Ritva Puotila: Papiergarn ist kein lautes Material

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Text: Claudia Simone Hoff

Ritva Puotila ist die Grande Dame des finnischen Textildesigns. Die 1935 geborene Designerin studierte in Helsinki und gründete mit Anfang zwanzig ihr eigenes Studio. Komposition, Farbe und Struktur sind Eckpfeiler ihres Designverständnisses, wobei die Natur eine wichtige Rolle spielt. Mehr als 40 Jahre war Ritva Puotila als Textildesignerin und Farbspezialistin für das amerikanische Unternehmen Dansk tätig. Zeitweise zählte sie 70 verschiedene Unternehmen zur ihren Kunden. 1987 gründete sie mit ihrem Sohn Mikko das Designlabel Woodnotes, das Teppiche, Rollos und Accessoires aus Papiergarn herstellt. Wir trafen die noch immer kreative Finnin in Espoo – umgeben von Designmöbeln, Woodnotes-Stücken und ihren eigenen, künstlerischen Arbeiten.

Sie arbeiten seit mehr als 60 Jahren als Designerin. Kommen Sie eigentlich aus einer kreativen Familie? Nein, überhaupt nicht, meine Eltern haben bei der finnischen Bahn gearbeitet. Ich habe Textilien aber schon als Kind geliebt. Ich erinnere mich, dass ich als kleines Mädchen von meiner Tante gestrickte Handschuhe geschenkt bekam und sie gar nicht wieder hergeben wollte, auch wenn sie nass und sandig waren. Ich habe mir genau angeschaut, wie sie gemacht waren – das hat mich fasziniert.

Wir sitzen mit Ritva auf der Terrasse des Hauses ihres Sohnes in Espoo. Es ist ein heißer Tag im August, von hier aus kann man aufs Meer schauen. Die Villa Schneewittchen liegt auf einem 2.000 Quadratmeter großen Grundstück mit altem Kiefernbaumbestand. Das Haus, ein Entwurf des Büros Helin & Co Architects, wirkt wie ein zweiter Showroom für die Produkte von Woodnotes. Sie sind kombiniert mit italienischen Labels wie Boffi, Moroso und Living Divani, Urlaubsouvenirs und Kunstwerken. Hier steht auch der Egg Chair von Arne Jacobsen, den Mikko als Kind einst von seiner Mutter geschenkt bekam.

Ritva Puotila wohnt ganz in der Nähe im Westend in einem Reihenhaus. Sie ist gerade aus dem Ferienhaus der Familie zurückgekommen – von einer einsamen Schäreninsel.

Interviewtermin im Haus von Mikko Puotila in Espoo

Sie sind in Wyborg in Karelien geboren – einer Stadt, die heute in Russland liegt. Dort gibt es eine Bibliothek von Alvar Aalto. Waren Sie früher dort? Ja, meine Eltern sind oft mit mir dorthin gegangen. Hier wurde mir auch zum ersten Mal bewusst, was die Moderne eigentlich bedeutet. Die Menschen waren damals sehr stolz auf das Gebäude und die Stadt war kulturell sehr lebendig.

Wie ist es weitergegangen? Ich bin nach Helsinki gezogen, als ich 19 Jahre alt war. An der Kunsthochschule habe ich Design studiert, wozu auch Textildesign, dekorative Kunst und Bühnenbildnerei gehörte.

Zum Interview hat Ritva Puotila ihre Tagebücher mitgebracht, die voll sind mit schriftlichen Notizen, Skizzen, Postkarten und eingeklebten, kunstvollen Erinnerungen. Sie hat auch ein paar dicke schwarze Ordner dabei, die ihr sechzigjähriges, gestalterisches Schaffen mit Zeitungsartikeln und Ausschnitten aus Produktkatalogen dokumentieren – und einen Blick in die (finnische) Designgeschichte geben.

War es in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nicht ungewöhnlich für eine Frau mit drei Kindern, als Designerin zu arbeiten? Ja, das stimmt. Doch kurz nach dem Krieg mussten viele Frauen arbeiten und gerade in der Textilindustrie waren viele Frauen als Gestalterinnen beschäftigt. Es war auch viel einfacher als heute, in das Business hineinzukommen, denn damals gab es an der Universität viele Wettbewerbe, die von Textil-, Mode- und Keramikunternehmen ausgeschrieben waren. Einige davon habe ich gewonnen. Sie waren zwar nicht gut bezahlt, aber man bekam die Chance, die eigenen Entwürfe in echte Produkte umzusetzen.

1987 haben Sie mit Ihrem Sohn Mikko das Unternehmen Woodnotes gegründet und produzieren Teppiche, Rollos und Accessoires aus Papiergarn, was sehr ungewöhnlich ist. Welche Eigenschaften von Papiergarn mögen Sie besonders? Es ist ein Material, das zwischen Stoff und Holz changiert. Ich bin jeden Tag aufs Neue fasziniert von der Schönheit von Papiergarn, dessen Eigenschaften sich komplett von denen anderer Fasern unterscheiden: das geringe Gewicht, der natürliche Farbton, das Strahlen der Farben auf Papier, das Rascheln. Papiergarn ist kein lautes Material, es dient vielmehr als Hintergrund für den Menschen.

Woodnotes ist heute einer der wenigen Hersteller weltweit, der überhaupt noch mit Papiergarn webt. Das Material, das im Zweiten Weltkrieg als Ersatz für Wolle diente und aus dem man Schuhe und auch Teppiche herstellte, hat viele positive Eigenschaften: Es ist robust, wasserabweisend, hygienisch, nachhaltig. Und es hat eine besondere Ästhetik: finnisch mit einem Hauch von Japan.

Squareplay ist ein Teppich von Ritva Puotila, der mit Geometrien spielt.

Die ersten Jahre mit Woodnotes waren extrem schwer. Haben sie mal ans Aufhören gedacht? Nein, niemals – ich war überzeugt, dass es klappen würde. Es hat nur etwas länger gedauert, bis die Leute unser Produkt verstanden haben.

Ihr Sohn Mikko, der mit am Tisch sitzt, mischt sich ins Gespräch ein und seufzt: „Niemand verstand unser Produkt, wir waren zu früh damit am Markt und keiner interessierte sich für Gardinen und Rollos.“ Er erwähnt auch, dass die wirtschaftliche Lage damals so prekär war, dass er sogar seine Wohnung in Helsinki verkaufen musste. Anfang der Neunzigerjahre herrschte wegen des Zusammenbruchs der Sowjetunion eine heftige Rezession in Finnland.

Inzwischen floriert das Unternehmen, das in Lapua eine eigene Spinnerei und Weberei unterhält. Neben dem Heimatmarkt Finnland macht der Export rund 60 Prozent der Umsätze von Woodnotes aus – mit den Kernmärkten Deutschland, Dänemark, USA und Italien. Neben dem Privatkundengeschäft setzen die Woodnotes-Gründer verstärkt auf das Projektgeschäft. „Interiordesignprojekte werden immer wichtiger für uns, wir haben letztes Jahr verschiedene Anfragen erhalten, auch aus den USA“, erzählt Mikko. Das heißt konkret: Während Woodnotes bisher rund 30 Prozent des Umsatzes mit Hospitality- und High-End-Wohnprojekten machte, ist das Potential längst noch nicht ausgeschöpft. Auch deshalb, weil man durch die eigene Produktion flexibel reagieren kann.

Wie ist es eigentlich so, wenn Mutter und Sohn zusammenarbeiten? Zwischen uns läuft es sehr gut, das war von Anfang an so. Wir streiten viel, aber nie ernsthaft – beispielsweise in welche Richtung sich das Unternehmen entwickeln soll. (lacht) Mikko und ich haben eine feste Arbeitsteilung: Ich gestalte und er macht den Rest.

Sie waren eine Zeitgenossin von finnischen Designern wie Tapio Wirkkala und Timo Sarpaneva. Waren Sie in der Designszene unterwegs? Nein, ich hatte so viel zu tun, dass ich keine Zeit hatte, um auf Partys zu gehen. (lacht)

Sie arbeiten seit mehr als 60 Jahren mit Textilien. Warum? Es ist meine Leidenschaft. Ich bin sehr glücklich mit meinem Leben – mit meiner Familie und meiner Arbeit.

Wir fahren zum späten Mittagessen zum Hafen, wo Mikko ein Boot liegen hat. Jeder scheint Mutter und Sohn zu kennen – es wird geplaudert und Neuheiten werden ausgetauscht. Beim Abschied wollen wir von Mikko noch wissen, ob er es wieder wagen würde, ein Unternehmen wie Woodnotes zu gründen. „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich es wohl nicht gemacht“, sagt er lachend und wohl nicht nur seine Mutter ist froh, dass alles ganz anders gekommen ist.

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