Rafael Horzon: Das große Interview

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Text: Tim Berge, Foto: Horzon Archiv, 05.12.2017

Vom erfolgreichen Berliner Unternehmer zum wohl wichtigsten lebenden Designer: Rafael Horzon hat nicht nur eine ganze Reihe von Verkaufsschlagern geschaffen, seine Möbel krönen mittlerweile auch die bedeutendsten Designsammlungen. Ein Gespräch über seinen Einstieg in den Versandhandel, sein letztes großes Firmenabenteuer und wie er aus seinen Kunden Milliardäre macht.

Herr Horzon, wie läuft die Therapie?
 Therapie? Welche Therapie?

Bei unserem letzten Interview vor drei Jahren haben Sie angekündigt, sich in Therapie zu begeben. Sie wollten sich von dem Zwang befreien lassen, immer neue Unternehmen gründen zu müssen. Ach so, ja, das ist richtig, das war auch ganz erfolgreich. Ich habe danach nur noch ein einziges Unternehmen gegründet.

Das waren Horzons Wanddekorationsobjekte. Würden Sie das Unternehmen als Erfolg bezeichnen? Es war ein absoluter Fehlschlag, wir haben drei Jahre lang kein einziges Wanddekorationsobjekt verkauft. Nachdem dann auch unsere Teilnahme an der Decor-Expo in Aserbaidschan, der größten Dekorationsmesse der Welt, völlig erfolglos verlaufen war, habe ich unser gesamtes Team zusammengetrommelt, und wir haben Fehleranalyse betrieben.

Wie groß ist dieses Team? Das besteht aus dem Verkaufschef Carl Jakob Haupt, Sicherheitschef Philip Mollenkott und dem technischen Direktor Timon Karl Kaleyta. Und natürlich mir, Geschäftsführer Horzon.

Was hat die Fehleranalyse ergeben? Wir waren uns einig, dass die gestreiften Wanddekorationsobjekte, die wir bis dahin angeboten hatten, einfach viel zu bunt waren. Das hat den Kunden überfordert. Wir haben dann beschlossen, nur noch einfarbige Wanddekorationsobjekte herzustellen. Und diese sind dann vom Kunden auch sehr gut angenommen worden; wir haben unsere Verkaufszahlen um tausend Prozent gesteigert.

Horzon auf seinem Redesigndeutschland Stuhl 01 (auf dem Alexanderplatz)

Das heißt, von null verkauften Objekten in den Jahren 2014 bis 2016 auf – meines Wissens – 100 verkaufte Objekte im laufenden Geschäftsjahr. Das ist korrekt.

Verantwortlich für diesen Anstieg könnte auch sein, dass Sie den Verkaufspreis pro Objekt von 600.000 Euro auf 1.000 Euro gesenkt haben. Das ist möglich.

Und zusätzlich könnte dieser Hype durch Ihre Ankündigung angeheizt worden sein, den Verkaufspreis nur einen Monat bei 1.000 Euro zu halten und ihn dann monatlich zu verdoppeln. Das ist möglich.

Der Preis lag also schon nach einem Monat bei 2.000 Euro, nach einem weiteren Monat bei 4.000 Euro, dann 8.000, 16.000. Wie teuer ist ein Objekt mittlerweile? Wir haben die neuen Objekte im April eingeführt, der Preis liegt im Oktober 2017 also bei 64.000 Euro. Im Februar 2018 liegt er dann schon bei 1.024.000 Euro. Wir werden also im nächsten Jahr 100 Millionäre mehr in Berlin haben. Beziehungsweise im Dezember 2018 sogar 100 Milliardäre mehr, denn dann liegt der Preis bei 1.048.576.000 Euro.

Das sind Preissteigerungen, die man sonst nur in der Kunstwelt kennt. Ihre Objekte sind aber ja keine Kunst, oder? Nein, deshalb heißen sie ja auch „Wanddekorationsobjekte“ und nicht „Kunstobjekte“, das ist doch relativ einfach zu verstehen!

Und trotzdem hat ja Stargalerist Johann König, der sich gleich zwei Ihrer Objekte gesichert hat, kürzlich in der Welt geschrieben, dass Sie immer nur behaupten, kein Künstler zu sein, in Wahrheit seien Sie aber sehr wohl Künstler. Das ist eine ganz üble Masche, dass er erst diese Wanddekorationsobjekte kauft und dann behauptet, das sei Kunst. Dazu kann ich nur sagen: Wenn ich diese Wanddekorationsobjekte herstelle und sie zu Wanddekorationsobjekten erkläre, dann sind sie auch Wanddekorationsobjekte – und keine Kunst. Aber trotzdem war ich so wütend über diesen Artikel, dass ich den Verkauf der Objekte sofort gestoppt habe. Glücklicherweise kam dann am selben Tag aber auch der Anruf vom Vitra Design Museum …

Das Vitra Design Museum – es wollte hoffentlich nicht auch noch Ihre Möbelentwürfe zu Kunst erklären? Nein, das Vitra Design Museum befasst sich ja glücklicherweise nicht mit Kunst, sondern mit Design.

Und was hat es Ihnen nun mitgeteilt, das Museum? Dass es 50 Prozent meiner bisherigen Möbelentwürfe in seine permanente Sammlung aufnehmen möchte. Das ist noch keinem anderen Designer vor mir gelungen. Ich scheue mich ja sonst vor Superlativen, aber man kann Rafael Horzon damit wohl als wichtigsten lebenden Designer bezeichnen. 

Also zumindest sind 50 Prozent eine beeindruckende Zahl, das sind dann sicherlich eine Menge Möbel! Nein, es sind genau gesagt nur zwei, denn ich habe ja in meiner Karriere als Designer bisher nur vier Entwürfe gemacht.

Welche Entwürfe hat das Vitra Design Museum aufgenommen? Das Universalregal Modern, mit dem ich 1999 den Erfolg meines Unternehmens Moebel Horzon begründet habe. Und den Stabstuhl 24, der aus 24 identischen Holzstäben aufgebaut ist. Diesen Stuhl hatte ich 2007 als Mobiliar für mein Fachgeschäft für Apfelkuchenhandel entworfen. Bisher nicht aufgenommen wurden meine Tische und Stühle, die aus jeweils vier identischen Quadraten aufgebaut sind, die ich 2001 für unsere Agentur Redesigndeutschland entworfen habe. Die würde ich zusammen mit meinem TV-Sessel 01 mal als einen Entwurf rechnen – ist ja immer dieselbe Idee. Und die Kleiderschränke, die ich für Moebel Horzon entworfen habe, das wäre dann Entwurf Nummer 4.

Diese Entwürfe könnten dann ja in die Design-Sammlung des MoMA gehen … Ich denke eher daran, für diese Entwürfe ein eigenes Museum zu bauen, das dann gleichzeitig auch mein Mausoleum sein wird, in Form eines riesigen Marmorquaders auf dem jetzigen Standort des Stadtschlosses, das dafür wieder gesprengt werden müsste.

Interessant … Ihrem Regal Modern ist ja übrigens schon letztes Jahr eine eigene Ausstellung gewidmet worden. Das war in Wolfsburg, genau, die Ausstellung war kuratiert von Friedrich von Borries, Jesko Fezer und Konstantin Grcic. Diese Ehrung war längst überfällig, ich habe mich trotzdem darüber gefreut.

Lassen Sie uns nun über Ihren neuesten Entwurf sprechen, Ihre Möbel zum Zusammenstecken. Das wäre dann ja schon Ihr fünfter Entwurf … Es wird auch mein letzter sein. Diese Möbel sind in Form und Funktionalität nicht mehr zu übertreffen. Es ist besser, danach aufzuhören.

Sie haben für diese Möbel dann aber doch schon wieder eine neue Firma gegründet … Richtig, die Firma heißt klik & stek, denn die Möbel werden zusammengesteckt und zusammengeklickt. Übrigens völlig ohne Werkzeug! Und mit dieser Zerlegbarkeit haben wir auch den einzigen Nachteil unserer bisherigen Möbel aufgelöst: Die sind ja nur schwer zu verschicken, denn wir verkaufen sie ja nur fertig zusammengebaut. Und zwar zu 90 Prozent innerhalb von Berlin. Das ist zwar ein großer Markt, aber der Rest der Welt bleibt uns verschlossen. Deshalb sind wir bei diesen neuen Entwürfen von der Prämisse ausgegangen: Alles muss zerlegbar sein! Mit diesen neuen Möbeln können wir jetzt also ganz groß in den Versandhandel einsteigen. Weltweit.

klik & stek

Ein Erfolg scheint vorprogrammiert … Ja, besonders weil wir auch Tische und Hocker speziell für Kinder entworfen haben. Bedenken Sie, dass 70 Prozent der Weltbevölkerung aus Kindern besteht!

Ein großer Markt. Wie wollen Sie diese Zielgruppe erreichen? Nun, wir haben darauf geachtet, dass die Formen neben Erwachsenen eben auch besonders Kinder ansprechen, etwa durch die abgerundeten Ecken. Wir bieten die Kinder-Version auch in Gelb, Orange und Rot an. Außerdem ist die Montage der Möbel kinderleicht. Und wir haben an der Universität Hannover eine Studie in Auftrag gegeben, die beweist, dass die Formen unserer Möbel die Intelligenz von Kindern fördern. Aber auch die von Erwachsenen. Daher ja auch unser Werbespruch (singt): „klik & stek macht Kinder klug – und Erwachsene ebenso“.

Hm, das erinnert aber schon ein bisschen an die Haribo-Werbung, und es holpert auch ziemlich … Wir haben ja auch noch andere Werbesprüche, zum Beispiel: „Kluge Kinder kaufen klik & stek“. Am besten finde ich allerdings: „Kluge Kinder (k)liken klik & stek“. Also „liken“ und „kliken“ in einem Wort! Für die Generation Internet! Man muss das wahrscheinlich aufschreiben, damit man es versteht, Moment mal … (schreibt)

Ah ja, ich sehe jetzt gerade auch, dass die Firma gar nicht „Klick & steck“ heißen wird, sondern „klik & stek“ … Genau, auch das soll speziell Kinder ansprechen, und es soll uns den Markteinstieg in Skandinavien und in den Beneluxländern erleichtern.

Ist der Aufbau dieser Möbel wirklich so kinderleicht, wie Sie versprechen? Sehen Sie, ich habe hier einen klik & stek-Hocker mitgebracht, Sie müssen nur die drei Teile des Unterbaus ineinanderstecken, so … Und dann wird die Sitzfläche einfach aufgeklickt, so …, fertig. 15 Sekunden Aufbauzeit, ohne Werkzeug!

Faszinierend. Wann startet der Verkauf? Rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Und das ist dann wirklich die letzte Firma, die Sie gründen? Ja, Ehrenwort. Dann ist wirklich Schluss.

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