Peter Maly

29
Text: Norman Kietzmann, 30.10.2015

Peter Maly ist ein stilistischer Allrounder. Noch bevor der Hamburger Gestalter seine ersten Möbel entwarf, inszenierte er für die Zeitschrift Schöner Wohnen ganze Einrichtungswelten vor der Kamera. Später wurde er nicht nur der erste Artdirektor der deutschen Einrichtungsbranche. 1970 gründete der studierte Innenarchitekt sein eigenes Designbüro an der Elbe und entwirft seitdem für Unternehmen wie Cor, Interlübke, Ligne Roset, Tecta, Behr oder Conde House. Ein Gespräch über japanische Proportionen, fette Betten und ästhetisches Feintuning. 

Herr Maly, auch in der Möbelbrache dreht sich alles immer schneller. Obwohl alle von Langlebigkeit reden, verschwinden viele Entwürfe bereits nach kurzer Zeit aus den Programmen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Für das Design ist das absolut kontraproduktiv. Viele Produkte veralten ja nicht wegen ihrer Form, sondern weil sie schon nach kurzer Zeit durch ein neues Produkt ersetzt werden, um neue Kaufanreize zu schaffen. Die Händler sind gar nicht in der Lage, die vielen Produkte aufzustellen, die jedes Jahr auf den Markt kommen. Also muss immer wieder etwas rausfliegen, um Platz für das Neue zu schaffen. Dadurch verschwinden leider viele gute Produkte viel zu schnell. Das ist ein ungeheurer Verschleiß von Formen und Werten.

Aber müssen jedes Jahr so viele Neuheiten gezeigt werden?
Die Händler kommen auf die Messe und fragen: „Was gibt es Neues?“ Wenn man nichts neues hat, dann gehen sie wieder und kaufen etwas anderes ein. Der Handel befeuert dieses schnelle Veralten, obwohl es eigentlich gegen seine eigenen Interessen ist. Die Produktpflege wird dagegen oft nicht gewürdigt, obwohl vor allem sie zur Langlebigkeit beiträgt.

Perspektivische Entwurfsskizze für Maly Bett 2 für Ligne Roset, 2014
Ein Klassiker, der seit 1983 produziert wird, ist das Maly-Bett für Ligne Roset. Doch auch dieses Möbel ist für einige Jahre eingestellt worden. Was war der Grund dafür?
Die Umsätze hatten sich leider verschlechtert, und so ist das Bett aus dem Programm genommen worden. Wir haben uns dann darauf geeinigt, den Entwurf zu überarbeiten. Michel Roset sagte zu mir: „Das Bett ist immer noch schön. Doch wenn Sie noch einmal rangehen, dann machen Sie es nicht mehr so groß wie einen Flugzeugträger“ (lacht). Das war wirklich keine leichte Aufgabe. Denn das Bett lebt ja davon, dass es diese breiten, umlaufenden Ablagen hat, die vom japanischen Wohnen inspiriert sind.

Ein Thema, das Sie häufig in Ihren Arbeiten aufgegriffen haben. 
Ja, das Bett ist nah an der Erde. In seiner ursprünglichen Form besaß es auch eine asymmetrische Form. In Japan gibt es ja keine Symmetrie. Darum war die Ablage auf der einen Seite sehr breit, während sie auf der gegenüberliegenden Seite schmal war. In der jetzigen Fassung habe ich den Rahmen überall auf die gleiche Breite angepasst, um das Bett kleiner zu machen. Lediglich das Fugenbild ist noch immer asymmetrisch. 

Was hat sich noch verändert?
Wir haben die gesamte Unterkonstruktion vereinfacht. Anstelle eines Holzgestells kommt nun eine Struktur aus schwarz lackiertem Aluminium zum Einsatz. Das Bett scheint dadurch zu schweben und ist sogar noch schöner geworden. Auch ist es nun in zwei verschiedenen Höhen erhältlich. Ein wichtiges Designziel waren die Kosten: Durch die Metallkonstruktion konnten wir den Preis des alten Maly-Betts halten, während alle anderen Produkte in der Zwischenzeit teurer wurden. Insofern haben wir den Preis gesenkt. 

Ein entscheidendes Detail haben Sie beibehalten: Die großen Kissen am Kopfende können auch seitlich in den Rahmen gesteckt werden. Das Bett besitzt somit keine vorgegebene Richtung mehr. 
Schon bei meinem Entwurf hatte ich ein Zwischending aus Wohnen und Schlafen im Sinn. Man kann die Kissen an die Seite stecken und das Bett zu einer Recamiere verändern. Werden die Kissen ins Fußende gesteckt, kann man sich gegenüber setzen. Gerade für kleine Apartments ist es sehr praktisch, ein Bett mit wenigen Griffen in ein wohnliches Sofa zu verwandeln. An den Kissen haben wir nichts verändert. Darum ist das neue Bett auf den ersten Blick auch kaum vom ursprünglichen Entwurf zu unterscheiden, obwohl es eigentlich komplett neu konstruiert wurde. 

Der umlaufende Polsterrahmen erfüllt noch einen weiteren Zweck: Er minimiert die Stärke der Matratze und lässt das Bett weniger massiv erscheinen. 
Eigentlich ist das Bett so konzipiert, dass die Matratze fast im Rahmen verschwindet und eine durchgehende Ebene entsteht. Doch leider werden die Matratzen immer dicker. Darum haben wir bei der Überarbeitung darauf geachtet, dass die Matratzen visuell zurückgenommen werden. Boxspring-Matratzen sind ja eine Modeerscheinung. Ich glaube nicht, dass man auf ihnen wesentlich besser liegt als auf guten Latex-Matratze mit einer richtigen Federung. Aber durch ihr Volumen sehen sie natürlich so aus, als wenn sie weicher wären. Ich persönlich mag diese fetten Betten überhaupt nicht, weil sie formal nicht zu bewältigen sind. Sie sind so hoch, dass man fast schon eine Leiter nehmen muss, um einzusteigen. Meine ästhetische Vorstellung ist ein Bett auf der Sitzhöhe eines Sofas und nicht noch höher.

Es gibt nicht viele Designer, die sich an Betten heranwagen. Warum wird das Thema Schlafen eher stiefmütterlich betrachtet?
Weil der Gestaltungsspielraum nicht sehr groß ist. Das Bett ist das schwierigste Element, das man als Möbeldesigner entwerfen kann. Durch seine festen Grundmaße und die Matratzendicke gibt es nur wenige Freiräume. Man kann das Kopfende gestalten, und das war es dann fast schon.

Also ist das Bett die Königsaufgabe?
Bei einem Bett sind die Möglichkeiten eingeschränkt. Aber trotzdem ist der Stuhl die eigentliche Königsaufgabe. Schließlich muss er von allen Seiten gut aussehen, was bei anderen Möbeln nicht immer der Fall ist. Ein Stuhl steht frei im Raum, fast wie ein Skulptur. Auch muss er statisch gut konstruiert sein. Darum ist der Stuhl für mich immer noch eine reizvolle Aufgabe, obwohl ich schon so viele gemacht habe. Das müssen schon über 40 Stühle sein: aus Holz, aus Stahl, nur nicht aus Kunststoff.
Tisch Hakama für Conde House, 2012
Warum?
Ich habe einmal einen Auftrag bekommen, einen Stuhl in einem Stück aus Kunststoff zu entwickeln. So einen Monobloc. Das war auch interessant, weil man ganz anders herangehen muss. Ich habe lange daran gearbeitet. Aber der Entwurf ist nie realisiert worden, was ich auch nicht weiter schlimm fand. Als Werkstoff für Stühle verwende ich am liebsten Holz. Dieser Werkstoff ist leicht, und man kann ihm alle möglichen Formen geben. Für den japanischen Hersteller Conde House habe ich in den letzten Jahren viele Entwürfe aus Massivholz gemacht. Das hängt auch damit zusammen, dass irgendwo in mir noch ein Tischler steckt. Ich habe ja vor meinem Studium eine richtige Tischlerlehre gemacht. Das Material fasziniert mich immer noch.

Was machen Sie als Nächstes?
Im Moment arbeite ich an zwei neuen Produkten für Ligne Roset, die auch aus Massivholz herstellt werden. Aber dazu darf ich noch nichts verraten (lacht). Sie werden ja erst im Januar in Köln vorgestellt. Die Prototypen gibt es schon. Gerade in diesen Wochen haben die Hersteller bis über beide Ohren zu tun, weil viele neue Produkte gleichzeitig entwickelt werden. Dann kommen die Designer und fangen an, die Proportionen zu verändern und dann muss alles noch einmal gebaut werden (lacht). Aber das ist eine wichtige Phase, weil sich nur so eine Idee zum Industrieprodukt entwickelt. Viele Aspekte, die noch zu ändern sind, lassen sich erst erkennen, wenn man einen Entwurf tatsächlich vor sich sieht...

Was nicht selten auch zu Überraschungen führt
Ja, man kann noch so viele Zeichnungen, Renderings und Modelle anfertigen. Letztendlich ist die Wirkung erst im Maßstab 1:1 zu erkennen, wenn ein richtiger Stoff verwendet wird anstelle von weißem Nessel oder massives Holz anstelle von Spanplatten. Ich zeichne meine Möbel immer so, dass ich sie in einen Raum hineinprojiziere mit den richtigen Proportionen in Bezug zu anderen Möbeln. Das gibt mir schon eine recht gute Vorstellungen vom richtigen Maßstab. Doch letztendlich ist es immer aufregend, wenn ein Produkt zum ersten Mal dreidimensional vor einem steht. Das überrascht mich jedes Mal.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Artikel 13 - 16 von 16 Jean Nouvel: Wir müssen über Identität reden Philippe Nigro: Mut zur Entschleunigung Didier Gomez: Pianoklänge in Ipanema Bjarke Ingels: Architekten müssen der Zukunft eine Form geben

Informationen aus erster Hand zu internationalen Messen, Ausstellungen und Events.