Ole Scheeren: Die Realität der Möglichkeiten

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Text: Jeanette Kunsmann und Stephan Burkoff, 22.05.2018

Er gilt als eines der Wunderkinder der Stararchitektur, obwohl ihn selbst solche Titel gar nicht interessieren. Bereits mit 31 Jahren leitete er die Asienprojekte des Office for Metropolitan Architecture von Rem Koolhaas und realisierte mit CCTV eines der größten Gebäude der Welt. Als Ole Scheeren 2010 sein eigenes Büro in Asien gründete und seine Partnerschaft bei OMA beendete, ging ein Raunen durch die globalen Architekturmedien. Neben seinem umfangreichen Asiengeschäft und Aufträgen in Nordamerika plant Scheeren jetzt das erste Projekt in Deutschland: den Umbau eines Frankfurter Büroturms in ein Wohnhochhaus.

„Wenn man selbst kein sehr ausdifferenziertes Zuhause hat, so wie ich, kann man offener sein bei der Aufgabe, ein Zuhause für andere zu entwerfen“, erzählte Rem Koolhaas kürzlich in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Was zunächst paradox klingt, bekommt eine gewisse Logik. Dennoch sind Menschen ohne Zuhause irgendwie etwas unheimlich. Als wir zum ersten Mal mit Ole Scheeren über seine Projekte, seine Ideen und sein Architekturverständnis sprechen, lächelt er nur leise bei der Frage, wo und wie er selbst eigentlich wohnt. Der 47-jährige Architekt bewegt sich in einer Realität, die wir uns schwer vorstellen können. In seinem Leben herrscht rigoroses Timing: Scheeren arbeitet jeden Tag in drei Zeitzonen. Wenn Orte sich auflösen, bleibt Zeit der entscheidende Faktor.

Seit 2010 leiten Sie Ihr eigenes Büro mit Sitz in vier Städten, verteilt von Asien bis Europa. Wie fühlt sich das an?
Ich glaube, als Architekt wächst man mit dem Thema Verantwortung auf – und zwar auf vielen Ebenen.

Wollen Sie denn weiterwachsen? Wachstum an sich war nie mein Ziel. Ich habe keine Vorstellung, wie viele Hunderte von Mitarbeitern ich haben möchte – das ist nicht mein Antrieb. Die Struktur folgt ein Stück weit den Aufgaben und der Frage nach Anzahl und Größenordnung der Projekte. Ich habe von Anfang an überwiegend in relativ großen Maßstäben gearbeitet – auch in der Selbstständigkeit. Was viel damit zu tun hat, dass ich in Asien tätig bin und dort ein ganz anderer Maßstab herrscht als hier in Europa.

Was haben Sie von Asien gelernt? Vor allem sehr viel über Größe und Maßstab: Ich habe eines der größten Gebäude der Welt gebaut. Und gerade arbeiten wir an einem Projekt, das möglicherweise noch größer sein wird. Maßstab ist etwas, das man nicht so einfach versteht, man muss es sich erarbeiten. Was heißt es, ein Gebäude für 10.000 oder 20.000 Menschen zu planen? Was bedeutet es für einen Raum? Was bedeutet es für die Erlebbarkeit? Und was bedeutet es für die Menschen, die in einem Großprojekt leben oder arbeiten? Funktional und technisch? Das interessiert mich alles.

Nur im Großen? Nein, neben dem einen Extrem arbeite ich auch an sehr kleinen Dingen. Der Wechsel ist mir sehr wichtig. Auch zwischen dem Intimen und dem Strukturellen: Diese Dinge informieren sich sehr stark. Mir ist es wichtig, die Konkretheit der Erfahrung beizubehalten – selbst wenn wir sehr große Projekte realisieren.

Wie ist denn Ihr Studio im Augenblick organisiert? Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Standorten? Wir sind im Moment zwischen 75 und 80 Leuten auf drei Kontinenten: in Asien, in Europa und in Amerika. Die Struktur ist so aufgebaut, dass ich das hauptmobile Element zwischen den Welten bin und dass die jeweiligen Studiostrukturen in sich funktionieren, aber auch miteinander vernetzt sind. Zwischen den Einheiten herrscht viel Austausch. Und es gibt in meinem Leben ein rigoroses Timing: Ich spreche, entwerfe und diskutiere Jeden Tag mit drei Zeitzonen. Das hat neben einer gewissen Intensität eine Mechanik, die ohne heutige Mittel gar nicht denkbar wäre. Wir arbeiten viel digital. Aber es ist trotzdem für mich sehr wichtig, immer wieder auch physisch präsent zu sein.

Zählen Sie denn die Tage, die Sie an einem Ort verbringen, oder die Tage, an denen Sie reisen? Oder lässt sich das gar nicht trennen? Das ist im Prinzip ein ganz dynamischer Fluss. Für mich gibt es weder die Definition der Wochentage noch der wirklichen Tagesstunden. Wie gesagt, dadurch, dass wir in drei sehr unterschiedlichen Zeitzonen arbeiten, ist eigentlich immer eine der Zonen aktiv. Das heißt, es gibt auch immer die Möglichkeit zu reagieren.

Und die Notwendigkeit. Wie viele Stunden am Stück schlafen Sie denn? Er überlegt. Meistens nicht zu viel. Er lächelt kurz.

Wir haben gerade erfahren, dass es mehr als zehn Nationen sind, die in Ihrem Büro arbeiten. Es sind sogar über 20!

Welche Rolle spielt dabei dann Sprache für den Entwurf und die Realisierung von Architektur?
Unsere Arbeitssprache ist Englisch, weil es allen erlaubt, miteinander zu kommunizieren. Und es ist mir als Grundregel auch wichtig, es so beizubehalten. Natürlich werden einzelne Projekte, die in sehr lokale Kontexte eingebunden sind, nach außen hin jeweils auf Deutsch oder Chinesisch kommuniziert. Sprache ist etwas ganz Wichtiges. Kommunikation ist im Beruf des Architekten etwas sehr Essenzielles, weil unser Beruf Dinge vorwegnimmt. Wir müssen etwas entscheiden, bevor es tatsächlich existiert, sowohl im Entwurfsprozess als auch in der Zusammenarbeit mit Bauherren, Behörden und so weiter. Man muss als Architekt in der Lage sein, die Dinge, die man in die Zukunft projiziert, jetzt greifbar und sichtbar zu machen. Dabei ist Kommunikation ein wichtiger Bestandteil. Wir haben nicht nur die verbale, sondern auch die grafische Sprache über Pläne, Modelle etc., die Ideen zu vermitteln. Wenn man es nicht verständlich machen kann, wird es schwierig.

Dann ist das Bild als Sprache wichtiger als das Wort? Oder geht das Hand in Hand? Ich glaube, es ist beides sehr wichtig. Natürlich bleibt das gebaute Objekt als Endresultat unserer Arbeit das Wichtigste. Aber eben auch nicht nur. Wir produzieren keine skulpturalen Gebilde aus Materie und Licht – so hat mich Architektur noch nie interessiert –, sondern wir produzieren Gebilde für das Leben der Menschen. Es ist die Frage, wie wir mit dem Leben der Menschen umgehen und wie wir das kommunizieren. Da geht es dann nicht mehr um physische Materie, sondern um Vorstellungen, um Fantasien und Bedürfnisse. Und: um die Geschichten der Menschen und eine Form der Erzählungen dieser. Was wir durch unsere Architektur zum Teil tun, ist, diesen einen Rahmen oder eine Bühne zu geben. In diesem Sinne interessiert mich Architektur als das Mittel, das wir benutzen. Es ist das, womit wir arbeiten. Aber es geht nicht um Architektur im klassisch-kompositorischen Sinn. Materie, Licht, Form ... Mich interessiert immer, was die Dinge tun. Was tun die mit uns?

MahaNakhon Tower in Bangkok, © Hufton Crow

Und was erzählt Ihre Architektur? Meine Architektur erzählt von Möglichkeiten. Möglichkeiten, Dinge anders zu tun. Sie erzählt von Gemeinschaft, vom öffentlichen Leben und einem Verhältnis vom öffentlichen zum privaten Leben. Von der Möglichkeit der Fantasie. Gleichzeitig erzählt sie aber auch davon, wie die Welt funktioniert. Wir arbeiten, wie viele andere auch, für Projektentwickler und Privatkapital, für viele also, die eigentlich erstmal sehr restriktive Systeme bilden. Und die Tatsache, dass die Welt so aussieht, wie sie aussieht, existiert Ja nicht nur, weil es alles ist, was den Architekten einfällt, sondern weil es viele Systeme gibt, die sich so gebildet haben und die nur bestimmte Freiräume lassen.

Wie umgehen Sie das? Wenn man kommerzielle Projekte baut, müssen die Ökonomie, der Verkauf und die Kosten stimmen. Wenn man das nicht beherrscht, dann baut man einfach nicht. Aber wenn man nur das beherrscht, dann baut man all das, was da draußen steht. Und das reicht uns nicht. Mir geht es darum, diese Spielregeln und Regelwerke zu verstehen und, obwohl wir diese Regeln einerseits bedienen, ihnen andererseits trotzdem etwas abzugewinnen. Wie können wir Zwischenräume und Möglichkeiten finden und Werte generieren, die es plötzlich ermöglichen, etwas ganz anderes zu bauen und vielleicht öffentlichen Raum mit in Gebäude einzubeziehen, die das zunächst gar nicht vorsahen?

Funktioniert das denn immer so? Die Konflikte zwischen denen, die das Geld geben, und denen, die es ausgeben, sind ja bekannt. Es dürfte in der Architektur schwierig sein, eine Lösung zu vermitteln, die nicht nur auf dem Taschenrechner funktioniert. Wir sind in unseren Projekten recht selektiv. Wir machen auch nicht alles, was wir tun könnten, sondern finden und definieren für uns unsere Aufgaben, mit denen wir einen Beitrag leisten können. Was sicherlich nicht immer möglich ist. Ich denke, ich kann bei allen Projekten diese Mechanik erläutern. Das ist ein Stück weit der Erfolg unserer Arbeit.

Ihr neues Projekt in Frankfurt ist auch sehr ambitioniert. Im deutschen Maßstab ist es ein Großprojekt, für das Büro Ole Scheeren eher ein kleineres. Wie realistisch ist der Umbau des Büroturms in ein Wohnhaus denn wirklich? Das ist äußerst realistisch, sonst hätten wir es nicht der Öffentlichkeit vorgestellt. Nur als Nebensatz: Ich war immer sehr vorsichtig mit den Dingen, die wir am Ende veröffentlichen. Wir haben vermutlich zehnmal mehr Arbeit produziert als die, die bekannt ist. Mich interessiert es eben nicht, die ersten zwei Computerbilder von irgendetwas ins Internet zu stellen. Mich interessiert eine fokussierte Darstellung der Realität: der Realität der Möglichkeiten.

Mit den Bauarbeiten soll bereits Ende des Jahres in Frankfurt begonnen werden. Dieses Projekt ist auch eine Realität der Möglichkeiten: Ich fand es auch eine sehr schöne Aufgabe, damit in Deutschland ein erstes Bauprojekt zu realisieren – im Gegensatz zur Vielfalt der Projekte in Asien, die eben alle ground up sind und sich selten mit der Frage des Bestands auseinandersetzen müssen – obwohl Kontext natürlich auch sehr wichtig ist. Aber hier geht es um ein Gebäude aus den Siebzigerjahren, das ganz deutlich in seiner Zeit mit seiner damaligen Richtigkeit dastand, aber das für heute und die Zukunft eben nicht mehr adäquat ist. Das ist eine wichtige Aufgabe in Deutschland und Europa: Wie geht man mit dem ganzen vorhandenen Bestand um?

Und wie gehen Sie mit dem Bestand um? Wir zeigen sehr schön, wie ein sehr schweres, hermetisch abgeschlossenes, introvertiertes und eigentlich fast defensives Gebäude sich in etwas grandios Leichtes, Schwebendes öffnen kann. Es kommuniziert mit der Stadt und bietet nicht nur den Bewohnern einen tollen Raum. Man muss so etwas immer aus zwei Richtungen betrachten.

Wenn Sie sagen, dass Sie anfänglich weniger kommuniziert haben, als Sie es gekonnt hätten: Hat das auch damit zu tun, dass in Deutschland solchen Großprojekten in der Öffentlichkeit meistens viel Kritik entgegengebracht wird? Ich habe das nicht auf Riverpark Tower in Frankfurt bezogen, sondern allgemein auf die letzten acht Jahre unserer Arbeit. Ich weiß es nicht. Man könnte auch das problematisieren, aber ich finde, man braucht vor dieser Debatte keine Angst zu haben. Natürlich findet sie statt, aber wir stellen uns ihr gerne. Wir erklären gerne, was wir tun. Ich glaube wirklich, dass mit genauer Betrachtung sehr deutlich und klar wird, was wir hier an Qualitäten und Möglichkeiten schaffen.

Bauen im Bestand ist in diesem großen Maßstab selten ein Prozess, bei dem alles glatt läuft – der Berliner Flughafen, Stuttgart 21 und die Elbphilharmonie sind Großprojekte, die Deutschland geprägt haben ... Er unterbricht. Das bedeutet ja nicht, dass es deshalb nicht anders laufen kann! Und da sind wir gerne dabei zu zeigen, dass es auch anders geht. Wie gesagt, Riverpark Tower ist kein kleines Projekt, aber eben auch kein Riesenprojekt. Es ist ein sehr guter Maßstab, in dem man zeigen kann, was möglich ist. Dazu gehört auch alles Prozesshafte und Organisatorische. Wir versuchen, sehr vorausdenkend teilzunehmen, und ich denke, es läuft alles sehr gut.

Mit Ihrer Perspektive aus Asien: Woran liegt es, dass die Großsiedlungen in Deutschland in der Regel kaum funktionieren und sich die Bewohner nicht wohlfühlen? Kann man diesen Bestand noch retten? Natürlich werden überall viele Fehler gemacht – man lernt nie aus. Aber wenn Sie diese Thematik ansprechen: Es gibt in der Tat in Deutschland und in Europa ein Trauma bezüglich solcher größeren Anlagen. Diese stammen aber auch aus einer Zeit mit einem anderen Fokus. In der ging es hauptsächlich darum, möglichst viel Wohnraum in kürzester Zeit zu schaffen, eine aufstrebende Gesellschaft erst einmal zu beherbergen und dabei neue Möglichkeiten der Technik zu nutzen, ohne diese wirklich auf die menschliche Ebene zu übertragen. Man könnte auch das Wohnen im Hochhaus aufgreifen, was eine sehr ähnliche Problematik in Deutschland und Europa hat. Nämlich dass man damit Dinge aus den Sechziger- und Siebzigerjahren verbindet, die eher keine positiven Erfahrungen waren. Das ist aber ein Päckchen, das dieser Kulturkreis mit sich trägt und das die Betrachtung verzerrt.

... Man hält das Leben in Wohnhochhäusern für inhuman. Wir haben in Asien erlebt, dass es grandiose Hochhäuser gibt, in denen man sehr gut wohnen kann. Natürlich ist es ein anderes Leben als in einem Einfamilienhaus mit Garten. Aber wer sagt, dass alle Menschen ihr eigenes Haus haben wollen? Das Leben oben im Himmel, im Hochhaus mit Aussicht und mit Weitblick, hat auch etwas ganz Tolles!

The Interlace in Singapur, OMA und Ole Scheeren, Foto: Iwan Baan

Interessiert es Sie als Architekt, wie die Bewohner Ihre Gebäude annehmen? Natürlich! Mich interessiert ja das Leben in der Architektur – und die Realität, die sich dort entfaltet. Man muss es sich vor Ort ansehen, Fotos und Worte werden dem nie gerecht: Was die Wahrheit eines Raumes ist und was sich darin abspielt. Nehmen wir dazu Zahlen, die zeigen, warum Interlace so erfolgreich ist: Normalerweise wäre so ein Apartment in Singapur ein Investitionsobjekt, was zur Folge hat, dass in so einem Gebäude die Hälfte der Wohnungen leer steht. Damit hat das Leben in solchen Geisterstädten überhaupt nichts Positives. In Interlace sind 95 Prozent der Apartments bewohnt, weil die Menschen dort leben möchten. Weil es toll ist, dort zu leben. Allein das sehe ich als großen Erfolg.

Warum ist es toll, dort zu wohnen? Es finden unzählige Aktivitäten in den Höfen, Gärten und auf den Terrassen statt. Diese sind für die Bewohner im Prinzip Zonen der Freiheit. Man findet viele Community Groups, die sich im Interlace gebildet haben. Es ist ein aktives Leben in dieser Architektur. Und umso besser: Es geschehen Dinge, an die wir nie gedacht haben. Es geht darum, Räume und offene Strukturen zu schaffen, die diese Möglichkeiten bieten, nicht darum, Vorschriften zu machen.

Klingt wie eine Utopie. Ich glaube, es ist wieder Zeit für Utopien. Wir haben so lange im Gegenteil gelebt, dass es Zeit ist, wieder mutiger zu sein und darüber nachzudenken, wie Dinge auch ganz anders sein könnten. Warum denn nicht?

Und der Schlüssel sind der Mensch, die Beobachtung seiner Bedürfnisse und die Entwicklungen von Raumqualitäten, die es so noch nicht gab? Es ist immer das Zusammenspiel. Wenn wir die Technik nicht beherrschen, auch keine Nachhaltigkeit, keine Ökonomie und auch keine Kommunikation, wird es nie stattfinden. Wir schaffen Behausungen für das Leben, Arbeiten und das Sein der Menschen. Wenn wir das nicht verstehen, funktioniert es nicht. Genauso wie wir ökologische Nachhaltigkeit beachten müssen, müssen wir auch über soziale Nachhaltigkeit nachdenken.

Asiatische Großstädte haben eine ganz andere Dichte als die europäischen. Sie sagen auch, dass sich dort gerade vieles im Umbruch befindet ... Was wäre aus Ihrer Sicht eine Idee, wie sich die europäische Stadt in Zukunft verändern sollte oder muss? Es gibt sehr viel Qualität, aber, wenn man genau hinschaut, nicht nur. Weil eben viel Bausubstanz, ähnlich wie unser Frankfurter Turm, sich weniger der Qualitätsfrage des Lebens stellte, sondern anderen Zielen unterlag. Man muss schauen, wie man solche Strukturen verändert, um sie überführen zu können. Auf der anderen Seite stellt sich dabei auch die Frage, inwieweit historische Stadträume rekonstruiert werden. Welche Wertigkeit und welche Funktion haben diese Räume denn heute noch? Welche Räume bräuchte eine Stadt denn? – Das sind nicht nur die historischen Vorstellungen der öffentlichen Plätze und der Straße. Vielleicht brauchen wir viel durchlässigere, offenere und vernetztere Räume in der Stadt. Auch die Auseinandersetzung darüber, was für Hybride heute entstehen, ist wichtig, genauso wie die Frage, wie man auch über eine solche Durchmischung der einzelnen Aktivitäten der Stadt ein anderes Lebensgefühl erzeugen kann.

Welche Verantwortung tragen dabei die Architekten? Bei einigen vermisst man eine solche Vision. Es ist schwierig, da die Schuldigen zu identifizieren, und das ist auch gar nicht die interessante Fragestellung. Ich glaube, dass alle gemeinsam an dieser Situation Verantwortung tragen und es auch nur gemeinsam lösen können: Architekten, Projektentwickler und die Stadt. Sie müssen möglicherweise defensive Positionen aus dem Fenster schmeißen. Unser Beruf steht in riesengroßen Abhängigkeiten. Zum Geld. Zum Bauherrn. Zum Genehmigungsverfahren. Man sollte auch an die Endnutzer und an die Menschen denken ... das fehlt ganz oft. Wir versuchen mit unserer Arbeit an unterschiedlichen Orten der Welt zu zeigen, dass man etwas tun kann.

Welche Bedeutung haben für Sie die Begriffe „Heimat“ und „Zuhause“ – also für Sie persönlich, nicht als Architekt? Eine sehr gute Frage ... Im Moment gibt es den Begriff „Zuhause“ für mich so nicht. Ich bin wirklich an vielen Orten gemeinsam. Das war etwas, was ich nie vorhergesehen habe, es war auch kein Ziel. Es hat sich über die letzten zwei Jahrzehnte entwickelt. Und irgendwie fühle ich mich aber sehr wohl in diesem Verbindenden, das zwischen ganz unterschiedlichen Ländern und Kulturen entsteht. Aber ich habe auch auf allen drei Kontinenten recht intensiv gelebt. Dieses endlose Zwischenspiel einer Verbindung und Teil von etwas zu sein, aber eben nicht dort festzusitzen, ist etwas sehr Wichtiges für mich. Ich bin kein distanzierter Reisender, der irgendwo landet und sich als Besucher etwas anschaut. Ich bin ja aktiv in diese Realitäten involviert. Es gibt keine Distanz.

Dass Sie als ein Mensch, der eigentlich selbst nicht wohnt, sich so intensiv mit dem Thema Wohnen auseinandersetzen, hat auch etwas Paradoxes. Wie entwickeln Sie ein Gefühl dafür, wenn Sie es selbst nicht erleben? Natürlich erlebe ich das, aber vielleicht nicht in dem klassischen Modell. Trotzdem verstehe ich das, ich bin ja auch nicht ohne zu wohnen aufgewachsen. Nur weil meine momentane Realität sehr mobil ist, heißt es ja nicht, dass ich keinen Bezug zum Wohnen hätte. Man muss nicht alles konkret im Moment praktizieren, um es zu verstehen. Schon gar nicht, um Beiträge dazu leisten zu können. Ich habe ein starkes Gefühl dem Wohnen und dem Leben gegenüber – und Vorstellungen, wie es ganz toll sein könnte. Und vielleicht sind es für mich ja auch positive Zielvorstellungen, so etwas auch einmal für mich zu ermöglichen.

Brauchen Sie für sich keinen Rückzugsort? Wenn doch, wie schaffen Sie sich den? Ganz unterschiedlich. Die muss man sich erfinden. Sie können in ganz unterschiedlichen Situationen sein. Man muss diesen Ort in sich finden.

Wie sind Ihre Erinnerungen an die Zeit, bevor Sie Architekt geworden sind? Spielt die Vergangenheit, Ihre Kindheit eine Rolle für die Gegenwart? Wahrscheinlich spielt der ganze Weg immer eine Rolle. Aber es ging für mich ja eigentlich mit Architektur los, als ich geboren wurde. Mein Vater war Architekt, hat noch studiert, und ich bin in der Uni aufgewachsen. Es gibt für mich also sehr frühe Verbindungspunkte: hauptsächlich im Zerstören von Architekturmodellen. Danach musste ich es wieder gutmachen und selbst welche bauen.

Was haben Sie von Ihrem Vater gelernt? Sehr entschlossen. Das Denken.

Und was haben Sie denn in Ihrer Zeit bei OMA gelernt? Und von Rem Koolhaas? Natürlich ganz viel. Ich habe 15 Jahre mit Rem zusammengearbeitet und mit Sicherheit das Nachdenken über Möglichkeiten noch intensiver gelernt, als ich es vorher kannte. Es war etwas, das schon in meiner Jugend in mir kämpfte. Und in seiner Arbeit fand ich einen Teilausdruck davon. Deswegen hat es mich interessiert, mit Rem gemeinsam an solchen Dingen zu arbeiten und darüber nachzudenken. Weil Rem mir sehr früh Verantwortung und Freiheit übertrug, Dinge zu entwickeln, habe ich bei OMA wirklich sehr viel gelernt. Und über dieses Vertrauen, das er mir gegeben hat, konnte ich sehr viel lernen.

Gibt es heute noch einen Austausch zwischen Ihnen und Rem Koolhaas? Natürlich!

Denken Sie, dass die Zeit der Stararchitekten vorbei ist? Ich weiß nicht. Architektur braucht eine Vision. Architektur braucht eine Begeisterung für etwas. Wie das zustande kommt, kann auf unterschiedlichen Wegen sein. Und es kann sich aus vielen Teilen zusammensetzen, aber auch ein singulärer sein. Es kommt immer ganz darauf an. Ich finde die Polarisierung über diese Themen an sich nicht interessant. Genauso wie dieser Titel uninteressant ist. Der ist aber auch von anderen erfunden worden – nicht von Architekten.

Andere Frage: Warum gibt es so wenige leitende Frauen in Architektur und Design? Schade! Aber bei uns im Büro ist ein hoher Anteil an Frauen.

Das sagen aber fast alle Architekten! Ja. Es ist zum Teil eine gesamtgesellschaftliche Frage, die auch andere Bereiche und Berufe betrifft. Man kann nur versuchen, mitzuhelfen, dass es sich ändert. Die Situation zu analysieren ... Es ist fast überall ein Problem.

Was ist für Sie wichtiger: die Gegenwart oder die Zukunft? Beides ist genauso wichtig. Ich glaube, Architektur kann es nur geben, wenn man einen Sinn für die Zukunft hat. Weil sich ja alles, was man als Architekt schafft, erst in einer Zukunft realisiert. Ohne Sinn für Zukunft wäre ja alles schon zu spät, wenn es so weit ist. Gleichzeitig sind die Prozesse aber auch so intensiv und so akut, dass, wenn man nicht alert ist und aufpasst, vieles passieren kann, das Konsequenzen in der Zukunft hat. Man braucht diese unglaubliche Wachsamkeit dem Moment gegenüber, aber vielleicht auch das Positive dem Moment gegenüber, weil durch die Komplexität der Aufgaben ja ständig neue Herausforderungen auftauchen. Wir müssen positiv denken! Wir müssen Optimisten sein, sonst können wir auf nichts Besseres hinarbeiten. Es ist wichtig, dass alles, was in der tagtäglichen Arbeit passiert, auch wiederum auf einen anderen positiven Weg führen kann. Die Aufrechterhaltung erfordert viel Disziplin.

Glauben Sie an Manifeste? Pause. Eigentlich ist die Zeit des Manifests lange vorbei. Im Sinne dieser sehr rigiden und vorschreibenden Struktur glaube ich überhaupt nicht daran. Die Frage der Ideologie interessiert mich nicht. Aber ich würde gerne auf etwas, das wir vorhin gesagt haben, zurückkommen: Vielleicht ist die Utopie etwas Legitimeres als das Manifest. Weil die Utopie etwas ganz Offenes und Bewegliches sein kann. Das Manifest ist eher das Gegenteil, etwas sehr Beschreibendes und Einengendes.

Woher schöpfen Sie Ihre Zuversicht? Aus der Begeisterung für das, was wir tun.

Weil Sie so ein unglaublich positiv denkender Mensch sind: Welche Rolle spielt für Sie das Scheitern? Man muss aufpassen, dass man sich das Scheitern für die richtigen Momente aufhebt. Er lacht und senkt die Stimme. Natürlich kann man es sich eigentlich nicht leisten, bei solchen Großprojekten zu scheitern. Da ist die Verantwortung viel zu groß. Aber natürlich gibt es immer wieder Momente, wo etwas nicht funktioniert. Dazu muss man auch bereit sein, sonst kommt man nicht weiter.

Was bedeutet Ihnen Status? Uninteressant.

Und was bedeutet für Sie Luxus? Auch uninteressant.

Halten Sie sich selbst für einen radikalen Architekten? Ich habe keine Angst.

Ole Scheeren beschäftigt sich nicht nur mit Wohnungsbauten und Hochhäusern, Anfang 2018 wurde sein Neubau für ein Auktionshaus in Peking eröffnet: ein Hybrid aus Büro, Museum, Event, Workshop, Restaurant, Hotel, Shopping und Lagerfläche mit knapp 56.000 Quadratmetern Geschossfläche. Mit direktem Blick auf die Verbotene Stadt versteht sich das Auktionshaus außerdem als eine Art Puzzle aus den traditionellen Hutongs und den heutigen Strukturen Pekings.

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