Roberto Palomba

9

Text: Norman Kietzmann


Roberto Palomba ist kein Freund von lauten Tönen. Zusammen mit seiner Frau Ludovica gründete er 1994 das Büro Palomba Sarafini Associati in Mailand. Sorgten sie anfangs mit Produkten fürs Badezimmer für Aufsehen, entwerfen sie heute ebenso Möbel, Leuchten und Küchen bis hin zu ganzen Motoryachten. Was ihre Entwürfe verbindet, ist ihre Bekömmlichkeit. Ganz gleich, ob sie für Zanotta, Cappellini, Driade, Boffi, Foscarini oder Laufen arbeiten: Ihre Produkte schaffen den Spagat, nicht anzuecken und dennoch aus der jährlichen Neuheitenflut herauszustechen. Grund genug, Roberto Palomba ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Während der Mailänder Möbelmesse sprachen wir mit ihm über futuristisches Vintage, revolutionäre Säcke und warum den meisten heutigen Möbeln der Biss fehlt.



Herr Palomba, die Möbelmessen üben sich schon seit Jahren in einem gefälligen Einerlei, bei dem immer weniger prägnante Arbeiten im Gedächtnis bleiben. Hat das Neue ausgedient?


Es gibt heute keine Trends mehr, weil jeder Designer und jedes Produkt für sich selbst ein Trend sind. Allem, was sich als Trend bezeichnen ließe, steht eine Vielzahl anderer Arbeiten gegenüber. Einen Grund dafür liefert das Internet, wo wir alles auf einmal finden können. Nicht nur das Design, sondern auch die Musik hat sich deshalb verändert. Wer heute Musiker sein will, kann es sein. Und wer Designer sein will, kann es auch sein. Niemand kann einem das verbieten oder gar vorschreiben, was gut ist und was nicht. Dasselbe gilt für den Stil: Wer kann behaupten, dass Zaha Hadid gutes Design macht und John Pawson nicht? Heute ist jeder ein Trend für sich allein. Und das Zuhause ist ein Schmelztiegel von dem, was einem gefällt. Natürlich sollte man die Dinge mit einem Sinn fürs Design auswählen. Aber niemand kann mehr verlangen, dass wir uns auf diese oder jene Weise einrichten.

Wie würden Sie die heutige Wohnkultur beschreiben: als einen Hybrid?


Ich würde sagen, sie ist mehr als ein Hybrid. Sie ist Freiheit. Hybride bestehen aus Dingen, die gezwungen werden, miteinander zu leben. Freiheit bedeutet, dass sich heute etwas im Haus befindet und morgen schon wieder verschwinden könnte. Die Leute sind frei, sich auszudrücken, sich zu wandeln und morgen etwas vollkommen anderes zu sein. Die Freiheit, uns neu erfinden zu können, erlaubt ein wirklich individuelles Wohnen. In der Vergangenheit war das Zeitgenössische stets fixiert. Nehmen Sie das Bauhaus: Man musste bestimmten Regeln folgen, um zur Avantgarde zu gehören. Mit Freiheit hatte das nichts zu tun. Darum standen revolutionäre Bauhäusler wie Johannes Itten immer ein wenig im Abseits, weil sie die Regeln nicht eisern befolgten.  

Bei aller Freiheit, die das Wohnen heute erfährt: Warum richtet sich der Blick vor allem in die Vergangenheit statt in die Zukunft?

Wir dürfen die Vergangenheit nicht vergessen, weil in ihr unsere Wurzeln liegen. Um in die Zukunft zu gehen, braucht man starke Beine. Unser Sofa Bruce zum Beispiel, das wir für Zanotta entworfen haben, orientiert sich an der amerikanischen Eleganz der fünfziger Jahre. Es war die Epoche der Moderne, als eine komplett neue Gesellschaft geschaffen wurde. Doch die Erinnerung an diese Zeit erfolgt mit einer sinnlichen Sichtweise, die absolut zeitgenössisch ist. Bei den Kissenbezügen haben wir Stoffe aus Afrika und Fernost verwendet und mit neuen Mustern gemischt. Einige Kissen haben zwei unterschiedliche Bezüge, sodass man sie wenden und die Stimmung verändern kann. Wir haben nach Stoffen gesucht, die natürlich, komfortabel und besonders taktil sind. Ich würde das nicht als Retro oder Vintage bezeichnen. Es ist futuristisches Vintage.

Einen weiteren Entwurf, den Sie auf der Mailänder Möbelmesse 2013 vorgestellt haben, ist der Sessel Grand Tour. Auch wenn das Möbel von Zanotta produziert wird, ist der eigentliche Auftraggeber der Sportwagenhersteller Maserati. Worauf kommt es beim Gestalten eines tempoaffinen Sitzmöbels an?

Natürlich wollten wir keinen Autositz im Wohnzimmer platzieren. Die Inspiration vom Fahrzeugbau sollte auf subtilere Weise erfolgen. Darum haben wir die Sitzschale mit schlanken Füßen angehoben, so wie eine Karosserie von vier Rädern getragen wird. Der Sessel sollte weder statisch wirken noch mit dem Boden verbunden sein. Man sollte fühlen, dass er an keinen bestimmten Ort gebunden ist und frei im Raum bewegt werden kann. Der Bezug zur Formensprache von Maserati zeigt sich in den fließenden Linien, aus denen wir den Stuhl abgeleitet haben. Auch haben wir ein sehr weiches, natürliches Leder verwendet, wie man es von Rennfahrerhandschuhen kennt. Diese mussten so extrem weich sein, damit die Fahrer das Lenkrad nicht aus ihren Händen verlieren konnten.

Finden Sie es nicht seltsam, dass plötzlich die Automarken ins Möbelsegment expandieren?

Automarken machen Möbel. Modemarken machen Möbel. Umgekehrt machen die ersten Möbelmarken Mode. Ich warte nur darauf, wann die Lebensmittelmarken Möbel machen (lacht). Das alles mag seltsam erscheinen. Doch im Grunde sehen wir diese Veränderung in uns selbst. Als ich anfing im Design, habe ich zunächst nur Objekte fürs Badezimmer entworfen. Das war mein erster Zugang und bald mein erster Erfolg. Aber als Designer kann ich alles entwerfen und muss mich nicht auf Waschbecken beschränken. Dasselbe gilt für die Unternehmen. Wenn eine Marke stark genug ist, um einen eigenen Wert und eine eigene DNA auszudrücken, kann diese DNA auf jede Art von Produkt übertragen werden. Die Firmen erhalten so die Erlaubnis, zu kreieren was immer sie mögen. Natürlich steht dahinter noch die Frage der Distribution. Aber die ist im Grunde nicht so wichtig, weil sie eher eine technische Angelegenheit ist.

Also wird künftig jeder alles machen?

Nicht unbedingt. Denn auch nicht jede Marke wird dazu in der Lage sein. Nehmen wir den Möbelbereich: Wenn ein Unternehmen nur Möbel auf eine althergebrachte, möbeltypische Weise herstellt, wird die Marke nur schwer etwas anderes ausdrücken können. Zanotta zum Beispiel hat immer schon Dinge gemacht, die über eine reine Möbelästhetik hinausgehen – wie den Sitzsack Sacco oder den Hocker Mezzadro mit einem Traktorsitz. Wenn eines Tages eine Kollektion von Schuhen oder Regenmänteln dazukommen sollte: Warum nicht?

Warum finden radikale Entwürfe wie Sacco (entworfen 1968 vom Designertrio Gatti, Paolini und Teodoro) dennoch kein heutiges Pendant?

Sacco war nicht von seiner Zeit inspiriert, sondern Teil der revolutionären Kultur. Gatti, Paolini und Teodoro haben den Wechsel in der Gesellschaft verstanden und daraufhin dieses Möbel entworfen, das schließlich zur Ikone der 68er-Bewegung wurde. Sacco kam nicht nach dieser Zeit, sondern wurde mitten in ihr geboren. Das ist etwas ganz anderes als heute, wo erst das Marketing einen Bedarf erkennt und diesen von Designern in ein Produkt übersetzen lässt.

Wer ist daran schuld: das Marketing oder die Designer, denen scheinbar die richtige Motivation fehlt?

Die Zeit hat sich gewandelt. In diesem Moment ist die Gesellschaft keine revolutionäre Gesellschaft mehr. Die heutige Gesellschaft braucht einen Wandel, für den sie aber zu träge geworden ist. Die Revolution kommt von den Menschen. Sie kommt von unten. Auch in Europa gibt es viele Menschen, die leiden. Aber ihr Anteil ist nicht groß genug. Doch er wächst. Das steht außer Frage. Und der Moment wird kommen, an dem sich etwas verändern wird. Aber solange wir die Gesellschaft nicht neu erfinden, wird auch das Design nicht neu erfunden werden. Erst mit einem wirklichen Wandel werden andere Dinge entstehen als heute. Was mich dabei schockiert, ist die junge Generation.

Warum?

Weil die Jungen die Welt nicht mehr verändern wollen. Sie wollen nur reich und berühmt werden. Wenn ein junger Designer zu mir kommt, sagt er nicht „Was Du machst, ist Mist. Schau Dir meine Idee an. Wir wollen eine neue Gesellschaft bauen!“ Sie kommen stattdessen zu mir und fragen: „Wie hast Du angefangen? Für welche Firmen arbeitest Du? Kannst Du mich dieser Firma vorstellen?“ Die Jungen stellen die Alten nicht mehr in Frage. Sie wollen nur von ihnen profitieren.

Bedeutet das, dass Innovationen über kurz oder lang ausgedient haben?


Nein, absolut nicht. Das ist eine andere Sache. Ich glaube nicht, dass wir jeden Tag eine neue Revolution brauchen. Wir leben in einem Moment der Evolution. Wir arbeiten an neuen Materialien, um bessere Produkte herzustellen. Auch diese kleinen Veränderungen sind wichtig, um die Qualität, den Komfort und die Haltbarkeit der Dinge zu verbessern.

Vor welchen Aufgaben steht das Design heute?

Hinter dem Design steht ein Investment in Ideen, die einen wirklichen Nutzen bringen sollen. Worum es geht, ist mehr als Formenspielerei oder eine Methode, mit der sich einzelne Gestalter lediglich selbst verwirklichen. Daran bin ich nicht interessiert. Entscheidend sind Massenproduktion, Innovation und Kostenreduzierung, sofern das mit einem Hersteller umsetzbar ist. Das ist für mich Design. Viele verrückte Entwürfe, die in Magazinen oder auf Blogs Aufmerksamkeit erregen, werden nicht länger als ein paar Tage überleben. Ich denke, dass wir Designer eine große Verantwortung haben. Wir müssen uns stärker auf die Werte und Qualität von Produkten fokussieren und diese noch mehr Menschen zugänglich machen.

Vielen Dank für das Gespräch.


Weitere Artikel 13 - 22 von 22 Bjarke Ingels: Architekten müssen der Zukunft eine Form geben Paola Antonelli: Design ist Politik Studiopepe: Rückkehr der Mystik Studio Truly Truly: Wohnen ohne Grenzen Klemens Grund: Möbel und Raum Surreale Räume: Die Zukunft ist ein Rendering Jean Nouvel: Wir müssen über Identität reden Ester Bruzkus: Stehlen ist erlaubt Hanne Willmann Mirko Borsche: Die Macht der Gestaltung

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.