Matteo Thun

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Text: Tim Berge

Er ist seit Jahrzehnten einer der gefragtesten Gestalter der Welt und hat schon während seiner Studienzeit in Mailand mit dem Designkollektiv Memphis Geschichte geschrieben. Wir trafen Matteo Thun in Wien anlässlich der Eröffnung des Falkensteiner Hotels Margareten, dessen Innenräume er gestaltet hat, und sprachen mit ihm über das Finanzfiasko Memphis, graue Bauhaus-Mäuse aus Ulm und den Sottsass von heute: Rem Koolhaas.

Herr Thun, wir befinden uns hier in dem von Ihnen gestalteten Falkensteiner Hotel in Wien – erzählen Sie mir doch von dem Entwurfsprozess.
Bei diesem Projekt war das Büro von David Chipperfield für die Außenfassade und wir für die Grundriss- und Innenraumgestaltung zuständig. Ein interessanter Dialog. Die Lage an einer viel befahrenen Umgehungsstrasse – dem Wiener „Gürtel“ – brachte Chipperfield dazu, ein restlos introvertiertes Gebäude zu bauen. Darauf sind wir mit unserer Gestaltungsidee einer modernen Fassung des „Wienerischen Wohlfühlens“ und der Biedermeier-Zeit weiter eingegangen. Das Schöne an dieser Epoche waren die intimen Details im Möbel- und Lichtdesign, insbesondere aber auch die Wandabwicklungen und Tapetendesigns, die sich durch kleinteilige Muster und raffinierte Farben auszeichneten. Das haben wir aufgegriffen und damit eine Art Kontrapunkt zu der klassisch-modernen Fassade geschaffen.

Haben Sie Produkte für das Hotel entwickelt?
Alles was Sie sehen, ist von uns gezeichnet: Der Stuhl, auf dem Sie sitzen, das Tischlein vor uns und die Lampen an der Decke. Bei der Herstellung gehen wir immer von naheliegenden Lösung aus, was in Wien unweigerlich zu geschliffenen Gläsern und einer traditionell guten Messingverarbeitung führt. Dabei versuchen wir stets, unseren drei Nullen treu zu bleiben: Null Kilometer, null CO2 und null Müll. 

Ihr Lieblingswerkstoff Holz kommt hier nicht zum Einsatz? Warum? 
Doch, nur in etwas kleinerem Maßstab. Die hier in einigen Möbeln auftauchende Kombination aus Nussholz und Messing ist typisch für das Wiener Biedermeier. 

Und für Beton können Sie sich immer noch nicht begeistern?
Die Architektur aus Sichtbeton der 60er und 70er Jahre ist heute weitgehend abbruchreif. Mein Lehrmeister in Florenz, Pierluigi Spadolini, der viel mit vorgefertigten Sichtbeton-Elementen gearbeitet hat, wäre über das heutige Erscheinungsbild seiner Bauten entsetzt. Holz dagegen generiert Patina und wird im Laufe des Alters immer schöner! Das ist so wie eine alte Bäuerin, deren Gesichtsausdruck durch harte Konturen immer prägnanter wird: Die gegerbte Haut ist so etwas wie die Patina des Holzes. Ich kann einfach keine Sympathie für Sichtbeton entwickeln.

Spielt denn das Thema Nachhaltigkeit eine größere Rolle bei der Gestaltung heutiger Hotels? Sind die Leute nicht viel mehr an einer billigen Unterkunft interessiert?
Nachhaltigkeit ist billiger als Ostentation: Wir sind inzwischen in einer Phase, in der selbst in Aufholmärkten wie China und Südamerika nachhaltigkeitsbewusste Hotelreservierungen vorgenommen werden. Viele schauen auch, ob die Nachhaltigkeit sich bildlich ausdrückt. (In diesem Moment werden wir von einer älteren Dame unterbrochen, die Matteo Thun ihre Komplimente ausspricht: „Ich finde es ganz wunderbar, dass Sie etwas in Jesolo machen. In Italien gibt es keine guten Strandhotels mehr, alles nur drei Sterne. Kein Wunder, dass die gute Gesellschaft nicht mehr kommt. Toi, toi, toi!) 

Ist nicht schon der Zweck eines Hotels unnachhaltig – als Beherbungsstätte für Reisende?
Fernreisen sind im Abwind, Nahreisen im Aufwind! Je näher Du Deine Freizeit verbringst, desto nachhaltiger lebst Du.

Spielte der Begriff der „Nachhaltigkeit“ auch schon früher – zu Ihren Studienzeiten – eine Rolle? 
Ich glaube, ja. Als Südtiroler wächst man unter komplexen geografischen und klimatischen Bedingungen auf und erfährt so die Kultur der Subtraktion und Reduktion – das liegt quasi in unserer DNA. Und heute bin ich mehr denn je in einer Phase des Weglassens: Less is more! 

Zwei Ihrer Lehrer waren Ettore Sottsass und Oskar Kokoschka – können Sie uns die Unterschiede in ihrer Herangehensweise an Gestaltung und die Vermittlung von Design beschreiben? 
Beide waren extrem radikale Überzeugungstäter: Kokoschka hat seine Schule des Sehens auf einem ganz einfachen Prinzip aufgebaut, nämlich das Essentielle und Typische in kürzester Zeit zu erfassen und dann wiederzugeben. Das Ergebnis waren hervorragende Portraits von Menschen und Städten. Insbesondere in seinen Gesichtern hat er die typischen Proportionen eines Schädels eingefangen: der Abstand der Augen, die Distanz zwischen dem Ohr- und dem Nasenpunkt. Und bei Sottsass war es genauso: Es ging ihm um die Erfassung des Wesentlichen, immer in Verbindung mit der Vereinfachung. 

Wer war der bessere Lehrer?
Beide waren hervorragende Lehrer: Sie waren kompromisslos und hart im Umgang mit ihrer Umgebung, haben immer das Maximum gefordert, und es gab nie ein Wort des Lobes. 

Erzählen Sie uns von den Anfängen von Memphis – was für eine Gruppendynamik war das? 
Es gab den Großmeister Sottsass, und ohne seine Regieanweisungen hätte gar nichts funktioniert. Das gilt für Memphis und das gilt auch für Sottsass Associati, wo ich vier Jahre lang Partner war. 

Memphis Group
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 War Memphis auch kommerziell erfolgreich?
Memphis war ein Finanzfiasko und ein PR-Geniestreich. Die meisten Beteiligten waren frustriert, dass man in den Museen Ansprache fand, aber nicht mit dem Volk in Kontakt kam. Es war eine sehr elitäre Angelegenheit.

Wie sah die Zusammenarbeit konkret aus: Gab es einen gemeinsames Atelier oder war das ein loser Verbund? 
Memphis waren Kollektionen: Einmal im Jahr haben verschiedene, eingeladene Architekten ihre Entwürfe eingesandt, die dann in Kleinstauflagen im Großraum Mailand produziert wurden. Meine Aufgabe war es, die Herstellung der Prototypen von Javier Mariscal aus Barcelona und Shiro Kuramata aus Tokio zu überwachen.

Wie würden Sie die Unterschiede zwischen Ihrer heutigen Arbeit und der von damals beschreiben?
Es gibt keinen Unterschied! Damals wie heute gab es Risikofreude meinerseits, und das Credo Sottsass’ bleibt für mich erhalten: Nie nostalgisch denken, nie nostalgisch arbeiten – immer versuchen, die Zukunft zu dekodieren und herauszufinden, welche Signale in den kommenden Jahren auftauchen werden und diese dann vorwegzunehmen. 

Wie ordnen Sie da ihr Hotel ein, in dem wir gerade sitzen?
Dieses Projekt nimmt eine Sonderrolle ein. Wien ist eine sehr komplexe Stadt: Ich hatte viele Jahre die Gelegenheit, sie kennenzulernen, habe sie aber nie verstanden.

Im Zusammenhang mit Memphis wird oft von Anti Design gesprochen – wogegen richtete sich das Design? Und was hatte es mit der grauen Maus aus Ulm auf sich?
Ja, man richtete sich gegen den grauen Bauhaus-Prinzen und insbesondere gegen die Hochschule für Gestaltung aus Ulm. Das war ein Frontalzusammenstoß mit dem angelsächsisch-deutschen Credo: Form follows function. Wir glauben heute noch, dass die Funktion in den Emotionen liegt, und nicht in der ausschließlich korrekten Interpretation vordergründiger ergonomischer Funktionalität. Dieser Tisch, an dem wir sitzen, hat eine scharfe Kante; man kann sich das Knie anschlagen, und es wäre wahrscheinlich besser, wenn sie rund wäre. Aber wenn wir alles nach ergonomischen Kriterien „ausrunden“ würden, wäre unsere Seele wahrscheinlich in kürzester Zeit kaputt. Also lieber ein Risiko für die Kniescheibe als eine kaputte Seele (lacht)! 

Hatte das „Gegen etwas sein“ auch PR-strategische Gründe?
Nein, wir waren ein junges Designbüro und waren einfach außerordentlich frustriert, dass die Industrie von uns graue, langweilige, funktionalistische Produkte wollte. Wir durften nicht unserer Seele folgen! Darum hat Sottsass 1980 die Notbremse gezogen und gesagt: „Wenn wir keine Industrie finden, die uns machen lässt, erfinden wir uns selbst neu und werden Entwerfer und Auftraggeber in einem.“ Ab da an haben wir uns selbst beauftragt, Dinge zu machen, die niemand wollte. 

Rem Koolhaas ruft ja zurzeit auch eine neue Epoche des Anti-Designs aus – nur sind seine gestalterischen Mittel etwas andere als ihre: Sie ähneln eher der grauen Maus. Was halten Sie davon? 
Das ist genau dasselbe, an was auch wir glauben: Wir nennen das Zero Design! Es ist schwer zu vermitteln und vermutlich macht das Rem Koolhaas besser. Er kommuniziert diese Idee der Abwendung von Design, und das ist eins-zu-eins, was wir auch seit Jahren praktizieren. 

Sehen Sie eine Art „Memphis von heute“?
Rem Koolhaas ist der Sottsass von heute. Wir alle freuen uns auf die nächste Biennale in Venedig, die er kuratieren wird: Das wird ein Highlight für die Menschheit, und ich bin heute schon gespannt, welchen Langzeiteffekt die Schau haben wird.

Besitzen Sie eigentlich mittlerweile ein eigenes Auto – bei unserem letzten Interview mit Ihnen vor über drei Jahren betitelten Sie Autos noch als Auslaufmodelle.
Nein, ich besitze ein Klapprad.

Was halten Sie von der aktuellen E-Welle im Autodesign? Wird das die Autos vor ihrem Aussterben retten? 
Die E-Welle ist hoch interessant, wenn man sie in Verbindung mit Carsharing bringt. Die Zukunft der urbanen Mobilität ist nicht der Besitz eines Mobils, sondern das temporäre Nutzen. Kurzer Radstand, Hybrid- oder Elektro-Antrieb

Gibt es ein Hotel, das Sie als ihr Lieblingshotel bezeichnen würden?
Ich liebe alte Mauern, weil ich in alten Mauern aufgewachsen bin: In Paris ist es das Ritz und in New York das Sherry Netherlands. Ich kann Ihnen in jeder Stadt der Welt ein Haus nennen, in dem ich mich wohl fühle.

In Berlin?
Berlin hat für mich nicht die Priorität, die die junge Generation der Stadt gibt. Ich fühle mich in anderen deutschen Städten – zum Beispiel Hamburg – wohler. Bei den aktuellen Erneuerungsprojekten findet man leider eine Überdosis an Gestaltungswut und Vordergründigkeit. Das Management von Chaos, das ich in einer Stadt wie Neapel finde, liegt mir näher – auf der Achse Wien-Berlin fühle ich mich nicht so wohl.

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