Marc Sadler

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Text: Norman Kietzmann und May-Britt Frank


Marc Sadler ist ein Pionier in vielen Disziplinen. Erst entwickelt er den ersten Plastik-Ski-Schuh der Welt, dann verhilft er Sportartikelmarken wie Nike oder Reeebok mit innovativen Turnschuhsohlen zum Welterfolg und widmet sich nun mit einer spielerischen Leichtigkeit dem Thema Licht. Geboren 1946 als französischer Staatsbürger in Innsbruck, macht er 1968 seinen Abschluss in Industrial Design an der Pariser ENSAD. Nach Studios in New York, Hongkong, Taiwan und Venedig lebt und arbeitet er nun in Mailand. Zu seinen bekanntesten Produkten zählen die Leuchten „Twiggy“ und „Mite“ für Foscarini, die Leuchte  „Drop“ für Flos sowie die „Alukit“-Küche für Boffi. Wir trafen Marc Sadler in Köln und sprachen mit ihm über Bewegung als Strategie, Rückschläge als Chancen sowie die Kunst, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. 

 
Herr Sadler, mit Ihrer Leuchte „Twiggy“ haben Sie eine der derzeit bekanntesten und erfolgreichsten Leuchten entworfen. Auch früher haben Sie bereits mit verschiedenen Leuchtenherstellern zusammengearbeitet. Spielt das Thema Licht für Sie eine besondere Rolle?

Ja und nein. Ich mache ja nicht nur Leuchten sondern auch vollkommen andere, vielleicht ein wenig langweiligere Produkte. Die sind zwar ebenfalls sehr schön, doch es ist viel schwieriger, sie zu kommunizieren. In meiner Vergangenheit habe ich vielmehr Dinge wie Motorräder oder Schutzverkleidungen für Fahrräder entworfen. In bestimmten Bereichen kenn mich die Leute nur als den, der Ski-Schuhe oder Turnschuhe entwirft und wissen überhaupt nicht, dass ich Leuchten mache. Die Menschen neigen immer schnell dazu, einen in eine Schublade zu stecken.
 
Sie gelten auch als Spezialist, selbst für komplizierte Produktionsverfahren Lösungen zu finden.

Es stimmt, das ist für mich ein sehr wichtiges Feld. Schon als kleines Kind habe ich gerne Dinge repariert. Ich kann recht gut mit meinen Händen umgeben. Ich bin neugierig und habe ein breites Wissen an Formen und Funktionen. Ich entwerfe auch viel mit meinen Händen. Wenn ich ein Problem vor mir sehe, muss ich so lange darüber grübeln, bis ich eine Lösung finde. Das macht mein Leben und das meiner Frau nicht immer einfach, da ich manchmal nicht aufhören kann. Aber das ist die Weise, auf die ich arbeite. Ich habe übrigens auch schon sehr viele Erfindungen von mir als Patent angemeldet. Wenn man keine Lösungen findet, macht man auch kein gutes Design.
 
Wie gehen Sie an neue Projekte heran? Überlegen Sie sich erst einen Mechanismus, wie etwas funktioniert, oder sind es doch eher formelle Aspekte?

Als ich zum Beispiel die Leuchte „Twiggy“ entworfen habe, war es eigentlich eine Weiterentwicklung einer anderen Leuchte aus Fiberglas, die ich ebenfalls für Foscarini entworfen habe. Es ging dabei weniger um die Struktur als vielmehr die Transparenz des Materials. Wir haben die technische Eigenschaft also auf eine gewisse dekorative Weise verwendet. Bei „Twiggy“ haben wir aus Fiberglas schließlich einen langen, dünnen Stab entwickelt, an dem der Leuchtenschirm aufgehangen war. Man könnte das Fiberglas auch dazu benutzen, das Licht zu bündeln, doch das macht schließlich jeder. Bei uns ging es darum, das Material auf eine andere Weise anzuwenden, sodass zum Schluss ein neues Produkt entsteht.
 
Sie meinen, dass sich der Leuchtenstab biegt und die Höhe des Leuchtenschirms mittels kleiner Gewichte variiert werden kann?

Ja, vor allem die Flexibilität des Fiberglases zu erzeugen, war nicht einfach. Denn normalerweise benutzt man das Material, um eine steife, gerade Form zu erzeugen. Wir wollten sie so weit verändern, dass sie flexibel wird und trotzdem an genau der vorgesehenen Stelle zum Stillstand kommt. Wir haben in der Fabrik lange daran getestet und immer wieder die Beschaffenheit des Materials verändert. Als wir dann nach einem Monat die richtige Form gefunden haben, waren alle begeistert. Doch am nächsten Morgen hatte sich der Stab durchgebogen, sodass der Schirm auf dem Boden lag. Das war keine leichte Aufgabe. Heute haben wir sehr viel über das Material und dessen Qualität gelernt. Es ging darum, die richtige Balance zwischen Flexibilität und Spannung zu finden.
 
Übertragen Sie solche Erfahrungen später auch auf andere Projekte?

Ja, absolut. Ich meine, normalerweise sind es Ingenieure, die sich damit befassen. Doch was sie machen, bleibt zumeist im Verborgenen. Ich selbst zum Beispiel nehme sehr häufig Materialien und Herstellungsweisen aus der Industrie und bringe sie in ein bisher eher ungewohntes Umfeld. Ich habe dies schon vor einigen Jahren getan, als ich für Flos eine Lampe aus Silikon entworfen habe. Zu diesem Zeitpunkt habe ich gerade an Sohlen für Tennisschuhe von Nike gearbeitet. So kam ich auf die Idee, daraus eine Leuchte herzustellen, die sehr leicht ist und aus verschiedenen Farben besteht. Wir haben fast ein Jahr daran gearbeitet, bis wir gemerkt haben, dass es nicht funktioniert. Denn wenn man durch eine Sohle schaut, ist der Gummi nie ganz sauber sondern hat immer ein paar Stellen, die durch das durchscheinende Licht dreckig aussehen. Das war ein Desaster. Wir haben dann die gesamte Leuchte transparent gemacht und auf alle Farben verzichtet. Man muss also sehen, wo die Limits bei einem Projekt liegen. Sehr häufig sind meine ersten Ideen zu komplex. Also fange ich an zu arbeiten und mache sie immer einfacher und einfacher.
 
Liegt darin nicht auch die Herausforderung?

Ja, denn wenn ich dies tue, wird das Projekt klarer, eleganter und besser. Es bekommt dadurch mehr Kultur, denn es ist ja nicht nur meine Arbeit, sondern auch die der Techniker, Ingenieure und anderer Beteiligter. Bei einem Projekt kommen immer verschiedene Ideen zusammen. Natürlich bin ich es, der steuern muss. Aber dieser Prozess ist auch wichtig, um sich weiter zu entwickeln und nach neuen Lösungen zu suchen. Ich denke, Ästhetik ist die Summe der Erfahrungen, die auf solchem Wege gewonnen werden.
 
Welche Themen im Design reizen Sie noch?

Wenn ich Leuchten entwerfe, ist es ein Thema. Wenn ich Sportschuhe entwerfe, etwas vollkommen anderes. Ich denke, wir sollten die Dinge vielmehr weiter entwickeln, an denen wir schon arbeiten. Ich möchte zum Beispiel nicht Millionen von Leuchten entwickeln sondern mich vielmehr auf wenige konzentrieren und an ihnen die Details herausarbeiten, die Dinge noch einfacher machen. Darin steckt eine Menge Energie. Denn man kann nicht einfach eine Schraube weglassen, sonst fällt die Leuchte von der Wand. Man muss nach Lösungen suchen und das braucht eine Menge Übung. In diese Richtung weiter zu arbeiten, interessiert mich. Leider wollen viele große Unternehmen das gar nicht, sondern häufig nur den Namen eines Designers. Aber das ist mir heute egal. Ich möchte Dinge machen, die eine Essenz von dem sind, was wir machen können.
 
Sie sind in Innsbruck geboren, französischer Staatsbürger und wohnen und arbeiten in Mailand ...
 
Ja, das ist eine lange Geschichte. Ich habe zunächst in Paris Industrial Design studiert und bereits verschiedene Design- und Architekturprojekte gemacht. Nachdem ich mir beim Skifahren den Knöchel gebrochen hatte, habe ich mir meine eigenen Skischuhe angefertigt. Normalerweise waren Skischuhe damals aus Leder, doch ich wollte meine unbedingt aus Kunststoff machen. Also habe ich eine Form hergestellt und sie bei mir daheim im Ofen gebrannt.  Ich habe diese Schuhe dann in einer Design-Ausstellung gezeigt, wo sie jemand sah, der zufälligerweise Ski-Schuh hergestellt hat. Er war Italiener und mir sofort einen Vertrag angeboten, wonach ich alle zwei Monate eine Woche für ihn arbeiten sollte. Doch alles, was ich versucht habe, hat nie funktioniert. Ich war mit meinen Ideen absolut auf dem Mond und er mit beiden Beinen fest auf der Erde.
 
Wie hat er darauf reagiert?

Er sagte dann eines Tages, dass er auf die Ispo-Sportmesse nach München wolle und von mir bisher noch immer keinen einzigen Plastikschuh gesehen hat. Also habe ich ein paar ganz einfache Schuhe gemacht. Das ging alles sehr schnell. Nur aus ein und derselben Form für den linken und den rechten Fuß – ganz anderes übrigens, als sie heute gefertigt werden. Wir haben sie dann auf der Messe gezeigt. Zu dieser Zeit gab es sonst nur schwarze oder braune Schuhe aus Leder. Wir kamen dagegen mit sechzehn verschiedenen Farben in Kunststoff auf den Markt. In dem Jahr, bevor ich kam, hat seine Firma 120.000 Paar Schuhe verkauft. Ein Jahr später haben wir 1.650.000 Paar Schuhe verkauft. Es wurde zu einem Problem: für ihn, für mich, für die ganze Firma. Jeder wollte diese damals Schuhe kaufen.
 
Wie ging es danach für Sie weiter?

Ich begann also mehr und mehr von Paris an diesen Ort zu ziehen, wo seine Firma saß und begann, italienisch zu lernen. Damals dachten alle, ich mache nur Skischuhe. Das war mein Leben. Danach habe ich Turnschuhe gemacht, als noch niemand Turnschuhe gemacht hat. Ich hatte Glück, mit Nike und Reebok anfangen zu können. Reebok bestand damals ja nur aus drei Leuten. Heute ist es ein Gigant geworden – und für mich auch ein riesiger Kunde. Ich hatte also sehr viel Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Heute mache ich Leuchten, aber natürlich nicht nur. Ich bin weiter in Bewegung. Die Leute sagen mir immer, ich bin ein endlos Reisender. Aber ich bewege mich, weil sich mein Geschäft bewegt. Das ist für mich die Herausforderung.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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