Max Dudler: Der Rasterfahnder

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Text: Tim Berge, 14.11.2017

Wenn es um Raster geht, ist Max Dudler nicht weit. Der Schweizer Architekt mit Büros in Berlin und Zürich ist ein vielbeschäftigter Baumeister – ein Faktum, das auch unser Gespräch beeinflussen sollte. Die Fragen liest er sich selbst vor, überspringt die, die ihm nicht gefallen, und geht mehrere Male während des halbstündigen Interviews an sein Telefon. Kurzerhand werden die Fahrt im Aufzug und der Weg zum Taxi Teil der Unterhaltung, die zwar kurzweilig, aber dennoch nicht ohne Brisanz ist: Wir sprachen mit ihm über seine Ablehnung der Moderne, die erotisierende Qualität seiner Bibliotheksbauten und die Entstehungsgeschichte seiner Frisur.

Herr Dudler, Sie gingen zum Studium nach Frankfurt und haben später in Berlin Ihren Abschluss gemacht. Warum sind Sie nach Deutschland gekommen, und wie haben Sie diese beiden Städte wahrgenommen? Ich kam Anfang der Siebzigerjahre nach Amsterdam und habe dort Günter Bock kennengelernt. Der hat mich quasi einfach mitgenommen. Nach einem Jahr bin ich weitergezogen nach Berlin, um an der Hochschule der Künste bei Ludwig Leo zu studieren. Die Atmosphäre der Stadt, die ja wie eine Insel funktionierte, hat mich sehr fasziniert. Darum sind auch viele, sehr unterschiedliche Leute nach Berlin gezogen: Diese Vielfalt war sehr außergewöhnlich.

Beide Städte waren damals auch Zentren der Bürgerrechtsbewegung: Spielte das eine Rolle für Sie? Ich kannte zwar einige Leute aus der einschlägigen Szene, aber das Politische stand für mich nie im Vordergrund.

Was waren die Unterschiede zwischen Bock und Leo? Über Günter Bock habe ich die internationale Architektur kennengelernt: Er kannte wirklich jeden! Ludwig Leo hatte ich bei einem Vortrag in Amsterdam kennengelernt und war sofort fasziniert. Er war ein exzellenter Analytiker. Und sein Umgang mit technischen Details war zu der damaligen Zeit neu: Ohne ihn wäre Sir Norman Foster nie der Architekt geworden, der er ist. Und ohne ihn hätte es auch das Centre Pompidou nie in der Form gegeben.

Wie sind Sie dann zu Oswald Mathias Ungers gekommen? Erstaunlicherweise aufgrund einer Empfehlung von Ludwig Leo. Er sagte zu mir: „Max, du musst größer denken und bauen!“ Der geförderte Wohnungsbau war in Berlin damals die einzige Bauaufgabe für Architekten. Also bin ich zu Ungers und habe für ihn die Messebauten in Frankfurt realisiert: das Torhaus, die Galeria und die Messehalle 9. Ohne Ungers wäre ich nie so schnell zum Bauen gekommen – und zu der Zeit hat in Deutschland kaum ein Architekt mehr gebaut als er. Das Bauen ist der beste Lehrmeister.

Welchem der drei Architekten fühlen Sie sich denn mit Ihrer heutigen Arbeit am nächsten? Ungers. Ungers hat, wie Aldo Rossi, die gewachsene europäische Stadt überhaupt erst wieder zum Thema gemacht – als alle anderen noch damit beschäftigt waren, utopische Gegenwelten zu entwickeln. Diese theoretische Auseinandersetzung – und gar nicht so sehr ihre Architektur – war enorm wichtig. Alle, die bei ihm studieren durften, haben sehr davon profitiert: von Rem Koolhaas bis Hans Kollhoff.

Bock, Leo und Ungers werden gerne als „Baukünstler“ bezeichnet: Wie sehen Sie diesen Begriff? Der Begriff „Baukunst“ ist doch sehr überladen. Im Angesicht eines verarmten Funktionalismus hat Ungers in seiner Zeit vehement auf dem Recht der Architektur als autonomer Kunst beharrt. Aber das ist noch etwas anderes, als wenn sich heute jeder Hinz als Baukünstler geriert und damit seine überflüssigen Ideen glorifizieren will. Ich persönlich ziehe den Begriff „bauen“ vor. Das ist doch das, was wir machen. Ob Kunst oder nicht, darüber sollen besser andere richten.

Ihre Architektur wird ja oft als „reduziert“ beschrieben: Empfinden Sie das auch so? Da bin ich richtig dagegen (lacht). Reduziert ist man im Denken oder in Gefühlssachen: Aber meine Architektur ist es auf jeden Fall nicht. Im Gegenteil: Meine Bauten sind sehr sinnlich. Sinnlich und abstrakt zugleich. Richtig ist, dass wir vorsichtig in Bezug auf die Form sind. Wenn man die Qualitäten der Form und des Materials zur Geltung bringen will, muss man sich schon ein wenig konzentrieren. Meine Architektur entwickelt sich immer aus einer städtebaulichen Setzung. Das Material und das Detail sollten sich aus diesem Gedanken ergeben. Sitzen die Häuser konzeptionell richtig, formulieren sie auch eine starke Beziehung zum Stadtraum und zum jeweiligen Gegenüber. Zur Architektur gehört ja immer auch der freie Raum. Wo das „reduziert“ ist, müsste man mir vielleicht einmal erklären.

Welche Architekturepoche inspiriert Sie denn? Ich sehe die Geschichte insgesamt als etwas Lebendiges. Uns beschäftigt, wie es möglich ist, die in ihr versammelten Ideen für unsere Zeit und mit unseren Mitteln und unserer Sprache fortzuschreiben. Zu übersetzen. Weiterzubauen. Aber es gibt sicher Vorlieben und auch Vorbilder. Die Renaissance, wo sie beginnt abstrakt zu werden, die Frühmoderne, wie ich sie nenne, und ihre besondere Sensibilität für die Stadt. Architekten wie Schinkel, Loos und Taut, in dessen Haus wir hier gerade sitzen.

Was ist mit der Moderne? Ein weites Feld. Wer oder was ist die Moderne denn überhaupt? Sind wir noch in der Moderne, oder ist sie schon vorbei? Die klassische Moderne jedenfalls ist aus meiner Sicht in eine falsche Richtung gegangen. Die Architekten wollten sich von der Geschichte emanzipieren, um so eine Art Überingenieure zu werden, und sind letztlich nur noch beim Formalen gelandet! Nicht ohne Grund ist Le Corbusier irgendwann Maler geworden. Ich habe mich als Schweizer jahrelang nicht getraut, etwas gegen ihn zu sagen. Aber mittlerweile kann ich es sagen: Einige seiner Gebäude sind nicht wirklich stadtverträglich. Als Kunstwerk geht es vielleicht, aber für die Stadt ist es eine Katastrophe.

Sie sagen, dass die Architektur gleichbedeutend mit Lebensqualität ist: Was bedeutet das für Sie? Und wenn das so ist, wie steht es dann um die Baukultur? Architektur greift stark in unseren Alltag ein – aber gerade dieser einfache Aspekt wird sehr vernachlässigt –, von Architekten, aber auch von Nutzern. Häufig werden Einzelaspekte absolut gesetzt. So kommt es etwa zum Dämmwahn oder zur Eventarchitektur und dergleichen. Wenn Sie so wollen, fehlt uns wirklich eine Baukultur im Sinne eines Interesses für das Ganze, für die Stadt und den Menschen darin und mit welcher Qualität das Leben da vonstattengeht. Auch in Bezug auf die gestalterische Qualität. Wenn Sie ein Bild kaufen, müssen Sie sich mit diesem auseinandersetzen. Erst dadurch wird aus diesem Stück Leinwand Kunst. Vorher war es nur eine Tapete! Diesen Gedanken kann man auch auf die Architektur übertragen: Die Leute müssen sich viel mehr mit ihrer Umwelt auseinandersetzen. Ansonsten geht das erotisierende Moment der Architektur mehr und mehr verloren.

Erklären Sie mir bitte das erotisierende Moment Ihrer Architektur. Nehmen Sie unsere Bibliotheken; wir planen gerade unsere achte. Heute sind Bibliotheken echte öffentliche Orte. Man geht nicht nur ausschließlich dorthin, um im Stillen zu studieren. Es geht auch um Begegnung, um Austausch und eben auch um manch einen flüchtigen Blick. Dafür braucht es Räume, die eine gewisse Ausstrahlung besitzen, Räume, an denen sich Erinnerungen festmachen können, die aber auch eine Erinnerung an die Würde des Zwecks in sich tragen. Tatsächlich sind unsere Bibliotheken offenbar die besten Kontakthöfe, die man sich nur wünschen kann. Das stand sogar mal in der Zeitung…

Die letzte Frage: Wie sind Sie eigentlich zu Ihrer Frisur gekommen? Mein Bruder, der ein Jahr älter ist als ich, und ich hatten immer lange Haare! Aber irgendwann sah er aus wie ein alternder Hippie. Und ich wollte nicht wie ein alter Hippie aussehen, sondern wie ein seriöser Architekt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Max Dudler feiert am 18. November seinen 68. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

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