Rafael Horzon

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Text: Tim Berge, Foto: Rafael Horzon und Franziska Sinn, 28.01.2013


Vom Paketboten zum erfolgreichen Möbelhersteller: Der Berliner Unternehmer Rafael Horzon hat auf seinem Weg zum Frührentner eine ganze Reihe von Geschäftsideen in die Tat umgesetzt – nicht alle mit so viel Erfolg wie Moebel Horzon, eine Möbelhauskette, die den Regalklassiker Modern hervorgebracht hat. Mit uns sprach er über seine neuesten Pläne: eine Flugschule mit Mathias Rust zu gründen und die deutsche Grammatik nebst der Zeitrechnung zu „redesignen“. Außerdem erklärt er, wie man um den Abriss Berlins herumkommen könnte.



Herr Horzon, Sie haben sich mit Ihrem Unternehmen Modocom
ein kleines Imperium aufgebaut: Was ist Ihr Antrieb?

Ich habe einen sogenannten „flamboyanten" Lebensstil – ausschweifende Parties, luxuriöse Reisen, kostspielige Geschenke für meine anspruchsvolle Frau... Im Grunde genauso wie Christian Wulff, als er noch mit Bettina zusammen war, nur dass ich eben keine Bekannten in der Filmbranche habe. Ich muss alles selbst verdienen.
 
Woher kommen alle Ihre Geschäftsideen?

Ich hatte mit meiner ersten Geschäftsidee, der Möbelhauskette Moebel Horzon vom ersten Tag an einen unfassbaren Erfolg. Und diesen Erfolg wollte ich dann wiederholen, ich gründete ein Unternehmen nach dem anderen, es war wie eine Sucht. Leider waren alle Unternehmen nach Moebel Horzon absolute Fehlschläge, aber die Sucht blieb. Alle Einnahmen aus meiner Möbelkette steckte ich in völlig erfolglose Projekte, etwa meine Partnertrennungsagentur oder die Fassadenverschalungsfirma Belfas. Letztes Jahr begab ich mich dann in psychotherapeutische Behandlung, seitdem bin ich von meiner Sucht geheilt. Jetzt genieße ich mein Leben als Rentner.
 
Sie haben aber doch vor wenigen Wochen schon wieder ein neues Unternehmen auf der Berliner Torstrasse eröffnet, Horzon's Spülen Sparadies, einen Großhandel für Edelstahlspülen. Und ausserdem planen Sie die Eröffnung einer Flugschule, gemeinsam mit Mathias Rust, dem Kreml-Flieger ...

Woher wissen Sie das?
 
Ein Bekannter von mir war letzte Woche bei Ihrem Vortrag in Zürich. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Rust?

Wir waren zu einem gemeinsamen Gespräch eingeladen, von der Design-Abteilung der Hochschule Zürich, genauer gesagt von Professor Trüby vom Lehrstuhl für Urbane Intervention. Ich fand Rust sehr sympathisch und der Plan, eine Flugschule zu eröffnen, war schnell gefasst. Leider hat Rust ja lebenslanges Flugverbot, und ich habe noch keinen Pilotenschein, werde ihn aber in diesem Jahr machen.
 
In dieser Flugschule werden dann Sie selbst unterrichten, und Rust...

Rust könnte sich auf buchhalterische Aufgaben konzentrieren, er arbeitet ja mittlerweile als Finanzanalyst und professioneller Pokerspieler in der Südsee...
 
Was haben Ihr Fachgeschäft für Apfelkuchenhandel, Ihr Lüftungsunternehmen System-Lüftung und Ihre Partnertrennungsagentur Separitas gemeinsam?

Gar nichts. Außer dem Wunsch, mit diesen Unternehmen reich zu werden.
 
Warum haben Sie 1997 Ihre eigene Wissenschaftsakademie gegründet?

Ich hatte zwei Jahre zuvor mein Studium – Latein, Alt-Amerikanistik und Atomphysik – abgebrochen und eine Ausbildung zum Paketfahrer der Deutschen Post begonnen. Aus dem Dienst der Deutschen Post wurde ich dann allerdings nach kurzer Zeit und drei schweren Verkehrsunfällen wieder entlassen, mit einer ziemlich großen Abfindung, ich hatte ja quasi schon Beamtenstatus, die Deutsche Post war damals noch Staatseigentum. Mit diesem Geld eröffnete ich dann die Wissenschaftsakademie Berlin. Denn ich litt sehr darunter, dass ich als abgebrochener Student galt. Ich wollte also zurück in den akademischen Betrieb, allerdings nicht als Student, sondern als Präsident.
 
Präsident Ihrer eigenen Hochschule...

Genau.
 
Viele Ihrer Entwicklungen finden sich im Designbereich. Wollen Sie die Welt neu gestalten?

Ich leide an Hypersensibilität. Viele Dinge, die anderen Menschen nicht auffallen, oder an die sie sich im Lauf der Jahrzehnte gewöhnt haben, machen mich krank. Zum Beispiel das Stadtbild Berlins. Berlin ist ja auch heute noch die hässlichste Stadt der Welt. Und vor zehn Jahren war es noch viel schlimmer, heterogener: Heruntergekommene Altbauten neben misslungenen Neubauten, dazwischen Bombenkrater aus dem letzten Krieg. Ich wollte also Abhilfe schaffen und Berlin mit einfachsten Mitteln ein homogenes Stadtbild verschaffen.
 
Mithilfe Ihrer Fassaden-Verschalungsfirma Belfas...

Genau. Mithilfe unserer patentierten Verschalungsmodule könnte man ganz Berlin in kurzer Zeit ein völlig homogenes Stadtbild verschaffen. Wir haben die Kosten für die Verschalung Gesamt-Berlins kürzlich noch einmal überschlagen, es geht um etwa 3,579 Billionen Euro, viel weniger als zum Beispiel für den Abriss und Neuaufbau der gesamten Stadt nötig wäre.
 
Woran ist dann Belfas letztlich aber gescheitert?

Am mangelnden Interesse der Politik. Stattdessen wird das Geld für Projekte wie den Wiederaufbau des Stadtschlosses verpulvert, oder für die jahrzehntelange Sperrung der Kreuzung Friedrichstrasse Unter den Linden. Für diese Projekte hat der Bürger kein Verständnis. Aber die Politik schert sich nicht darum, sie handelt wie ein absolutistischer Diktator.
 
Was steckt hinter Ihrem Unternehmen Redesigndeutschland?

Es geht hier um den Wunsch, nicht nur klassische Designfelder zu bearbeiten, wie den Entwurf von Stühlen, Radios oder Autos, sondern alle Felder, die seltsamerweise von Designern nie angetastet werden. Felder wie zum Beispiel die Sprache oder die Zeitrechnung.
 
Wie genau soll die Sprache neu designt werden?

Die deutsche Grammatik ist ja viel zu kompliziert, sie hat über 1200 Regeln und fast ebenso viele Ausnahmen, deshalb ist es so schwierig, Deutsch zu lernen. Wir haben deshalb eine Grammatik entwickelt, die nur zehn Regeln hat.
 
Und die Zeitrechnung?

Auch so etwas, was man aus Gewohnheit einfach hinnimmt, obwohl es sich, wenn man genau hinsieht, um völligen Irrsinn handelt: Ein Jahr von 365 Tagen, bestehend aus 12 Monaten mit 28, 29, 30 oder 31 Tagen. Die Wochen bestehen aus 7 Tagen. Und diese Tage bestehen aus 24 Stunden von je 60 Minuten. In einigen Jahrzehnten wird niemand mehr glauben, dass die Menschen diese absurde Zahlenmystik jahrhundertelang einfach hingenommen haben. Wir haben das Jahr also in 1000 Tage unterteilt, jeder Tag hat 100 Stunden, jede Stunde hat 100 Minuten, jede Minute hat 100 Sekunden.
 
Sie haben also das Dezimalsystem auf die Zeitrechnung angewendet...

Ja, und das nicht ohne Grund! Denn das Dezimalsystem geht auf die Tatsache zurück, dass der Mensch zehn Finger hat, und nicht etwa 7, oder 28, oder 365!
 
Ihr Universal-Regal Modern ist in unzähligen Haushalten und Büros in ganz Deutschland zu finden. Ursprung der Idee war der Kampf gegen ein schwedisches Möbelimperium: Ist dieser nun vorbei?

Wir sind 1999 mit dem Anspruch gestartet, IKEA vom Markt zu verdrängen. Wir hatten uns dabei ganz bewusst kein zeitliches Limit gesetzt. Aber Qualität setzt sich am Ende durch, und wir haben noch viel Zeit.
 
Neben Horzon’s Spülen Sparadies haben Sie vor kurzem auch noch Ihre erste Single veröffentlicht. Weiß Ihr Therapeut davon?

Es ist keine Single, sondern eine LP namens „Me, My Shelf and I". Bei diesem Titel handelt es sich übrigens um ein sogenanntes Wortspiel.
 
Ich hatte außer diesem einen Song noch kein weiteres Stück gehört...

Wir hatten zwölf Songs geplant, von denen es nur einer auf die Platte geschafft hat. Wir wollten die Platte unbedingt noch vor Weihnachten in die Läden bringen, deshalb haben wir die restlichen 40 Minuten der LP mit Applaus gefüllt.
 
Herr Horzon, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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