Paola Navone

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Text: Norman Kietzmann

Geboren und aufgewachsen in Turin, ging Paola Navone nach ihrem Architekturstudium 1973 nach Mailand und arbeite dort mit Alessandro Mendini und Ettore Sottsass im legendären „Studio Alchimia“ zusammen. Sehr bald jedoch zog es sie nach Asien, wo sie über Zwanzig Jahre gelebt und gearbeitet hat. Ihr Stil ist ein eigenwilliger Mix aus europäischen und ethnologischen Motiven, der Minimalistisches mit Dekorativem, Traditionelles mit Zeitgenössischem verbindet. Als eine der wenigen Frauen hat sie es schon vor zwanzig Jahren geschafft, sich in der von Männern dominierten Designszene durchzusetzen und gilt als die derzeit einflussreichste Interieurdesignerin Italiens. Wir trafen Paola Navone in Berlin und sprachen mit ihr über sinnliche Bäder, ihre große Faszination für Asien und warum im Leben nicht alles geradeaus laufen muss.
Frau Navone, bei Ihrer Badserie "Peace Hotel" setzen Sie vor allem auf eine weiche, sinnliche Formensprache. Die abgerundeten Ecken wirken dabei auch ein wenig vom Design der Siebziger Jahren beeinflusst.
Ja, in gewisser Weise kann man ein typisches Profil der Siebziger Jahre in ihnen erkennen, aber nur aus westlicher Sicht. Wenn Sie von der asiatischen Seite aus schauen, ist es etwas ganz anderes. Vertraut und doch irgendwie seltsam. Ich mag es, seltsame Dinge zu tun. Wissen Sie, ich war sehr lange in Asien. Es gibt dort eine Form, die ich ganz besonders liebe: Es ist ein kleiner hölzerner Rahmen für Spiegel, wie Sie ihn auf alten Darstellungen von Geishas sehen können. Etwas von dieser kleinen Form wollte ich in die gesamte Kollektion bringen, ebenso die Farbe von Rosenholz. Dazu kommt noch ein sehr spezieller grünlicher Ton, der an Jade erinnert.
Das Badezimmer wird also von warmen Farben bestimmt?
Ja, denn es ist in gewisser Weise ein Teil des Schlafzimmers geworden. Es gibt kein Badezimmer und Schlafzimmer mehr, sondern eine Art harmonische Relax-Zone. Auf der anderen Seite haben Sie für den Tag das Wohnzimmer und die Küche, die sich ebenso miteinander verbinden. Es ist der Wechsel zwischen Tag und Nacht. Auf jeden Fall wird das Bad immer mehr ein Ort zum Leben und ist kein kleiner Raum mehr am Ende des Korridors.
Wofür steht eigentlich der Name „Peace Hotel“?
Als ich der Kollektion einen Namen geben sollte, dachte ich an meine Zeit im Shanghai der Siebziger Jahre. Es gab dort dieses wunderschöne Hotel am Fluss, das ganz in chinesischem Art Déco gehalten war. Es hieß „Peace Hotel“ und war seinerzeit das beste Haus der Stadt. Daher kommt der Name.
Sie haben insgesamt über 21 Jahre in Asien gelebt....
Ja, bevor ich in Shanghai lebte, war ich lange Zeit in Hongkong, Indonesien, Phillippinien, Thailand, Indien. Ich arbeitete dort als Designerin für verschiedene Organisationen mit dem Ziel, der lokalen Wirtschaft auf die Sprünge in die westlichen Märkte zu helfen. Es waren ganz unterschiedliche Projekte: Keramik, Möbel, viel auch mit traditionellen Produktionsweisen. Was ich mag, ist industrielle wie nicht industrielle Materialien miteinander zu kombinieren.
Was hat Ihre Faszination für Asien geweckt?
Vielleicht kam es, weil ich mein ganzes Leben wie ein Gypsy gelebt habe. Ich bin immer umher gefahren. Turin, wo ich geboren und aufgewachsen bin, ist eine wunderschöne Stadt aber auch leider unglaublich langweilig. Also begann ich umherzuziehen. Nach meinem Studium ging ich für zwei Jahre nach Afrika und stellte fest, dass ich den Kontinent sehr mochte. Dann entdeckte ich Asien und entwickelte eine immer stärkere Beziehung zu diesem Teil der Welt. Ich war in China, als Mao noch lebte und habe daher eine fast schon historische Erinnerung an diese Zeit. Ich kann mich auch noch gut an das erste Mädchen erinnern, das dort einen Rock trug. Es war ein Schock. Oder als zum ersten Mal Werbung erlaubt wurde und man die Reklamebuchstaben einer rieseigen Marlboro Anzeige per Hand malte. Ich war fasziniert von Energie dort. Derzeit erlebt Asien eine unglaubliche Beschleunigung. Die Uhr läuft zehnmal so schnell wie hier in Europa.
In den Siebziger Jahren haben Sie im „Studio Alchimia“ mit Alessandro Mendini und Ettore Sottsass zusammenarbeitet, den Erfindern des postmodernen Designs. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ja, das war wirklich etwas Außergewöhnliches. Als ich damals angefangen habe zu arbeiten, gleich nach meinem Abschluss, lebten wir in einer spannenden Zeit. Es wurden ständig neue Dinge ausprobiert und die komischsten Experimente durchgeführt. Ich denke, heute ist das nicht mehr so. Die Leute haben nicht mehr die Möglichkeit zu Experimentieren. Für uns war dies damals absolut notwendig. Heute strebt man nach Sicherheit, die ich niemals hatte oder brauchte, aber ich kann verstehen, dass sich einige danach sehnen. Ich mag keine statische Entwicklung im Leben. Ich liebe Unfälle. Mein ganzes Leben ist voll davon und darüber bin ich auch sehr glücklich.
Ihre Arbeitsweise wird stark von einem Mix unterschiedlicher Stile geprägt. Fällt es ihnen schwer, Entscheidungen zu treffen?
Ja, schon immer. Das ist fast so wie im Restaurant, da möchte ich am liebsten auch immer alles bestellen. Deshalb mag ich auch die asiatische Art zu Leben. Sie bekommen viele verschiedene Dinge auf einmal und können von allem etwas probieren. Es ist eine starke Mischung aus Traditionellem und Neuem. Und eine Spur von Abenteuer vielleicht.
Wie ist Ihre Herangehensweise bei Ihren Projekten?
Wenn ich einen neuen Kunden treffe, eine neue Umgebung, lasse ich das auf mich wirken. Mich interessiert, was sie machen, was für Leute sie sind, welche Materialien und Technologien sie benutzen. Ich habe zwar einen gewisse Herangehensweise, aber der Output meiner Projekte ist doch immer sehr unterschiedlich, da er von den unterschiedlichen Realitäten der Kunden abhängig ist. Also versuche ich wie ein Schneider zu arbeiten, ein maßgeschneidertes Projekt zu entwickeln. Es wäre äußerst langweilig für mich, etwas zu erfinden und dann das Gleiche immer zu wiederholen. Designer zu sein ist ein sehr glücklicher Job. Aber was ich brauche, ist immer auch ein Stück Abwechslung dabei.
Vielen Dank für das Gespräch.

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