Marianne Panton

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Text: Norman Kietzmann

Das Lebensgefühl der sechziger Jahre hat kaum ein Designer so präzise eingefangen wie Verner Panton (1926-1998). Indem er die gestalterischen Möglichkeiten von Kunststoff austarierte, verwandelte er den Wohnraum zur mäandernden Sitzlandschaft und warf mit sinnlichen Farben und Formen die Konventionen über Bord. Immer mit dabei: seine Frau Marianne, die als Managerin und Beraterin entscheidend zum Erfolg des Panton-Designs beitrug. Ein Gespräch über poppige Farben, Jazz am Abend und späte Anerkennung.


Frau Panton, zusammen mit Ihrem Mann haben Sie ein spannendes Kapitel Designgeschichte aus unmittelbarer Nähe erlebt. Erzählen Sie uns, wie alles begann: Wie haben Sie und Verner Panton sich kennengelernt?
Das war 1962 auf Teneriffa. Ich hatte mir zuvor bei einem Verkehrsunfall das Bein gebrochen. Die Ärzte sagten mir schon, dass sie mein Bein amputieren würden. Dann durfte ich es doch behalten, und sie haben es geflickt. Danach ging ich zweieinhalb Jahre auf Krücken. In dieser Zeit hat mich eine Freundin in ihr Haus auf Teneriffa eingeladen. Sie war eine finnische Baroness und hat in der Modebranche gearbeitet. Leute wie Yves Saint Laurent kamen zu ihr und haben ihre Kleider sehr geschätzt. Sie war eine fantastisch tolle Frau. Ich konnte mich bei ihr ein wenig auskurieren, während sie Modenschauen für die Touristen organisiert hat.

Wie ging es dann weiter?
Ihr Haus war aus Holz gebaut mit vielen Ornamenten. Das war sehr hübsch anzusehen. Eines Tages kam ein Mann, der ganz in Blau gekleidet war. Er fragte mich auf Englisch, ob er sich das Haus anschauen dürfte und ich ein wenig mit ihm herumgehen könne. So haben wir uns kennengelernt. Erst am Schluss haben wir herausgefunden, dass wir beide Skandinavier waren. Er Däne und ich Schwedin. Auf meinen Krücken konnte ich ja nicht davonlaufen. Also bin ich mit ihm 35 Jahre zusammengeblieben (lacht).

Warum sind Sie kurz darauf in die Schweiz gezogen?
Der Grund war eigentlich der Panton Chair, der damals aber noch nicht so hieß. Wir suchten einen Produzenten und fuhren mit einem ersten Prototypen durch halb Europa. Verner hatte einen alten, gebrauchten Porsche. Mehr Platz als für uns beide und diesen Stuhl gab es in diesem kleinen Auto nicht (lacht). Es stellte sich heraus, dass die Produktion eine sehr kostspielige Angelegenheit sein würde. Schlussendlich gab es eine Besprechung mit Herman Miller in Südfrankreich, an der auch Willi Fehlbaum von Vitra und Herr de Padova aus Italien teilnahmen. Irgendwie hat Verner einen guten Draht zu Willi Fehlbaum bekommen, und wir sind dann nach Basel gefahren, um mit ihm über das Projekt zu sprechen. Er war der Einzige, der nicht sofort „Nein, Nein, Nein!“ gesagt hat (lacht).

Dänemark war in den fünfziger und sechziger Jahren führend im Design. Hätten Sie nicht auch in Kopenhagen bleiben können?

Verner war ja kein typisch dänischer Designer in Sinne von Hans Wegner, den er auch gut kannte und sehr bewunderte. Seine ersten Stühle wie der Tivoli Chair oder Cone Chair wurden zwar in Dänemark produziert. Doch für die anderen Möbel hatte er lange nach Produzenten in Dänemark gesucht. Das Problem war, dass die Dänen zu dieser Zeit nur Holzmöbel machen wollten. Und Verner hatte vor allem Kunststoff im Sinn.

Also mussten Sie nach Mitteleuropa ausweichen ...
Ja, Verner hatte gleich nach seinem Architekturstudium ein Hemd erfunden, das keine Knöpfe besaß. Man konnte es zum Bügeln einfach durch die Mangel ziehen. Das Patent hatte ihm ein dänischer Hemdenfabrikant in Schweden abgekauft. Mit diesem Geld hat Verner zusammen mit einem Freund einen alten VW-Bus erstanden, der als Zeichenbüro diente, aber ebenso zum Wohnen genutzt werden konnte. Das war natürlich sehr spartanisch. Mit diesem Wagen sind die beiden in den fünfziger Jahren nach Frankreich, Deutschland, Belgien oder Holland gefahren und haben viele Möbelfabrikanten kennengelernt. In dieser Zeit wurde Verner klar, dass er nach Europa ziehen muss.

Schon Ihre erste Wohnung in Basel sorgte mit farbigen Wänden für Aufsehen. Wie haben die Leute anfangs darauf reagiert?
Viele Leute fanden das schon sehr erstaunlich (lacht). Es gab ja kein klassisches Sofa oder Sessel, auf dem man den ganzen Abend sitzen und reden konnte. Die Einrichtung war ein Total Environment, das vom Boden über die Wände bis zur Decke reichte. Verner fand oft, dass die Farbe wichtiger war als die Form. Farbe hat eine enorm psychologische Wirkung auf die Menschen. Damit hatte er sich schon beschäftigt, als er nach seinem Architekturstudium Farbpsychologie in Kopenhagen studiert hatte. Wir haben mit Farbe genauso bei uns zuhause experimentiert wie bei all den verschiedenen Ausstellungen. Die Leute standen jedes Mal Schlage, um sich das anschauen zu können. Das war fantastisch.

1969 gestaltete Verner Panton verschiedene Interiors für das Spiegel-Verlagshaus in Hamburg, unter anderem die Mitarbeiterkantine.
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Die farbigen Räume weckten unweigerlich Assoziationen an Nachtclubs ...
Das lag sicher daran, dass Verner sehr viel rot verwendet hat. Viele Menschen setzen rot in Verbindung mit Nachtlokalen. Aber rot ist eine warme, schöne Farbe, die man für vieles verwenden kann, um eine gemütliche Stimmung zu erzeugen. Ich habe heute fast keine roten, aber dafür viele blaue Arbeiten von Verner bei mir zuhause. Er selbst hat auch gerne Blautöne verwendet. Doch schlussendlich war es immer eine Entscheidung der Kunden. Verner war ja kein Diktator, sondern hat alles vorab besprochen.

Beschreiben Sie einen typischen Arbeitstag im Hause Panton!
Verner hat immer von zuhause aus gearbeitet und nie ein eigenes Büro gehabt. Er hat morgens lange geschlafen und in der Nacht sehr lange gearbeitet. Nachts hörte er immer ganz leise Musik. Vor allem klassische Musik hat er gemocht, ebenso Swing und Jazz. Aber keine psychedelische Musik, wie viele dachten. Wenn Stan Getz in der Nähe ein Konzert gegeben hat, sind wir immer hingefahren. Ansonsten haben wir viele Platten gehört. Dass Verner immer zuhause gearbeitet hat, war manchmal ein wenig mühsam. Wenn er nachts wach wurde, hat er eine Idee sofort in einen Skizzenblock auf den Nachttisch skizziert und danach wieder das Licht ausgemacht. Aber so war das bei uns. Ich habe bis heute mein Büro zuhause.

Inwieweit waren Sie in seine Arbeit involviert?
Wir haben immer zusammen gearbeitet. Aber ich habe keine Zeichnungen gemacht. Ich hatte eine kaufmännische Ausbildung. Das war sehr hilfreich damals. Auch war ich im Gegensatz zu ihm eine ziemlich gute Fahrerin. Verner fuhr überhaupt nicht gerne. Er hat tagsüber gearbeitet und ist seinen Ausstellungen und Besprechungen nachgegangen, während ich Notizen gemacht habe. Wir hatten ja auch viele gute Mitarbeiter. Aber eigentlich war immer ich dabei. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass die Kunden es komisch fanden, dass er immer seine Frau mitgeschleppt hat. Aber Verner wollte es so. Er wollte, dass wir miteinander arbeiten. Es war wichtig für ihn.

Hat er Sie beim Entwerfen um Rat gefragt?
Nein, er hatte immer seine Ideen. Manchmal haben wir über Farben gesprochen oder ob etwas auf diese oder jene Weise besser wäre. Aber gemacht wurde es immer so, wie Verner es wollte. Und das war auch richtig so. Wenn ich zurückdenke, bin ich dankbar, dass er so konsequent in seiner Arbeit war. Auch in jenen Zeiten, als das Design in eine ganz andere Richtung ging.

Sie meinen, als nach der Ölkrise das Interesse an Kunststoff-Möbeln deutlich nachließ?
Ja, für uns waren das ruhigere Zeiten. Wenn Verner nicht so konsequent gewesen wäre, hätte er in eine andere Richtung arbeiten können, um ein wenig mehr Geld zu verdienen. Aber das hat er nie gewollt. Er wollte sich nicht prostituieren und plötzlich machen, was alle anderen machen. Wir haben in dieser Zeit viel mit Textilien und Teppichen gearbeitet. Für VS (Vereinigte Spezialmöbelfabriken in Taubebischofsheim, Anm. d. Red.) haben wir auch Schulmöbel entworfen – im Grunde Dinge, an denen wir vorher auch gearbeitet haben. Es hat sich gezeigt, dass Verner dadurch einen Namen bekommen hat, der in der Designgeschichte sehr wichtig ist. Wenn er seinen Stil nicht beibehalten hätte, würde man vielleicht anders auf ihn schauen.
Weitere Fotos von Marianne und Verner Panton
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Er wurde oft als schüchtern beschrieben.
Das war er auch. Ich kann mich an einen Abend erinnern, kurz bevor er 1998 gestorben ist. Wir hatten zu dieser Zeit noch eine Wohnung in Kopenhagen. Da sind wir ins Designmuseum gegangen, wo ein befreundeter Architekt einen Vortrag halten sollte. Dort saß die gesamte dänische Elite. Und wir standen ganz hinten. Er wollte sich nie nach vorne drängen. Er sagte: „Wir bleiben hier. Wir stehen gut hier.“ Plötzlich hat der Redner Verner gesehen und vor allen Anwesenden gesagt: „Ich sehe, wir haben sehr prominente Besucher heute Abend! Verner, komm doch nach vorne.“ Er wollte das nicht.

Warum?
Es war ihm nicht peinlich, aber irgendwie unangenehm. Er hat nie versucht, sich mit seinem Namen nach vorne zu drängen. Anfang der neunziger Jahre wurde er gebeten, verschiedene Vorträge an Universitäten in Dänemark zu halten. Die jungen Leute waren wahnsinnig begeistert von den Dia-Vorträgen, die er gezeigt hat. Zu sehen, wie es wieder ein starkes Interesse an ihm gab, war sehr schön. Im Nachhinein hätte ich mir gewünscht, ihm schon etwas früher einen Tritt gegeben zu haben. Es wäre vielleicht gut gewesen, wenn wir uns in all den Jahren etwas deutlicher gezeigt hätten.

Vielen Dank für das Gespräch.

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