Martin Bergmann/EOOS

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Text: Claudia Simone Hoff, 04.03.2010

Martin Bergmann gründete zusammen mit Gernot Bohmann und Harald Gründl 1995 das Designstudio EOOS. 1963 in Lienz/Osttirol geboren, studierte er Industriedesign an der Universität für angewandte Kunst in Wien. EOOS arbeitet vorrangig im Produkt- und Möbeldesign sowie in der Designforschung. Die drei in Wien ansässigen Designer betrachten Design als poetische Disziplin, die sich im Spannungsfeld zwischen Archaik und High-Tech bewegt. Zu ihren Kunden zählen Unternehmen wie Alessi, Armani, Bulthaup, Duravit, Walter Knoll oder Zumtobel. Das Designtrio ist mit mehr als 60 internationalen Designpreisen ausgezeichnet worden. Neben dem „Compasso d’Oro“ für das von Matteograssi produzierte Sitzsystem „Kube“ (2004) erhielt EOOS vor kurzem den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in Gold für das Küchensystem „b2“ von bulthaup. Wir trafen Martin Bergmann auf der Ambiente in Frankfurt und sprachen mit ihm über die Freude am Kochen, die Poetische Analyse und warum er sich als Student an einem Schaufenster die Nase platt drückte.

Herr Bergmann, herzlichen Glückwunsch zum Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. Was bedeuten Ihnen Designpreise?

Danke schön. Das ist eine große Auszeichnung, über die wir uns sehr freuen. Dieser Preis kommt ja ganz anders zustande als andere Designpreise: Das Produkt wird erst ausgewählt und dann prämiert – eine ähnliche Haltung wie beim „Compasso d’Oro“, den wir für das Auditorium-Sitzprogramm „Kube“ von Matteograssi bekommen haben.
 
Wie kam es zur Zusammenarbeit mit bulthaup?
Hartmut Roehrig, der Produktmanager von bulthaup, hat uns wahrgenommen und ins Spiel gebracht. Vor sieben Jahren wurde ein Wettbewerb – Screening genannt – veranstaltet, an dem verschiedene junge Design- und Architekturbüros teilgenommen haben. Auch wir wurden von Hartmut Roehrig und Gerd Bulthaup eingeladen und sind fast vom Hocker gefallen, als an einem Freitagnachmittag in Wien das Telefon klingelte. Dieses Angebot haben wir natürlich gern angenommen. Aber eigentlich arbeiten wir schon seit zwanzig Jahren für bulthaup [lacht], denn als Studenten standen wir damals vor dem Bulthaup-Shop in Wien, wo die Küchenwerkbank ausgestellt war.
 
Die Küchenwerkbank von bulthaup war Ihnen also bereits ein Begriff?
Ja, klar. Die Küchenwerkbank war einer der Ausgangspunkte für die Entwicklung der „b2“. Wir standen als junge Studenten vor dieser Küchenwerkbank und haben verträumt in die Schaufensterauslage geschaut und uns gewünscht, einmal mit einer Firma wie bulthaup zusammenzuarbeiten. Und deshalb sind wir fast vom Hocker gefallen, als sie angerufen und uns gebeten hat, nach Aich [Unternehmenssitz von bulthaup; Anm. d. Red.] zu kommen.
 
Wie sah die genaue Aufgabenstellung bei diesem Wettbewerb aus?
Die Aufgabe war, eine möblierte Küche weiterzudenken. Gerd Bulthaup hat vermutet, dass dahinter noch etwas mehr sein müsse, denn die Küchenwerkbank ist definitiv etwas anderes als eine Einbauküche. Wir haben dann anhand unserer Poetischen Analyse [eine eingetragene Marke; Anm. d. Red.] – das ist unser Werkzeug, um zu forschen, suchen, ins Unterbewusste zu gehen, tief sitzende Bilder, Rituale und Mythen zu ergründen – versucht, heraus zu kristallisieren, was es mit dieser Möbelküche auf sich hat.
 
Können Sie die Poetische Analyse in Hinblick auf diese Aufgabenstellung näher beschreiben?
Wir sammeln hunderte Bilder, die mit Küche oder Ritualen rund um das Thema zu tun haben. Wir als Designer EOOS brauchen Halt, Halt im Universum, Halt im Design-Universum. Dabei versuchen wir Bildwelten abzustecken. Ich kann ihnen ein paar Bilderpaare nennen: Paul Bocuse, dieser tolle Gourmet-Koch, steht fast wie ein Priester vor seinem Bratentopf und zeigt sein Werk mit einer hohen Mütze auf dem Kopf, und im Gegensatz dazu schlägt Jamie Oliver das Backrohr mit dem Fuß zu. Oder ein Naturvolk, das auf Blättern hockend in der Erde Fleisch gart im Gegensatz zu Stanley Kubricks Space-Odyssey-Küche im Raumschiff.
 
Führen Sie die Poetische Analyse persönlich durch oder gibt es dafür eine eigene Abteilung in Ihrem Designbüro?
Wir machen das persönlich. Dieses Forschen und Abstecken ist dazu da, nicht verloren zu gehen – es hat eine wichtige Funktion. Es ging darum herauszufinden, was hinter der mobilen Möbelküche steckt. So sind wir auf die Werkstattküche gekommen. Bei den Recherchen haben wir ein bedeutendes Kochbuch aus dem 16. Jahrhundert entdeckt, verfasst von Bartolomeo Scappi, dem Koch des Papstes. Auf den Stichen im Kochbuch war tatsächlich eine Küche zu sehen, die dem Aufbau einer Werkstatt glich. Von dort aus ergibt sich eine Evolution hin zur „b2“ – eine Küche, die sich herausstellt als eine Nicht-Einbauküche, weil sie ein ganz anderes Ordnungsprinzip hat. Denn der Unterschied zwischen einer Werkstatt und einer Nicht-Werkstatt ist das Ordnungsprinzip. Ein Handwerker hat ein anderes Ordnungsprinzip als das Universum einer Einbauküche. Und das hat uns dann auf die Spur gebracht.
 
Was bedeutet in diesem Zusammenhang Die Küche zum Kochen von Otl Aicher?
Das ist ganz bedeutend für uns, weil Otl Aicher gesagt hat, dass sich die Küche ständig verändert, womit er übrigens seine eigene Küche gemeint hat. Diesen ständigen Veränderungsprozessen werden wir mit der modularen, mobilen, möbelhaften Systematik der „b2“ gerecht. Allerdings hantiert Aicher auch mit der Einbauküche, mit einer Schubladenküche. Mit dem Werkzeugschrank verweisen wir auf ein gänzlich anderes Ordnungsprinzip – eines das ohne Schubladen auskommt, und das den Koch den Blick eines Handwerkers einnehmen lässt. Ein Handwerker sieht immer all seine Werkzeuge auf einen Blick. Und dann macht er den Werkschrank zu und dahinter ist sein Universum – so ist auch der Küchenwerkschrank der „b2“ aufgebaut. Der Siegeszug der Einbauküche ist zwar ungebrochen, und das ist auch okay, aber Gerd Bulthaup hatte mit seiner Vermutung Recht, dass es etwas parallel dazu gibt: die Werkstattküche.
 
Wie muss man sich die erste Präsentation der „b2“ beim Screening vorstellen?
Wir hatten die Küche im Maßstab Eins zu Eins gebaut, ganz grob aus Holzplatten. Und das gesamte Konzept mit den Schränken vorgestellt – also das andere Ordnungsprinzip, mit dem man eine andere Küchenform beschreiben kann. Denn mit den verschiedenen Modulen kann man sich eine eigene Werkbank zusammenstellen, je nach Lebenssituation und Kochgewohnheiten. Bei der Einbauküche kann man das hingegen nicht, denn sie wird nur einmal gebaut und ist eng verknüpft mit der sie umgebenden Architektur.
 
Das Projekt „b2“ hat ihren Ausgangspunkt also in der Küchenwerkbank?
Nicht nur, aber auch. Die Küchenwerkbank war so dominant und einzigartig – die gab es aber nur in einer Länge. Gerd Bulthaup meinte: Das ist gut, da ist etwas dahinter, aber wie können wir sie individueller gestalten, den Lebensumständen besser anpassen? Das war der Ausgangspunkt unseres Modulentwurfs.
 
Gab es Vorgaben seitens des Unternehmens, als Sie begonnen haben am Projekt zu arbeiten, beispielsweise hinsichtlich der Zielgruppen?
Nein, überhaupt nicht. Die Unternehmerpersönlichkeit Gerd Bulthaup und der Produktmanager Hartmut Roehrig – das war das Briefing. Wir haben mit Unterbrechungen vier Jahre an der Küche gearbeitet. Während dieser Zeit wurde viel entwickelt und diskutiert: Es ist ein Kampf, eine Herausforderung, ein Miteinander, ein Gegeneinander, ein Überzeugen. Ein Produkt neben solch einer dominanten Form wie der Einbauküche funktioniert nur mit einer Persönlichkeit wie Gerd Bulthaup.
 
Kochen Sie auch zuhause mit der „b2“?
Ja, ich koche mit einer „b2“, ich schneide auf einer Werkbank, ich habe einen Werk- und einen Maschinenschrank [lacht]. Es ist super, wirklich. Wir von EOOS kochen alle gern – man muss das Kochen lieben und auch die Lebensmittel. Dort, wo die Küchenwerkzeuge sind, passiert etwas. Im Küchenwerkschrank beispielsweise sieht man die Produkte, die man dort verstaut, ganz anders als in einer Einbauküche. Jedes Mal, wenn man den Werkschrank öffnet, sieht man sie. Und beim zehnten Mal denkt man sich, dass man dieses oder jenes Messer, das vielleicht gar nicht richtig schneidet, nicht wirklich braucht. Ich könnte dort vielleicht lieber zehn Flaschen guten Wein lagern oder drei Töpfe und Pfannen. Man beginnt nachzudenken. In der Einbauküche hingegen verschwinden die Dinge einfach.
 
Was hatten Sie denn vorher für eine Küche?
Ich hatte eine IKEA-Küche, und die war auch gut. Ich koche aber lieber mit der „b2“. Das Bewusstsein für ein Produkt verändert sich mit der Zeit, genauso wie das Bewusstsein für gute Nahrungsmittel. Die b3 von bulthaup ist im Durchschnitt die sogenannte „letzte Küche“ des Käufers und die „b2“ sollte dies brechen. Mit der „b2“ kann man sich analog zu den Lebensverhältnissen verändern, wenn beispielsweise die Familie größer wird oder man umzieht.
 
Was ist der schlimmste Fauxpaux, den man bei der Einrichtung einer Küche machen kann?
Das kann ich Ihnen sagen: die Überelektrifizierung und Motorisierung der Küche, beispielsweise bei Türen und Schubladen. Das sollte man noch einmal überdenken, finde ich.
 
Herr Bergmann, vielen Dank für das Gespräch.

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