Marc O. Eckert: Es geht um den Menschen

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Text: Tanja Pabelick

Partner: bulthaup

Der Küchenhersteller bulthaup ist ein Revoluzzer. Weil er die Küche schon vor Jahrzehnten als kommunikativen Ort verstanden hat. Weil er Innovationen auf den Weg bringt und seinen Werten wie Qualität, Nachhaltigkeit und Handwerk treu bleibt. Und weil bulthaup ein deutsches Traditionsunternehmen ist, das als Weltmarke bis heute auf die Produktion an einem Standort setzt. Wir haben den Enkel des Gründers und heutigen Geschäftsführer Marc O. Eckert im bayrischen Bodenkirchen besucht und sprachen mit ihm pünktlich zum 70-jährigen Firmenjubiläum über Otl Aicher, Paul Bocuse und überflüssiges Blingbling. Und wir haben geklärt, warum ausgerechnet Instagram die Sehnsucht nach realer Geselligkeit verstärkt.

Wenn man bulthaups Geschichte nachliest, dann steht dort: „Das erste Produkt war ein Küchenbuffet mit handgenähten Vorhängen.“ Mit Blick auf das heutige Portfolio: Es hat sich viel bewegt.
bulthaup wurde 1949 von meinem Großvater Martin Bulthaup gegründet. Schon vor dem Krieg hatte er in Nordrhein-Westfalen bei einem Küchenunternehmen gearbeitet. Er wollte sich dann selbstständig machen, weil er die Überzeugung hatte: Ich kann es besser, ich kann die besten Küchen der Welt bauen. Hier in Bayern fand er ein Sägewerk und gemeinsam mit fünf Kunstschreinern hat er begonnen, die erwähnten Küchenbuffets zu produzieren. Aber eben mit besonderer Qualität und mit Blick auf die Nachhaltigkeit. Zu der Zeit war Bayern noch Agrarland und der Absatzmarkt der Landkreis. Die Küchenbuffets wurden von Hand hergestellt und mit dem Pferdefuhrwerk durchs Land gefahren.

bulthaup ist ein Vordenker der Küchenkultur – und das mit einer langen Tradition. Was war Ihrer Meinung nach der erste wichtige Meilenstein? Die Systemküche c12 wurde in den Siebzigerjahren mit Schweizer Designern entwickelt – und war die erste ihrer Art. So ziemlich jeder Raum ist erst einmal schief. c12 hat die architektonischen Unregelmäßigkeiten neutralisiert, indem die Küche in Bausteinen und im Raster eingesetzt wurde. Der Gedanke war revolutionär: Wie begradige ich Räume durch Möbel, sodass ich immer perfekte 90-Grad-Winkel habe? Der Handel allerdings hat den Systemgedanken erstmal nicht verstanden.

bulthaup im Spiegel der Zeit: die Meilensteine des Unternehmens.
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Was bulthaup nicht davon abgehalten hat, die eingefahrenen Küchenwelten weiterhin in Frage zu stellen – ab 1980 auch mit der Unterstützung des gestalterischen Universalgenies Otl Aicher. Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen? Mein Onkel hat Otl Aicher einfach angefragt. bulthaup war damals noch ein kleines Unternehmen und Otl Aicher ein großer Grafiker und Gestalter, der für die Olympiade, für BMW und Lufthansa gearbeitet hat. Aber mein Onkel konnte ihn überzeugen – und schnell entstand die Idee zu einer zweijährigen Forschungsreise, bei der Aicher Restaurants, ihre Küchen und Köche besucht hat. Er hat sich mit gesellschaftlichen Entwicklungen auseinandergesetzt, hat die Arbeitsweise von Gastronomen wie Paul Bocuse analysiert und sich deren ergonomischen und funktionalen Kontext angeschaut. Am Ende ist ein Buch entstanden: Die Küche zum Kochen.

Kann man sagen, dass dieses Buch und die dahinterstehende Untersuchung das Unternehmen verändert hat? Es hat aus bulthaup erst eine Marke und dann eine Weltmarke gemacht. Und es war die Grundlage dafür, wie wir Innovationen gesehen haben – und eigentlich auch heute noch sehen. Indem wir nämlich nicht einfach nur ein Produkt gestalten, sondern den soziokulturellen Kontext verstehen. Wie arbeiten Menschen, wie leben Menschen? Erst aus dem Kontext heraus entwickelt sich das Produkt. Es ist kein isoliertes Design, sondern wir versuchen immer den Zusammenhang von Mensch und Objekt zu sehen.

Interessant daran ist auch, dass er nicht die Hausfrau aufgesucht hat, sondern Berufsköche. Wieso hat Otl Aicher sich so entschieden? Das gesellschaftliche Bild war damals ein anderes. Die Frau stand bei der Arbeit in der Küche, einem Raum, der ihr vorbehalten war, mit dem Gesicht zur Wand. Im Speisezimmer hat der Mann gewartet. Nach dem Essen ist man gemeinsam ins Wohnzimmer gegangen und hat ferngesehen. Alle Aktivitäten fanden in individuellen Räumen statt. Otl Aicher wollte das Wohnen von diesem Mief der Fünfziger- und Sechszigerjahre befreien. Daraus ist zunächst der Zubereitungstisch und dann die Küchenwerkbank entstanden, die als kommunikative Insel die Hausfrau „erlöst“ hat. Die Insel ist eine Einladung zur Interaktion, verlagert sie in den Mittelpunkt des Raumes, ja sogar des Hauses. Kochen wird zum kommunikativen Akt.

bulthaup hat auch die Werkzeuge aus den Schränken geholt. Während früher nur die Hausfrau wusste, wo hinter den vielen geschlossenen Fronten der Schneebesen liegt, hängt er bei bulthaup für alle sichtbar frei im Raum. Die offen ausgestellten Werkzeuge sind die Einladung, etwas in die Hand zu nehmen und zu kommunizieren. Diese Gegenstände wurden oft ein Leben lang zusammengetragen, dadurch erzählen sie etwas über die individuelle Biographie ihres Besitzers. Anfang des Jahrtausends hat man diesen Gedanken übrigens stark vernachlässigt. Alles war weiß, steril und perfekt. Wo war da der Mensch? Man kann ihn nur über diese persönlich liebgewonnenen Gegenstände des Gebrauchs, wie zum Beispiel mein benütztes Schneidbrett hineinholen.

Welchen Einfluss hat diese Haltung auf das Design? bulthaup sieht die Küche nicht nur als Einbauküchenprodukt. Es geht auch um die Frage: Zu welchen Verhaltensweisen laden die Möbel uns ein? Rund um eine Insel füllt der Raum sich mit Seele und Aura. Deshalb darf das Design eines Produktes nicht im Vordergrund stehen, nicht auf Blingbling und Ornamente setzen und das Produkt damit überhöhen. Bei uns reagiert es auf den Menschen und nimmt sich zurück. Damit ist man in der Gestaltungsphilosophie von Less is more.

bulthaup heute: b1, b2, b3 und die Kollektion b Solitaire.
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Nach welchen Eigenschaften und Qualitäten sucht bulthaup heute bei seinen Designern? Wir suchen keine Gestalter, die für ein selbstdarstellerisches Design stehen. Sondern solche, die daran interessiert sind, das Leben zu verbessern. Die zuhören, offen sind. Und erkennen, dass wir im Zeitalter eines massiven Wandels leben. Denn durch die digitalen Möglichkeiten gewinnen die Menschen jede Menge Zeit. Was machen wir damit? Nachdem wir uns den ganzen Tag durchs Internet geklickt haben und anonym auf Instagram unterwegs waren, sind wir auf der Suche nach gemeinsamer Zeit, schätzen einen geselligen Abend mit unseren Freunden in der Küche. Diese beiden Pole, das Anonyme und das Gesellige, sind das Yin und das Yang unserer heutigen Zeit.

Wie verändert das digitale Zeitalter die Küchenkultur? Die Menschen haben das starke Bedürfnis zusammenzukommen. Kochen als Prozess des Machens erhält einen neuen Wert: Es ist ein Gemeinschaft stiftender Akt. Wir sind auf der Suche nach zwischenmenschlicher Dynamik und nach Resonanz. Etwas zusammen zu tun, ist ein soziales Bedürfnis. Da ist es manchmal zweitrangig, was man nun genau macht. Aus der vordergründig funktionalen Küche hat sich ein Ort entwickelt, der das Zentrum sozialer Interaktion ist. Es geht nicht darum, egoman etwas Eindrucksvolles zu kochen, sondern eine gute gemeinsame Zeit zu verbringen. Das ist die neue Küchenkultur, so wie wir sie verstehen.

Das klingt auch nach Auflösung. Was muss oder wird sich verändern? Tatsächlich verliert die Kochplatte als Feuerstelle an Bedeutung. Wir haben zuletzt in Mailand mit einem bekannten Koch zusammengearbeitet. Er als Profikoch kann lange Zeit ohne Hitzequelle auskommen, aber nur wenige Minuten ohne Wasser. Für ihn ist Wasser das zentrale Element jeder Küche. Er bereitet sechs Stunden vor, erst dann beginnt das eigentliche Kochen. Die Vorbereitung ist der Nukleus der Küche. Insoweit geben wir heute dem Wasser immer mehr Raum: zum Gemüse putzen, zur Weinkühlung, zum Warmhalten. Am Ende geht es aber immer um das gemeinsame Kochen als kommunikativen Akt.

Wo findet man heute die Antwort auf die Frage nach der Küche der Zukunft? Die interessanten Antworten kommen immer von Menschen, die nicht in der Branche sind. Du findest sie, wenn du in Hotels absteigst, wenn du in Japan unterwegs bist, lernst, wie andere Kulturen Raumarchitekturen begreifen. Wir arbeiten mit Köchen zusammen, mit Ökotrophologen, mit Materialwissenschaftlern. Wir glauben nicht, dass wir zehn Jahre vorausplanen können, aber wir haben einen kontinuierlichen Prozess, Thesen und Aussichten. Die Zukunft ist im Grunde vor allem die Fortschreibung der letzten zehn Jahre. Zukunft braucht Herkunft.

Dann noch einmal ins Jetzt: Was bedeutet die Küche den Menschen heute? Der Tisch ist ihr Mittelpunkt, wo Tragödie und Komödie stattfinden. Hier wird morgens das Frühstück gemacht und abends die Hausaufgaben, hier trinkt man ein letztes Glas Wein morgens um halb drei. Sie ist der Ort der sozialen Dynamik, der menschlichen Resonanz. Der Ort, an dem man gern mehr Zeit verbringt. Der Ort, an dem man vergisst, was man gegessen hat, aber nicht mit wem man gegessen hat.

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.

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