Nicholas Grimshaw

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Text: Norman Kietzmann, 03.11.2009


Nicholas Grimshaw gehört zu den Vorreitern ökologischen Bauens. Geboren 1939 im englischen Hove, East Sussex, studiert er am Edinburgh College of Art sowie der Londoner Architectural Association Architektur. Nach seinem Abschluss gründet er 1965 zusammen mit Terry Farrell ein gemeinsames Büro in London, bevor er sich 1980 mit „Nicholas Grimshaw & Partners“ unabhängig macht. Zu seinen bekanntesten Arbeiten, die stets von einem ausgeprägten Sinn für technisch-konstruktive Details bestimmt sind, zählen das internationale Terminal der „Waterloo Station“ (1993) in London, das Royal Bath Spa (2006) im englischen Bath, das „Ludwig-Erhard-Haus“ (1998) in Berlin sowie die „Neue Messehalle“ (2001) in Frankfurt am Main. Das 2001 fertig gestellte „Eden Project“ im südenglischen Cornwall ist das weltweit größte Gewächshaus und beherbergt unter einer futuristischen Außenhaut aus Kunststoff Pflanzenarten aus allen Teilen der Welt. Wir trafen Sir Nicholas Grimshaw in Mailand und sprachen mit ihm über Architektur als Bausatz, britische Ingenieurstradition und moralische Vorsicht.


Herr Grimshaw, Sie arbeiten an zahlreichen Großprojekten rund um den Globus und beschäftigen in Ihren drei Büros in London, New York und Melbourne über 160 Mitarbeiter. Für den Erfolg von Architektur, haben Sie einmal gesagt, sei vor allem eine „embedded intelligence“ entscheidend. Was genau meinen Sie damit?


Als ich mein eigenes Büro 1980 gegründet habe, waren wir zusammen fünf Partner, die alle ein Interesse an Materialien und Strukturen sowie natürlich ihre eigenen Erfahrungen eingebracht haben. Doch diese sind nicht immer leicht an andere weiterzugeben. Denn die jungen Leute, die in unserer Firma kommen, denken immer, dass unsere Geschichte vielleicht zehn Jahre zurückreicht. Wir treffen uns daher Woche für Woche zu „design reviews“, bei denen die aktuellen Projekte – manchmal in einem sehr frühen, manchmal in einem weit fortgeschritteneren Stadium – vorgestellt werden und wir sie gemeinsam kritisieren.

Was kommt bei diesen Treffen heraus?

Es ist für die Jüngeren immer sehr überraschend, wenn ältere Kollegen sagen, dass wir etwas an dieser oder jener Stelle schon gemacht haben. Oder wir wissen, dass etwas nicht funktioniert, weil wir es bereits ausprobiert haben. Diese Art von gemeinsamer Kritik ist eine gute Möglichkeit, um das Wissen, das in der Firma vorhanden ist, von einer Generation zur nächsten weiter zu geben. Ich denke, der Begriff der „kollektiven Erinnerung“ trifft dies vielleicht noch besser. Dieses Wissen zu teilen und weiter zu entwickeln, ist für Ingenieurbüros besonders entscheidend. Arup zum Beispiel hat diese Stärke und Integrität. Ihre Ingenieure glauben an Recherche und werden – wenn sie nicht wissen sollten, wie etwas funktioniert – herausfinden, wie es funktioniert. Ich würde sagen, dass wir eine ähnliche Herangehensweise haben. Auch wir glauben daran, sämtliche Details auszuarbeiten und sie nicht als Dekoration sondern für einen praktischen Nutzen zu verwenden.

Der Sinn für technisch-konstruktive Details findet sich nicht nur bei Ihren Arbeiten, sondern ebenso bei Kollegen wie Norman Foster oder Richard Rogers. Warum hat sich vor allem in Großbritannien die Perspektive des Ingenieurs so stark durchgesetzt?

Ich glaube, es hat viel mit der wirtschaftlichen Situation nach dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Auch wenn heute darüber kaum geredet wird: Wir hatten in Großbritannien zu dieser Zeit schlichtweg kein Geld. Deutschland konnte sich durch den Marshall-Plan sehr schnell wieder erholen und in Neues investieren. In England war noch lange nach dem Krieg die Armut sehr hoch. Das hat uns sehr geprägt. Foster und Rogers sind beide knapp fünf Jahre älter als ich. Sie haben dies noch viel stärker mitbekommen als ich.

Inwieweit hat sich dies auf Ihre spätere Arbeit ausgeübt?

Wir sind in dem Bewusstsein aufgewachsen, so viel wie möglich aus so wenig wie möglich zu machen. Daher auch der Ansatz, Materialien möglichst ehrlich zu verwenden und elektrische Leitungen beispielsweise direkt auf die Wände zu montieren, ebenso auf abgehängte Decken oder eingezogene Böden zu verzichten. Der Unterschied zu Amerika, wo sämtliche Wände, Böden und Decken verkleidet sind, könnte größer nicht sein. Von den tatsächlichen Bauelementen ist dort nichts mehr offen sichtbar. Dass in England genau in die Gegenrichtung gesteuert wurde, geschah nicht nur aufgrund einer anderen Design-Auffassung, sondern aus Notwendigkeit. Dies ist die eine Seite. Die andere ist die Tradition des 19. Jahrhunderts.

Sie meinen die große Zeit der Ingenieursbauten...

Ja, wir hatten in Großbritannien zu jener Zeit eine Menge unglaublich guter Ingenieure. Fast überall auf der Welt haben sie Eisenbahnstrecken, Brücken oder Tunnel geplant. Mein Urgroßvater zum Beispiel war in Ägypten beim Bau eines Staudammes beteiligt. Und dann gab es die große Weltausstellung von 1851 mit dem Kristallpalast von Joseph Paxton.

Der als das erste, vorfabrizierte Gebäude der Welt gilt...

Das Interessante an diesem Projekt war der Prozess. Denn Paxton hat das Gebäude nicht vorab entworfen, sondern erst aus der industriellen Fertigung heraus geplant. Er fuhr in die Metall-Fabrik und schaute sich an, in welcher Größe sich mit den vorhandenen Maschinen Bauteile produzieren lassen. Auf diesen Maßen basierte schließlich sein gesamter Entwurf. Das war ein sehr wichtiger Schritt. Auch hat er die Frage des Transports gelöst und eine Eisenbahnstrecke bis zur Baustelle errichtet. Die Bauteile kamen auf diese Weise direkt von der Fabrik zum Bauplatz und wurden vor Ort montiert. Ich glaube, Paxton hält bis heute den Rekord, die größte Fläche in der kürzesten Zeit überdacht zu haben. Das ist unglaublich faszinierend.

Bei Ihren eigenen Projekten haben Sie ebenfalls von Anfang an mit vorfabrizierten Elementen gearbeitet. Ihre Fabrik für die Möbelfirma „Herman Miller“, die Sie 1976 im englischen Bath fertig gestellt haben, war anfangs sogar eine kleine Sensation.


Ja, es war Mitte der siebziger Jahre etwas vollkommen Neues, ein Fabrikgebäude interessant aussehen zu lassen. Unser Argument war immer: Es kostet nicht mehr, ein gutes Gebäude zu bauen als ein schlechtes. Denn der Preis für Metallarbeiten richtet sich nach dem Gewicht des Stahles. Also kann man ihm die Form geben, die man möchte. Ein „industrial building“ unter dem Aspekt des „industrial design“ zu betrachten, war auch für Herman Miller interessant. Unser Bauherr hat uns später gesagt, dass er durch die Veröffentlichung des Gebäudes in Zeitschriften sowie die Führungen für Architekten so viel Werbung bekommen hat, dass sich die Mehrkosten, die die längere Planung zunächst verursacht hat, bereits nach zwei Jahren ausgezahlt haben. Wir bekamen daraufhin sehr viele Anfragen von anderen Unternehmen.

Das Fabrikgebäude für die Firma „Igus“ (2000) in Köln haben Sie so geplant, dass es jederzeit erweitert werden kann. Die Wandpaneele sind flexibel abnehmbare Module, die schnell und einfach neu zusammengefügt werden können. Bis heute ist diese Idee des „Architektur-Recyclings“ mehr als ungewöhnlich.

Ich weiß auch nicht, warum sich dieser Ansatz noch nicht weiter durchgesetzt hat. Denn das Gebäude war für die Kunden sehr erfolgreich. Sie sind bis heute sehr glücklich damit. Denn dieselben Paneele immer wieder neu benutzen zu können, bedeutet eine enorme Ersparnis an Material, Zeit und Geld. Jedes Mal, wenn die Fabrik erweitert wurde, wurde von einer Stahlbaufirma lediglich ein Unterbau errichtet und die Arbeiter von „Igus“ haben die vorhandenen Wand-Paneele schließlich selbst ummontiert. Ich finde das eine sehr schöne Idee, weil es zugleich auch die Beziehung zur räumlichen Umgebung, in der die Mitarbeiter arbeiten, verstärkt.

Sollte sich die Architektur insgesamt mehr in diese Richtung bewegen und flexibel einsetzbare Bauteile verwenden?

Bisher entwickelt sich dies nur sehr langsam. Jean Prouvé hatte sehr gute Ideen in diese Richtung, ebenso Charles Eames. Doch das ist nun schon über 50 Jahren her. Ich wünschte mir manchmal, dass sich das Industriedesign stärker mit der Architektur überschneiden würde. Dann käme auch die Frage, ob man nicht interessante Details bei Wohnbauten finden könnte. Bis heute werden noch immer die meisten Einfamilienhäuser in Großbritannien aus Ziegelsteinen gemauert. Auch hier ließen sich ganz andere Lösungen finden. Das müssen keine komplett vorgefertigten Häuser sein, sondern einzelne Paneele von vielleicht 2,5 Metern Länge, in die auch schon Anschlüsse integriert sind. So etwas gibt es bis heute nicht zu kaufen. Als Ingenieur findet man fast alle denkbaren Komponenten bei den industriellen Zulieferern. Aber beim Wohnungsbau herrscht an dieser Stelle noch immer Steinzeit.

Haben Sie Ihre Erfahrungen aus den Industriebauten bereits in den Wohnungsbau übertragen?

Wir haben es versucht. Zum Beispiel bei dem „New Housing“ Apartment-Komplex, den wir derzeit in New York planen. Das Gebäude entsteht in der Bronx und soll möglichst günstige und begrünte Wohnungen bieten. Wir hatten interessante Ideen, wie zum Beispiel Paneele aus Industrieabfällen zu entwickeln. Doch der Widerstand gegenüber allem, was etwas anderes als simples Ziegelwerk ist, war von Seiten der Bauherren immens. Dabei hätte unser Vorschlag ab einer bestimmten Stückzahl sogar günstiger werden können. Doch für sie stand fest, dass Mauerwerk billiger und unkomplizierter wäre. Wir mussten dann einen Kompromiss eingehen und für die Innenwände Mauerwerk verwenden, was im Grunde Wahnsinn ist, weil sie sich nicht mehr verändern lassen. Bei den Fassaden wurden uns zumindest Zugeständnisse gemacht. Es ist unglaublich schwer, an dieser Stelle etwas zu bewegen.

Wenn es so kompliziert ist, jene Bauteile in die Produktion zu bringen: Sollten Architekten dann nicht selber eine Firma gründen, um nicht mehr von den Bauherren abhängig zu sein?

Das haben wir mit unseren ersten Paneelen für die Fabrik von Herman Miller sogar gemacht. Wir haben eine Firma für Metallpressarbeiten in der Gegend ausfindig gemacht und sie gefragt, ob sie auch dünnere Stärken an Aluminium verwenden können, die eine größere Weichheit besitzen. Wir haben das Material dann bis an seine Belastbarkeit ausgetestet und zum Schluss nicht nur die Paneele entworfen, sondern ebenso das Werkzeug, um diese herzustellen. Es wurde somit selbst zu einer Komponente für das Gebäude. Unsere Kunden aus der Industrie davon zu überzeugen, war zwar auch nicht immer leicht, aber es war möglich. Beim Wohnungsbau ist die Einstellung noch immer unglaublich konservativ. 

Können Sie sich erklären warum?

Ich denke, es hat viel mit Gewohnheiten zu tun. Oder auch mit ganz praktischen Entscheidungen: Bei den Versicherungen zum Beispiel gibt es noch immer diese Formulare, in denen man gefragt wird, ob das Haus, in dem wohnt, aus Ziegeln gebaut ist und ein Satteldach hat. Wenn man an dieser Stelle ein Kreuz macht, ist alles in Ordnung. Wenn man dort kein Kreuz macht, wird es plötzlich kompliziert. Es geht dabei überhaupt nicht um die Qualität von Architektur. Sie fragen allein nach den üblichen Standards. Dabei wäre es eine interessante Entwicklung, wenn sie erkennen würden, dass ein Haus seinen Wert viel länger hält, wenn es zum Beispiel viel weniger Energie verbraucht. Denn deren Kosten werden immer weiter ansteigen. Wenn ein Haus sparsam mit Ressourcen umgeht und sich auch später den Bedürfnissen seiner Bewohner anpassen kann, sollte das den Wert des Hauses vielmehr steigern.

Der Aspekt der Nachhaltigkeit zieht sich schon sehr früh durch Ihre Arbeiten. So gilt Ihr Entwurf für den britischen Pavillon auf der Expo in Sevilla 1992 als einer der ersten Niedrigenergiebauten überhaupt. Und bereits 1981 haben Sie unter dem Titel „Energetic Architecture“ mehrere Esseys zu dem Thema verfasst. 

Ja, es war die Zeit, kurz nachdem wir die Fabrik für Herman Miller fertig gestellt hatten. Wir hatten damals gerade erneut eine Energiekrise im Mittleren Osten. Ich habe über die Verschwendung geschrieben, dass jeder mit seinem eigenen Auto zur Arbeit fährt und welche Kosten dies verursacht. Denn die Autos, die dort auf dem Parkplatz stehen, kosten zusammen genauso viel wie das gesamte Fabrikgebäude. Die meisten haben sogar noch ein zweites Auto. Das macht sogar die zweifachen Kosten. Und das Benzin, das sie verbrauchen, würde reichen, um das Fabrikgebäude für mindestens ein Jahr zu heizen. Es gibt sehr viele Synergien, die sich gewinnen ließen, wenn die Bereiche Leben und Arbeiten stärker miteinander verbunden wären. Zum Beispiel könnten für Industrie- und Privathaushalte dieselben Kraftwerke genutzt werden. Wenn die Menschen von der Arbeit kommen, kann die Energie für die Privathaushalte genutzt werden.

Welche Rolle spielt eine nachhaltige Planung bei Ihren Projekten heute?

Eine immer größere. Unser Büro in New York hat 55 Angestellte, die sich fast ausschließlich um Projekte kümmern, bei denen die Ersparnis von Energie im Vordergrund steht. Das „Miami Science Museum“, an dem wir gerade arbeiten, ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Ein weiteres großes Projekt ist der „Earth Parc“, der dem „Eden Projekt“ von 2001 in gewisser Weise ähnlich ist.  Jedoch wird bei diesem nicht nur die Pflanzen- sondern ebenso die Tierwelt mit einbezogen.

Während in Europa und den USA immer stärker nach nachhaltigen Kriterien gebaut wird, sieht die Lage in China und vielen anderen Teilen der Welt oft anders aus. Sollte die westliche Welt deswegen nicht umso mehr Vorreiter in dieser Entwicklung sein?

Sicher, aber wir müssen auch aufpassen mit unserer Kritik. Ein gutes Beispiel hierfür ist Brasilien. Sie fällen dort den Regenwald, um auf den Feldern Rinder zu züchten, die später zu Hamburgern für die Amerikaner weiterverarbeitet werden. Das ist ein verrücktes System. Aber können wir Engländer – allein aus moralischer Sicht – ihnen überhaupt sagen, dass sie die Bäume nicht fällen sollen? Denn England war im 14. Jahrhundert selbst noch vollständig mit Bäumen bedeckt. Wir haben sie auf die gleiche Weise gefällt und in Felder verwandelt, wie es die Brasilianer nun 600 Jahre später tun. Wie können wir ihnen vorschreiben, ihre Bäume nicht zu fällen? Nur um den Rest der Welt zu retten? Es eine sehr komplizierte Welt in der wir leben. Auf der anderen Seite besteht kein Zweifel, dass der Begriff Nachhaltigkeit heute etwas bedeutet. Wir Architekten sind dabei besonders gefragt, auch wenn es nicht immer leicht ist, die Bauherren zu überzeugen.

Haben Sie an dieser Stelle schon ein Umdenken bemerkt?

Ja, wir haben gerade in England einen Wettbewerb gewonnen für nachhaltige Wohnbauten. Das Interessante daran ist, dass der Kunde nicht die öffentliche Hand ist sondern einer der größten Immobilienentwickler Großbritanniens. Selbst sie haben nun bemerkt, dass die Menschen ein Interesse an intelligenten, weiterentwickelten Gebäude haben und auch bereit sind, dafür Geld auszugeben. Das ist doch ein gutes Zeichen!

Vielen Dank für das Gespräch.


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