Patricia Urquiola

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Text: Katrin Schamun, 26.08.2007

Patricia Urquiola beschreibt ihr Design selbst als schlicht, obwohl es voll romantischer Details, anmutiger Formen und dazu sinnlich und sexy ist. Wie beispielsweise der Polstersessel "Fjord", der den Sitzenden wie eine Blüte umschließt oder „Antibody“, eine Chaiselongue, in die man sich wie auf ein weiches Blumenfeld zu betten scheint. Die Spanierin wurde 1961 in Oviedo geboren, begann in Madrid Architektur zu studieren und beendete die Ausbildung bei Achille Castiglioni in Mailand. Es folgten einige Jahre in den Büros von Vico Magistretti und Piero Lissoni, bis sie sich entschloss ein eigenes Studio in Mailand zu gründen. Innerhalb weniger Jahre avancierte das „Studio Urquiola“ zu einem international beachteten Design- und Architekturbüro, das Entwürfe für die führenden Unternehmen der Branche entwickelt. Produkte von Unternehmen wie Moroso, Cappellini, Kartell, Alessi und Boffi tragen heute ihre Handschrift. Wir trafen Patricia Urquiola in Frankfurt und sprachen mit ihr über die Freiheit des Designers, wie man Unsicherheiten überwindet und warum Kinder Arbeit, Leben und Denken beeinflussen.
Bevor sie sich allerdings zu uns setzt, bewundert sie noch den Nachwuchs eines Designerkollegen am Nachbartisch und beginnt dann sofort über Ihre eigenen Kinder zu sprechen
Patricia Urquiola: Wissen Sie, ich habe selbst zwei Kinder, zwei Töchter. Die größere zeichnet so gern, dass sie morgens aufsteht ohne eine Wort zu sprechen, sich ein Blatt Papier nimmt und zu zeichnen beginnt. Die jüngere ist noch sehr klein und ruft als erstes nach mir. Kinder zu haben hilft mir vom Stress der Welt Abstand zu nehmen. Es beeinflusst meine Arbeit, mein Leben und Denken.
Daher nehmen Sie also Ihre Kreativität?
Ja, aus meiner Neugier, meiner Empfindsamkeit und meinen Kindern. Sie haben mir geholfen, mich an meine eigene Kindheit zu erinnern, zu ihr zurückzukehren und sie zu bewahren.
Sie sind ausgebildete Architektin und Designerin, wie ist Ihr Verhältnis zu beiden Disziplinen?
Ich habe in Madrid begonnen Architektur zu studieren und meine Ausbildung bei Achille Castiglioni an der Politec in Mailand abgeschlossen. Dort sind Architektur- und Designausbildung sehr eng miteinander verbunden und der Abschluss an der Universität liegt irgendwo zwischen beiden Disziplinen. Das war damals neu für mich, denn in Spanien ist das Studium streng an Themen der Architektur ausgerichtet. In Mailand dagegen ist die Ausbildung viel offener und Design spielt eine größere Rolle als in Spanien.
Was gefällt Ihnen am Design und was an der Architektur?
Für mich und meine Arbeit ist Design das Wichtigere von beiden. Es entspricht eher meiner Persönlichkeit und meiner Arbeitsweise. Der Architektur bringe ich sehr viel Respekt entgegen, ich bin schließlich ausgebildete Architektin, aber ich selbst habe mich für das Design entschieden. Mit gefällt es, einem Element oder Objekt eine Seele zu geben und dann einen Weg zu finden, es zu realisieren und zu begleiten, bis es in Serie produziert werden kann. Mein Lehrer Achille Castiglioni hat mir bei meiner Entscheidung Designerin zu werden sehr geholfen. Er hat uns beigebracht eine Atmosphäre aus dem Nichts in wenigen Tagen zu schaffen. Ein Designprozess läuft sehr demokratisch ab. Du denkst dir etwas aus und danach überlegst du, wie dein Entwurf auf industriellem Weg produziert werden kann. Und am Ende passt sich das Objekt an irgendeine Situation an. Ich lieb diese Arbeit, man ist so frei. Design ist offen für das, was man möchte.
Ein Architekt dagegen ist nicht so frei, sondern muss eine bestimmte Situation aus einem vorgegebenen Thema entwickeln. Dabei ist er meist an strenge Auflagen gebunden. Aber der schöne Aspekt dabei ist, dass Menschen ihr ganzes Leben mit dem Ergebnis einer Architektur teilen. Beim Design ist es nicht unbedingt so.
In Ihrem Büro beschäftigen Sie sich mit beiden Bereichen, gibt es eine Arbeitsteilung?
In unserem Büro spielt natürlich auch die Architektur neben dem Design eine zentrale Rolle. Während meines Studiums in Italien lernte ich Martino kennen. Uns verbinden dieselbe Schule, die gleiche Generation und die Liebe zu Architektur und Design. Deshalb beschlossen wir auch später zusammen zu arbeiten. Martino übernimmt sämtliche Fragen, die mit dem Raum zu tun haben und ich konzentriere mich auf das Design. Das heißt, ich bin diejenige, die einem Element oder Projekt an dem wir arbeiten, eine Seele gibt und Martino beschäftigt sich mit dem umgebenen Raum. Seine Arbeit als Architekt ist viel komplexer als meine, denn er arbeitet an verschiedenen Teilen eines Entwurfs und fügt diese am Ende zusammen.
Sie haben auch beide im Büro von Piero Lissoni gearbeitet?
Ja, Piero ist für Martino und mich ein sehr guter Freund geworden. Die Arbeit bei ihm beeinflusste mein Denken und mein Verhältnis zum Design. Wenn du jung bist, eben erst dein Studium beendet hast und zu arbeiten beginnst, dann brauchst du Einflüsse. Piero lehrte mich, wie man sich vor der Industrie präsentiert, wie man seine Ideen verteidigt, wie man seine Schüchternheit überwindet und wir lernten mit sehr guten Kunden zu arbeiten. In seinem Büro herrschte nicht nur ein hohes Level, sondern auch Freiheit: Jeder konnte das machen, was er gern tat. Es ist ein ganz normaler Prozess: Am Anfang entwirfst man vorgegebene Dinge und allmählich entwickelt man eigene. Wenn du merkst, dass deine Lehrer sie mögen, machst du es richtig.
Haben Sie einen Rat für junge Designer oder Architekten?
Ja, ich habe viele Ratschläge für junge Menschen. Zum Beispiel: „Take care of the wolf.” (lacht) Ich denke das Schwierige an der kreativen Arbeit ist, seine eigene Unsicherheit zu überwinden. Mein größter Krieg war der mit mir selber. Anfangs dachte ich: Oh mein Gott, du bist eine Frau und hast vor, dich bei großen Firmen zu bewerben und was machst du wenn sie deine Arbeit nicht mögen? Und wenn nach der dritten Bewerbung wieder eine Ablehnung kommt? Anfangs wusste ich mich nicht darzustellen, zu präsentieren. Mir fehlte der Glaube an mich selbst. Etwa so: Vor einem Jahr noch mochten sie deine Ideen und gaben dir die Möglichkeit sie zu verwirklichen. Du baust Prototypen, präsentierst diese und plötzlich glauben sie nicht mehr an dich – so etwas passiert und das ist am Anfang sehr hart.
Zu Beginn, wenn du gar nichts bist, hast du als einziges Mittel die Flexibilität. Du kannst dich bewegen, du kannst reisen, du kannst dich an andere Kulturen gewöhnen und hast noch Zeit, um dich auszuprobieren, dich selbst zu verstehen und zu lernen.
Gibt es Projekte, die Sie gerne einmal realisieren möchten?
Ich denke nicht in Zielen. Ziele sind für mich Fiktion. Wenn ich Träume habe, sage ich sie keinem und lasse ihnen auch nicht viel Platz sich ausbreiten zu können. Ich bin ein sehr positiv denkender Mensch und ziehe es vor, Schritt für Schritt voran zukommen. Die schönsten und wichtigsten Dinge für mich sind nicht meine Ziele. Die passieren einfach. Im Leben sollte man offen sein und sobald sich eine Chance auftut, diese sehen und fassen. In einer Weise sind wir Designer und Architekten privilegiert, weil wir einen Weg gefunden haben, uns selbst zu verwirklichen. Wir können mit unserem Werk kommunizieren und davon sogar leben.
Ein Freund hat einmal gesagt: Schickt mich an einen schönen Ort mit tollem Meerblick und ich bin glücklich. Ich sage: Auch wenn ich in einen kleinen dunklen Raum bin, kann ich mich dank meiner Kreativität immer beschäftigen und das ist fantastisch, denn ich bin an jedem Ort immer gleich glücklich.
Vielen Dank für das Gespräch.
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