Norbert Wangen

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Text: Norman Kietzmann, 06.11.2007


Norbert Wangen hat der Küche den Minimalismus beigebracht. Geboren 1962 in Prüm in der Eifel, studierte er zunächst in München Architektur und Bildhauerei. Als er schließlich für einen Freund ein Apartment umbaute, wurde sein Interesse am Thema Küchen geweckt. Die Herausfordung dabei: Eine Küche dort unterzubringen, wo überhaupt kein Platz für eine Küche vorhanden war. Als Lösung dieses Problems entwarf Wangen einen kompakten geschlossenen Block, der auch im Wohnzimmer stehen konnte. Die Besonderheit: Durch Verschieben der Oberseite ließ sich die Küche öffnen oder schließen und bekam somit den Anschein eines Möbels. Später folgten weitere Modelle, die das Motiv des Monolithen weiter interpretierten. Die Eleganz seiner Küchen sprach sich schließlich bis nach Mailand zum italienischen Küchenhersteller Boffi herum, der 2003 die Rechte an seinen Entwürfen übernahm und sie unter der Marke „Norbert Wangen“ in das Unternehmen integrierte. Ein Ritterschlag. Dennoch hat es den Designer nicht nach Mailand getrieben sondern ins beschauliche Wien. Im Salzamt, einem typischen Wiener Restaurant, begannen wir unser Gespräch über gute Schnitzel, legendäre Nachspeisen und all die anderen Dinge, die das Leben überhaupt erst lebenswert machen. Dass das Thema Küche dabei nicht zu kurz kam, versteht sich von selbst.


Herr Wangen, die Küche ist in den letzten Jahren immer stärker zu einer wahren Oase des Hightech geworden. Liegt es an der Emanzipation der Frauen oder daran, dass es nun auch die Männer sind, die mehr und mehr die Küche für sich entdecken?
Es stimmt schon, dass es heute prinzipiell eher eine männlichere Denke ist, an eine Küche heranzugehen. Tendenziell ist es ja so, dass sich die erfolgreiche emanzipierte Businessfrau dabei nicht am richtigen Platz sieht. Ein Mann hingegen fühlt sich oft befreit am Herd. Für ihn ist es ein positiver Moment, dort zu stehen. Für die Frau ist es vielleicht nicht ganz so. Man muss natürlich der Gerechtigkeit halber zugeben, dass die Frauen prozentual immer noch öfter für die Kinder und Familie kochen als die Männer. Doch dadurch, dass die Männer weniger kochen, ist es für sie eben ein besonderer Anlass, wenn sie es tun. Das ist die Essenz darin. Von den Frauen hört man öfter, dass sie es gar nicht mögen, wenn man ihnen beim Kochen zusieht. Sie wollen sich dabei nicht stören lassen und lieber zum Schluss den fertigen Teller präsentieren. Männer zeigen sich dagegen gern beim Kochen, reden mit ihren Freunden und machen dabei eine gute Flasche Wein auf.
Kochen wird also zu einem Event?
Ja, denn Leute, die in der Stadt wohnen, gehen sowieso oft ins Restaurant essen. Sie genießen dann, wenn sie mit ihren Freunden kochen und dabei nicht in einem kleinen Kabuff stehen, sondern es zu einem Happening machen. Nicht umsonst gibt es dieses Lied: „You always find me in the kitchen at parties“. Von daher ist eine Küche ein archaischer Kristallisationspunkt in der Wohnung. Vielmehr noch als das Bad, das idealisiert betrachtet eher eine Relaxzone ist. Die Küche ist dagegen näher am Leben, da es um Ernährung geht. Eine Küche ist sozial.
Sowohl Ihre Küche „k2“ als auch die „k11“ lassen sich als kompakte Blöcke verschließen, die in ihrer abstrakten Anmutung wie Skulpturen im Raum wirken. Geht es darum, die Küche mit dem Wohnraum zu verschmelzen?
Ja, aber im Grunde war es eher ein Nebeneffekt, dass die Küche als Möbel daherkommt. Wir wollten das Klischee einer Küche mit all diesen hängenden Löffeln und dem übrigen Zirkus vermeiden und es clean machen. Tatsache ist ja, dass eine Küche in ihrer Funktion als Herd und Kochstelle die wenigste Zeit auftritt. Es gibt Untersuchungen, dass die Küche in der Wohnung der Ort ist, an dem sich die Menschen am meisten aufhalten, sich treffen, miteinander reden. Wir werden dem gerecht, indem wir die Küche größer machen, sie an den Wohnraum anbinden. Das ist das Konzept.
In den letzten Jahren sind bei Küchen verstärkt wieder natürliche Materialien wie Stein oder Holz zu sehen. Ist dies auch eine Reaktion auf eine stärkere Vernetzung mit dem Wohnraum?
Es stimmt, es gab ja auch Versuche, mit neuen künstlichen Materialien zu arbeiten. Doch im Moment gibt es wieder eine Bewegung zu den erprobten, traditionellen Dingen. Mir persönlich sind bei Holz zum Beispiel geölte Oberflächen lieber als gelackte. Da bin ich auch in ständiger Diskussion mit Boffi. Am Markt hat man dabei aber ein Problem mit dem Kunden. Denn wenn er eine Antiquität vor sich hat, dann passt er auf und behandelt sie gut. Bei einem neuen Möbel geht er davon auf, dass es absolut robust und unzerstörbar ist. Die neuen Lacke schaffen das in den ersten Jahren, doch wenn sie alt werden, sind sie nicht mehr zu regenerieren. Eine Öloberfläche ist zwar zunächst viel empfindlicher, kann aber immer wieder vom Restaurator überarbeitet werden. Nach zwanzig, dreißig Jahren sieht es für sie deutlich besser aus, während man den Lack dagegen nicht mehr ansehen kann. Geölte Oberflächen nehmen eine Patina an und das Holz bekommt eine schönere Farbe, wie man es vom Kirschbaumholz her kennt. Von daher ist es mir persönlich auch lieber.
Wie sieht es mit Edelstahl aus? Viele empfinden ja die Kratzer, die früher oder später immer auftreten, als störend.
Kratzer haben auf jeden Fall ihren Reiz. Sie sind auch wie eine Patina. Ab und an haben uns die Leute angerufen und gesagt: „Wir haben einen Kratzer an unserer Edelstahlküche. Wie kriegen wir den wieder raus?“ Da kann man nur sagen: „Das heißt, Sie fangen an, die Küche zu benutzen!“ An der Kasse im Supermarkt gibt es auch dieses Edelstahlfeld, das so zerkratzt ist, dass man keinen Fingerabdruck mehr sieht. Im Grunde ist es blitzblank. Das ist ja auch der Reiz des Stahls dabei. Der wird immer schöner, je mehr er benutzt wird.
Geht es dabei auch um einen sinnlichen Aspekt?
Sicher, es ist immer so ein Hin und Her: Man macht modernes Design, benutzt aber gleichzeitig alte Materialien und alte Technologien und nimmt sie in einem auf. Darin liegt ein bestimmter Reiz. Besonders wenn man klare minimalistische Formen verwendet, braucht man eine sensuelle Ausstrahlung. Das sieht man hier in Wien auch an der „American-Bar“ von Adolf Loos, wo die Wandpaneele mit Mahagoni-Sägefurnier gefertigt sind. Hingegen im Café Museum, das unglücklich renoviert worden ist, haben sie einfach ein dünnes Messerfurnier verwendet. Dieser Unterschied ist eigentlich optisch gar nicht messbar. Man könnte sagen, das sei das Gleiche. Aber das ist es dann doch nicht, man spürt es. Diese Sinnlichkeit ist sehr wichtig, wenn wir mit diesen ganz schlichten Formen arbeiten, weil es sonst in die Banalität abdriftet.
Wie sind Sie eigentlich auf die Küche gekommen? Sie haben ja ursprünglich in München Architektur studiert.
Es fing damit an, dass ich 1995 in München Schwabing eine Wohnung umgebaut habe, in der wir keinen Platz für eine Küche hatten. Daraufhin habe ich eine Küche entworfen, die ein massiver Block war und über eine fahrbare Abdeckplatte verfügte, der Vorläufer der heutigen „k2“. Wenn sie benutzt wird, wird sie länger. Wenn sie nicht benutzt wird, ist sie kompakt und klein. Der Bauherr war ein Freund von mir und anfangs auch ein wenig skeptisch, was wir da machen. Wir haben dann einen Dummy aus Karton angefertigt, den wir im Maßstab eins zu eins in seine Wohnung gestellt haben. Später war es dann immer noch ein komischer Moment, als das fertige Produkt auf der Einweihungsparty stand. Natürlich standen alle Gäste um das Ding herum und stellten ihre Sektgläser auf der beweglichen Platte ab. Es gab damals noch keine Arretierung wie bei dem jetzigen Modell, so dass die Gläser die ganze Zeit hin und her fuhren. Das war schon lustig.
Wie ging es danach weiter?
1998 hatte ich die Küche in einer anderen Version auf der Kölner Möbelmesse gezeigt. Die ersten beiden Küchen hatten eine Steinplatte aus Schiefer, ebenso das Spülbecken. Dann kam eine deutsche Vertriebsfirma, die mich gefragt hat, ob ich davon nicht eine Serienversion entwickeln könnte. Das Konzept sei gut als Miniküche. Zuerst hatten wir das Problem, dass uns die Leute gar nicht für voll genommen haben. Die haben gedacht: Da kann man sowieso nicht darauf kochen. Das ist wieder so eine Design-Spinnerei. Die Zeit war damals noch nicht reif dafür. Zwei Jahre später wurde dann in Köln die „k2“ als Prototyp vorgestellt, die wie das heutige Modell in Stahl gefertigt war. 2001 folgten dann die „k3“ und „k4“, die immer kürzer geworden sind. Von da an ging es auch vom Kommerziellen wesentlich besser. Der nächste Schritt war dann eine Küche für die Wand, die wir 2002 mit der „k10“ vorgestellt haben.
Würden Sie sagen, dass Sie auf dem Gebiet der Küchen eine Art Vorreiter waren?
Ich würde sagen schon. Der Beweis ist das Unverständnis, mit dem wir zunächst empfangen wurden (lacht). Auf der Möbelmesse 1998 waren es schon auch Architekten, die es verstanden haben, aber die normalen Leute dachten: "Oje, was ist denn das?" Ich muss auch zugeben, als wir die erste Küche für die Wohnung in München gemacht haben, wussten wir selber nicht genau, was da passieren würde.
Wie kam der Weg zu Boffi?
Das ergab sich über die Messen und den Vertrieb: Aufgrund des internationalen Wachstums hatten wir bald eine Konkurrenzsituation am Markt, weil wir mit exklusiven Produkten in einem Nischenmarkt automatisch in „Kontakt“ traten. Die Weisheit „If you cannot beat them join them“ lag somit nahe. Im Jahr 2003 habe ich dann die Rechte an Boffi verkauft und bin seitdem für das Unternehmen als Designer und Berater tätig. Neben ausgesuchten Produkten macht Boffi nicht zuletzt ein brillantes Marketing, von dem wir nur träumen konnten. Das war auch der Grund für mich, mit ihnen zu arbeiten, weil sie eine sehr starke Identität nach außen haben. Boffi ist für mich der ideale Partner.
Wie sieht für Sie die Küche der Zukunft aus?
Ich glaube, dass die Ceran-Kochfelder verschwinden werden. Keramik oder andere Materialien werden sich bei den Kochfeldern durchsetzen. Es werden ein paar technische Sachen hinzukommen, aber im Prinzip wird es sich nicht allzu stark ändern. In der Küche ist man immer noch beim Traditionellen. Das ist wie bei einer Tomate, die irgendwo in der Toskana in einem Garten wächst. Was will man da technisch noch erfinden? Wir glauben auch heute noch, dass wir alles immer verbessern müssen. Aber es gibt auch Dinge, die sind einfach da, wie beispielsweise eine gute Flasche Wein. Was will man mehr? Die Frage bei Neuerungen ist also immer, ob sie auch Sinn machen.
Die Qualität wird also wieder stärker eine Rolle spielen?
Ja, das ist wie mit der Musik. Ich glaube, dass der mp3-Standard irgendwann einmal ein Problem bekommen wird. Die Leute werden aufwachen und verstehen, dass es ein Blechdosensound ist, den sie die ganze Zeit über hören, ein herunter gedrehter Standard. Wenn man zum Beispiel einen alten Röhrenverstärker hat, alte Boxen und einen Plattenspieler, ist das eine andere Qualität. Es werden sich immer Gegenbewegungen zu so etwas entwickeln. Zum Beispiel auch beim Wein. So gibt es bei der modernen Vinifizierung in Österreich nun auch wieder einen Rückwärtstrend zu traditionelleren Verfahren. Ich denke auch beim Design von Küchen werden wir bei traditionellen Materialien wie Stein, Holz und Metall bleiben.
Worauf kommt es an beim Kochen?
Das wichtigste beim Kochen sind immer noch die Zutaten und nicht die Küche. Das macht neunzig Prozent der ganzen Rechnung aus. Wenn man ein supergutes Gemüse oder Stück Fleisch hat, braucht man es nur ein wenig anzubraten, fertig. Ich halte nicht soviel davon, ein gefrorenes Hühnchen mit lauter Gewürzen aufzupeppen. Das ist für mich keine ernstzunehmende Art der Küche. Ich finde es wichtig, dass man gute Zutaten in ihrer Qualität weiterreicht. Natürlich ist es schön, wenn man einen großen Kühlschrank hat. Aber letzten Endes macht es keinen Sinn, das Gemüse im Supermarkt zu kaufen und zwei Wochen im Kühlschrank aufzubewahren. Ideal ist, wenn es frisch gekauft wird und auch gleich gegessen wird. Dann kann man technischen Neuerungen auch gelassen gegenüber treten (lacht).
Wir sitzen hier gerade in Wien und essen ein hervorragendes Schnitzel und Topfenknödel. Was sind Ihre Lieblingsadressen in der Stadt, die man auf keinen Fall versäumen sollte?
Apropos Schnitzel fällt mir ein: Engländer, Salzamt, Oswald und Kalb und nicht zuletzt das gute alte Schwarze Kameel, die natürlich auch mit anderen Spezialitäten aufwarten. Als Designer darf ich das Fabios natürlich nicht vergessen. An Kaffeehäusern gibt es natürlich eine ganze Menge: Café Prückel, Café Korb ebenso wie der Rüdigerhof, um nur einige Beispiele zu nennen. Eine angenehme Erfindung ist die Wein&Co-Kette, wo man in der Innenstadt bis nachts erstklassige Weine bekommt. Das Sluka ist für mich die beste Anlaufstation für Süßspeisen (neben der Schokomousse-Torte beim Café Oberlaa). Abends ist die Bonbonniere Bar in der Spiegelgasse eine charmante Abwechslung. Die Loos-Bar ist einmalig, eine der schönsten Bars, die ich überhaupt kenne.
Vielen Dank für das Gespräch.

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