Partizipative Schularchitektur: Die Baupiloten

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Jan Bitter

Wie können unsere Lehr- und Lerngebäude zu einer besseren Architektur finden? Und zwar nicht nur als gestalterische Idee, sondern als charmante und nutzerorientierte Funktionsräume? Eine, die es wissen muss, ist die Gründerin der Baupiloten BDA, Susanne Hofmann. Seit 2002 macht sie Schule – und zwar gemeinsam mit Lehrern, Kindern, Eltern und Behörden. Sie ist eine der Pionierinnen im Bereich der partizipativen Raumgestaltung. Mit dem Schul-Visionenspiel hat ihr Büro mit Unterstützung der Hans Sauer Stiftung ein Werkzeug entwickelt, das Räume aus dem Abstrakten ins Konkrete übersetzt und aus Ansprüchen und Wünschen Realitäten werden lässt. Wir haben Susanne Hofmann und den Baupiloten-Architekten Daniel Hülseweg im Schöneberger Studio zum Gespräch getroffen – und natürlich auch mit unseren Visionen gespielt.

Das Studio der Baupiloten liegt ziemlich genau im geografischen Zentrum von Berlin-Schöneberg – einem Viertel, das für Diversität und Offenheit steht und irgendwie für alle da ist. Das passt gut zu den Baupiloten, die sich etwas zur Aufgabe gemacht haben, was manche Kollegen ganz bewusst vermeiden: Den Nutzer fragen. Neben den üblichen Modellen und Plänen hängen in dem weitläufigen Industrie-Loft Charts und Diagramme an den Wänden, dazwischen Collagen und Tabellen. Die Präsentationsfläche dafür ist limitiert, denn physische Grenzen gibt es zwischen den Arbeitsplätzen der knapp 20 Mitarbeiter, der Küche und dem großen zentralen Arbeitstisch keine. Auf dem Tisch steht dann doch etwas zum Anfassen: Das Schul-Visionenspiel, die Essenz eines langen Prozesses und die potentielle Grundlage zukünftiger Schulentwürfe.

Fangen wir beim Offensichtlichen an: Warum überhaupt partizipative Gestaltung? Susanne Hofmann: Man kann von den Nutzern für die Planung viel lernen. Etwa, dass Kinder verschiedene Lernsituationen haben wollen, dass sie mal konzentriert im klassischen Klassenzimmer-Setting sitzen möchten, sich dann aber austauschen möchten, dass sie Rückzug brauchen, allein oder in kleinen Gruppen. Die Lehrer wiederum erzählen uns, dass sie durch eine schlechte Akustik belastet sind und Orte für den Austausch mit den Kollegen brauchen.

Wie – oder warum - lassen sich die vielen unterschiedlichen und oft diametralen Probleme mit einem Spiel lösen? SH: Wenn man Kinder und Lehrer nach ihren Wünschen fragt, dann antworten sie darauf meist mit Dingen, die sie schon kennen. Durch eine spielerische Auseinandersetzung wird man herausgefordert, in sich hineinzuhören: Was will und brauche ich denn wirklich? Atmosphärische und weniger konkrete Bilder rufen intuitive und spontane Reaktionen hervor.

Vom ersten Baupiloten 2002 bis zu Euren heutigen Methoden war es ein langer Weg mit vielen Projekte und sicher unzähligen Erkenntnissen. Wie hat sich Partizipation in Eurer Arbeit etabliert? SH: Wir sind durch unseren ersten Auftrag quasi hineingeschlittert. Wir sind überzeugt, dass die Menschen selbst am besten wissen, wie sie lehren oder lernen wollen, arbeiten oder wohnen. In den ersten Schul- und Kita-Projekten haben wir noch viel mit Collagen gearbeitet. Collagen sind ein sehr abstraktes Medium. Aber wenn die Kinder dann Geschichten dazu erzählen und einen Titel finden, dann spannen sich Welten auf. Die Collage wird zum „geheimnisvollen Garten“ - und schon hat man Emotion und konkretere Bilder an der Hand, mit denen man als Architekt weiterarbeiten kann.

Schulraumqualitäten: Gruppenbereich, © Senat Berlin
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Schule hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Vom konservativen Pult, Frontalunterricht und einer orthogonalen Raumstruktur ist sie immer mehr zu einem Ort der dynamischen Grenzen geworden. Wie sieht Eure Erfahrung aus? Daniel Hülseweg: Oft gilt es, mit dem Bestand umzugehen. Da stellt sich dann die Frage: Wie schaffen wir Räume für große Klassengemeinschaften oder kleinere Gruppen? Was in alten Gebäuden übrig bleibt, sind oft die viel zu breiten Erschließungsflächen. In solchen Szenarien kann man die Klassenräume beispielsweise öffnen, damit die Kinder die Flure in Gruppen auch als Lernräume nutzen können. Und trotzdem ist in einer solchen Architektur das Zusammenschalten und das Nebeneinander schwierig zu etablieren. Eine relativ neue Aufgabe für Architekten ist der Neubau von Schulen, bei denen die Architektur auf eine innovative Pädagogik angepasst wird. Im Neubau gibt es die Möglichkeit, den Raum von Grund auf anders zu verstehen – anstatt eine neue Schulvorstellung in den Bestand hineinzuzwängen.

Wie konservativ ist Schule denn heute noch? SH: Das ist ganz unterschiedlich. Manche Lehrer wollen unbedingt ihren eigenen Klassenraum haben, andere legen großen Wert auf ein breites Angebot an Situationen. Aber so wie auch Lehrer sagen: „Ich brauche einen stillen Arbeitsplatz und einen Ort zum Austausch“, wächst das Verständnis dafür, dass es bei den Kindern vielleicht ähnlich ist. Generell bewegt man sich weg von dem Klassenraum als kleiner Zelle, sondern denkt eher in Jahrgängen, in denen man übergreifend und flexibel lernt und arbeitet. Die Umsetzung hängt auch an der individuellen Pädagogik der Lehrenden.

Ihr habt als Werkzeug für die partizipative Planung über die Jahre das Schulvisionenspiel entwickelt. Wie funktioniert das? DH: Ziel des Spiels ist es – analog zu den fantastischen Collagen – in einem ersten Schritt ein gemeinsames Vokabular aufzubauen. Wir reden gar nicht so sehr über Räume. Wir verhandeln eine Vision, indem wir Aktivitätscluster bilden und mit Atmosphären versehen. Das geschieht in aufeinander aufbauenden Spielszenarien, die zeitlich getaktet sind.

Wir bauen auf. Das Spiel erinnert ein wenig an die Siedler von Catan, die Fläche setzt sich im gemeinschaftlichen Austausch aus kleinen Kärtchen zusammen, dazu kommen mit jedem weiteren Schritt neue Elemente. Verbindende Stäbe, Wolken aus Kunststofffolie, dazu kleine Fragebögen und Aktionskarten. Während wir diskutieren und verhandeln, entwickeln sich im Spielprozess immer detailliertere Welten: ein Lounge-Areal und eine Bühne, private Lernecken oder ein Lesezimmer.

SH: Immer vier bis sieben Teilnehmer sitzen an einem Spiel – und es werden mehrere Spiele parallel gespielt, so dass die Teilnehmerzahl flexibel ist. Das Spiel beginnt mit den Aktivitätskarten wie Konzentrieren, Entspannen oder Skaten, die sich das Team auswählt und die zur Basis des Spielfeldes werden. Die werden dann in Inseln gruppiert und mit Atmosphären bestückt. Wie fühlt es sich hier an, wie sieht es hier aus? Die Raumabstraktion ergibt sich aus dem Narrativen. Am Ende nehmen wir die erspielten Welten mit – und für die Baupiloten beginnt dann ein intensiver Auswertungsprozess, in dem wir die Ideen zusammenführen, strukturieren und für die Schule in einer Broschüre zusammentragen. Und im besten Fall überführen wir am Ende die Ideen im Studio in die Architektur.

Video: Partizipation macht Architektur

Wer viel fragt, der lernt auch viel. Die Schule der Zukunft, wie sieht die aus? SH: Digitalisierung ist natürlich ein großes Thema. Alles öffnet sich. In der Architektur, aber auch im Detail. Da werden Räume zu Landschaften, es werden Whiteboards aufgestellt, und man versucht, Detailfragen zu beantworten, etwa inwiefern Schüler ihre Handys und Laptops benutzen dürfen. Im Moment pendelt es noch zwischen alten Konzepten und neuen Ideen. Am Ende ist jede Schule maximal individuell. Wer weiß, was in 50 Jahren sein wird. Vielleicht gehen wir ja gar nicht mehr in die Schule – zumindest nicht in ein konventionelles Gebäude.

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Aisslinger