MAD Architects: Architektur der Imperfektion

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Text: Norman Kietzmann, 15.03.2018

Ma Yansong ist Chinas Archistar. Schon mit Mitte dreißig hat der 1975 geborene Pekinger seine ersten Prestigebauten realisiert, darunter das Museum von Ordos, das Opernhaus in Harbin oder die Absolute Towers im kanadischen Mississauga. Sein Faible für organisch fließende Formen verfeinerte der Yale-Absolvent im Büro von Zaha Hadid, bis er 2004 mit MAD Architects in Peking seine eigenen Wege ging. Ein Gespräch über wohnliche Pilze, imperfekte Fassaden und seine Verbindung zu traditionellen Tuschemalereien.

Ma Yansong, was macht gute Architektur für Sie aus? Le Corbusier hatte ja einst den Begriff der „Wohnmaschine“ geprägt. Ich kann damit nichts anfangen, weil ich mit Maschinen nichts anfangen kann. In der Moderne haben sich die Menschen zu sehr auf die Technologie konzentriert. Sie wurde zum Werkzeug, um uns selbst zu bemächtigen. Sie hat uns zum Gott gemacht! Ich aber denke, dass wir uns in eine nächste Ära bewegen, wenn wir einfühlsamer gegenüber der Natur werden. Denn nur so sind wir in der Lage, Emotionen wahrzunehmen. Darum ist es wichtig, eine zweite Natur zu bauen, die unsere realen Erfahrungen in der Natur erweitert, anstatt sie zu limitieren.

Wie stellen Sie sich das vor? Man sieht heute viele grüne Gebäude, die ihre eigene Energie erzeugen. Wir glauben, dass wir somit nachhaltig handeln. In diesen Gebäuden steckt viel Technologie, damit die Räume angenehm temperiert und komfortabel sind. Doch man fühlt die Natur nicht im Geringsten, weil es allein um die Kontrolle der äußeren Faktoren geht. Menschen brauchen nicht nur Funktion, sondern auch Emotion. Darum dürfen wir die Beziehungen zum Himmel, zum Wasser und zur Erde nicht verlieren.

Es geht also um unmittelbare Sinneserfahrungen? Ja, darum möchte ich mit meinen Gebäuden immer auch eine Landschaft bauen. Wir planen ja gerade das von George Lucas gegründete Lucas Museum of Narrative Arts in Los Angeles. Es wird wie eine Wolke sein, die über dem Boden schwebt und den darunterliegenden Raum frei macht, um dort einen Park oder einen urbanen Raum zu schaffen. Wenn man hinauf ins Museum geht, landet man am Ende des Rundgangs auf einer Dachterrasse und sieht den Himmel über sich. Das ist wie eine Abfolge von Erfahrungen, die man sonst am Meer, im Gebirge oder in einer Höhle macht. Es geht darum, verschiedene Möglichkeiten für einen Dialog mit der Natur aufzubauen. Darum möchte ich, dass meine Architektur immer ein Stück weit imperfekt ist.

Inwiefern? Beim Entwerfen skizziere ich eine Form per Hand und scanne diese dann ein. Ich benutze kein Computerprogramm, um eine Geometrie zu erzeugen. Meine Gebäude sind im Grunde also sehr manuell. Man sieht vor allem bei großen Konstruktionen, dass die Kurven mitunter etwas seltsam wirken. Doch in dieser Imperfektion steckt die Emotion. Man fühlt den Menschen dahinter. Und man fühlt, dass es nicht sehr mechanisch ist. Darum ist vor allem die erste Zeichnung sehr wichtig, weil sie immer am emotionalsten ist. Diesen Zugang versuche ich selbst bei sehr umfangreichen Projekten beizubehalten.

Chaoyang Park Plaza, Peking, 2012–2017, Visualisierung: MAD

Können Sie dafür ein weiteres Beispiel geben? Wir werden in diesem Jahr den Bürokomplex Chaoyang Park Plaza in Peking fertigstellen. Das Gebäude hat viele Linien, die allerdings nie parallel verlaufen. Sie wirken eher zufällig – wie eine sehr organische Handzeichnung. Je näher man kommt, desto stärker spürt man die Differenz zwischen diesen Linien und fühlt sich entspannt. Das ist wie bei traditionellen chinesischen Tuschemalereien: den Shan-Shui. In den grauen Feldern, in denen die Tinte ins Weiß verläuft, fühlt man das Leben. Sie beflügeln die Imagination des Betrachters, weil sie weder schwarz noch weiß sind, sondern genau dazwischenliegen. Das Interessante ist, dass die Shan-Shui-Meister nie in der Natur gemalt haben, sondern immer in geschlossenen Räumen. Sie haben sich die Landschaften vorgestellt, um ihre Beziehung zur Natur zu entdecken. Für sie war das eine Möglichkeit, mit dem Universum zu sprechen – ich denke, dass wir davon einiges lernen können.

Auf neues Terrain haben Sie sich mit Mogu begeben: Ihr erstes Möbel entstand für den Mailänder Hersteller Sawaya & Moroni und ist ein organisch fließendes Sitzobjekt auf unterschiedlichen Höhenebenen. Wie sind Sie an diesen Entwurf herangegangen? Ich habe mir überlegt, wie es sich von einem Möbelstück der Moderne unterscheiden könnte. Ich mag die Idee des Modularen nicht, weil es auf einer ständigen Wiederholung basiert. Doch in diesem Falle wollte ich das Modulare herausfordern. Indem verschiedene Sitzhöhen auf organische Weise ineinander übergehen, sehen die Elemente nicht wie mechanische Bauteile aus, sondern wirken sehr natürlich. Man kann die Elemente auf unterschiedliche Weise zusammenstellen, ob dicht nebeneinander oder lose verteilt, sodass sich sehr komplexe Felder damit erzeugen lassen.

Inwieweit folgen die Konturen dem menschlichen Körper? Um ehrlich zu sein: Gar nicht! Natürlich haben wir versucht, das Möbel einladend und interaktiv zu machen, damit verschiedene Sitzhaltungen möglich sind. Doch diese Haltungen sollten niemals allzu komfortabel sein. Ich sehe das Möbel als eine komplexe Landschaft wie im Park oder in der Natur. Solche Landschaften sind auch nicht für den menschlichen Körper gemacht, und dennoch kann man sich auf den Rasen setzen und entspannen. Für mich ist der menschliche Körper extrem flexibel – deshalb möchte ich keine Sitzhaltung vorgeben. Es geht mir vielmehr darum, eine Vielzahl an Möglichkeiten zu bieten, eine Landschaft für sich zu entdecken. Das öffnet die Sinne, weil man es mit dem eigenen Körper ausprobieren muss.

Es geht also um die Interaktion mit dem Benutzer: Sie fordern die Orientierung heraus. Ich denke, dass es hierbei vor allem um den Boden geht. Also die Idee, dass etwas von unten wächst – genau wie ein Pilz (lacht). Das bezieht sich auch auf meine Architektur. Ein künstliches Objekt muss geerdet und in einen Kontext eingebunden werden. In diesem Fall ist der Boden ein wichtiges Element. Das erinnert mich an die Ausstellung Feelings Are Facts, die ich vor ein paar Jahren in Peking zusammen mit Ólafur Elíasson gemacht habe. Wir haben einen großen Raum mit Nebel gefüllt, bis man nichts mehr sehen konnte. Um dennoch Orientierung zu geben, waren die einzelnen Raumecken in unterschiedlichen Farben beleuchtet. Der Boden hatte ein leichtes Gefälle, sodass man nur mit den Füßen die Richtung versteht. Diese Erfahrung bringt die Leute dazu, ihre Sinne zu benutzen und nicht die Augen. Die Gefühle, nicht die Fakten, stehen hier im Mittelpunkt. Ich glaube, dasselbe gilt sowohl für meine Gebäude als auch für dieses Sitzobjekt.

MAD Martian Chaise Lounge, Gallery ALL, 2017

Nachdem Sie nun Ihren Einstand als Möbeldesigner gegeben haben: Können Sie sich vorstellen, noch weiter in diese Richtung zu gehen? Das tue ich bereits. Auf der Design Miami Basel stelle ich im Juni (2017, Anm. d. Red.) eine Möbelkollektion für Gallery ALL aus Los Angeles vor. Das Thema ist spannend: Es geht um das Wohnen auf dem Mars (freut sich). Wenn wir eines Tages dorthin fliegen, brauchen wir natürlich auch Möbel. Und eben solche habe ich mir vorgestellt. Einen Teil der Ideen habe ich von der Erde übernommen. Doch gleichzeitig wollte ich auch den Mars respektieren, sowohl was die Formen der Landschaft als auch was seine markante rote Farbe anbelangt. Wir zeigen einen kompletten Raum mit Tisch, Lounge Chair, Kerzenhalter, Leuchter und Aquarium.

Aquarium? Ja, wir wollen den Mars auch mit Fischen besiedeln. Und den Kerzenständer gibt es für den Fall, dass der Strom ausfällt!



Das Interview erschien in Ausgabe Nr. 2/2017 unseres Printmagazins.

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