Mama Marva: 20 Jahre SaloneSatellite

Text: Stephan Burkoff, Foto: Piero Martinello, 31.03.2017

Marva Griffin ist die Grande Dame des Designs. Ihre 20 Jahre alte Idee des SaloneSatellite wurde oft kopiert, doch niemals erreicht. Aus der Nachwuchsplattform des Salone del Mobile ist eine Hit-Fabrik geworden. Viele der heute marktprägenden Designer haben ihre Karriere mit Marva begonnen. Ein Gespräch über den Mini-Salone, seine Kinder, die Jugend von heute und den lieben Gott.

Sind Sie stolz auf das, was Sie erreicht haben?
Nun ja, stolz... (denkt nach). Stolz ist ein großes Wort. Ja, ich bin stolz und ich bin dankbar, dass ich das alles erleben darf. Es ist natürlich ein Job, aber er macht mich glücklich. Die Arbeit mit den jungen Menschen und zu sehen, wie sich die Talente, die ich hier auf dem SaloneSatellite kennen gelernt habe, entwickelt haben. Als wir anfingen, hätte sich das niemand vorstellen können!

Sie sind in den Siebzigern nach Italien gekommen. Können Sie uns etwas über diese Zeit erzählen?
Zuerst kam ich nach Perugia, um hier Italienisch zu lernen, dann bin ich nach Mailand gegangen und habe begonnen für c&b Italia zu arbeiten, die zu der Zeit zu den international führenden Möbelherstellern gehörten. Das war eine großartige Erfahrung. Viel besser als irgendeine Design-Schule zu besuchen! Die Zusammenarbeit mit Fratelli Busnelli und Cesare Cassina, den Gründern der Firma war einfach unglaublich. In der Triennale zeigen sie gerade eine große Ausstellung zu Mario Bellini. Viele der gezeigten Stücke, die Sofas Bambole und Amanta, all diese unglaublichen Stücke trage ich seit dieser Zeit in meinem Herzen. Wenn Besuch kam, musste ich sogar für Italiener übersetzen – Busnellis Dialekt war außergewöhnlich...

Sie gelten als Erfinderin des SaloneSatellite, wie hat alles angefangen?
Das war vor genau 20 Jahren. Ich arbeitete zu dieser Zeit für Conde Nast und war tief mit der Mailänder Designszene verhaftet. Damals wuchs der Fuorisalone und eine Reihe junger Designer hat sich Flächen außerhalb der Messe in der Stadt gemietet, um ihre Prototypen zu zeigen. Eigentlich waren sie hinter den Herstellern her – aber die  kamen nicht zu den Events außerhalb des Messegeländes. Viele der aufstrebenden Designer, die mich kannten, kamen also auf mich zu – ich arbeitete damals bereits als Beraterin für die Messe – weil sie auf dem Salone ausstellen wollten. Aber wer konnte sich das schon leisten? Das habe ich damals dem Geschäftsführer erzählt, der zeigte sich zunächst wenig begeistert. Aber nach langem Hin und Her wurde mir eine Fläche auf dem Salone del Mobile angeboten, um den jungen Designern einen Raum zu geben. So hat alles begonnen.


Oki Sato beschreibt Sie als seine Mutter, Sie bezeichnen Sebastian Herkner als Ihr Baby. Wie erklären Sie ihre besondere Bindung zu den Jungen der Szene? Wissen Sie, ich bin Mutter eines erwachsenen Sohnes und ich habe 18 Nichten und Neffen. Wir sind ein Familienclan, ich bin immer von jungen Menschen umgeben. Und auch der SaloneSatellite hat etwas von einer Familie. Viele der jungen Talente halten Kontakt mit mir und erzählen, was bei ihnen gerade passiert. Ich habe früh angefangen mit den Hochschulen zusammenzuarbeiten, damit sie uns ihre Talente schicken. Viele kamen zum Salone del Mobile, um sich umzusehen und die Branche zu verstehen. Manche kamen nach ihrem Abschluss wieder und haben auf dem SaloneSatellite ihre Arbeiten gezeigt. Daraus ist vieles entstanden. Unter anderem eine Ehe, sogar ein Kind: der kleine Satellito! (lacht laut) Es waren junge Leute aus über 40 Ländern da. Natürlich gibt es einige, bei denen eine persönliche Bindung entstanden ist. Es macht mir Freude, ihre Karriere zu verfolgen. Entscheidend für Ihren Erfolg ist aber die italienische Möbelindustrie!

Welche Entwicklungen beobachten Sie bei Ihrer Arbeit mit den jungen Designern?
Es hat eine Evolution stattgefunden – allein technologisch. Gleichzeitig, gibt es gerade ein großes Umdenken. Wissen Sie, woran ich persönlich glaube? An das Handwerk. Natürlich sehe ich auch junge Designer, die nach dem SaloneSatellite eigene Firmen gründen und dann auf dem Salone del Mobile ausstellen. Ich sehe aber ebenso Designer, die ihre Stücke in kleinen Stückzahlen in Selbstproduktion herstellen, weil sie ein sehr genaues Bild davon haben, was ihr Produkt sein soll. Wenn Sie mich nach Tendenzen fragen, kann es nur verschiedene Antwort geben. Die Möglichkeiten sind vielfältiger geworden.

Wie vertragen sich das italienische und das südamerikanische Temperament?
Wir sind alle Südländer! Ich bin sehr dankbar für alles, was ich hier erleben und erreichen konnte, und es ist für mich wahnsinnig inspirierend in diesen beiden Welten, Europa und Lateinamerika, leben und arbeiten zu können. Wenn ich in Mailand bin, fühle ich mich wohl. Wenn ich nach Hause fahre nach Venezuela ist es ebenso.

Wofür steht der Salone Satellite in seinem 20. Jubiläumsjahr?
Für unser 20. Jahr haben wir 45 Designer eingeladen, die einmal auf dem SaloneSatellite ausgestellt haben und jetzt groß geworden sind, jeweils ein Stück zu entwerfen. Darunter sind Stefan Diez, Sebastian Herkner, Konstantin Grcic, etc... Die Entwürfe werden natürlich auch bei den Herstellern gezeigt, aber wir stellen sie alle zusammen innerhalb des SaloneSatellite aus. Vielleicht wird es sogar eine Wanderausstellung. Wir nennen das Ergebnis, die SaloneSatellite 20-jährige Kollektion. Die Idee ist ganz einfach und sehr italienisch: il buon figlio torna a casa – der gute Sohn kommt nach Hause zurück. Das wird unser Fest. Wie jedes Jahr wird auch ein Teil der Installationen und Entwürfe in der Hauptausstellung einem Thema folgen, das vorher definiert ist. Dieses Jahr lautet es „Design is...". Wir werden sehen, was den rund 650 Talenten dazu einfällt!

Was braucht ein Designer heute, um erfolgreich zu sein?
Er muss sehr mutig sein (lacht). Sehr mutig! Er muss offen sein, sich umsehen, neugierig sein. Natürlich sind alle Menschen unterschiedlich, und es gilt nicht für jeden das Gleiche. Es gibt auch welche, die ohne große Kommunikation erfolgreich sind. Aber gute Eigen-PR kann helfen.

Glauben Sie an Zufälle, Glück oder Vorhersehung?
Ich glaube an Zufälle und an Glück. Aber vor allem daran: Hilf Dir selbst, dann hilft Dir Gott.

Das Interview mit Marva Griffin ist einer von vielen Beiträgen im neuen DEAR Magazin. Bestellen Sie jetzt Ihr Print-Abo! Derzeit kostenlos!

Mehr zum Salone del Mobile 2017 lesen Sie in unserem Special.

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