Marco Gorini

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Text: Norman Kietzmann


Marco Gorini hat die Küche zum High-End-Objekt gemacht. Geboren 1954 im norditalienischen Montagna-in-Valtellina studiert er zunächst Architektur und beginnt parallel, erste Erfahrungen auf dem Gebiet der Mode zu sammeln. Schon früh entdeckt er seine Leidenschaft fürs Kochen und beschließt – nachdem die Küche immer mehr zu seinem Wohnzimmer geworden ist – selbst Küchen zu entwerfen. 1987 gründet Marco Gorini die Firma Strato und erzielt 1990 auf der Mailänder Möbelmesse erste Erfolge. Was die Küchen von Strato zu jener Zeit von ihren Konkurrenten unterscheidet, ist ihr auffallend puristisches Design und die Qualität ihrer Verarbeitung. Neben Stahl führt Strato als weltweit erster Küchenhersteller Aluminium und sogar Titan in das Küchensegment mit ein und macht seine Produkte zu exklusiven, von Hand gefertigten Einzelstücken. Wir trafen Marco Gorini in Mailand und sprachen mit ihm über die Küche als Maschine, Flexibilität als Maßstab sowie Kochclubs der besonderen Art.


Herr Gorini, Strato gilt als exklusivster Küchenhersteller der Welt. Was unterscheidet Ihre Küchen von anderen Herstellern im Luxussegment?


Die absolute Freiheit. Wir haben eine Produktliste mit einer unbegrenzten Auswahl an Komponenten. Die Küchen entstehen mithilfe der Architekten, die die Gebäude planen, zusammen mit unseren Händlern. Die Projekte sind daher unbegrenzt. Sehr häufig planen wir die Küche, noch bevor mit der Planung des Hauses begonnen wird. Allein schon wegen der Anschlüsse sowie der späteren Wirkung im Raum. Mitunter fangen wir bereits drei bis vier Jahre vor der tatsächlichen Konstruktion der Küche mit der Planung an. Das ist eine lange Zeit.

Werden alle Küchen von Ihnen entworfen?

Ich entwerfe die Konzepte der einzelnen Linien und gebe die Ideen dann an unsere Händler weiter, die diese in individuell geplante Küchen übersetzen. Wir haben in diesem Sinne auch keine konkreten Modelle. Alle Objekte in unserem Katalog sind untereinander frei kombinierbar. Türen aus Inox-Stahl können mit allen Arten von Griffen kombiniert werden und umgekehrt. Wir zeigen in unseren Showrooms bestimmte Ideen und die Kombinationsmöglichkeiten bestimmter Materialien. Aber danach sind unsere Küchen ein offenes System, das sich unendlich erweitern lässt. Unsere Händler müssen daher sehr gute Projektentwickler sein. Denn es macht keinen Sinn, ein Standardmodell zu verkaufen mit einem System, das alles andere als Standard ist. Davon hat der Kunde nichts.

Wie würden Sie den Stil von Strato beschreiben?

Strato steht zunächst für technisch-funktionales Design. Denn eine Küche ist wie eine Maschine, die funktionieren muss. Man kann schließlich auch kein Auto aus Schokolade bauen, auch wenn dies vielleicht reizvoll wäre. Wir stellen Produkte her, die für viele Jahre funktionieren müssen. Unser Interesse ist es dabei, die Küchen so minimalistisch wie möglich zu machen. Das ist der Weg, dem wir beim Entwerfen folgen. Der zweite Punkt sind die Materialien und die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Wir verwenden zumeist rostfreien Stahl. Wir arbeiten aber auch in Titan – im Übrigen als bisher einziger Küchenhersteller auf der Welt –  ebenso in Holz und Glas. All diese Materialien haben ihre Grenzen. Gleichzeitig wollen wir aber zeigen, wie wir diese ausreizen und somit neue Standards beim Design von Küchen setzen können. Es gibt daher immer auch eine Tendenz zum Objekthaften, das über den Gebrauch hinausgeht.

Sie spielen auf Modelle wie die Küche „Eclettica“ an, die mit ihrer runden Formensprache wie eine Skulptur im Raum wirkt ...

Ja, diese Küche war zunächst ein Experiment. Das Besondere an ihr ist, dass sich die Arbeitsfläche aus dem Korpus um 90 Grad herausdrehen lässt und somit zwei Personen die Möglichkeit gibt, gleichzeitig an ihr zu arbeiten. Kurven werden im Design von Küchen normalerweise nicht eingesetzt, da sie sich untereinander kaum kombinieren und erweitern lassen. Wir wollten zeigen, dass es dennoch funktioniert. Unsere Händler in der Welt passen dann dieses Konzept an die konkreten Bedürfnisse der Kunden an. Die „Eclettica“, wie wir sie hier vorgestellt haben, ist als limitierte Edition geplant. Bisher haben wir bereits zwei Stück produziert. Bei zwanzig Exemplaren werden wir aufhören.

Worin besteht die Idee, eine Küche zu limitieren wie Kunstwerke?

Es liegt in der Geschichte von Strato. Wir haben schon von Anfang an sehr spezielle Objekte entwickelt, die sich an der Grenze zu Kunstwerken bewegen und in geringen Stückzahlen produziert wurden. Die Kunden, die sich unsere Küchen kaufen, fühlen sich auch wohler, wenn Sie wissen, dass es nur eine begrenzte Stückzahl von ihnen gibt und sie nicht tausendfach zu haben sind. Wir produzieren derzeit ungefähr 300 Küchen im Jahr. Mehr lassen auch unsere Kapazitäten auch gar nicht zu. Zumal viele Projekte auch einen langen und aufwändigen Planungsprozess haben. Allein die Produktion einer einzelnen Küche nimmt knapp 90 Tage in Anspruch.

Stimmt es, dass in einer Strato-Küche auffällig viel Handarbeit steckt?

Ja, zum Beispiel die angewinkelten Kanten der Arbeitsflächen. Dahinter steckt ein Verfahren, das ich eigens entwickelt habe. Es ist sehr aufwändig, da man dafür spezielle Maschinen braucht. Zuerst werden große, hohe Blöcke aus Holz zugeschnitten, die sich auch nicht mit normalen Werkzeugen produzieren lassen. Denn wenn man große Stücke zusammenfügt, müssen diese absolut präzise gearbeitet sein. Das funktioniert nicht mit einer konventionellen Ausrüstung. Wenn wir diese Präzision erreicht haben, bringen wir die Beschichtung der Oberflächen an. Anschließend wird alles per Hand geschliffen und poliert. Auf diese Weise entstehen auch die perfekten Kanten. Strato ist in dem Sinne eher wie eine Manufaktur, auch wenn wir mit hochmodernen Maschinen arbeiten. Doch die Präzision in der Erscheinung und in der Verarbeitung lässt sich nur durch Handarbeit erzielen.

Das klingt fast wie bei einem Rolls-Royce ...

Nur dass man bei einem Rolls-Royce höchstens die Farbe des Leders oder der Karosserie auswählen kann. Bei unseren Küchen kann man dagegen alles entscheiden, ob in der Form, den Maßen, den Oberflächen oder der technischen Ausstattung. Es gibt keine Limits. Wir haben Arbeitsflächen von zwölf Metern Länge angefertigt – ohne eine einzige Fuge! Der Sockel dafür wurde in drei Teilen geliefert, vor Ort zusammengefügt und dann mit einer durchgehenden Arbeitsplatte aus Inox-Stahl verkleidet. Einzig der Transport bereitet unseren Produkten mitunter Probleme.

Sie selbst haben Strato 1987 in Mailand gegründet.

Ja, am Anfang waren wir nur zu Dritt. Ich habe 1990 zum ersten Mal auf der Mailänder Möbelmesse präsentiert und danach auch zweimal auf der Möbelmesse in Köln. Als wir später unseren Showroom in Mailand eröffnet haben, haben wir entschieden, nicht mehr auf Messen zu gehen und die neuen Produkte ausschließlich in unseren Showroom zu zeigen. Denn das Produkt, das wir verkaufen, ist für eine breite Masse nur bedingt geeignet. Heute haben wir eigene Showrooms in Antwerpen, Berlin, Moskau, St. Petersburg, Barcelona, Hongkong, Wien, Zürich, Los Angeles und natürlich in Mailand.

Was hat Sie damals dazu bewegt, Küchen zu entwerfen?

Ich habe mir damals alle Systeme angeschaut, die auf dem Markt erhältlich waren, und festgestellt, dass es auf diesem Gebiet kein Design gab. Auch die Verwendung der Materialien war sehr begrenzt und sah nur Laminat oder Holz vor. Metall wurde zu dieser Zeit noch nicht verwendet außer für Arbeitsplatten und das auch in einer sehr einfachen, anspruchslosen Form. Ich war damals der Erste, der Aluminium für eine Küche verwendet hat. Und ich war der Erste, der Titan im Küchenbereich eingesetzt hat. Vor allem Inox-Stahl wurde für unsere Küchen sehr wichtig. Später haben wir begonnen, Materialien zu kombinieren. Mit der Zeit haben wir unseren Stil immer weiter verfeinert, während die Küchen komplexer und auch teurer wurden.

Wie sieht Ihre ideale Küche aus?

Meine ideale Küche besteht aus einer flachen Insel, während all die großen Geräte unsichtbar in die Wand integriert sind. Nicht mehr. Aber nicht überall lässt sich dieses Konzept umsetzen. Hinzu kommt: nicht jeder mag diese puristische Sichtweise. In 99 Prozent der Küchen haben wir mindestens eine Insel. In vielen Fällen haben wir zwei oder sogar drei Inseln. Für eine gute Proportion der Küche würde ich eine Fläche ungefähr fünf mal sechs Metern einplanen, damit die Küche gut zur Geltung kommt. Am besten ist es jedoch, wenn die Küche zum Wohnraum geöffnet ist und man sie auch aus Distanz betrachten kann.

Die Verschmelzung von Wohnraum und Küche ist derzeit das zentrale Thema im Küchendesign. An welcher Stelle sehen Sie Strato dabei?

Ich denke schon, dass wir diese Entwicklung mit beeinflusst haben. 1997 haben wir als erster Hersteller ein Küchenprogramm ohne Griffe vorgestellt, das sich mit seiner schlichten Form auch gut in den Wohnraum einpasst. Wir waren damit zu jener Zeit allen anderen Herstellern voraus. Heute haben selbst viele Hersteller von Wohnmöbeln diese Idee mit übernommen.

Wer kauft sich eine Küche von Strato: Sind es Privatkunden, Firmen oder bestimmte Restaurants?

Vor allem Privatkunden. Wir haben in Deutschland aber auch mehrere Order von Freunden bekommen, die sich einen gemeinsamen Raum gemietet, dort eine große Küche hineingebaut und diesen schließlich als ihren privaten Club genutzt haben. Das Interessante ist, dass in diesen Clubs nicht nur geraucht oder Karten gespielt sondern auch gemeinsam gekocht wird. Vor allem in der Gegend um Köln gab es mehrere solcher Kunden, die diese Clubs für sich und ihre Freunde gegründet haben. Das war ein interessantes soziales Phänomen.

Wie sehen die Zukunftspläne von Strato aus?

Wir haben vor, eine „Strato Casa“-Linie mit Möbeln einzuführen, die auch für den Wohnraum gedacht sind. Eine Kollektion von Tischen, Bücherregalen, Stühlen. Es geht darum, dass Kunden, die unsere Küchen mögen, auch andere Elemente im Haus mit Möbeln von uns einrichten können. Ein weiterer Punkt ist, unsere Badserie „Strato Bagni“ weiter auszubauen. Wir haben sie bereits im Jahr 2000 vorgestellt und auch in kleiner Auflage produziert. Doch bisher haben wir es noch nicht geschafft, daraus eine eigene Linie zu entwickeln – wahrscheinlich, weil wir einfach mit den Küchen zu beschäftigt waren. Um am Markt auch mit Bädern präsent zu sein, müssen wir diesen Bereich ausbauen. Für spezielle Projekte stellen wir aber auch jetzt schon Badprodukte her – allerdings nur auf spezielle Anfrage.

Bisher ist Strato sehr leise in seinem Aufritt. Soll dies auch in Zukunft so bleiben?

In Paris gibt es auch mehrere kleine Ledermanufakturen, bei denen man sechs Monate warten muss, bis eine Tasche extra für einen angefertigt wird. Auch wenn ihren Namen kaum einer kennt, kostet dort eine Tasche das Doppelte, als wenn man sie bei Louis Vuitton kaufen würde. Bei Strato ist es ähnlich. Wir sind eine sehr kleine Firma, die Küchen per Hand produziert. Wir haben eine kleine, aber richtige Sichtbarkeit. Denn es wäre auch seltsam, wenn man einer Küche von Strato überall begegnen würde.

Vielen Dank für das Gespräch.

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