Robert Stadler: Diese Stühle sind einfach Champions

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Text: Jeanette Kunsmann, 16.04.2018

Partner: Vitra

Typecasting heißt die große Vitra-Ausstellung in Mailand, die einmalig für eine Woche in der ehemaligen Sporthalle La Pelota aufgebaut ist. Designer Robert Stadler, der die Ausstellung kuratiert, kennt die Halle noch in ihrem ursprünglichen Zustand bevor sie zum Eventort wurde, er hat in Mailand studiert. Ein Gespräch über Slashers, Dreamers und Dating Site Encounters.

Ihre Ausstellung im La Pelota ist eigentlich eine Art Familienaufstellungen mit verschiedensten Charakteren. Wieso das? Die Grundidee ist, die Möbel nicht in den herkömmlichen Kategorien zu präsentieren, sondern als Persönlichkeiten mit unterschiedlichen Attitüden. Diese gruppieren sich in neun verschiedene Communities, wobei die Communals als Hauptgruppe im Zentrum stehen. Das ist insofern eine wichtige Gruppe, weil es den aktuellen Trend von Coliving und Coworking aufgreift.

Typecasting, Mailand 2018, Foto: Eduardo Perez / © Vitra
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Stühle als Porträt – haben Sie dafür ein Beispiel? Nehmen wir den Grandpa Chair von Frank Gehry aus der Gruppe Dating Site Encounters: Das sind Objekte, die immer in Paaren präsentiert werden. Der Grandpa Chair steht mit dem How High the Moon von Shirō Kuramata zusammen, weil sich beide in ihrer Form total ähneln, aber aus verschiedenen Materialien bestehen: ein interessanter Match. Das sind Entdeckungen, auf die ich im Zuge des Projekts gestoßen bin. Manchmal ergibt sich aber auch ein totaler Clash, wie es eben auch in Wirklichkeit bei Dating Site Encounters passiert: Deshalb steht der Greene Street Chair von Gaetano Pesce neben dem Alu Chair von Charles und Ray Eames.

SlashersDreamers und Dating Site Encounters: Wie haben Sie diese Typologien entwickelt und die Objekte eingeteilt? Die neun Gruppen sind natürlich meine subjektive Auswahl – das hat keinen wissenschaftlichen Anspruch. Es ist eher ein Blick auf heutige Profile und Identitäten, insbesondere die Inszenierung in den sozialen Medien. Er trifft aber schon auf eine gewisse Realität zu, so wie eben die Slashers, die eine zeitgenössische Attitude widerspiegeln.

Welche denn? Slashers ist eine Bezeichnung für Leute, die häufig den Beruf oder andere Aktivitäten wechseln, oder mehrere Berufe gleichzeitig haben, also tagsüber zum Beispiels als Bäcker und abends – Slash – als Uber-Driver arbeiten. Auf die Möbel übersetzt, zeigen wir Objekte gleicher Form in unterschiedlichen Materialien, wie den Well Tempered Chair von Ron Arad, den es aus Stahl und auch aus Carbonfaser gibt. Noch emblematischer wird die Serie durch die Stühle von Naoto Fukasawa: Seinen Chair für die Vitra-Edition gibt es in neun kontrastreichen Materialien wie Stroh, Aluminium, Holz und Plexiglas…

Wie haben Sie denn den Research zu den Gruppen und Objekten gemacht – durften Sie in die geheimen Vitra-Archive? Ja, ich war in den Archiven, habe Kataloge angesehen und ich habe viel mit dem Vitra-Team und mit Nora und Rolf Fehlbaum diskutiert, und habe so einen wirklich guten Überblick sowohl über historische als auch zeitgenössische Vitra-Produktionen bekommen. Es war ein ziemlich intensives Eintauchen in die Welt von Vitra.

Frank Gehry: Wiggle Side Chair, Vitra Edition 1972

Sie haben vorhin schon eine Entdeckung angesprochen – was haben Sie im Laufe dieses Projektes gelernt? Wir wollen Möbel als Persönlichkeiten präsentieren, um einen anderen, neuen Blick, auf schon gewohnte Objekte zu ermöglichen – und um neue Querverbindungen herzustellen. Mir wurde dadurch vieles bewusster. Zum Beispiel, wie anders ein Ron Arad im Vergleich mit den Bouroullec-Brüdern arbeitet. Mir ist klar geworden, wie stark Ron Arad auf einen individuellen Entwurf Wert legt, was die Bouroullecs natürlich auch tun, sie denken aber gleichzeitig extrem systematisch. Das sind eher kleine, designspezifische Erkenntnisse.

Sie sind trotzdem spannend. So wie die formale Ähnlichkeit der Stühle von Gehry und Kuramata. Oder die subjektive Auswahl der Communities: Unterschiedliche Objekte können schließlich in verschiedenen Communties auftauchen – so wie bei uns Menschen. Wir können auch Dreamers und Restless sein. Auffallend ist das gerade bei dem Eames Chair, der in drei oder vier verschiedenen Gruppen gleichzeitig stehen könnte. Und das ist ja kein Zufall. Diese Stühle sind einfach Champions. Sie stehen genauso gut bei den Beauty Contestants wie bei den Athletes, wie bei den Slashers.

Würden Sie denn sagen, wenn man das Ganze auf eine allgemeine Ebene hebt, dass Möbel eine ganz andere Rolle spielen, als man zunächst vermuten würde. Also: Ein Stuhl erfüllt den Zweck eines Stuhl, aber er dient vielleicht auch als eine Art Mitbewohner? Natürlich! Möbel haben eine soziale Funktion. Hatten sie auch immer schon, auch eine repräsentative. Was sich vielleicht heute darauf beziehend verschärft hat, dass es nicht mehr um eine reine Repräsentation geht, sondern um eine Selbstinszenierung – im Hinblick auf soziale Medien. Da spielen Möbel die Rolle von Props auf Bühnen und bekommen eine andere Bedeutung.

Wenn man sich ihr eigenes Werk als Gestalter anschaut – sie bewegen sich ja zwischen Kunst und Design… Ich sehe mich absolut als Designer, aber als ein Designer, der seine Projekte oft mit der Freiheit eines Künstlers angeht.

Klingt gut. Wie war es dann für sie als Designer mit der Freiheit eines Künstlers, für dieses erste große Projekt mit einer umfangreichen Marke wie Vitra zusammenzuarbeiten? Absolut spannend! Für mich war es nicht das erste Mal, dass ich in einem so konkreten Kontext oder einer Firma gearbeitet habe, aber Vitra ist natürlich ein besonderes Abenteuer. Ich war wirklich froh, dass sich Rolf und Nora Fehlbaum so viel Zeit nehmen konnten. Und neben diesem Intensivkurs war ich Kurator, Ausstellungsgestalter, und habe auch eine der sechs neuen Studien entwickelt.

Hybrid heißt der Prototyp, den Sie in der Kategorie der Communals vorstellen. Welche Idee steckt dahinter? Generell ging es bei diesen Studien darum, dass einige Designer – außer mir auch noch Ronan & Erwan Bouroullec, Konstantin Grcic, Barber Osgerby und Commonplace Studio – gebeten wurden, ihre Vorstellungen von einem Sofa im Umfeld des gemeinschaftlichen Wohnens zu formulieren und dazu eine Designstudie zu entwickeln. Ich persönlich habe versucht, die Diskrepanz zwischen dem, was ein Communal Sofa leisten soll, und der klassischen Sitzform in einem Objekt zu vereinen. Wenn man sich Entwürfe von gemeinschaftlichen Sitzmöbeln ansieht, geht es oft darum, sich in eine Form hineinzuwerfen. Meistens muss man die Schuhe ausziehen, um es zu benutzen zu können. Mit Hybrid möchte ich beides vereinen.

Man darf also die Schuhe anlassen? Genau! Es ist eine Art Plattform, die einerseits eine individuelle, aufrechte Sitzposition ermöglicht, andererseits dadurch, dass sich die Rückenlehnen drehen können, auch eine Communal-Situation entstehen kann. Es vereint zwei Arten von Sitzen in einem Objekt.

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