Patrick Pagnon & Claude Pelhaître

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Text: Norman Kietzmann


Sie sind längst zwei alte Hasen im Design und bewegen sich dennoch agil wie junge Hüpfer. Ihr Studium haben Patrick Pagnon und Claude Pelhaître bereits 1977 an der Pariser Ecole des Beaux-Arts des Arts Décoratifs absolviert und ihr gemeinsames Designstudio 1979 an der Seine gegründet. Seitdem entwerfen sie Wohnraummöbel für Ligne Roset, Gartenmöbel für Fermob oder Küchen für den deutschen Hersteller Schmidt. Warum vor allem Systemmöbel ein wichtiger Teil ihrer Arbeit sind, darüber sprachen wir mit Patrick Pagnon und Claude Pelhaître in Köln.



Messieurs Pagnon und Pelhaître, zur Kölner Möbelmesse imm cologne 2013 haben Sie Ihr neues Regal- und Schranksystem Et Cetera für Ligne Roset vorgestellt. Erklären Sie uns, was es mit Ihrem Entwurf auf sich hat?


Patrick Pagnon: Wir hatten ein Programm im Sinn, das sich in seiner Länge und Höhe unbegrenzt erweitern lässt. Auch bei den Farben, Oberflächen und dem Zusammenspiel aus offenen und geschlossenen Ablagen können sämtliche Parameter verändert werden. Es ist ein wirklich modulares System, aus dem die Händler für jeden Kunden ein Unikat zusammenstellen können.

Claude Pelhaître: Interessant ist dabei, dass sich das Programm direkt an die Wand stellen, einbauen oder mitten im Raum platzieren lässt. Es kann als singuläres Objekt wahrgenommen werden oder direkt mit der Architektur verschmelzen. Aus diesem Grunde haben wir den Rückseiten der Schränke dieselbe Aufmerksamkeit gewidmet wie den Vorderseiten. Eigentlich gibt es gar keine Rückseite. Die Möbel sind doppelseitig und können in jede beliebige Richtung gedreht werden. 

Worin besteht die größte Herausforderung beim Entwerfen eines Schranksystems?


Patrick Pagnon: Das war eine wirklich langwierige Angelegenheit. (lacht) Wir haben allein zwei Jahre an der Umsetzung gearbeitet. Die Idee zum dem System hatten wir schon vor vier Jahren entwickelt. Auch wenn das fertige Produkt recht einfach aussieht, ist es doch sehr komplex. Die Herausforderung bestand darin, diese Komplexität gleich am Anfang des Projektes verständlich zu machen. Wegen ihrer Wandelbarkeit lassen sich Systeme nur schwer mit einem einzigen Prototypen erklären. Bei einem Sofa reicht oft schon ein einzelnes Bild, über das man mit den Herstellern diskutieren kann. Wenn ihnen der Entwurf gefällt, braucht er nur noch eins-zu-eins umgesetzt zu werden. Bei Systemen gibt es dagegen unendlich viele Kompositionen. Darum dauert der Prozess deutlich länger.

Claude Pelhaître: Ein wichtiger Punkt ist, alle Eventualitäten im Blick zu behalten. Natürlich ist es Teil der Idee, dem Endkunden eine gewisse Freiheit zu lassen. Aber wir müssen uns auch immer den schlimmsten Fall ausmalen, was jemand mit einem System anstellen kann. Schließlich soll das Produkt nie hässlich aussehen. Darum ist es wichtig, viele Varianten anzufertigen und das Systems auf seine Schwächen zu testen.

Auch der Zeitfaktor spielt bei Kastenmöbeln eine andere Rolle als bei Sesseln oder Sofas. Schließlich sollen Regale und Schränke auch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren ansehnlich sein.

Patrick Pagnon: Absolut. Ein System muss mindestens zehn Jahre halten, zumal es auch in seiner Herstellung mit deutlich höheren Investitionen verbunden ist. Darum ist es wichtig, dass ein System eine solide Basis besitzt, auf der man alles andere aufbauen kann. Das ist vergleichbar mit einem Haus. Man kann auch nicht mit dem Dach beginnen, sondern muss sich zuallererst um die Fundamente Gedanken machen. Erst danach kann die Konstruktion beginnen. Je besser die Fundamente sind, desto größer ist der Spielraum für das, was man darüber anstellen kann. Wenn man zuerst das Dach entwirft, bricht das Haus in sich zusammen (lacht).

Auch bei Ihren früheren Arbeiten spielen Kastenmöbel und Systeme eine große Rolle – ein Themenfeld, um das viele Designer gerne einen weiten Bogen machen. Was interessiert Sie am Programm-Gedanken?

Claude Pelhaître: Es stimmt schon. Wir lieben Möbel, die ein wenig technischer sind (lacht). Dabei war dieser Schwerpunkt gar nicht bewusst geplant, sondern hat sich über die Jahre nach und nach ergeben. Wenn man damit beginnt, sich mit einem Bereich auseinanderzusetzen, wächst die eigene Erfahrung. Funktioniert der Entwurf, wird man bald darauf wieder gefragt, noch weiter in diese Richtung zu gehen. Das ist wie eine Kette, bei der das eine Projekt direkt zum nächsten führt.

Wie steht es dabei mit den technischen Details: Entwerfen Sie diese eigenständig oder arbeiten Sie mit Ingenieuren zusammen?

Patrick Pagnon: Wir geben den technischen Esprit vor, aber nicht zwangsläufig die endgültige Umsetzung. Wir haben aber ein recht gutes Gespür dafür, was funktioniert und was nicht. Wir fertigen mehrere Modelle an und arbeiten mit den Ingenieuren der Hersteller, die uns verschiedene Lösungen vorschlagen.

Claude Pelhaître: Es ist wichtig, dass sich die Technik der Ästhetik unterordnet anstatt umgekehrt. Auf der anderen Seite ist die Technik häufig auch das Besondere an unseren Entwürfen. Unseren Tisch Yo-Yo/Crescendo (1998 für Cinna/Ligne Roset, Anm. d. Red.) kann man in der Höhe verstellen und vom Couchtisch zum Esstisch verwandeln. Ohne diesen Mechanismus wäre er ein ganz normaler Tisch, den man auf Rollen umherfahren kann. Unser Entwurf wird also erst durch die Technik interessant, auch wenn diese auf den ersten Blick oft nicht zu erkennen ist.

Sie arbeiten seit mehr als dreißig Jahren zusammen. Funktioniert die Arbeit zu zweit?

Patrick Pagnon: Meistens (lacht). Nein, wirklich. Es läuft eigentlich ganz reibungsfrei. Zu zweit zu arbeiten, ist ein großer Vorteil. Wenn man alleine ist und eine Idee hat, kann man sehr leicht eine Woche lang in die falsche Richtung arbeiten, ohne es zu bemerken. Zu zweit ist man in ständigem Austausch und kritisiert die Arbeit des Anderen. Das macht es viel leichter, herauszufinden, worin der bessere Weg liegt oder welche Lösung schöner aussieht. Dieses Machen-und-gleich-im Anschluss-kritisieren ist ein ständiges Pingpong. Das spart viel Zeit und bewahrt vor vielen Dummheiten (lacht).

Claude Pelhaître: Bei einem Programm, das so umfangreich ist wie Et Cetera, wäre es verheerend, nach einigen Monaten zu merken, dass man komplett von vorne anfangen muss. Ich denke, dass gerade Systemmöbel auch besser von Teams als von einzelnen Personen entworfen werden können. Der Dialog ist wirklich entscheidend.

Arbeiten Sie nach Briefings oder gehen Sie selbst mit Vorschlägen auf die Kunden zu?


Patrick Pagnon: Wir schlagen die Projekte fast immer von unserer Seite aus vor. Wir besuchen alle internationalen Messen und wissen, wer was macht und zu welchen Preisen anbietet. Das ist wichtig, um Nischen zu definieren. Die Entscheidung, ob ein Entwurf dann wirklich in die Produktion geht, ist ein ständiges Vor und Zurück. Daraus entsteht ein wirklicher Austausch, dem schließlich mehrere Vorschläge folgen. Kommen diese gut an, beginnen wir mit der Umsetzung und bauen die ersten Prototypen.

Ihr Studio liegt nur hundert Meter von der Bastille entfernt. Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Patrick Pagnon: Wir sind zu viert. Viel größer soll es auch nicht werden, weil wir beide immer noch sehr gerne selbst entwerfen und das auch nicht abgeben wollen. Wir können uns über Details wirklich den Kopf zerbrechen. So etwas macht Spaß, den wir nicht missen wollen. Darum darf es nicht zu groß werden. Wir haben zwei Angestellte und zwei Praktikanten.

Dennoch sind Sie global vernetzt und haben 2006 eine Kooperation mit dem chinesischen Möbelhaus QM begonnen.


Patrick Pagnon: Wir arbeiten derzeit viel in China. Allerdings sind die Produkte ausschließlich für den chinesischen Markt gedacht. Wir haben in jedem Sektor meist nur einen Kunden. Unsere Wohnmöbel machen wir für Ligne Roset, Gartenmöbel für Fermob und Büromöbel für Frezza in Italien. Auf diese Weise gibt es keine Konflikte unter den Marken.

Claude Pelhaître: Für China entwerfen wir daher nur Sofas, während wir in Europa bisher keine Polstermöbel auf dem Markt haben. QM ist ein Möbelgeschäft, für das wir die gesamte Kommunikation übernommen haben, angefangen beim Logo über die Grafik bis hin zum Interieur und Exterieur des ersten Geschäft in Peking. Es ist 12.000 Quadratmeter groß. In den nächsten Jahren sollen noch weitere Geschäfte folgen.


Worin liegt der Unterschied, für einen französischen oder chinesischen Hersteller zu arbeiten?

Patrick Pagnon: Das ist eine Frage des Preissegments. In Europa wird stark an der Qualität der Produkte gearbeitet. In China ist man davon noch sehr weit entfernt. Aber das ist auch nur eine Frage der Zeit.

Vielen Dank für das Gespräch.



Weitere Beiträge zur Kölner Möbelmesse imm cologne 2013 finden Sie in unserem Special.
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