Marcel Wanders

40
Text: Markus Hieke, 11.01.2018

Über sein Büro spricht Marcel Wanders von einem kleinen Studio, dabei sind dort mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigt – für ein Designbüro eine große Zahl. Rastlos kreiselt er seinen Stift auf dem Tisch. Und sonst: immer eine Spur abgehoben. Sein Design ist streitbar. Ein Besuch in Amsterdam

Zunächst eine persönliche Frage: Sie haben in letzter Zeit einige Hotelinteriors gestaltet. Dabei kennt ihr Niederländer euch doch vor allem mit Campingurlaub aus – zumindest aus deutscher Sicht. Kann man sich einen Marcel Wanders im Caravan vorstellen? Nun, erstmal würde ich sagen, dass wir nicht sehr viele Hotels gestaltet haben, obwohl wir für diese recht bekannt sind. Tatsächlich haben wir in den vergangenen 15 Jahren gerade mal sieben Hotels realisiert. Andere mögen mehr Projekte in kürzerer Zeit schaffen, bei uns dauert die Planung und Umsetzung eines Hotelprojekts wegen der zahlreichen Details gute fünf Jahre, oder sogar sieben wie beim Mondrian in Doha. Zum Thema Camping: Das ist wirklich nichts wofür ich mich besonders begeistern kann. In der Hinsicht bin ich wohl nicht sehr holländisch.

Dabei hat es etwas Romantisches und Ihre Arbeit ist ja auch in gewisser Weise verträumt. Als Puma mal den Wunsch hatte, mit mir zusammenzuarbeiten, überlegten wir gemeinsam, worauf unser Projekt hinauslaufen könnte. Die Idee war es schließlich, eine urbane Outdoor-Kollektion zu gestalten. Der Titel des Projektes lautete I hate Camping. But I love lounging with style. Entstanden ist ein Zelt, gedacht für Dachgärten und mit Zubehör wie einem isolierten Trolley, in dem man Champagner und Ananas und so weiter kühlen konnte. Das beantwortet vielleicht alles.

(überlegt kurz und lacht)

Ich erinnere mich, dass mein Bruder mich mal eingeladen hatte, ihn zum Oerol, einem Kulturfestival auf der Insel Terschelling, zu begleiten. Er und seine Freunde waren alle in Flipflops und T-Shirt, und dann komme ich – zu dem Zeitpunkt habe ich ausschließlich schwarze Anzüge getragen und trug so auch dort einen. Wir sitzen also gemeinsam im Gras und diskutieren endlos, was wir zum Essen bereiten würden. Um das Thema zu beenden, rief ich im Studio an, fragte wo die nächste Pizzeria sei und bestellte 20 Pizzen. Auf einem kleinen Kocher etwas Essbares zuzubereiten, ist einfach nicht mein Ding.

Luxushotels hingegen schon. Gerade wurde das Hotel in Katar eröffnet. Mich erinnern die Bilder davon an einen gigantischen Blumenstrauß. Das Hotel spricht für das, was die Menschen von Doha erwarten. Während ein Produkt theoretisch überall funktionieren kann, muss ein Interiordesign unmittelbar etwas mit dem Ort zu tun haben. Wir arbeiteten mit regionalen Handwerkern und lokalen Mustern. Im Nahen Osten gibt es die sogenannte heilige Geometrie, die wir verwendeten und setzten dafür wesentlich weniger Blumen als für gewöhnlich ein.

Hotel Grand Portals Nous auf Mallorca, Foto: © Marcel Wanders

Auf Ihrer Website heißt es, im Hotel Grand Portals Nous auf Mallorca, das Sie zuletzt fertiggestellt haben, werden die Gäste dank „verwöhnender Erholung verjüngt“. Worin besteht die Herausforderung, dieses Ziel mithilfe von Design zu unterstützen? Jeder Ort hat seine Zielgruppe mit eigenen Ansprüchen. Der durchschnittliche Mallorca-Besucher kommt für sechs bis acht Tage und möchte einfach nur entspannen – den Strand, das schöne Wetter und fantastisches Essen genießen. So gestalteten wir einen Ort, den man bis ins letzte Detail mögen wird.

Indem Sie die Vorzüge der Insel in ihrem Interior einfangen. Nun, zunächst versucht man, den Betreiber in Hospitaly-Aspekten zu beraten. Erst dann spielen die visuellen Eindrücke hinein – mit dem Ziel, dass sich das Land im Gebäude widerspiegelt. Auf Mallorca wollen Sie sich ja nicht wie in Tokio fühlen. Dafür versuchen wir etwas, das sehr schwierig ist: Der Ort soll zwar neu entstehen, aber auch authentisch wirken.

Aufträge können aber auch ganz anders aussehen. Sie haben einmal gesagt, dass Sie gerne eine Moschee gestalten würden. Ist das immer noch Ihr Wunsch? Ja, ich studiere seit fünf Jahren eine neue Designsprache, weil ich gerne eine Moschee im Nahen Osten gestalten würde. Nun habe ich tatsächlich eine Anfrage bekommen, eine Moschee zu realisieren – allerdings ist das noch nicht ganz sicher. Wenn das Projekt kommt, wird es lange dauern. Allein die entsprechenden neuen Formen zu finden! Meine Blumen kann ich da jedenfalls nicht verwenden.

Für ihr Verständnis von Design mussten Sie seit dem Studium kämpfen. Es ist nicht so, dass ich ein schreckliches Leben hatte. Aber wie Sie sicherlich wissen, gibt es Menschen, die lieben was wir tun, und es gibt Menschen, die es verabscheuen. Wenn du etwas Freimütiges gestaltest – und mir ist es lieber etwas zu kreieren, das ein paar Menschen wirklich lieben –, dann hast du auch das Problem, dass manche Leute dein Design hassen werden. Irgendetwas dazwischen ließe die Menschen gleichgültig. Ich möchte hingegen außergewöhnliche Dinge schaffen, die die Leute haben wollen, mit denen sie gerne leben und die sie später einmal weitergeben werden. Offenbar passt aber kaum Poesie in eine Welt, die fundamental modernistisch gestrickt ist und damit minimalistisch, konzeptionell und rational denkt. Liebe passt nicht hinein. Schönheit…, na gut, Schönheit passt hinein. Doch wo bleibt da die menschliche Seite?



Wobei es beim rationalen Gestalten ja auch um Zeitlosigkeit geht. Wenn Sie mein Schaffen verfolgen, dann können Sie vielleicht sagen, welches meiner Produkte in welcher Zeit entstanden ist. Andernfalls denke ich, dass meine Designs recht schwer zeitlich einzuordnen sind. Auch wenn ich natürlich immer dazu lerne und Dinge besser oder anders umsetze als früher. Daneben finde ich es ja grundsätzlich auch nicht schrecklich, wenn Dinge älter werden. Sie werden es. Im Modernismus ist die wichtigste Eigenschaft vieler Produkte ihre „Neuheit“, was ich für keine sehr nachhaltige Qualität halte. Ist der erste Kratzer daran, sind sie hinüber. Während in unsere Produkte von vornherein Alter und Respekt für Kultur eingebettet werden. Objekte, die so zwischen Vergangenheit und Zukunft lagern, sind meiner Ansicht nach beständiger.

Dabei sprechen wir allerdings von dauerhaften Produkten. Ein iPhone mit diesem Ansatz zu gestalten wäre Unsinn. Oder auch die Masken gegen Luftverschmutzung, die wir einmal gestaltet haben, verfolgen ja eine ganz andere Logik.

Würden Sie sagen, ihre Produkte entwickeln sich bei Gebrauch und werden mit der Zeit besser? Nun, manchmal kann man es genauso einbauen, manchmal geht das nicht. Aber ja, ich liebe Patina und wir versuchen es, sie einzuplanen, wobei sie natürlich schwer vorherzusagen ist. Im Bahrain beispielsweise haben wir Spas gestaltet, die ein wenig an alte Suqs erinnern. Wir haben hier künstliche Patina integriert, indem wir Fensteröffnungen von vornherein verschlossen haben, sodass es also so wirkt als gäbe es eine Geschichte zu diesem Ort. So erwecken wir Dinge zum Leben.

Braucht ein guter Designer Reibung, um erfolgreich zu sein? Ich würde sagen, ein guter Schüler wird immer lernen – von Kritik wie von Kompliment, aber auch davon, wenn jemand nichts sagt.

Also sind Sie selbst noch Schüler? Ich bin absolut noch Schüler. Ich bin ein guter Schüler! (lacht)

Unterrichten Sie auch noch? Sie hatten mal einen Lehrauftrag in Eindhoven. In der Vergangenheit habe ich unterrichtet. Aber sehen Sie: Hochschulen waren immer eine Megairritation für mich. Also entschied ich, es nicht mehr zu tun.

Warum? Die Organisation von Hochschulen ist so schlecht. Meine letzte Erfahrung war eine Klasse in Eindhoven. Ich hatte ein Jahr mit den Studenten, das wundervoll war. Der Punkt ist aber: Ich gebe keine Kritik, sondern unterstütze ausschließlich, denn ich weiß ja auch nicht, was sie kreieren sollen. Sie sollten ganz gewiss nicht das tun, wovon sie glaubten, dass es mir gefiele. Mein Anliegen war es, sie zu pushen. Für die Studenten war es toll, sich ein Jahr lang ohne Grenzen ausprobieren zu können. Im darauffolgenden Jahr fielen aber 22 von 24 von ihnen durch. Was hatte ich angerichtet?

Haben Sie Ihre Studenten nicht auf die nächste Etappe vorbereitet? Ich denke, ich war eigentlich ein guter Lehrer. Aber man zwang sie zurück in ein System, das für sie nicht gemacht war. Begeisterung und Passion gehen verloren in so einem Format.

Es war dasselbe System, unter dem auch Sie als Student schon litten. Ja, grundsätzlich genau so. Und nun halte ich mich da raus, zumindest im Augenblick.

Schätzen Sie Kritik von Menschen, insbesondere vom eigenen Team? Interessant, dass Sie das Fragen. Denn vor zwei, drei Jahren spürte ich, dass ich generell kaum Widerspruch bekam. Leute sehen sich lieber auf meiner Seite. Inzwischen fordere ich Kritik aber regelrecht ein. Was ist das für ein Leben, in dem keiner widerspricht? Dabei meine ich nicht das Design, dafür bekomme ich genug Kritik. Aber allgemein… Und im Team versuchen wir sehr offen zu sprechen.

Wie sehr würden Sie Ihre Designansichten kompromittieren, um zur Identität eines Auftraggebers zu passen? Ich beschreibe es gerne so, dass wir wie die Mutter eines Babys sind, das wir gestalten. Und dann gibt es die andere Seite, den Kunden, Hersteller oder Investor – mit anderen Worten den Vater. Wenn du nun ein hübsches Kind haben möchtest, solltest du als Mutter mit Sorgfalt wählen, keinen hässlichen Vater also. Wenn du ein kluges Kind haben willst, sollte der Vater nicht dumm sein. Wir sind sozusagen etwas wählerisch, auch wenn das scheußlich klingen mag. Aber immerhin verbringen wir ja auch viel Lebenszeit mit unseren Kunden – sie sind also besser nett. Letztendlich willst du aber auch, dass der Vater sich um das Kind kümmert und es als sein Baby erkennt. Generell schätze ich es, wenn Produkte am Ende nah an einer Unternehmenskultur dran sind. Nur möchte ich sichergehen, dass man eben auch meine Stimme darin wiedererkannt.

KEF LS50 Sonderedition Nocturne, Foto: © KEF

Wie in den Lautsprechern, die Sie zuletzt für KEF gestaltet haben. Letztendlich haben wir in der Sonderedition Nocturne die Front des existierenden Wireless Speakers LS50 von KEF neugestaltet. Jedes grafische Element, das Sie auf der Oberfläche sehen, ist Teil der Notation von Musik – die Visualisierung von Tönen und Rhythmen, die wir aus allen möglichen internationalen Musikstilen digital zusammengefügt haben. Die Linien und Punkte sind Zeichen, die Sie vom Notenpapier ablesen können. Wir haben Sie hier als Explosionsgrafik dargestellt.

Und typisch Wanders sind dabei die Special Effects, das Fluoreszieren bei Dunkelheit. Genau.


Während dieses Produkt nun auf konkreten Auftrag hin entstand, werden Entwürfe im Möbeldesign zwar oft präsentiert, schaffen es aber dann nicht auf den Markt. Wie stehen Sie zu gescheiterten Produkten? Der größte Teil der Produkte schafft es nicht in die Produktion. Mit Droog haben wir in unseren frühen Jahren mal eine Kollektion in Mailand präsentiert, die nur als Prototyp existierte. Nur haben wir das niemandem erzählt. Anschließend wurde viel darüber berichtet. Die Einstellung zum Design, aber auch die Berichterstattung hatten sich zu der Zeit verändert. Plötzlich rankten Pflanzen an einer Schaukel, das war ungewöhnlich. Aber haben musste man es nicht. Genau wie bei Designmagazinen. Leute kaufen sie, aber das heißt nicht, dass Sie ein Sofa brauchen. Und das ist auch gut. Ich finde es toll, dass so ein großer Teil von dem, was wir hier jeden Tag tun, für die Menschen gratis ist. Sie nutzen die Dinge, die in den Heften abgedruckt sind, indem diese ihren Geist bereichern. Sowieso werden heutzutage im Möbeldesign keine großen Auflagen mehr erreicht – außer bei Ikea. Der Rest aber ist sämtlich handgemachtes Zeug.



Bei der Vermarktung spielt das Geschichten erzählen eine wachsende Rolle. Sie waren in dem Punkt schon immer der Zeit etwas voraus. Storytelling war für mich von Tag eins an der Schlüssel zum Erfolg. Wenn Sie zum Beispiel dieses Glas hier nehmen (greift zum Wasserglas), dann wird es nie Ihr Herz erreichen, wenn ich meinen gestalterischen Fokus nur auf die Form des Glases, nicht aber auf den Kontext setze – es wäre eine Verschwendung von Zeit, Geld und Material. Wenn ich aber nun weiß, dass das Objekt selbst nur ein kleiner Teil des Ganzen ist – dazu kommen inszenierte Fotos oder ein bestimmtes Wissen darüber –, dann wird es plötzlich viel bedeutender sein in Ihrer Wahrnehmung.

Ihre Marke Moooi lebt praktisch nur vom Storytelling. Was erzählt der Name selbst? Das niederländische Wort „mooi“ bedeutet ja übersetzt ganz einfach schön. Der Name selbst sollte international funktionieren und ich dachte drei Os wirken visuell einfach stark. „Zooi“ heißt Krempel, da fand ich Moooi einfach besser.

Haben Sie die Marke entwickelt, um Ihre eigenen Produkte besser verkaufen zu können? Die Idee zu Moooi entstand während der Droog Design-Periode. Und ich mochte wirklich die Idee des virtuellen Designs, das wir damals machten. Doch dachte ich auch, dass es doch wirklich schön wäre, mit meinen Produkten bei den Menschen zuhause zu sein. Keiner wollte meine Arbeit produzieren. So begann ich damit, Leuchten selbst herzustellen. Ein Freund von mir kümmerte sich um den Verkauf. Damals hieß das Ganze noch Wanders Wonders und nach drei erfolgreichen Jahren starteten wir unter dem heutigen Namen und öffneten uns für internationale Designer – worüber ich sehr glücklich bin.



Neben Möbeln und Accessoires entdeckt man auch eine neue Brillenkollektion im Sortiment. Ja genau, das ist ein co-gebrandetes Projekt mit Gentle Monster, einer sehr tollen koreanischen Firma – jung und super funky. Wir versuchen auf diese Weise, Firmen in andere Bereiche zu bewegen. Wir möchten als Designfirma nicht an eine bestimmte Typologie von Produkten gebunden sein.

Die New York Times bezeichnet Sie als „Lady Gaga of Design“. Es gibt gerade einen neuen Spitznamen (zückt sein Smartphone und verliest eine Liste): der wohl kühnste Offroadfahrer in der Welt des Design (Whitewall), der ungekrönte König des neuen Antik-Designs, eines der meist bejubelten Talente der Designwelt, der kalvinistische Poet, überlebensgroßer Designer, (betont) Stardesigner, vom durchtriebenen Ritter zum weisen König, (schmunzelt) sonderbarer, enigmatischer niederländischer Designer, Designheld, Enfant-terrible des Design, der Detailverliebte, Überdesigner, Störenfried, Beethoven des Design… – Da haben Sie es. Lady Gaga ist wirklich nicht der interessanteste Vergleich (lacht). Alle wollen mir dieses Label anheften, das nervt.

Ich werde mich zurückhalten. Nein, ich verstehe ja, warum das passiert. Ich spreche selbst häufig in Metaphern. Und es ist ja kein Problem. Aber es ist mein Problem (lacht).

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.