flügeltüren werden von einem Metallrahmen eingefasst, der komplett mit Stoff bezogen wird, um ein durchgehendes Bild zu erzeugen und das Möbel mit den Sesseln und Sofas im Raum besser zusammen wirken zu lassen. Ligne Roset bietet eine eigene Auswahl an Stoffen. Doch die Kunden können auch ihre eigenen Textilien mitbringen, sodass sich das Möbel personalisieren lässt. Der Stoff ist auch gut für die Akustik, weil er den Schall zu schlucken vermag. 

Paolo Lucidi: Das Innenleben ist aus Holz gearbeitet, das eine fast schon traditionelle Note einbringt. Wir haben vor allem auf die Auswahl der mechanischen Elemente großen Wert gelegt, weil sie prominent zu sehen sind, wenn die Türen geöffnet sind. Die Scharniere sind reduziert und aufgeräumt in ihrem Design. Normalerweise würde man sie nicht in einem Schrank benutzen. Auch die USB- und normalen Stromkabel-Anschlüsse sind so platziert, dass sie nicht sichtbar sind. 

In welchem Kontext soll das Möbel zum Einsatz kommen? Paolo Lucidi: Das Möbel ist sehr transversal und entspricht der heutigen Art zu arbeiten. Es kann zuhause in der eigenen Wohnung, aber auch im Contract-Bereich verwendet werden. Es gibt zwei Versionen: Bei der einen ist die Rückwand mit verschiedenen Ablageflächen versehen. Die zweite Version ist speziell für Hotelzimmer gedacht, wo nicht nur ein Schreibtisch, sondern ebenso ein Fernseher untergebracht werden soll. Auch hier geht es darum, die Funktionen zu verstecken. Werden die Türen geschlossen, ist die Technik plötzlich unsichtbar. 

Warum haben Sie das Möbel nach dem französischen Schriftsteller Marie-Henri Beyle (1793-1842) benannt – besser bekannt unter seinem Pseudonym Stendhal? Paolo Lucidi: Er ist auch heute sehr beliebt in Italien. Alle kennen seine Bücher. Er hat zu Lebzeiten viele Reisen nach Italien gemacht und in Mailand gelebt.

Luca Pevere: Der Name steht aber auch für ein psychosomatisches Syndrom, bei dem die Überflutung von kulturellen Reizen zu Panikattacken führen kann. Insofern passt der Name zu diesem Möbel ganz gut, mit dem man sich abkapseln und wieder Ruhe finden kann. 

Sie haben Ihr Studio in Udine, wo sie auch geboren und aufgewachsen sind. Welche Vor- und Nachteile hat der Standort? Paolo Lucidi: In den ersten Jahren war es nicht so einfach, in Udine zu leben, weil die meisten Möbelfirmen im Umland von Mailand sitzen. Jetzt arbeiten wir häufiger im Ausland, weswegen wir die Distanz nicht mehr so stark spüren wie noch in den Anfangsjahren. Das Reisen gibt uns kulturelle Stimulanz, die wir in einer so kleinen Stadt brauchen. In Udine genießen wir die Ruhe und Entspanntheit, die sich vom Alltag auch auf die Arbeit überträgt. 

Luca Pevere: Wir profitieren von der Nähe zu Venedig, sowohl auf kultureller Ebene als auch was den internationalen Flughafen anbelangt. Noch viel näher an Udine liegt Klagenfurt. Der Flughafen ist so klein, dass man fast den Eindruck erhält, in einen Autobus zu steigen. Ein so kleiner Flughafen ist enorm effizient. Das macht das Reisen sehr viel angenehmer.

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