Martino Gamper

47

Text: Jasmin Jouhar

Performance statt Produkt, Forschen statt Formgeben: Martino Gamper ist einer der Protagonisten eines Designs, das weniger auf marktgängige Objekte zielt, sondern lieber experimentiert, soziale Aspekte thematisiert und Netzwerke schafft. Der Südtiroler lebt in London und hat am dortigen Royal College of Art bei Ron Arad studiert. Zurzeit läuft in der Londoner Serpentine Gallery seine Ausstellung Design is a State of Mind. Zum Salone 2014 war Gamper gleich mit mehreren Projekten in Mailand präsent. Wir saßen mit ihm im Hof von Rossana Orlandi in der Sonne und sprachen über Inspiration, bedrohtes Handwerk und warum er nicht immer im Mittelpunkt stehen möchte.  

Herr Gamper, mit Ihrem Projekt In a State of Repair vor dem Mailänder Luxuskaufhaus La Rinascente stellen Sie die Logik von Wegwerfen und Neukaufen in Frage. Wie haben Sie es geschafft, dass das  Kaufhaus für eine Woche Reparaturwerkstätten direkt vor seinem Haupteingang duldet?
Das war schon ein Kampf. Ursprünglich lautete der Auftrag, die Schaufenster zu dekorieren. Das hat mich aber nicht besonders interessiert. Ich konnte also entweder das ganze Projekt ablehnen oder etwas Herausfordernderes machen. Zuerst schlug ich vor, Löcher in die vorhandenen Scheiben und Türen zu schneiden. Dann hätten die Handwerker buchstäblich in den Schaufenstern sitzen können und wären von außen erreichbar gewesen. Das ging nicht, weil die Scheiben aus speziellem Sicherheitsglas bestehen und sehr teuer sind.

Wie sind Sie denn überhaupt darauf gekommen, das Reparieren von Gebrauchsgegenständen zum Thema zu machen?
Ich habe mir all die Pressemitteilungen und Mission Statements auf der Webseite des Kaufhauses angeschaut. Da ist oft von Kundenservice die Rede, wie sehr ihnen die Kunden am Herzen liegen. Aber stimmt das überhaupt? Sobald der Kunde eingekauft und das Kaufhaus verlassen hat, kümmert sich doch niemand mehr um ihn. Außer vielleicht im Garantiefall. Und das gilt ja nicht nur für La Rinascente. So bin ich auf die Idee mit dem kostenlosen Reparaturservice gekommen. Und habe sie ergänzt um die neue Beschilderung mit dem Serpentine-Schriftzug. Natürlich war es dabei hilfreich, eine Institution wie die Serpentine Gallery im Rücken zu haben.

Erstaunlich, dass La Rinascente erlaubt hat, sein eigenes Logo über den Eingängen zu verdecken, denn Marken sind doch sehr auf ihre Corporate Identity bedacht. Was haben sie sich davon wohl erwartet?
Ich denke, es gefällt ihnen, weil sie daraus einen gewissen Wert ziehen können.

Mit einem Logo von H&M hätten sie es sicher nicht gemacht …
Nein, mit  H&M nicht, und auch nicht mit „Fuck off"… oder „Kauft nicht!"

Wie fühlen Sie sich selbst bei einer Kooperation mit La Rinascente?
Am Anfang war ich ziemlich skeptisch. Ich verstehe zwar, wie diese Welt funktioniert, nur fasziniert sie mich nicht sonderlich. Aber La Rinascente hat meine Ausstellung in der Serpentine Gallery gesponsert, und ich bin sehr zufrieden mit der Ausstellung, so dass wir eben noch einen Gefallen schuldig waren.

Worum geht es eigentlich in der Ausstellung Design is a State of Mind in der Serpentine Gallery?
Die Schau besteht im Grunde aus zwei Ebenen: Zum einen sind historische und zeitgenössische Regalsysteme zu sehen, die das Rückgrat des Konzepts bilden. In die Regale habe ich private Sammlungen von Freunden gestellt, von Designern und Künstlern. Diese Art von Sammlungen aus Objekten und Materialien, die Leute anlegen, um sich davon inspirieren zu lassen, die vor der eigentlichen Arbeit stehen. Ich wollte zeigen, dass es im Design um Interpretation geht. Wie man etwas interpretiert, das man sieht. Wie Ideen entstehen.

Was ist Ihre Rolle bei dieser Ausstellung?
Ich bin der Kurator. Ich habe das Konzept entwickelt und die Objekte zusammengetragen. Und es sind einige meiner eigenen Arbeiten zu sehen.

Die Glaskollektion für J. Hill's Standard bei Rossana Orlandi in Mailand.
6
Bei Rossana Orlandi hat zum Salone 2014 der neue Glasproduzenten J. Hill’s Standard seine erste Kollektion vorgestellt, an der Sie auch beteiligt sind. Wie kam die Zusammenarbeit zustande?
Anike (Tyrrell, die Gründerin, Anm. der Redaktion) trat an mich heran, um ihr Vorhaben vorzustellen, die Glasproduktion in Irland wieder aufzunehmen. Das Projekt klang für mich sehr authentisch: Es steht kein großes Unternehmen dahinter, und Anike hat eine große Leidenschaft für Glas. Ihr geht es nicht darum, eine Marke zu entwickeln und viel Geld zu verdienen. Sie möchten den Menschen wieder Arbeit geben. Denn das Wissen und die Fähigkeiten der Handwerker dort gehen ansonsten verloren. Das hat mir gefallen. Also bin ich nach Irland gefahren, nach Waterford, wo das Kristallglas geschliffen wird. Ich habe zwei Tage lang selbst Glas geschliffen, um herauszufinden, wie es funktioniert und wo die Grenzen der Technik  liegen. Daraufhin habe ich die Kollektion entworfen. Es hat mir großen Spaß gemacht, in einer kleinen Firma so praktisch zu arbeiten.

Was hat es mit den speziellen Formen und Mustern der Gläser auf sich?
Für das Schleifen von Glas gibt es nur vier oder fünf verschiedene Schleifscheiben, beispielsweise eine zugespitze oder abgerundete mit verschiedenen Durchmessern. Deswegen habe ich meine Entwürfe sehr einfach gehalten und die Werkzeuge auf lineare Art und Weise benutzt. Dabei herausgekommen sind unter anderem diese Schliffe in Form von „Fingerabdrücken“: Die fassen sich gut an, die Gläser „fallen“ einem fast in die Hand. Außerdem hat mich der Effekt der Lichtbrechung interessiert, etwa bei den dicken Böden der Gläser. Weil ich damit spielen wollte, habe ich die Unterseite der Gläser teilweise schleifen lassen.

Basieren Ihre Entwürfe auch auf historischen Formen?
Nein. Ich wollte zwar eine einfache Form, aber es sollte kein Zylinder sein. Mir war es wichtig, wie das Glas in der Hand liegt, deswegen verjüngt es sich. Es gibt also vor allem einen praktischen Grund für die Form. Und was den Schliff angeht: Ich wollte, dass die Muster großzügig sind und vielleicht auch etwas kühner. Häufig ist der Schliff bei Kristallglas sehr kleinteilig und dekorativ.
Zum Salone 2014 bespielte Martino Gamper mit Peter McDonald den Moroso-Showroom. Foto: Moroso
14
Gemeinsam mit Peter McDonald haben Sie zum Salone dieses Jahr den Moroso-Showroom bespielt – mit der Rauminstallation Chair Lift aus Möbeln und Vorhängen.
Ich arbeite gerne mit anderen Leuten zusammen – ich finde es gut, wenn es nicht nur um mich geht. Man kann auch kaum nachvollziehen, wer was gemacht hat – selbst, wenn man Peters Malereien kennt. Der Raum sollte leicht und verspielt wirken, die Besucher sollten sich hinsetzen und ein bisschen Musik hören können. Es ging darum, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen.

Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel für Ihre Arbeitsweise. Sie bringen gerne Menschen zusammen, Sie kombinieren gerne Materialien, Gegenstände und Disziplinen. Ganz allgemein gefragt: Ist die Collage die Geisteshaltung der Gegenwart?
(lacht) Geschichten sind immer Collagen aus anderen Geschichten. Kleine Erzählungen werden zu einer großen zusammengefügt. Das interessiert mich mehr als die eine singuläre Geschichte oder der simple One-liner. Wir leben in einer ziemlich komplexen Welt, die aus vielen verschiedenen Ebenen besteht. Und deswegen stelle ich auch gerne Beziehungen zwischen verschiedenen Objekten her, schaffe Möglichkeiten. Dabei ist mir Offenheit wichtig, ich möchte nicht alles gleich definieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Artikel 13 - 25 von 38 Digitale und analoge Heimat Partizipative Schularchitektur: Die Baupiloten Sebastian Herkner: Von der Seife zur Fliese Are we human? Alessandro Mendini: in Memoriam  Surreale Räume: Die Zukunft ist ein Rendering SO–IL Florian Idenburg Atelier OÏ: Büro im Wandel Die Kunst der virtuellen Inszenierung Konstantin Grcic: Es gibt Platz für uns alle Jean Nouvel: Wir müssen über Identität reden Luigi Colani

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.