Philippe Nigro: Mut zur Entschleunigung

18

Text: Norman Kietzmann

Partner: Ligne Roset

Philippe Nigro ist ein Chamäleon. Locker springt der 1975 in Nizza geborene Gestalter zwischen Stilen und Maßstäben hin und her. Nach seinem Designstudium an der École Boulle in Paris ging er 1999 nach Mailand und arbeitete im Studio von Michele De Lucchi. 2003 begann er seine Solokarriere mit Entwürfen für Ligne Roset, Baccarat, Hermès Maison oder Gebrüder Thonet Vienna. Wir sprachen mit Philippe Nigro über komfortables Reisen, übermächtige Meister und zeitliche Parallelen. 

Monsieur Nigro, worauf kommt es heute an im Möbeldesign? Ich denke, dass die Menschen immer mehr Interesse an Qualität haben. Sie wollen Dinge, die gut gemacht sind, die langlebig sind und mit dem Alter sogar an Qualität gewinnen. Dahinter steht ein stärkeres Bewusstsein gegenüber der Umweltverschmutzung, dem Klimawandel und wirtschaftlicher Unvernunft. Zumindest bei Möbeln ist die Entwicklung spürbar. Bei Kleidung kaufen viele Menschen noch immer bei den günstigen Ketten, auch wenn es im Endeffekt keine gute Idee ist. Es wäre schön, wenn auch dort die Aufmerksamkeit steigen würde. 

Die Sehnsucht nach Langlebigkeit überträgt sich bei Möbeln auch auf die Formen, die sehr ruhig geworden sind, um jeglichen Verdacht des Modischen abzustreifen. Es stimmt, selbst auf der Mailänder Möbelmesse gibt es so gut wie keine verrückten Dinge mehr. Im Vergleich zu heute war die Situation vor zehn Jahren richtig wild. Natürlich gibt es auch heute neue Dinge. Doch Innovation steckt oft in neuen Materialien oder Fertigungstechnologien, die auf den ersten Blick aber gar nicht zu erkennen sind. Die Zeit der Radikalität ist vorbei. Stattdessen werden viele Reeditionen gezeigt.

Phileas für Ligne Roset. Foto: Ligne Roset

Wie sehen Sie diese Wiederauflagen aus der Perspektive eines heutigen Designers: Beflügelt es den Markt oder hemmt es ihn? Die Referenzen an die großen Meister nicht nur im Museum, sondern ebenso auf dem Markt zu sehen, ist sicher eine gute Sache. Was Gio Ponti, Geriet Rietveld oder Frank Lloyd Wright kreiert haben, fasziniert bis heute. Doch umgekehrt ist es ein wenig schade, weil die Firmen lieber auf Nummer sicher gehen, statt in neue und noch unbekannte Namen zu investieren. Vielleicht gibt es nicht genug Firmen, um die Ideen der heutigen Designer wirklich abzubilden. 

Es ist der Krieg zwischen den Generationen…. Zwischen den Toten und den Lebendigen (lacht).

Ein Unternehmen, dass sowohl Wiederauflagen von Pierre Paulin editiert und dennoch mit jungen Designern arbeitet, ist Ligne Roset. Vor zehn Jahren haben Sie dort mit dem Sofa Confluences Ihren Durchbruch geschafft, das deutlich von den Siebzigerjahren beeinflusst war. Ihr neuer Entwurf Phileas verschiebt die Zeitregler geradewegs ins 19. Jahrhundert zurück. Was hat es mit diesem Entwurf auf sich? Phileas ist eine Referenz an den Roman Reise um die Welt in 80 Tagen von Jules Verne und seinen Titelhelden Phileas Fogg. Es ist die Zeit des Orientexpresses, der neue Abenteuer verhieß und Kulturen, die früher weit entfernt lagen, plötzlich miteinander verbunden hat. Die hohe, aufrechte Lehne lässt tatsächlich an die Abteile alter Züge denken. Dennoch sollte es keine Eins-zu-eins-Kopie sein, sondern eine Übersetzung in unsere heutige Zeit.

Der Orientexpress als Vorlage für die Gegenwart? Es gibt den Orientexpress noch heute. In Paris und Venedig habe ich ihn schon im Bahnhof gesehen, war aber selbst noch nie in einem der Wagons. Das Reisen war damals sehr komfortabel und chic. Heute scheint es ein wenig gegen den Zeitgeist, so lange Strecken mit dem Zug zurückzulegen. Doch vielleicht ist gerade diese Art der Verlangsamung wieder sehr aktuell. Man nimmt sich für das Reisen Zeit, schaut auf die Landschaft. Zugleich ist es auch eine kulinarische Erfahrung, wenn man so will ein ganzes Paket.

Worin steckt aber der Zeitgeist bei Phileas? Im späten 19. Jahrhundert haben die Menschen sehr viel aufrechter gesessen. Man darf nicht vergessen, dass all die tiefen, kissenartigen Sofas erst in den Siebzigerjahren entstanden wie zum Beispiel das Togo-Programm von Michel Ducaroy. Das tiefe Sitzen ist entspannt und komfortabel. Doch die aufrechte Haltung entspricht ebenso unserem heutigen Verhalten. Die Menschen arbeiten auf dem Sofa, sie essen auf dem Sofa. Genau dafür ist Phileas gemacht. Hinzu kommt die Generationenfrage. Denn für ältere Menschen ist das Aufstehen sehr viel einfacher. 

Alle sprechen in diesem Jahr über das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum. Es ist interessant, dass Sie ausgerechnet das 19. Jahrhundert als Bezugspunkt verwenden. Das stimmt, wir sind sicher stärker angezogen von den Dingen, die die Designgeschichte in den Zwanziger- und Dreißigerjahren geprägt haben. Doch 70 Jahre davor hat Michael Thonet das Bugholz-Verfahren revolutioniert. Es ging natürlich um die Optimierung der Produktion. Das schwungvolle Holz weckt Assoziationen an pflanzliche Formen. Genau wie die Jugendstil-Arbeiten, die im Pariser Museé des Arts Décoratifs oder im Musée D’Orsay zu sehen sind. Das 19. Jahrhundert ist wirklich faszinierend.

Confluences für Ligne Roset. Foto: Ligne Roset

Und wie steht es mit dem Bauhaus? Es ist immer noch aktuell. Genau darum ist es nicht einfach, etwas nach dem Bauhaus zu gestalten. Der Unterschied zwischen heute und der Zeit vor 100 Jahren sind neue Materialien und Technologien. Doch die Bauhaus-Entwürfe bleiben perfekt und makellos. Das ist wirklich beeindruckend. Ich würde an dieser Stelle auch die Arbeiten von Josef Hoffmann und der Wiener Werkstätte hinzuzählen. Auch sie waren sehr modern. In den ersten beiden Dekaden des 20. Jahrhunderts entstand das Alphabet des Designs und der Architektur, das wir bis heute benutzen. 

Neben dem Produktdesign entwickeln Sie in den letzten Jahren ebenso räumliche Inszenierungen. Wie kam es dazu? Der Anstoß kam 2014, als mich der Kurator Beppe Finesse gefragt hat, die Ausstellung Autarchia, Austerità, Autoproduzione in der Mailänder Triennale zu gestalten. Danach habe ich für die japanische Automarke Lexus verschiedene Installationen und Messestände entworfen. Letzten September habe ich für die Paris Design Week mit der Baumarktkette Leroy Merlin gearbeitet. Es war interessant, weil ich nur die Materialien und Werkzeuge verwendet habe, die es direkt im Geschäft zu kaufen gab. Und für die Messe Maison & Objet habe ich im Januar ein Café eingerichtet. 

Es gefällt Ihnen, zwischen den Maßstäben zu wechseln? Der Unterschied ist nicht nur der Maßstab. Oft sind die Installationen nur über einen kurzen Zeitraum zu sehen. Es gibt viele Beschränkungen in den Materialien und der Produktionszeit, ebenso spielen gesetzliche Auflagen eine andere Rolle. Umgekehrt ist vieles möglich, weil es nur kurz dauert. Bei einem Sitzmöbel sind die Formen an den menschlichen Körper gebunden. Bei einem Messestand ist man viel freier in der Inszenierung und Formenbildung. Hinzu kommt auch der Zeitfaktor: Ein Sofa zu entwickeln, dauert mindestens ein Jahr. Eine Ausstellung schafft man locker in zwei, drei Monaten. Man kommt viel schneller zum Ergebnis! 

Vielen Dank für das Gespräch. 

Weitere Artikel 13 - 19 von 19 Ramy Fischler: Design ist ein natürlicher Kreislauf Reinier de Graaf – Architektur ist eine Frage der Ausdauer Jean Nouvel: Wir müssen über Identität reden Studiopepe: Rückkehr der Mystik Alessandro Mendini: in Memoriam  Design als politisches Werkzeug Paola Antonelli: Design ist Politik

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.

Lissoni