Mut zum Limit

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Text: Judith Jenner

Partner: USM

Während andere Hersteller ihr Farb-Sortiment regelmäßig aktuellen Trends anpassen, bleibt USM Haller seinen 14 Farben treu. Dr. Thomas Dienes, Group Product Development Director, erklärt die Geschichte dieser Farben, was diese Entscheidung mit Nachhaltigkeit zu tun hat und welche Zukunft das modulare USM-System in Zeiten des papierlosen Büros hat. 

USM fokussiert sich auf 14 Farben in seinem Sortiment. Wie und wann wurde die jetzige Farbpallette entwickelt? Dr. Thomas Dienes: Die 14 Farben haben sich aus unserer Geschichte ergeben, letztlich ist es ein gewachsenes System. Sie entwickelten sich zum Teil bereits zu Zeiten des Bauhaus, wurden aber auch durch bestimmte Großkunden von USM geprägt. Ein Credo bei uns in der Produktentwicklung lautet, dass alle Produkte zueinander passen müssen. 1999 wurde Mattsilber hinzugenommen, das optisch systemübergreifend eine Einheit bildet. Bei der Zahl 14 sind wir seitdem geblieben, damit die Modularität weiter gewährleistet bleibt. Wenn ein Kunde vor 20 Jahren ein Möbel in einer bestimmten Farbe bestellt hat und es heute ergänzen will, dann bekommt er die Farbe auch jetzt noch in der gleichen Qualität und Farbechtheit von uns geliefert. Bei einer Sonderfarbe ist das schwer möglich, was bei einfachen Möbeln vielleicht nicht so ein Problem ist, bei einem modularen System hingegen schon.

Gibt es keine Ausnahmen? Wir experimentieren schon mit Farben. In Mailand 2019 haben wir eine Sonderfarbe in einer kleinen Auflage gezeigt. Für Unternehmen, die sich eine größere Stückzahl in einer bestimmten Farbe wünschen, ist das immer möglich. Bei Privatkunden für ein kleines Objekt hingegen wird es schwierig. Das liegt mitunter an der Herstellung: Wir verwenden keine Nasslackierung, sondern verwenden eine Pulverbeschichtung für die Möbel, bei der das Pulver in einer Menge von mindestens fünf Kilogramm eingekauft werden muss und nur sechs bis neun Monate haltbar ist. Letztlich hat die Entscheidung für eine begrenzte Farbpalette auch mit Nachhaltigkeit zu tun.

USM Messestand auf der Mailänder Möbelmesse 2019. Foto: Daniel Stauch
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Inwiefern? Im Rahmen einer Circular Economy denken viele bei Nachhaltigkeit erst einmal an das Thema Recycling. Das USM-Haller-Möbelbausystem und auch unsere Tische sind Cradle to Cradle zertifiziert, das bedeutet, dass ein Produkt sortenrein auseinandergenommen und in den Wertstoff-Kreislauf zurückgeführt werden kann. Diesen Aspekt denken wir bereits in der Produktentwicklung mit. Der für mich noch wichtigere Aspekt ist aber, dass unser Produkt sehr langlebig und fast nicht kaputt zu kriegen ist. Auch nach 40 Jahren kann es heute noch erweitert werden, weil alle Neuerungen mit den alten Systemen kompatibel sind. Auch farblich sieht man keinen Unterschied.

Was macht die Farbpalette von USM aus? Wenn man sich die Palette anschaut, haben wir Schwarz und Weiß und dazwischen mehrere Grautöne, was sehr zeitlos und gut unter kombinierbar ist. Daneben haben wir dann die strahlenden Farben des Bauhaus, also ein leuchtendes Rot, Blau oder Gelb, die sich gut eignen, um Akzente zu setzen. Als Mischfarben gibt es noch Braun, Beige und Orange. Sie geben Wärme, zum Beispiel in privaten Räumen. Da braucht es eigentlich nicht viel mehr.

Welche Rolle spielt für ein Traditionsunternehmen wie USM Innovation? Wir beobachten den Markt, die Bedürfnisse der Kunden und leiten daraus Hinweise für unsere Produktentwicklung ab. Viele Überlegungen gehen dahin, sich ergänzende Zwecke zu überlegen, wofür dieses clevere System noch genutzt und wie es, wenn nötig, mit wenigen Ergänzungsteilen umgebaut werden kann, ob zum Sitzen, zum Klettern, um Dinge zu präsentieren oder – wie in Mailand 2018 – als begehbare Struktur. Im Fokus aller Innovationen steht immer der Systemgedanke.

Welche neuen Nutzungsmöglichkeiten sind in Zeiten des papierlosen Büros denkbar? Mit unserem Produkt Haller E gelang es uns 2017, unser Produkt ohne Kabel oder einen veränderten Montageprozess zu elektrifizieren. Wir bieten aktuell mit 2700 und 5700 Kelvin zwei Lichtfarben an. Unter der warmen und kalten Beleuchtung verändern sich die Farben der Umgebung vollkommen, besonders die Mischfarben. Das Beige zum Beispiel wird dann fast zu einem Rosaton. Damit tragen wir dem Wunsch der Menschen nach Individualisierung Rechnung. Aber auch für Retail-Kunden ist das Thema Beleuchtung interessant. Wir denken das Thema aber auch weiter in Richtung Charging, farbige Beleuchtung oder erweiterte Steuerung. Das Möbel wird dann vielleicht zum Bewegungssensor und damit Teil eines Smart Homes. Weil das System wie ein Legobaukasten funktioniert, sind seine Nutzungsmöglichkeiten nahezu unbegrenzt.

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