SO–IL Florian Idenburg

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Text: Tim Berge, Foto: Naho Kubota, Iwan Baan, 13.12.2018

Grenzen überschreiten, die Welt verändern – oder einfach nur ein paar gute Gebäude bauen: Das in New York ansässige Büro SO–IL von Jing Liu, Ilias Papageorgiou und Florian Idenburg gehört trotz weniger realisierter Projekte zu den spannendsten Architektenteams unserer Zeit. Ein Gespräch mit Florian Idenburg über die Superdutchness, SANAA und die Auswirkungen schlechter Architektur. 

Ihr habt euer Studio im Jahr 2008 gegründet, im Jahr der letzten großen Finanzkrise. Geht es bei Architektur darum, Risiken einzugehen? Nicht automatisch. Aber wenn wir von Innovationen reden, sind Risiken unumgänglich. Für Architekten gilt es oft, herauszufinden und zu entscheiden, wieviel Risiko sie in ihre Projekte hineinschmuggeln können. Nach außen hin müssen sie den Anschein erzeugen, alles unter Kontrolle zu haben. Aber zu viel Kontrolle hemmt die Innovation. Es bleibt ein schmaler Grat! Wir haben von Anfang an versucht, dem Unkontrollierbaren einen gewissen Platz in unserer Arbeit zu sichern.

Muss man sich diese Art von Risiko leisten können? Mein Gefühl ist, dass die Menschen immer weniger Risiken eingehen wollen:  Das macht es für uns schwieriger. Andererseits beinhaltet die Architektur von Natur aus das unerfüllbare Versprechen, die Welt verbessern zu können, obwohl niemand das mit Gewissheit behaupten kann. Für uns gehört Risiko zum Job dazu, verknüpft mit der steten Gewissheit scheitern zu können.

SO–IL: Florian Idenburg, Jing Liu, Ilias Papageorgiou, Foto: Naho Kubota

Gibt es denn Unterschiede in der Risikobereitschaft zwischen Architekten in den USA und Europa? Es sind immer die aufstrebenden Länder, die bereit sind, die größten Risiken einzugehen. Für sie sind die Geschwindigkeit, das Neue und das Abenteuer am faszinierendsten. Manchmal sind es auch Regionen, die mit anderen Regionen gleichziehen wollen. Der Wille zur Innovation muss in der Denkweise der Menschen verankert sein. Wir haben das Gefühl, dass die Menschen in Südkorea sehr risikoaffin und in New York sehr risikoavers sind. Es macht aber auch Sinn, da New York viel konservativer ist und innerhalb seiner Strukturen kaum Bewegungsfreiheit herrscht.

Du bist in Holland aufgewachsen und hast in Delft studiert – wie siehst du die niederländische Architektur der Gegenwart? Sie hat sich seit der Zeit, in der ich hier gelebt habe, sehr verändert. Die niederländische Architektur der Neunzigerjahre war progressiv, innovativ und mutig. 2018 war kein einziges Büro aus Holland in der Hauptausstellung der Biennale in Venedig vertreten. Ich bin mir nicht sicher, was passiert ist, jedenfalls hat sich die politische und wirtschaftliche Lage im Land im gleichen Zeitraum ebenfalls verändert – vielleicht ist es darauf zurückzuführen.

Wie und warum bist du in New York gelandet? Eigentlich wollte ich genau dieser Superdutchness und diesem Supermodernism der Neunzigerjahre entfliehen. SANAA, für die ich in Japan gearbeitet habe, stehen genau für das Gegenteil: Ihre Häuser sind nicht diagrammatisch aufgebaut, obwohl sie sehr grafisch wirken. Sie besitzen eine Art von Poesie und Mehrdeutigkeit sowie eine starke Offenheit, die mich damals und heute faszinierten. Durch SANAA bin ich von Tokio dann im Rahmen des New Museum-Neubaus nach New York gekommen.

Was hat dich an den USA fasziniert? In den USA wird Architektur auf einem ganz anderen Level gelehrt und diskutiert als hier in Europa: sehr akademisch und komplex. Das hat mich erstmal nicht interessiert, bis ich verstanden habe, dass dadurch eine viel tiefere und fundiertere Analyse der gebauten Umwelt erzeugt werden kann.

Welche Bedeutung haben Architektur und Architekten in den USA? Es gibt die Architektur, die wir aus den Magazinen kennen und die zu den Luxusgütern der Schönen und Reichen gehört, und es gibt die Architektur der Masse, die quasi ohne Architekten stattfindet und die keinen Stellenwert in der Gesellschaft besitzt. Die USA sind ein sehr ungleiches Land, und das wirkt sich auch auf die Architektur aus. Studieren kann man das Fach nur, wenn sich die Eltern die teure Ausbildung leisten können. Dadurch ist die Ausübung des Berufs einer bestimmten Klientel vorenthalten.

Was hat Trump für dich geändert? Seine Wahl hat die Gesellschaft nachhaltig verwundet und verändert. Er hat die politische Diskussion auf das unterste Niveau geführt und dadurch viele progressive Denker davon abgebracht, Risiken einzugehen. Momentan gibt es sicherlich bessere Orte zum Leben.

Wie kamen du und deine Frau Jing Liu darauf, euer eigenes Büro zu gründen? Und warum New York? Es fühlte sich nach dem richtigen Ort und dem richtigen Zeitpunkt an. 2008 war zwar die Zeit der letzten großen Finanzkrise, gleichzeitig betrat aber auch Obama die Bildfläche. Während in Europa immer mehr  Nationalisten an die Macht kamen, begann in den USA eine sehr optimistische Zeitrechnung. Dazu kommt, dass wir von Anfang an global gedacht haben und der Architekturmarkt das auch zuließ.

Wie gefangen in einem Gitternetz, formlos steht die Kukje Gallery wie ein Solitär auf dem Grundstück. Foto: Iwan Baan

Hat es funktioniert? Bis zum heutigen Zeitpunkt auf jeden Fall (lacht). Wir haben sehr viele Projekte in der Kunstwelt realisiert – wie die Kukje Gallery in Seoul oder das Shrem Museum of Art in Davis. Wir wollen aber nicht nur gute Häuser für einen kleinen Teil der Bevölkerung bauen, sondern für alle. Daher sind wir sehr am Wohnungsbau interessiert.

Können gute Gebäude eine gute Gesellschaft formen? Ich glaube schon. Auf jeden Fall können schlechte Gebäude Menschen negativ beeinflussen. Eine schreckliche Umgebung hat aus meiner Sicht einen subtilen Einfluss auf das Selbstwertgefühl und die persönliche Stimmung. Und wie man sich fühlt, so handelt man auch. Städte haben selbstverständlich einen ähnlichen Einfluss.

Wie entwickelt ihr eure Häuser? Wir haben vor Kurzem ein Buch herausgegeben mit dem Titel Order, edge, aura. Diese drei Bereiche beschreiben unseren Ansatz. „Order“ steht für die Struktur eines Gebäudes – die auch auf Chaos basieren kann. „Edge“ beschreibt die Beziehung der Architektur und ihren Inhalten zu ihrem unmittelbaren Umfeld. Und „Aura“ handelt von der Materialität eines Hauses, seiner physischen Präsenz und seinem Volumen. Das kann ein Metallgewebe, aber auch eine Lichtwirkung sein. Für uns ist es viel interessanter, Häuser zu entwickeln, die bestimmte Zustände oder Gefühle hervorrufen. Wir brauchen Architekturen und Räume, die nicht einen bestimmten Nutzen haben, sondern viele verschiedene Funktionen in der Gegenwart wie auch in der Zukunft erfüllen können.

Was sind eure „Solid Objectives“? Einer unserer Grundsätze ist es, dass Gestaltung allen Menschen zugänglich gemacht werden sollte. Ein gutes Beispiel ist das von uns entworfene Museum in Davis, das nicht nur aus architektonischer Sicht vollkommen offen ist. Es ist wirklich für jeden zugänglich. Ein weiterer Grundsatz ist, dass die von uns entworfenen Räume eine Form von Toleranz ausstrahlen: Die Nutzer sollen selber bestimmen, wie sie sich in der Architektur benehmen und verhalten.

Geht es euch aber auch um Schönheit? Ich mag die Idee, denn der Begriff ist gleichzeitig auch eine Provokation in der heutigen Architektur, in der es nicht um Schönheit gehen darf. Er hinterlässt einen schlechten Nachgeschmack. Wir sollten das Banale umarmen! 

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