Mirko Borsche: Die Macht der Gestaltung

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Text: Jasmin Jouhar

Mirko Borsche, Münchner, Grafiker, Gründer von Bureau Borsche. Die Kundenliste seines Studios ist imposant: Er ist Artdirector der Wochenzeitung Die Zeit und des Zeit Magazins. Er gestaltet für Modehäuser wie Balenciaga oder Givenchy genauso wie für Kulturinstitutionen wie die Bayerische Staatsoper oder das Münchner Designmuseum Die Neue Sammlung. Gerade entwickelte er die Corporate Identity und Typo für den Mailänder Museumsshop Artifact vom Berliner Architekturbüro Gonzalez Haase. Der Status seine Studios lässt sich auch daran ermessen, dass Borsche gleichzeitig für Nike als auch dessen schärfsten Konkurrenten Adidas arbeiten kann. Wir trafen den 47-jährigen in seinem Studio im Münchner Stadtteil Au und sprachen über die Freiheit der Beamten, seine erste Karriere als Sprayer und über das Monster der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig.

Sie arbeiten häufig für Kulturinstitutionen, etwa für die Bayerische Staatsoper und das Staatsballett, die Villa Stuck oder das Thalia Theater. Was reizt Sie daran? Die Bayerische Staatsoper war einer unserer ersten Kunden und etwas Besonderes: Pierre Mendell war lange deren Hausdesigner. Seine wunderschönen Plakate sind einer der Gründe, warum ich überhaupt Grafikdesigner geworden bin. Generell ist der Vorteil solcher Institutionen, dass die Mitarbeiter häufig Beamte sind und nicht andauernd Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen – anders als in großen Konzernen. Das macht sie mutiger und freier.

Was können Sie solchen Institutionen geben? Wir geben ihnen eine Erscheinung außerhalb ihres elitären Gehäuses und helfen ihnen so, sich ein anderes Publikum zu erschließen. Wir wecken das Interesse von jungen Menschen, von Leuten, die sonst wenig Kontakt mit Oper oder Orchester haben.

Wie schaffen Sie das? Mit sehr viel Aufwand. Mit Postern in der ganzen Stadt. Mit Social Media, die Webseite ist auch wichtig. Wir lassen Künstler zu Wort kommen, wir zeigen das Leben hinter der Bühne. Wir wählen einen grafischen Stil, der die Inhalte recht plakativ vermittelt. Menschen haben oft eine falsche Vorstellung von kulturellen Institutionen. Sie wissen zum Beispiel nicht, was für ein Erlebnis es sein kann, mit der ganzen Familie ins Museum zu gehen. Man muss nicht andächtig vor den Bildern stehen und braucht auch nicht alles zu verstehen. 

Als Jugendlicher waren Sie in der Graffiti-Szene unterwegs, heute arbeiten Sie für die Hochkultur. Ein weiter Weg oder eigentlich ganz logisch? Das ist insofern ganz logisch, weil du dich in der ganzen Stadt verbreitest – ob du nun sprühst, Plakate für die Oper entwirfst oder das Layout für Die Zeit. Du bist immer ein anonymer Absender. Als Sprayer wirst du nicht herumerzählen, dass du das warst. Und bei einem Magazin- oder Posterdesign interessiert die normalen Rezipienten nicht, wer dahintersteckt. Ich bekomme oft mit, wie Menschen auf meine Arbeit reagieren. Früher haben wir stundenlang im Bahnhof auf die Züge gewartet, damit wir Fotos machen konnten, aber auch, um die Reaktionen der Leute zu beobachten.

Zu Ihren Auftraggebern gehören große Brands wie Nike, Rimowa oder Balenciaga. Ist das überhaupt eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, ein kleines Münchner Büro und eine internationale Marke? Im kreativen Bereich ist es auf Augenhöhe. Zum Beispiel Nike: Wir arbeiten mit der Zentrale in Portland zusammen, direkt für die Kreativdirektoren. Wir machen aber nicht die 360-Grad-Umsetzung einer Kampagne, das würde nicht funktionieren, dafür gibt es eine eigene Agentur.

Ist denn dann sichergestellt, dass Ihr Konzept auch umgesetzt wird? Ja. Die Firmen kaufen bei uns eine Art Autorenschaft, eine gewisse Handschrift, das wollen sie unbedingt. Deshalb ist es ihnen wichtig, dass das auch so umgesetzt wird. 

Ein Unternehmen wie Nike, was erwartet das von Ihnen? Klassische Werbeformen funktionieren heute oft nicht mehr, höchstens noch im urbanen Umfeld. Vieles läuft über Social Media. Allerdings: Die Aufmerksamkeitsspanne ist ziemlich kurz. Da hilft nur eins: eine starke Grafik. Werbung ist wieder unglaublich visuell geworden. Früher konntest du Geschichten erzählen, da hattest du Zeit. Unsere Auftraggeber wollen von uns eine zielgruppenaffine Visualität, die du in allen Medien spielen kannst. Als Werbefilm, als Trailer auf der Webseite, im E-Commerce, Instagram, als Banner am Flughafen, Jingle im Radio – es muss ein so klarer Gedanke sein, dass du ihn jedes Mal wiedererkennst.

Sie sind bei der diesjährigen Kunstbiennale in Venedig vertreten, auf Einladung des venezianischen Pavillons. Eingeladen wurden Sie als Künstler, aber Sie bestehen normalerweise darauf, Grafiker zu sein und nicht Künstler. Wir haben uns mit dem Thema des Pavillons auseinandergesetzt: „Fake News“. Und zwar mithilfe der Werkzeuge, die wir als Grafiker haben. Unser Projekt ist fiktiv, wir haben das selbst entwickelt, es wurde uns nicht als Auftrag gegeben. Es geht also schon in Richtung Kunst, ist aber immer noch eine grafische Arbeit. Eine mit einem Twist. 

Was ist Ihr Konzept? In diesem Jahr ist der Pavillon erstmals nicht von Venezianern, sondern von ausländischen Künstlern bespielt worden. Wir haben uns gefragt, wie man die Venezianer trotzdem beteiligen kann. Unsere Idee: Wir gehen raus in die Stadt, mit einem viel zu großen, grafisch lauten Erscheinungsbild. In Neongelb, mit einem Löwen als Logo, dem Wappentier von Venedig. Wir haben das Logo und die Farbe mit Guerilla-Taktiken in ganz Venedig verbreitet. Jeder kann sich das Logo im Internet herunterladen und verwenden, etwa für Souvenirs. Wir haben ein Baugerüst am Canal Grande mit einem 20 mal 20 Meter großen, handgemalten Billboard verkleiden lassen. Auf Instagram finden sich inzwischen viele Selfies mit dem Motiv im Hintergrund. Im Pavillon gibt es Plastiktüten in Neongelb mit dem Logo darauf, die sah man während der Eröffnungstage überall in der Stadt. Viele Leute, mit denen ich in Venedig gesprochen habe, hielten unseren Beitrag für das offizielle Erscheinungsbild der ganzen Biennale.

Warum? Es hat sich so schnell verbreitet, und es ist so präsent in der Stadt. Etwas, das so groß ist, wird zur Wahrheit, auch wenn es nicht die Wahrheit ist. Wir wollten zeigen, wie stark Grafikdesign sein kann und wie schnell sich falsche Nachrichten verbreiten.

Haben Sie geahnt, dass es so gut funktionieren würde? Es ist eine Annahme, die wir schon länger haben, dass starkes Grafikdesign funktioniert. Aber wir sind wirklich fasziniert und auch stolz, dass es so gut funktioniert hat. Es ist ein Monster geworden. Dabei haben wir uns das Konzept vorher von allen offiziellen Stellen absegnen lassen, dem Denkmalschutz, der Biennale. Keiner hat verstanden, was es wirklich bedeutet. Wenn wir mit dem offiziellen Erscheinungsbild der Biennale beauftragt worden wären, hätten wir das nie erreichen können.

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