Piero Lissoni

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Text: Norman Kietzmann, 11.04.2007

Piero Lissoni macht aus weniger mehr. Als Kreativdirektor und Designer von Firmen wie Boffi, Porro, Tecno und anderen ist er zum Vorreiter eines neuen Minimalismus geworden, der nicht nur dezent und puristisch auftritt, sondern auch sexy und sinnlich wirkt. Mit Boffi hat er die Küche zu einem Objekt der Verführung gemacht und bereits vor über zehn Jahren High-End-Design fürs Bad entworfen – zu einem Zeitpunkt, als noch niemand ahnte, welches Potential in diesem Ort wohl stecken könnte. Und der Erfolg gibt ihm Recht: Sein Mailänder Büro, Lissoni Associati, ist mittlerweile auf über siebzig Mitarbeiter angewachsen und arbeitet für das Who-is-who der italienischen und internationalen Designszene. Dabei wirkt der derzeit meist beschäftigte Designer Mailands überaus gelassen und verbringt seine Wochenenden ganz in Ruhe in Berlin. Wir trafen Piero Lissoni im Showroom von Boffi Berlin und sprachen mit ihm über seine Liebe zur deutschen Hauptstadt, den Mut zur Schönheit und warum Designer besser wie Architekten denken sollten.
Herr Lissoni, Sie leben und arbeiten in Mailand, haben mittlerweile aber auch eine Wohnung in Berlin. Wie kam es dazu?
Ja, ich lebe mittlerweile in beiden Städten. Natürlich ist Mailand meine Heimatstadt, mein Studio ist dort und all meine beruflichen Aktivitäten, aber mein Leben findet in Berlin statt. Vor vielen Jahren habe ich mich in eine wunderschöne Frau verliebt, die mir in einem kleinen Laden begegnete. In diesem Moment begann meine Beziehung zu Berlin und die wunderbare Gelegenheit, auf diese Weise eine neue Stadt kennenzulernen. Ich bin sehr glücklich, dass ich mich nicht aus beruflichen oder anderen, vielleicht ganz merkwürdigen Gründen für Berlin entschieden habe, sondern für etwas so Fantastisches wie die Liebe.
Wie sieht Ihr Leben in Mailand aus?
Mailand ist meine Stadt, ich arbeite dort. Um ehrlich zu sein, die Stadt ist alles andere als perfekt aber sie ist eben meine Stadt. Ich mag es zum Beispiel sehr, umher zu laufen, vor allem im alten Teil von Mailand, der einst von einer Mauer umgeben war. In den kleinen Strassen fühlt man ein ganz anderes Mailand und weiß irgendwann gar nicht mehr, in welcher Zeit man sich befindet. Ansonsten gehe ich gerne in diese winzigen, typischen Mailänder Restaurants, in die auch keine Touristen gehen. Wenn Sie dort kein Italienisch mit einem Mailänder Akzent sprechen, also beispielsweise aus Rom oder Neapel kommen, behandeln Sie Sie sofort wie einen Ausländer. Ich mag diese traditionelle Atmosphäre.
Ihr Studio ist in einer alten Seidenfabrik untergebracht.
Ja, es ist eines der ersten Mailänder Gebäude aus Beton. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts gebaut. Damals war es eine Seidenfabrik, aber nicht wie man sich das vorstellt mit lauter Maschinen. Es war vielmehr ein Atelier, in dem sie die Seide bedruckten und bestickten. Sie machten dort experimentelles Design für Seide. Mailand und die Gegend um den Comer See herum waren zu jener Zeit spezialisiert auf das Seidengeschäft. Das Schöne an dieser Fabrik ist, dass sie absolut zentral in Mailand liegt. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe und höre ich die Vögel, nebenan ist eine Schule und ich höre die Stimmen der Kinder, ebenso das Läuten der Glocken von einer Kirche. Wenn man nicht katholisch ist, ist das vielleicht nicht so gut (lacht).
Sie haben Architektur studiert, sich aber dennoch vor allem auf das Gebiet des Designs spezialisiert. Wie kam es dazu?
Nun, es liegt sicher auch an der Tradition, der Art und Weise, wie sie uns hier in Mailand unterrichtet haben. Wenn Sie beispielsweise nach London gehen auf die Royal Academy of Art, dann unterrichtet man Sie in dem Bereich, auf den Sie sich spezialisiert haben, also beispielsweise im Design. In der Mailänder Tradition ist man zuerst ein Architekt, dann ist man zugleich auch Ingenieur oder Designer. Sie sind in der Lage, einen Löffel aber auch eine ganze Stadt zu entwerfen. Ich habe damals bei Achille Castiglioni studiert, ebenso bei Ettore Sottsass. Sie haben ein bis zwei Generationen von Studenten mit dem Ziel unterrichtet, Architekt und Designer in einer Person zu sein. Es reicht nicht, einfach irgendein Produkt zu entwerfen. Man muss stets im Kontext des Raumes denken. Man muss wie ein Architekt denken. Und das auf eine humanistische Weise wie es einst Castiglioni tat.
In Deutschland ist es ja oft genau umgekehrt. Die Designer kochen ihr eigenes Süppchen und die Architekten ebenso. Dazwischen findet kaum Austausch statt.
Ich finde diese Teilung sehr künstlich. Wenn Sie nicht wie ein Architekt denken, begreifen Sie nicht den ganzen Prozess. Ebenso wenig den Menschen, der ganz am Anfang steht. Wie er sich im Raum bewegt, was er tut und was nicht. Man muss den eigenen Denkprozess modifizieren können, um mehr Ideen einzubringen. Solche, die kultivierter und feiner sind. Aber das ist meine eigene Position.
Für Boffi haben Sie sich sehr früh mit dem Baddesign auseinandergesetzt, zu einer Zeit als dieses noch ganz stiefmütterlich behandelt wurde. Woher kommt Ihr Interesse an der Kultur des Wassers?
Es stimmt, der Umgang ist heute ein ganz anderer als noch vor zwanzig Jahren. Zuvor war das Bad ein gemeiner Ort. Ein Stück Bestrafung vielleicht auch, wie ein kleines Stück Gefängnis für Zuhause. Alles war so geheim, um diesen Ort herum bis irgendwann die Türen und Fenster geöffnet wurden und frische Luft hinein kam. Doch denken Sie zurück in die Geschichte, an die Bäder im alten Rom, an die traditionelle russische Sauna, die nordische Sauna, die türkische Sauna. Oder denken Sie an die japanische Kultur des Wassers und deren Umgang mit heißen Quellen. Der Körper und das, was ihn umgibt, waren meine Inspiration für das Design, nicht das Badezimmer. Die japanische Idee der heißen Quellen und deren Ritualität stand im Mittelpunkt: frisches Wasser, heißes Wasser, spezielle Kleidung, Gerüche. Erst danach fingen wir an, ein Badezimmer zu entwerfen. Aber nicht eines für ein Schwimmbecken, sondern für den gesamten Prozess: Reinigung, Vergnügen, sich gut fühlen. Es ging darum, ein neues Alphabet an Materialien, Dimensionen, Wahrnehmung und Atmosphäre anzubieten.
Bei Ihrem Waschbecken "Zone" haben Sie den Abfluss so untergebracht, dass er optisch nicht mehr wahrgenommen wird.
Dies ist natürlich ein Trick. Manchmal muss man eine Idee benutzen, die recht sexy daherkommt. Natürlich ist ein pures, ganz einfaches Produkt am besten. Gleichzeitig muss man ein paar Geschenke hinzufügen, etwas das außergewöhnlich ist und das man auch nicht selbst machen kann. Bei Boffi ist vieles anfangs noch unsichtbar. Und dann, wenn Sie zum Beispiel eine Fernbedienung benutzen, kommt mit einem Mal das Wasser zum Vorschein. Das sind so unsere Tricks (lacht).
Auch im Bürobereich haben Sie als einer der ersten auf warme sinnliche Materialien gesetzt...
Ja, bei der Homework Kollektion für Porro wollte ich diese Doppeldeutigkeit vermeiden, die entsteht, wenn Leute Büromöbel für die Wohnung entwerfen. Ich glaube nicht an Hausarbeit. Erinnern Sie sich, als wir vor zehn Jahren anfingen, mit Internet und Laptop zu arbeiten, da redeten alle über die Befreiung der Arbeit: In den Wald zu gehen mit dem Laptop und hier und dort zu arbeiten, weit weit weg vom Büro. So ein Unsinn. Wenn man arbeiten muss, verbringt man nicht die Zeit in einem schönen Wald, sondern in einem hässlichen Büro. Man geht zum Arbeiten in ein hässliches Büro. Punkt. Man verbringt Zeit in einem Wald, weil man gerne Zeit in einem Wald verbringen möchte. Und nicht, um dort zu arbeiten. Es gefiel mir, eine Kollektion für das Büro zu entwerfen, die eine Atmosphäre schafft wie daheim in der eigenen Wohnung.
An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Ich designe ja schon fast alles (lacht). Kaffeemaschinen für Alessi, Lampen für Flos, Stühle für Kartell, eine neue Sofakollektion für Cassina, Produkte für Living Divani, Tecno, Knoll, Verpackungen für Wella Kosmetik, eine Küche für Boffi, spezielle Dinge für Cappellini. Ich meine, ich wirke dabei recht frei wie ein Fisch im Wasser. Aber wissen Sie, diese Arbeit ist auch ein Gefängnis, denn es ist schwierig zu wissen, wann die Zeit kommt aufzuhören. Doch es gibt diesen Punkt irgendwann. Ich glaube, das Projekt, das mir zur Zeit am meisten am Herzen liegt, ist eine Tochter. Ja, ich würde im Moment sehr gerne eine Tochter designen (lächelt). Bei den anderen Dingen ist das doch viel leichter, da können Sie tun, was sie wollen. Wenn Sie damit glücklich sind, können Sie einen riesigen Wolkenkratzer entwerfen oder einen Computer, was auch immer. Unglücklicherweise bin ich kein Designer für Produkte von Apple geworden. Der Ipod ist eines meiner absoluten Lieblingsprodukte. Er ist so unglaublich gut gemacht.
Die Form des Ipod geht auf das Design der 60er Jahre von Dieter Rams und anderen Designern der Ulmer Schule zurück. Hat deren Minimalismus auch Sie beeinflusst, ihren eigenen, puristischen Stil zu finden?
Ja, Dieter Rams war ein großer Meister. Er war wahrscheinlich der letzte große Poet des deutschen Designs aus jener Zeit. Dieser pure, kultivierte Lebensstil. Denken Sie an einige Stücke von Braun aus den Sechziger Jahren, wie unglaublich gut die waren. Unglücklicherweise hat Rams damals ständig vom formalen Funktionalismus geredet und dabei selbst etwas Schönes ohne jede Funktion entworfen. Anschließend baute er um diese mangelnde Funktionalität Geschichten herum, dass diese, auf eine überaus deutsche Weise, doch funktional wäre. Die wirkliche Funktionalität stand bei Braun ja oft an zweiter Stelle. Doch so oder so, er entwarf zum Glück etwas absolut Schönes, ob es nun funktional war oder nicht.
Wie zum Beispiel diesen kleinen Tischventilator mit der transparenten Schutzklappe.
Ja, in Bezug auf die wenige Luft, die er um sich herum bewegte, war er vollkommen lächerlich. Und dennoch war er unglaublich schön. Auf dem Arbeitstisch meines Großvaters stand auch so ein Braun-Ventilator. Doch er hat ihn niemals benutzt. Aber warum auch nicht? Heute, nach vielen Jahren haben wir gelernt, Schönheit als solche zu akzeptieren. Wir kaufen eben manchmal Dinge, weil sie schön oder vielleicht auch sexy sind. Dabei müssen sie auch nicht immer einen Sinn oder eine perfekte Funktionalität erfüllen. Wir mögen sie trotzdem, vielleicht nur aus einem ganz emotionalen Grund. Warum also keine Schönheit? Sie war lange als ein dramatisch negativer Aspekt des Designs betrachtet worden. Wer etwas kauft, nur weil es schön ist, mein Gott, wer das damals gesagt hätte, wäre sofort als absolut dumm und oberflächlich gesehen worden.
In Deutschland ist diese Denkweise ja auch heute noch sehr beliebt...
Ja, da gibt es sofort eine harte Bestrafung. Sie haben etwas gekauft, nur weil es schön ist? Da müssen Sie aufpassen, dass Sie an Ort und Stelle nicht gleich erschossen werden. (lacht) Nein, im Ernst, es geht ja auch anders: Denken Sie beispielsweise an Porsche. Die haben schon vor 60 Jahren ein wunderschönes Auto entworfen, doch über Funktionalität haben sie nie gesprochen.
Wie ist Ihre Definition von Schönheit?
Ich mag einfache, puristische Formen. Dies ist mein persönlicher Standpunkt. Zum einen, weil Purismus eine strenge Übung ist. Denn Sie sind gezwungen, erst einmal grundlegend aufzuräumen. Zum anderen mag ich, etwas Ruhiges zu entwerfen. Denn wenn Sie verschiedene Objekte im Raum zusammenbringen, brauchen Sie etwas, das sie verbindet. Stellen Sie sich vor, ich würde so laut entwerfen wie Philippe Starck oder andere, dann ergäben all die Dinge zusammen einen unglaublichen Lärm. Ich möchte aber keinen Lärm entwerfen. Ich mag vielmehr eine spezielle Art von Umgebung, in der laute und leise Dinge zusammentreffen. Ich glaube, ich bin ganz gut darin, diesen speziellen Link herzustellen, die Dinge wie mit einem Kleber zu verbinden. Absoluter Purismus ist langweilig, doch lauter Lärm noch viel mehr. Purismus erfordert einfach ein paar mehr Tricks.
Vielen Dank für das Gespräch.

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