Andreas Notter & Angelika Mosig

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Text: Franziska Horn


Was kommt dabei heraus, wenn – anstelle eines Designers – ein Architekt einen Stuhl entwirft? Und was, wenn das gleich vier Architekten mit ganz unterschiedlichen Spezialisierungen tun? Das Ergebnis: eine so wohnliche wie überzeugende Bürostuhl-Kollektion. Vom Schweizer Büromöbelhersteller Züco in Auftrag gegeben und bereits red dot-gekrönt, gehen die vom eigens gegründeten
Team design hoch Vier geplanten Sitze nun zur Markteinführung auf Roadshow durch Deutschland. Andreas Notter und Angelika Mosig von design hoch Vier im Gespräch über gut angezogene Stuhlmodelle, Mimikry im Raum und darüber, wie man es schafft einen Bürostuhl-Klassiker zu entwerfen.


Wie kam Züco auf die Idee, ausgerechnet vier Architekten mit einer Stuhl-Kollektion zu betrauen –  und warum gerade euch vier?


Andreas Notter: 
Das ergab sich auf einem Workshop für Architekten, zu dem Roland Zünd, Geschäftsführer vom Büromöbelspezialisten Züco, 2006 eingeladen hatte. Auf diesem Workshop ging es darum, ein Premium-Modell von Züco zu überarbeiten. Ein paar Frechdachse, darunter ich, befanden, dass man da ganz neu heran gehen müsste. Was dann auch geschah: Züco baute ein Team von vier Architekten dafür auf. Aufgrund der guten Zusammenarbeit haben wir uns danach als design hoch Vier gegründet

Angelika Mosig: Ja, das war ein gut zusammen gestelltes Team, denn von der Kompetenz her hatte jeder seinen Schwerpunkt: Bei mir war das definitiv die Materialität – ich habe bis 2005 in der Abteilung Designkultur und Kommunikation bei der BMW Group gearbeitet, seitdem bin ich mit meinem Büro „Ausdruck durch Gestaltung“ in München selbstständig.

Andreas Notter:
Der dritte, Wolfgang Ott, beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Veraltungsbauten, er arbeitet im Raum Augsburg. Das vierte Teammitglied, Jan Papenhagen, ist Architekt und Immobilienökonom, er kommt aus einem großen Büro namens RKW Architektur und Städtebau, die bereits große Hochbau-Projekte sowie Büroausbauten geplant haben, quantitativ und qualitativ. Mein Büro tools off.architecture beschäftigt sich dagegen mit Innenarchitektur.
 
Entstanden sind neue Lösungen für die Bereiche Executive, Lounge und Conference – wie lange habt ihr an den Modellen gefeilt?

Notter: Es haben 18 Monate lang mehrere Workshops zum Thema Design, Marketing und Materialisierung statt gefunden. Erstmals präsentiert wurde das Projekt auf der Orgatec 2008. Jetzt im Frühjahr 2010 stellt Züco die Produktfamilie international vor.

Wie geht das vor sich, wenn vier Leute zugleich an einem Stuhl arbeiten – wer macht was wann und warum?

Mosig: Begonnen hat es mit Skizzen auf den ersten Workshops, dann haben wir uns zusammen gesetzt und es ging stilistisch ziemlich schnell in eine Richtung, bis wir schließlich gemeinsam an den Prototypen gefeilt haben.

Notter: Ja, das lief sehr gleichberechtigt und ohne großen Dissenz bezüglich der Kompetenzen. Sogar zwischen uns Männern kam keine Platzhirschrivalität auf (lacht). Insgesamt wurde nach der Konzeption die größte Kompetenz der Materialität zugestanden, denn im Bereich Stoffe, Farbigkeit und Erscheinung haben Angelika und ich – wir kommen ja beide aus der Innenraumgestaltung – die größte Erfahrung.

Mosig:
Genau, wir vier stehen mit unserer Arbeit für das Verschmelzen von Architektur und Innenarchitektur. Und bei diesem Projekt ging es um das Thema „Fashion“ – uns ging es darum, dass die Modelle „gut angezogen“ sind. Jan zum Beispiel arbeitet eher konzeptionell, während Wolfgang die Ästhetik der Form besonders wichtig war ...  das war eben das Interessante, weil natürlich jeder aus seiner Perspektive urteilt, und so wurden alle Aspekte abgedeckt. 
 
Das klingt nach einem ‚demokratischen’ Stuhl, der eine Synthese aller Potenziale bildet. Aber: Was kann diese Stuhl-Familie nun, was andere nicht können?

Mosig: Es war sehr schnell klar, dass es ein wohnlicher Stuhl werden soll, kein technisches Monster. Wir haben dann relativ rasch die Idee einer Schale oder Muschel für die Form des Sitzes entwickelt. Und bezüglich des Outfits modische Aspekte umgesetzt. Die Kollektion verbindet die Lebens- mit der Arbeitswelt, sie bedient mit ihren nuancierten Farben und Stoffen modisch-wohnliche Aspekte und wertet damit das Arbeiten deutlich auf.

Notter: Die meisten Architekten setzen vor allem Gelb, Rot und Blau ein, sie denken in Primärfarben. Wir alle kennen diese typischen Architektenstühle, ihre eindeutigen Linien und Farben. Im Kontrast dazu haben wir Farbigkeit bei den Texturen hoch gehalten, um jene Vielschichtigkeit zu erreichen, wie es sie in der Mode gibt. Wir haben einen deutlich emotionaleren Ansatz gesucht – und gefunden. Man kann heute nicht mehr nur über die bloße Funktion begeistern, der Funken muss auf der Gefühlsebene überspringen.
 
Und was genau macht ein Architekt anders als ein Designer?

Notter: Für mich als Architekt lag das Neuland also darin, ein Produkt zu entwerfen, das seriell gefertigt wird, das ist ja üblich im Produktdesign. Außerdem kenne ich meinen Kunden und seine Marke zumeist gut, wenn ich für ihn ein Interior entwerfe. Ein Designer tut das nicht, hier ist der Kunde viel indifferenter, das ist ein großer Unterschied.

Mosig: Wichtig ist uns beim Entwickeln der Stühle das Bild der Räume vor Augen zu haben, in dem sie zum Einsatz kommen werden. Wenn man den Stuhl von Anfang an im Bezug zu der Umgebung sieht, ist das ein anderer Zugang. Ein Produktdesigner geht eher vom einzelnen Modell aus, er wird selten die Innenarchitektur für große Büros planen. Wir kommen aus der gegensätzlichen Richtung und hatten nie im Sinn, ein skulpturales Einzelstück zu schaffen.

Notter: Wie Angelika gesagt hat: Entscheidend ist, dass ein Architekt nicht primär an das Möbel denkt, sondern dass es ein möglichst integrativer Bestandteil der räumlichen Gesamtkonzeption ist. So ist auch die Vielfältigkeit und Formensprache des Stuhls entstanden. Er ist aufgrund seiner Machart auf den ersten Blick sehr gut in einen Raum integrierbar. Er verschmilzt quasi in einer Art Camouflage oder Mimikry mit seiner Umgebung – Möbel, Raum und weitere Elemente wie auch der Mensch bilden eine Einheit.
 
Die Serie ist nun fertig und kommt auf den Markt. Gibt es etwas, das ihr noch verbessern würdet?
 
Notter: Seit der Erstpräsentation auf der Orgatec 2008 hat die 4+ Familie nichts verloren, sondern wirkt heute fast noch aktueller. Wir hatten zwar nicht wirklich vor, einen Klassiker zu entwerfen, aber wenn vier Leute derart ausgewogen ein Projekt ausarbeiten und integrative vor solitäre Aspekte setzen, besitzt das Ergebnis automatisch eine große Beständigkeit.
 
Und welche Rolle spielt das Plus in der Namensgebung 4+?

Mosig: Das Plus steht sozusagen für den Hersteller Roland Zünd, er ist ja nicht nur Initiator des Projekts, sondern auch Mitgestalter und Produzent, eben ein wirkliches Plus. Und außerdem ist das Zeichen ja ein Teil der Schweizer Flagge.
 
Ein positives räumliches Ambiente inklusive Mobiliar fördert das Gesprächsklima – und dieses gute Geschäfte. Wie kann ein Architekt Geschäftsabschlüsse unterstützen?

Notter: Man kann heute keine Geschäfte mehr machen, die auf vordergründiger Autorität basieren. Die Zeiten, wo man à la James Bond 15 Zentimeter niedriger als der Boss saß, sind vorbei. Die Raum- und Sitzsituation sollte „good will“ und Fairness auf Augenhöhe widerspiegeln. Idealerweise transportiert das Ambiente Attribute wie Ehrlichkeit und Authentizität. Und ich denke, dieser Stuhl hier vermag es, seinem Nutzer einen persönlichen Ausdruck zu geben und damit eine Identität. Ich möchte mit keinem ins Geschäft kommen, der sich hinter Schwarz-Grau oder Irgendetwas verschanzt, das nichts mit ihm zu tun hat.
 
Mosig: Wichtig ist, dass das Gegenüber ein individuelles Gesicht zeigt, weil das auch für Charakter und Authentizität steht und Vertrauen schafft. Das sollte auch sein Umfeld vermitteln.
 
Notter: Es gab ein Schlüsselerlebnis auf der Orgatec: Wir hatten eine 4+Kombination aus schönem, braunen Leder ausgestellt, in der eine Besucherin aus Moskau Platz nahm. Sie trug fast den identischen Kleiderstoff. Es wirkte wie aus einem Guss und so, als ob kein anderer Stuhl auf Welt für sie in Frage kommen würde.
 
Der Stuhl als Accessoire der Persönlichkeit ...
 
Mosig: Richtig. Darum bieten wir ihn in vielen stofflichen Kombinationsmöglichkeiten an, die von ihrer Wertigkeit her Anzugsstoffen entsprechen. Jeder Mensch überlegt doch morgens, was er anzieht, bevor er zur Arbeit geht. Warum sollte nicht auch ein Stuhl verschieden „gekleidet“ sein?
 
Notter:  Darauf beruht auch die Systematik der Materialauswahl: Bei allen Stühlen kann die Schale auf der Vorder- wie Rückseite mit Textil oder Leder bezogen sein, während die Fuge einen Kontrast-Ton oder eine andere Materialität erhält. Oder man gestaltet Außen und Innen verschieden. Dann kommt das Schalenthema stärker zum Ausdruck. Die Fuge erhält dann das Material des Außenbezugs. Je nach Situation kann ich also mein Büro eher casual oder business-like gestalten. Auch die Armlehnen sind variabel wählbar, ebenso die Gestelle, sie sind in Chrom, Schwarz, Weiß oder Braun zu haben.

Mosig: Die Assoziation liegt hier bei den typischen Autofahrer-Handschuhen der 30er Jahre, die oft innen mit Leder und außen mit Textilien bezogen waren. Die Textilien stammen übrigens von Kvadrat und sind zum Teil von Giulio Ridolfo oder Nanna Ditzel entworfen.
 
Und reines Schwarz als Farbe ist zu fest gelegt?

Notter: Schwarz ist eine Maske! Wir wollten weg von einem Stuhl, der wie eine Uniform ist, der sich nur noch unterscheidet im Sinne von eckig, kantig oder rund.
 
Wie sieht der typische Kunde oder die Zielgruppe aus?

Mosig: Da haben wir an eine gewisse Bandbreite gedacht, von der jungen Designagentur bis zum Großraumbüro, die individuelle Ausdrucksmöglichkeit bleibt dabei immer erhalten.

Notter: Ein großes Unternehmen mit 500 oder 1000 Mitarbeitern kann sich ein Programm zusammen stellen, das optisch verbindet und trotzdem vielschichtig ist.

Mosig: Gleichzeitig passen die 4+ Chairs ins Home Office – immer mehr Menschen arbeiten ja zu Hause – auch hier kommt der wohnliche Aspekt ins Spiel.
 
Klingt, als ob sich das Projekt vom ursprünglichen Facelift eines Premium-Stuhls bis zur Produktfamilie 4+ ziemlich verselbstständigt hat.


Notter: Ja, das hat Eigendynamik und die würde ich mir auch für die Darstellung wünschen. Die stelle ich mir vor wie die Taschen-Kampagne von Louis Vuitton, die Annie Leibovitz an Sean Connery oder Keith Richards fotografiert hat. Mit Menschen wirkt unser Stuhl viel besser und lebendiger, oft ist das ja umgekehrt. Als Solitär hat er bei weitem nicht die Kraft wie als Teil eines Gesamtauftritts. Er ist eben nie Fremdkörper, sondern ein Joker, er passt sich an veränderte Situationen an und bleibt trotzdem aktuell.

Vielen Dank für das Gespräch.

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