Ronan Bouroullec & Philippe Grohe

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Text: Katharina Horstmann

 
Ronan und Erwan Bouroullec sind stets auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen Form und Funktion eines Objekts. Im Vordergrund steht dabei meist dessen Modularität sowie Interaktion mit dem Nutzer und der Umgebung. Ein aktuelles Beispiel ist Axor Bouroullec, die erste Kollektion für das Badezimmer, die die beiden Brüder für Axor, der Designlinie von Hansgrohe, gestaltet haben. Wir trafen Ronan Bouroullec und Philippe Grohe, den Leiter der Marke Axor, in Schiltach im Schwarzwald und sprachen mit beiden über individuelle Designlösungen, intrinsische Qualitätskontrollen und warum in der Designwelt gute Teamarbeit so wichtig ist.
 
 
Herr Bouroullec, ein Equilibrium zwischen detaillierter Reflexion und delikaten Formen – so könnte man die von Ihnen und Ihrem Bruder Erwan gestalteten Objekte beschreiben. Entspricht dies Ihrer eigenen Wahrnehmung?
 
Ronan Bouroullec: Es ist schwierig, sie zu beschreiben. Für mich stehen zwei Dinge im Vordergrund: Erst einmal versuche ich eine Gruppe von Objekten zu entwerfen, die miteinander in Verbindung stehen. Denn einzelne Objekte zu gestalten ist viel einfacher als eine Gruppe. Außerdem sollte jedes Projekt immer etwas Neues mit sich bringen.
Im Laufe der letzten zwanzig Jahre – ich habe mit 18 Jahren das erste Mal an einer Ausstellung teilgenommen und nun bin ich 39 – hat sich meine Vorgehensweise gewiss verändert, doch von Beginn an gab es Parameter, die geblieben sind. Ein gutes Objekt steht immer in Balance mit verschiedenen Aspekten, wie zum Beispiel Komfort oder ästhetische Qualität. Diese Parameter versuchen wir seit zwanzig Jahren zu beherzigen, teils mit Erfolg und teils mit furchtbaren Ergebnissen. Dabei versuchen wir, einen „Bon Sense“, das heißt den gesunden Menschenverstand einzusetzen. Gerade in der heutigen Zeit ist das besonders wichtig, weil unsere Welt sehr marketingorientiert ist. Eine Möglichkeit ist zu versuchen, in die Kultur eines Objektes vorzudringen. Ein Designer benötigt im Gegensatz zu einem Künstler eine kollektive Intelligenz. Denn wir können beispielsweise eine gute Idee für das Badezimmer haben, aber ohne gute Ingenieure, ohne einen guten Produktionsweg und ohne ein gutes Team ist es nicht möglich, zu einem guten Resultat zu gelangen.
 
Gerade wurde das modulare Badsystem Axor Bouroullec vorgestellt. Was hat es damit auf sich?
 
RB: Die Kollektion entstand während eines langen Arbeitsprozesses. Wir haben uns fast sechs Jahre mit dem Badezimmer befasst – ein Thema, das im ersten Moment recht einfach erscheinen mag. Auch generell experimentieren wir gern und sammeln Ideen. Ein wichtiger Gedanke beim Badezimmer war, dass ein normaler Mensch sein Bad nicht alle fünf Jahre wechselt wie zum Bespiel einen Plastikstuhl. Das Thema Langlebigkeit ist uns nicht nur im Badbereich, sondern auch bei unseren Möbelentwürfen sehr wichtig. So haben wir versucht, eine Sprache zu entwickeln, die auch noch in zwanzig Jahren funktioniert und nicht langweilig oder gar überholt wird. Ich weiß nicht, ob wir mit dieser Einstellung reich werden können [lacht] – darüber können wir uns ja noch einmal in zwanzig Jahren unterhalten.
Außerdem sollte ein gutes Produkt fähig sein, sich verschiedenen Umgebungen anzupassen, egal ob in einem Altbau in Rom oder in einem extravaganten Hotel in Dubai. Und genau das haben wir auch bei der Kollektion für Axor versucht zu erreichen.
 
Die Kollektion umfasst insgesamt 85 Objekte, deren fließende, einfache Formen sich auf vielfältige Weise kombinieren lassen.
 
RB: Das stimmt. Die Kollektion ist ein System aus individuellen Lösungen. Uns war wichtig, für jede Situation ein entsprechendes Objekt zu gestalten, denn das Badezimmer ist im Haus der Raum, der am schwierigsten zu verändern ist. Das ist aber ein Aspekt, der für mich bei allen Projekten wichtig ist: Sie sollten fähig sein, sich den unterschiedlichsten Räumen anzupassen. Für ein großes Badezimmer, in dem das Waschbecken zum Beispiel vor dem Fenster steht, haben wir einen Waschtisch entworfen; für ein kleines Badezimmer gibt es ein Waschbecken, das direkt an die Wand montiert werden kann.
Für mich sollte jedes Objekt einfach zu adaptieren und vom Verbraucher zu konfigurieren sein. Dies ist jedoch nicht der herausragende Aspekt der Axor-Kollektion. Bei ihr geht es viel mehr um die Finesse der Form. Auf der  Welt gibt es zu viele Objekte und deswegen sollten sie miteinander verbunden werden – und das am besten auf eine leise, einfühlsame Art. Ich denke, das macht die Kollektion mit einer gewissen Sensualität und Eleganz. Erst danach kommt der Aspekt, dass der Käufer viele Auswahlmöglichkeiten hat und sich auch selbst einbringen kann. Wie schon gesagt, das sollte immer so sein; es ist das Mindeste, das dem Nutzer geboten werden sollte. Doch leider basieren viele Designlösungen oder Designkonzepte auf nur einer einzelnen Idee und das ist oft der Grund, warum sie etwas dürftig sind. Das Leben folgt niemals nur einem einzigen Weg. Es ist viel reicher und komplexer.
 
Ihre Zusammenarbeit mit Axor begann mit Axor Water Dream, einem Projekt, das 2005 während der Mailänder Möbelmesse gezeigt wurde und von der Zukunft des Badezimmers handelte. Was haben Sie denn im Laufe der letzten Jahre dazu gelernt?
 
RB: Ein Designer zu sein, ist sehr komplex. Man braucht eine gewisse Kultur und muss doch Abstand bewahren. Als wir anfingen, für Axor zu arbeiten, waren wir wirkliche Jungfrauen auf diesem Gebiet. Wir waren wie Kinder, die anfingen zu zeichnen. Heute bin ich sicherlich keine Jungfrau mehr, doch auch kein Spezialist.
 
Herr Grohe, in das Projekt Axor WaterDream waren nicht nur Ronan und Erwan Bouroullec involviert, sondern auch Patricia Urquiola und Jean-Marie Massaud. Von allen vier Designern haben Sie in den letzten fünf Jahren jeweils eine Kollektion lanciert. Was passiert nun? Gibt es ein neues Projekt, das sich mit dem Bad der Zukunft auseinandersetzt?
 
Philippe Grohe: Ich habe viele Träume, aber es stimmt, wir haben nicht viel darüber kommuniziert, da wir aus dem Axor WaterDream so viel realisieren konnten. Am Ende hatte ich gar nicht …

RB: … genug Energie?
 
PG: … genug Energie …
 
RB: … und Geld?
 
PG: Genau, vielen Dank [lacht]. Wir hatten phantastische Träume und wir haben ein paar Jahre gebraucht, um diese zu realisieren. Heute beginne ich mich viel freier zu fühlen, um mit einem neuen Projekt zu beginnen. Es gibt schon mindestens zwei oder drei Projekte, die wir machen könnten und die sehr interessant sind.
 
Sie sind seit fast zehn Jahren für Axor tätig. Wie entwickelte sich das Badezimmer in diesem Zeitraum?
 
PG: Anfang des 20. Jahrhunderts gab es nur Badezimmer für Könige und Königinnen. Während des 20. Jahrhunderts wurde es demokratisiert und verbreitete sich von etwa acht oder zehn Prozent in der Bevölkerung auf etwa 90 Prozent – das variiert ein wenig in den verschiedenen Ländern in Europa. In den achtziger Jahren kam diese Entwicklung mehr oder weniger zu einem Ende. Die Achtziger standen für Fitness und in den neunziger Jahren Jahren begann man, das auch auszudrücken. Heute wiederholt sich das: Wellness beginnt, sich im Badezimmer zu demokratisieren. Es gibt eine neue Einstellung dem Bad gegenüber, über das, was der Raum sein kann. Es gibt einen Wandel, der mit den Fachleuten aus dem Sanitärbereich beginnt. Ich weiß nicht, wie lange der Prozess dauern wird, aber er beginnt schrittweise in diese Richtung. Das Bedürfnis nach Wellness wird weiter steigen, da unser Leben urbaner, virtueller oder auch hektischer wird, wahrscheinlich auch mobiler. Wellness schafft einen Ausgleich für den Menschen. Außerdem wird sicherlich auch das Bedürfnis der Nähe zur Natur nicht nur bleiben, sondern steigen. Und das ist auch ein Hauptantrieb für das, was uns das Badezimmer geben kann.
 
Wie kommt dabei die Ressource Wasser ins Spiel?
 
PG: Wellness bedeutet einen großen Wasserverbrauch und es ist schwieriger, die Idee von Wellness umzusetzen, wenn man Wasser effizienter nutzen muss. Daraus ergibt sich ein Paradox und das ist die Herausforderung für uns. Wir müssen neue Technologien und Lösungen finden, um den Verbrauch zu optimieren. Ronan sagt fast dasselbe: Die Leute fragen immer, was „die“ Lösung für die Zukunft sei. Es wird nicht nur eine Lösung geben. Es wird immer mehr individuelle Lösungen geben. Es gibt sehr viele Wege, ein gutes Badezimmer zu gestalten. Die Axor-Bouroullec-Kollektion gehört zum Besten, die wir jemals geschaffen haben, denn sie stellt eine Beziehung zwischen den Menschen her, die sie nutzen und die sie herstellen. Und das wird neue Lösungen beschleunigen.
 
Sie erwähnten einmal, dass es anders sei, mit zwei anstatt nur mit einem Designer zusammen zu arbeiten.
 
PG: Als ich vor ein paar Jahren bei Axor eingestiegen bin, dachte ich, es sei das Produkt, das bliebe. Heute bin ich aber der Meinung, dass es die Beziehung zu den Designern ist. Ich habe das Glück oder Privileg, dass fast alle Projekte in den letzten zehn Jahren zu einem guten Ende kamen und das mit sehr netten Menschen, die etwas zu sagen haben. Sie haben eine Philosophie, sie haben eine Linie. Ich arbeite nicht gern mit Designern zusammen, die viele Sachen ganz schnell machen und wo ich dann aus zwanzig Vorschlägen etwas heraussuchen soll. Ich arbeite lieber mit ernsthaften Menschen zusammen, aber es ist auch wichtig, wie wir miteinander auskommen. Die Zusammenarbeitet dauert mindestens drei, vier oder gar fünf Jahre und in der Regel führen wir sie auch nach dem ersten Projekt fort. Deswegen ist es für alle Beteiligten wichtig, sich zu verstehen. Natürlich gibt es auch von Zeit zu Zeit härtere Diskussionen. Um zu den beiden Designern zurückzukommen: Das System „Bouroullec-Brüder" ist eine intrinsische Qualitätskontrolle [lacht].
 
RB: Was bedeutet das?
 
PG: Ronan sagt immer über sein Arbeitsprinzip, dass es darum gehe, zu zweifeln. Zu zweifeln ist wirklich das Beste und ich denke, Ronan und Erwan zweifeln sehr viel über sich selbst, aber auch über den anderen. Es ist schwierig, sich vorzustellen, wie weit das geht – bis ins kleinste Detail. Ein normaler Mensch würde wahrscheinlich längst keinen Unterschied mehr sehen. Und was kann ich sagen? Sechs Augen sehen mehr als zwei.
 
RB: Es stimmt. Erwan und ich versuchen uns immer gegenseitig an die Grenzen zu treiben und das schaffen wir, indem wir eine große Spannung zwischen uns aufbauen, aber das auf eine sehr positive Art und Weise.
 
PG: Ja, sehr positiv.
 
Vielen Dank für das Gespräch.

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