Patrick Batek: Die Atmosphäre ist wichtig

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Text: Jasmin Jouhar
Foto: Marcus Wend

Eigentlich wollte sich Patrick Batek nie selbständig machen. Doch schon mit 24, noch während des Architekturstudiums in Stuttgart, bekam er seinen ersten Auftrag, den Umbau eines Friseursalons. Anfang der Nullerjahre zog er nach Berlin, wo er heute ein Studio für Innenarchitektur führt. Mit seinem Team realisiert er Wohnprojekte für private Auftraggeber, aber auch Kinos, Restaurants, Praxen und Geschäfte. Gerade plant er sein zweites Hochbauprojekt, ein Wohnhaus in Brandenburg. Wir trafen Batek in seinem Büro in Prenzlauer Berg zum Gespräch über Architekten als Auftraggeber, echte Materialien und die Baumarktmentalität in Deutschland.

Bei einem Ihrer aktuellen Projekte, einem Loftumbau in Berlin, hatten Sie einen ungewöhnlichen Auftraggeber: einen Architekten. Ja, es ist wirklich ungewöhnlich, dass ein Architekt einen anderen bittet, seine Privatwohnung umzubauen. Aber wir kannten uns vorher, und er mochte unsere Arbeit. Trotzdem hatten wir Respekt und dachten, es könnte vielleicht schwierig werden. Doch es war hochprofessionell und sehr angenehm. Die einzigen Vorgaben waren das Raumprogramm und der Wunsch, viel Holz zu verwenden. Die Räume sollten nicht unterkühlt wirken.

Wie sind Sie das Projekt angegangen? Die Wohnung liegt im Hinterhof, in einem ehemaligen Manufakturgebäude. Es ist ein richtiges Loft, so wie man es sich vorstellt. Mit einem Lastenaufzug, einem gefliesten Treppenhaus und hohen Decken. Auch bei diesem Projekt haben wir unser Grundprinzip verfolgt: den Räumen ihre Würde lassen. Wir setzen unsere Architektur tektonisch entkoppelt in den Bestand. Das Neue berührt das Alte nicht, es gibt Schattenfugen, die Struktur bleibt erkennbar. Wir wollen die Qualitäten des Bestands nicht beeinträchtigen.

Wie finden die Auftraggeber Sie? Bei privaten Auftraggebern läuft es oft über Empfehlung, etwa über gemeinsame Freunde. Oder jemand sieht eines unserer Projekte und fragt uns daraufhin. Aus einem Auftrag können sich weitere entwickeln, wie beim Kino Delphi Lux für die Yorck Kinogruppe. Wir arbeiten gerade an den nächsten beiden Kinos.

Wie finden Sie heraus, was die Auftraggeber möchten? Am Anfang stehen immer lange Gespräche. Ich nehme alles auf, achte auf Zwischentöne und Bemerkungen. Ich versuche zu erspüren, worum es geht. Wir verbringen viel Zeit zusammen, sie zeigen mir Bilder von anderen Projekten, die ihnen gefallen.

Das klingt nach einem intensiven Prozess. Ja, gerade das Bauen für private Auftraggeber ist sehr intensiv, aber es erfüllt einen auch sehr. Wir machen das mit Liebe. Das hat wenig mit dem klassischen Ingenieurberuf zu tun. Und wir haben einfach tolle Auftraggeber. Menschen mit speziellen Jobs, die ein interessantes Leben führen.

Was ist Ihnen wichtiger: Atmosphäre oder Struktur? Atmosphäre! Die architektonische Struktur ist natürlich auch wichtig. Aber die Atmosphäre ist uns wichtiger.

Was schafft Atmosphäre? Auf jeden Fall das Licht. Das ist ein großes Thema, denn mit LED kann man viel falsch machen. Und das Haptische. Im ersten Semester hat uns ein Professor gefragt: „Wissen Sie, woran Sie gute Architektur erkennen? Sie möchten sie anfassen.“ Das stimmt! Mir fällt das immer wieder auf. Alle nachgemachten Oberflächen, Fliesen in Holzoptik zum Beispiel, die haben eine gewisse Kälte. Ich erinnere mich an einen Fall, da kamen Leute zu uns, die gerade neu gebaut hatten. Sie waren ratlos, weil sie sich nicht wohlfühlten in ihren Räumen. Wir haben sofort verstanden warum: nichts hatte Tiefe, es gab nur künstliche Materialien. Unechtes Parkett, Fliesen, die aussahen wie Sandstein. Das spürt man. Deswegen ist es auch wichtig, Materialien zu bemustern. Wir haben eine große Materialbibliothek, die wir permanent ergänzen. Wir legen den Auftraggebern alle Materialien vor, sie sollen sie ansehen und anfassen.

Sie sprachen von Würde, wenn es um das Bauen im Bestand geht. Welche Beziehungen stellen Sie her zum Vorhandenen? Würde bezieht sich nicht nur auf die Struktur des Gebäudes, sondern auch auf den Charakter des Orts. Was ist typisch für den Ort? Ein gutes Beispiel sind zwei Projekte, die wir auf Sylt realisiert haben. Der Umbau eines alten Kapitänshauses und der dazugehörigen Scheune in Keitum. Da habe ich vorher das Heimatmuseum in Keitum besucht und Bücher gelesen, um ein Gefühl für den Ort zu bekommen. Es ging beispielsweise um Delfter Fliesen, wie sie in alten Sylter Häusern oft zu finden sind. Wie kamen die überhaupt nach Sylt? Über solche Fragen tasten wir uns heran. Delfter Fliesen wollten wir nicht verwenden, wir haben das Thema lieber moderner interpretiert, mit Craquelé-Fliesen. Ich finde es würdevoll, auf das einzugehen, was da ist. Diese Recherchearbeit, das Eintauchen in vergangene Welten, das macht mir großen Spaß.

Wie verhindert man, dass solche Projekte am Ende wie Disneyland aussehen? Das ist sehr subjektiv. Die Grenze kann keiner eindeutig setzen – bis hierhin ist es vertretbar und ab da Retro und Kitsch. Das ist wieder eine Gefühlssache. Ich muss auf jeden Fall hinter einem Projekt stehen können. Wenn jemand käme und sich von mir ein Schlösslein mit Säulen wünschen würde, würde ich Nein sagen.

Wenn ein Projekt fertig und eingewohnt ist, schauen Sie es sich noch einmal an? Durch die intensive Zusammenarbeit entstehen aus den Projekten oft Freundschaften. Am Anfang des Prozesses versuche ich das Freundschaftliche zwar eher zu vermeiden, ich bin gerne per Sie. Als Belohnung kann man mir aber gerne das Du anbieten. Ich freue mich auch über eine Einladung zum Abendessen.

Welcher Fehler passiert Ihnen garantiert nie wieder? Ich möchte keine rein kostengetriebenen Projekte mehr machen. Das Günstigste aus der Excel-Tabelle? Nehmen wir! Es ist ein Trugschluss, dass der günstigste Tischler der Beste ist. Für uns bedeutet das meistens viel mehr Arbeit. Klar, es gibt immer ein Budget, oft sogar ein strenges, wie bei den Kinos. Damit müssen wir gut umgehen. Aber letztlich sollte die Qualität des Designs im Mittelpunkt stehen.

Sie haben das Glück, Auftraggeber zu haben, die den Wert guter Innenarchitektur verstehen. Generell hat es die Disziplin in Deutschland aber schwer, oder? Ich nenne das die Baumarktmentalität. In Deutschland glauben viele, sie könnten alles selbst machen. Das Kultivierte, wie man es aus Frankreich oder England kennt, der Sinn für Qualität, das fehlt in Deutschland leider oft. Aber ich glaube, das ändert sich gerade. Weil die Gesellschaft offener und globaler wird, gerade auch durch soziale Medien. Ich bin überrascht, wie gut die jungen Auftraggeber, Start-up-Gründer beispielsweise, organisiert sind mit Pinnwänden bei Pinterest. Alles ist schon vorbereitet, ich brauche das nur noch einsehen. Aber die sozialen Medien machen es viel schwieriger, sich immer wieder neu zu erfinden. Wir haben durch Pinterest und Instagram mittlerweile so ein unglaublich hohes Tempo. Man kann kaum noch überraschen, und wenn, dann ist es schnell wieder überholt. Dabei bin ich überzeugt, dass Langlebigkeit ein Qualitätsmerkmal ist. Wenn die Qualität stimmt, dann bleibt die Architektur.

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